Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2014 (Seite 1 von 5)

Schlechtes Handwerk

Alle Feuilletons rühmen die Donna Tartt und ihr neues Buch ‚Der Distelfink‘ – als „ein Meisterwerk“ (FAZ) oder als „grandiosen Roman“ (SZ). Auch ich fiel mal wieder auf das allgemeine Ballyhoo herein, kaufte mir den Wälzer und steckte meine Nase erwartungsfroh hinein – wegen ‚Nachfolge Dickens‘ und all der anderen Versprechungen, die man mir machte. Auf der Seite 16 las ich dann:

„Es passierte in New York, am zehnten April, vor vierzehn Jahren. (Sogar meine Hand sperrt sich gegen das Datum. Beim Schreiben musste ich Druck ausüben, nur damit der Stift sich weiter über das Papier bewegte. Es war immer ein völlig normaler Tag, aber jetzt ragte er aus dem Kalender wie ein rostiger Nagel.)“

Nun ja, dachte ich zunächst, das Buch spiele vermutlich zu einer Zeit, wo der Mensch seine Gedanken noch mit der Hand aufs Papier zu kritzeln pflegte. Frühes 19. Jahrhundert vielleicht. Doch weit gefehlt – drei Seiten weiter hieß es, bezugnehmend auf jene Zeit ‚vor vierzehn Jahren‘:

„In der Nacht zuvor war [meine Mutter] bis halb drei auf gewesen; sie hatte mit angespanntem Gesicht im Schein des Computerbildschirms gesessen, E-Mails geschrieben und versucht, für ihren arbeitsfreien Vormittag im Büro Klarschiff zu machen.“

Was ist jetzt das? Mitten im Online-Zeitalter versucht mir eine Autorin weis zu machen, dass ihr Held, der irgendwie ja seine fünf Sinne noch auf der Reihe haben soll, dass der 1.022 Seiten mit dem Stift „aufs Papier bringt“ (S. 22). An der Übersetzung kann’s ja wohl kaum gelegen haben, auch der preiswerteste Übersetzer sollte zwischen ‚pen‘, ‚keyboard‘ oder ‚typewriter‘ unterscheiden können.

Dieses erste Stutzen meinerseits schärfte meine Aufmerksamkeit für weitere Stolpersteine. Prompt erschien mir der Folgetext zunehmend unwahrscheinlich. Zum Beispiel, dass dem Erzähler ausgerechnet jenes kleine Bild im Chaos einer Explosion unversehrt in die Finger fällt, über das er zuletzt mit seiner Mutter noch so gelehrt philosophiert hatte (im holden Alter von dreizehn Jahren immerhin). Während derweil schon das ‚kleine rothaarige Mädchen‘ um ihn herum hoppelte, vermutlich ja eine Reminiszenz an Snoopy und seine Gesellen.

Danach kam mir alles nur noch blöd vor, bildungsverkitscht und zahnwaltsgattinnenhaft. Was bspw. ist das denn für eine Beschreibung, die mir ein frisch explodiertes Chaos illustrieren soll:

„Die Neigung des Raumes, in dem ich mich befand, fühlte sich zutiefst und von Grund auf falsch an. Auf einer Seite hingen Staub und Rauch wie ein stiller, undurchsichtiger Schleier. Auf der anderen kam ein Haufen von zerbrochenem Material in steilem Durcheinander von oben herab, wo das Dach oder die Decke hätte sein müssen.“ (S. 48)

Vorstellungskraft hilf! Ich mag bei solchen Passagen nicht immer alles auf die Übersetzer schieben. Das ist von Seiten der Autorin einfach unfähig – wo ‚Haufen von Material von oben auf mich herab‘ rutschen, fallen, stürzen – nein, ‚kommen‘ – da springe ich – also mein Alter Ego, der ‚Held‘ – doch subito in Deckung. Bei Donna Tartt aber beschäftigt der träge Fant sich mit seinem Kiefer, der ihm ‚weh tut‘. Woher ferner will er da schon wissen, dass er ‚Platzwunden im Gesicht‘ hat, wo doch weit und breit kein heiler Spiegel mehr übrig ist?

