Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2014 (Seite 2 von 8)

Ein altes Lied

Vor dem Schlachten quiekt das Schwein. Die dollsten Parolen kamen bei uns auch erst 1945 aus dem Führerbunker* …

„Stoppt den Staatsstreich“, fordert die Regierungspartei – und beschimpft die Demonstranten als „Terroristen und Extremisten“. Auch vor einem Vergleich zu Nazi-Deutschland schreckt sie nicht zurück.

Verwunderlich ist es immer wieder, was deutsche Reporter bei ihren Erkundungen verwundert:

„Hier herrscht doch schon längst der Ausnahmezustand“, sagte der Mann, der sich Sascha aus Odessa nennt und anders als die Mehrheit der Protestierenden in Kiew akzentfreies Russisch spricht.

Wie sollte es anders sein? „Odessa gehört zu den ukrainischen Gebieten, in denen Russisch auch traditionell die dominierende Sprache ist. Im offiziellen Zensus aus dem Jahr 2001 gaben 65 Prozent der Einwohner Russisch als Muttersprache an.“ Ansonsten – wird eine revolutionäre Bewegung zu lange hingehalten, radikalisiert sie sich. Auch das ist ein altes Lied.

* Ich denke da an das sog. ‚Hitler-Testament‘, wonach das toitsche Volk, weil es nicht fähig war, den Führer zum Sieg zu führen, auch zurecht jetzt untergehen solle.

Der radikale Mittelstand

Große Teile der bürgerlichen Mittelschicht sind dabei, sozial zu verrohen.“

Ein zutreffende Analyse. Ich kann den ideologischen Wirkungsmechanismus sogar verstehen, akzeptieren kann ich den Verlust aller moralischen Standards nicht. Man sollte den Kopf schon oben behalten, und nicht aus anderen Löchern heraus argumentieren.

Politisch wird die ‚Mittelschicht‘ nur noch in den Sonntagsreden gebauchpinselt. Faktisch aber ist es so, dass man ‚der Mitte der Gesellschaft‘ alle Lasten aufbürdet, weil unten längst nichts mehr zu holen ist, während man zugleich die so genannten ‚Eliten‘ und die Oberschicht konsequent schont – und zwar parteiübergreifend. Der Krakeel ist daher unausweichlich, alle Foren sind übervoll davon. Nur dass diese Denkbefreiten immer nur nach unten treten – und dabei von gewissen ‚Qualitätsmedien‘ auch noch angefeuert werden, mittels der alten Ganovenweisheit ‚Haltet den Dieb!‘ …

That’s Journalism!

Spiegel Online präsentiert diesen Sachverhalt mit der Schlagzeile ‚Erwärmung der Luft pausiert seit 16 Jahren‘. Die Überschrift der NASA-Pressemitteilung ‚NASA Finds 2013 Sustained Long-Term Climate Warming Trend‘ wird damit komplett auf den Kopf gestellt.“

Nun ja, für eine gute Headline verlassen sie gern mal den Pfad der Vernunft. Und dann wundern sie sich über das Kommentariat, das bei ihnen aufläuft …

Ein Vergleichsweiser

The letter, which was published by the WSJ earlier this week, begins: „Writing from the epicenter of progressive thought, San Francisco, I would call attention to the parallels of fascist Nazi Germany to its war on its „one percent,“ namely its Jews, to the progressive war on the American one percent, namely the „rich.“

Oh Gott, hat ihm niemand die Steuern gesenkt? Und wer bastelt denn da in ‚God’s own country‘ schon wieder an KZs? Jedenfalls wissen wir nach dieser Parallelführung jetzt, dass der Reichtum unserer Milliardäre nur selten mit Intelligenz Hand in Hand zu gehen pflegt. Vermutlich behindert Intelligenz sogar den ‚Erfolg im Wettbewerb‘ … apropos, wer glaubt, dass der Mann ein Einzelfall sei, irrt:

„Der New Yorker Milliardär Steve Schwarzman verglich angepeilte Steuererhöhungen der Obama-Administration für das oberste eine Prozent mit Hitlers Einmarsch in Polen 1939.“

Man muss nur nix kapieren

Wie JPMorgan in dem Schriftsatz an das Gericht ausführt, gibt Thilo Sarrazin stattdessen zu erkennen, dass auch er die Transaktion nicht versteht. Dann stimmt der Aufsichtsrat zu.“

Tschaja – weil er also nichts davon versteht, deswegen macht er’s dann. 150 Millionen Euro hat er im großen Bankenkasino verzockt, weil dieser Finanzsenator von Tuten und Blasen wohl keinerlei Ahnung hatte. Das schien etlichen schon immer so, jetzt haben wir’s schriftlich. So viele Tage lang können sämtliche Berliner Hartz-IV-Empfänger gar nicht von Thilos vier Euro leben, um dieses Geld für die Stadt wieder hereinzuholen. Naja, die sind ja auch kein Golf-Club …

Die Angst des Bürgers

Im Zeit-Kommentariat findet sich die folgende Einlassung eines Menschen, der sich ‚einfacher Bürger‘ nennt:

„Entweder die Demonstranten gehen nun langsam mal wieder nach Hause – oder das ganze artet in eine Revolution aus.“