Kurzum: Man fragt sich, was Donna Tartt diese zehn Jahre getrieben hat … ich jedenfalls zurrte mein Lesebändchen auf der Seite 50 fest, und gab diese ärgerliche Lektüre als vollkommen entbehrlich auf.

Alles abschaffen!

Hermann Behrendt fordert … die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie. Dies sei notwendig, um unliebsame Maßnahmen durchzuführen wie die Abschaffung des Streikrechts, die Abschaffung des Kündigungsschutzes, die Einschränkung der betrieblichen Mitbestimmung und die Einführung eines verpflichtenden Dienstjahres für 18jährige Frauen und Männer. … Durch die “Mandative Demokratie” sei zudem gewährleistet, dass konsequenter gegen “Arbeitsscheue” und “Migration der Falschen” vorgegangen werden könne.“

Alles abschaffen also – außer den eigenen Privilegien natürlich. Und jetzt ist dieser Mann Sprecher der NRW-AfD geworden – aber ‚rechts‘ ist diese Partei selbstverfreilich nicht, eher bloß so hayek-reaktionär. Oder erzliberal in urliberalem Sinne … also eine Koofmich-Partei.

Für den Zettelkasten (18)

Schon früh in meinem Leben hatte ich festgestellt, daß kein Ereignis in einer Zeitung wahrheitsgemäß wiedergegeben wird, aber in Spanien las ich zum ersten Mal Zeitungsberichte, die mit den Tatsachen überhaupt nichts mehr zu tun hatten, nicht einmal soviel wie für gewöhnlich mit einer Lüge verbunden ist.“
(George Orwell, Rache ist sauer, 21 f)

Was mich wiederum auf das Thema russischer Medien in Zusammenhang mit der Krim-Annexion bringt … ich denke dabei zum Beispiel an solche Tartarenmeldungen:

„Putin wies Obama auf das „Wüten der Extremisten in der Ukraine“ hin, die „unbestraft von der Führung in Kiew Zivilisten angreifen“ würden, teilte der Kreml am Freitag mit.“

Ich weiß ja nicht, ob der Vladimir Tarzanowitsch seine Märlein selber glaubt … dagegen verpuffen jedenfalls alle Richtigstellungen, weil sie medial und klickmäßig erstens nicht so viel hermachen – und zweitens auch nicht in die genormten Hirnkammern unserer Linksrechten und Rechtslinken passen:

„Ukrainian Jews accuse Putin of lying about anti-Semitism, discrimination against Russian speakers in Ukraine.“

No Names (20)

Als ich hier den Namen ‚Dillon‘ las, dachte ich, im deutschen Musikjournalismus hätte jemand plötzlich einen Kompetenzschub erlitten, und er wäre – besser spät, als gar nicht – endlich auf Sandy Dillon verfallen, also auf das feminine Gegenstück zu Tom Waits.

Aber nichts war’s mit meiner Hoffnung, es ging dann doch nur um eines dieser Klimperlieschen mit monotonem Depri-Stimmelein, einem Organ, das allenfalls pädophil Empfängliche oder Musikproduzenten zu verzaubern vermag. Dies dagegen, um mit solch einem Kontrast hier pädagogisch zu wirken, dies dagegen ist blanker Voodoo von Sandy Dillon, der einzig wahren Dillon:

Slow-Science

Dass von einem Manfred Spitzer, der seit Jahren auf dem ominösen ‚Neuro-Ticket‘ reist, nichts Seriöses zu erwarten ist, lässt sich für den Kundigen regelmäßig voraussehen. Da aber der Mann so schön headline-tauglich formuliert, drucken alle Medien das kulturpessimistische Ratatouille unseres ‚Schirrmachers für Arme‘ zunächst gern und häufig ab – zuletzt sein Wirrsal von der ‚digitalen Demenz‘.

Bis zur Widerlegung von Spitzers Thesen durch die Wissenschaft dauert es in der Regel längere Zeit, weil man dort Labors, Versuchsreihen und Blindstudien statt bloß eines Verlags benötigt, um seriös zu arbeiten. So kommt es, dass unser Science-Rastelli immer schon die nächste Welle surft, dass er längst einige Ecken weiter das Beinchen hebt, während seine alte, abgelegte These, wenn die Wissenschaft sie ein für allemal widerlegt, längst nach saurem Kohl zu duften begann, und kein Medium das abgestandene Zeug mehr drucken mag:

„Die alarmistischen Thesen von Spitzer und Co. haben wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun“

A…öcher für Deutschland

Der stellvertretende Vorsitzende der Jungen Alternative ist rechter Burschenschaftler und in einen rassistischen Eklat verwickelt. Doch der JA-Vorstand schaut weg.“

Jaja, voll Banane! Aber laut Selbstaussage ist die AfD, diese Alternative für Dumme, keineswegs rechts oder gar rechtsextremistisch. Sie macht solche Leute nur unschädlich, indem sie diese fürsorglich einsammelt … eine Art Fliegenfänger oder eine politische Müllabfuhr also.

Ach so – das ‚A…öcher‘ dort oben steht natürlich für ‚Armbrustbolzenköcher‘. Das passte nur nicht in die Headline.

Für den Zettelkasten (17)

Hat jemand etwas zu sagen, so gibt es keine angemessenere Weise als seine eigene; hat er nichts zu sagen, so ist seine noch passender.“
(Jean Paul, I.5., 276)

Der grassierende ‚Industrieton‘ und das Fließbandgemöhre im Journalismus wären damit stets unangemessene Stilmittel. Egal, was Wolf Schneider dazu sagt …

Für den Zettelkasten (16)

Die Menschen sind nie interessanter als in Momenten jäher politischer Umschwünge. Von einem Tag auf den anderen verleugnen sie sich, wechseln ihre Meinung oder mildern sie ab, geben Erklärungen ab, finden Gleichgesinnte, rechtfertigen sich, vergessen ihre Abneigungen, erinnern sich nur an das, was ihnen gerade ins Konzept passt. Wären diese plötzlichen Schwankungen noch von einem gewissen Zynismus begleitet, wären sie noch zu ertragen. Aber der Dämon der Konsequenz zwingt die Menschen dazu, beweisen zu wollen, dass sie sowohl gestern, als sie noch zum alten Regime hielten, als auch heute, da sie sich widersetzen, ‚im Prinzip‘ dieselbe Position vertraten.“
Mihail Sebastian: Tagebücher 1935 – 1944, 432 f


Das bringt mich auf ein altes pessimistisches Thema zurück: Menschen – mich natürlich eingeschlossen – haben zwar ein Wesen, aber keinen Charakter. Sie sind gewissermaßen ‚Personenpersonen‘ oder Fall-Weise.

Jubelperser

Es gilt, den größten Staatsmann der Neuzeit zu feiern, da ist manchem jedes Mittel recht. Sogar jener wahrhaft genialische Schachzug, die Aktienkurse des eigenen Landes auf eine riskante Talfahrt zu schicken, reift da zur welthistorischen Tat. Und alle Verschwörungstheoretiker jubeln mit:

„Russland hat einen genialen ökonomischen Springerzug gemacht, sie alle um den Finger gewickelt und in nur ein paar Tagen über 20 Mrd. Dollar verdient.“

Außerhalb dieses intellektuell eng umgrenzten Wirtschaftshorizontes nennt man so etwas zumeist ‚Stützungskäufe‘ … und die wiederum kosten ‚Devisen‘. Ein Wirtschaftsgut, das allmählich auch schon knapp wird – unter anderem deshalb:

„Wegen der Krim-Krise fliehen Investoren regelrecht aus Russland.“

Shreddline des Tages

Freie Menschen müssen freie Märkte nicht fürchten.“

Schon recht, mein Pumuckl … mal abgesehen davon, dass die Freiheit der Menschen in dieser Welt erst bei einem Vermögen von einigen Milliönchen beginnt, und die freien Märkte wiederum nur ein Spleen im Hirn wohlbezahlter Wirtschaftsprofessoren sind …

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