‚Ausartung‘ – öhem! Ein wahrhaft politischer Kopf, der Mann! Sobald er Eisenstangen, Molotow-Cocktails und Vermummung sieht, da sprengt’s seinem tief empfundenen Ordnungsbedürfnis gleich mal die Restintelligenz weg. Was meint er eigentlich, was er die ganze Zeit im TV dort zu sehen bekommt? Und jedesmal ist es doch dann nur noch die Frage, ob die Revolution siegt, oder aber die Konterrevolution der Oligarchen. Wobei zu sagen wäre, dass der Janukowitsch die Suppe schon selbst angerichtet hat, die er jetzt kellenweise auslöffeln muss … Wäre es eigentlich besser, ihn als ‚Last man standing‘ oder als ‚Johann ohne Land‘ zu bezeichnen?

Apropos: Wer ist denn da vermummt? Gute Informationen zur Lage in der Ukraine gibt’s übrigens hier: http://ukraineanalysis.wordpress.com/

Eine Nach(zu)bereitung

Sie wollten sie doch bloß vorführen – und sind sehenden Auges Arm in Arm in den Shitstorm geritten. Dumm gelaufen, so könnte man jenes duftende Abenteuer unserer zwei Musketiere Markus Lanz und Hans-Ulrich Jörges beschreiben, während dieser unseligen Talkshow mit der Sahra Wagenknecht, wo kein Satz heil sein Ende erreichte. Damit könnte man diese Episode eigentlich auch schon unter ‚irrelevant‘ abheften. Nun aber, wo der Herr in den Brunnen gefallen ist, muss natürlich der ‚Stern‘ seinem Chefredakteur zu Hilfe eilen. Das ist dann doch noch mal ein Wörtchen wert …

Der Lutz Kinkel, dem jetzt redaktionsintern der Eimer mit der Tünche in die Hand gedrückt wurde, der versucht zunächst, die Täter- und Opferrolle zu vertauschen. Ein probates und vielfach bewährtes Mittel im Journalismus. Was für entsetzliche Mails hätten die Redaktion denn da erreicht: ‚Jörges sei ein „abgelehnter, gekränkter Liebhaber von Wagenknecht“, „unhöflich“, „ein grantiger alter Mann.“ Nun ja, bis auf den Vorwurf der Liebhaberschaft, wo bekanntlich der Oskar Großschnäuz das Prä genießt, treffen solche Kennzeichnungen in meinen Augen doch einigermaßen zu.

Danach wird’s surreal. Denn an Wahrnehmungstörungen müssten all die Zuschauer gelitten haben, das Publikum sei nämlich dumm, in Wirklichkeit hätte diese Wagenknecht die ganze Zeit ihr unausgegorenes Zeug ungestört verkünden dürfen:

„Tatsächlich ging Wagenknecht nicht als Verliererin aus der Talkshow, im Gegenteil: Sie dominierte mehr als die Hälfte der Sendezeit und konnte sich und ihre politischen Botschaften so gut in Szene setzen, dass die anderen Gäste, darunter Schauspieler Moritz Bleibtreu, wegzunicken drohten.“

Ach wat? Am schönsten aber ist der folgende ‚Vorwurf‘:

„Wagenknecht ist … ein Kommunikationsprofi, der sich weder einschüchtern noch aus der Fassung bringen lässt. Lanz hat in seiner Sendung immer wieder versucht, diese Panzerung zu knacken.“

Soso – die Wagenknecht wäre also ein ‚Kommunikationsprofi‘? Das mag ja sein – aber was wären demgegenüber dann Markus Lanz und Hans-Ulrich Jörges? Etwa verschüchterte Bönhasen, die nach dem Peterchen-Prinzip auf ihre Posten gelangt sind?

Einen halbwegs zutreffenden Satz habe ich dann doch noch gefunden. Bei dem ausbrechenden Shitstorm handele es sich um „ein Gepöbel gegen das Gepöbel“. Dieser Satz muss der Redaktion wohl durchgerutscht sein …

Disclaimer: Ich habe die Petition übrigens auch unterzeichnet, in der kindischen Hoffnung, dass der Tiroler tatsächlich seinen Tirolerhut nehmen muss. Man wird ja wohl noch träumen dürfen …

Und jetzt auch noch das: „Die Talfahrt geht weiter: Nur noch 6,31 Millionen Zuschauern wollten „Wetten, dass ..?“ sehen – damit fuhr Markus Lanz ein Allzeit-Tief ein.“ Alles andere ist eher Folklore … aber da wird die Intendanz wirklich kribblig …

No Names (14)

Gute Folk-Musik mit Basstuba? Und das soll funktionieren? Doch, doch – das funktioniert, zum Beispiel bei den ‚Bad Livers‘:

AfD und Talleyrand

Es ist fast schon ein Stück aus dem Tollhaus, was sich der Alexander Gauland, Häuptling der AfD, dort heute in der FAZ geleistet hat. Zunächst stellt er seine Partei ziemlich zutreffend als eine disparate Vereinigung verwirrter Volkswirtschaftler und bölkender Kleinbürger dar:

„Zum einen gebe es in der AfD eine Gruppe volkswirtschaftlich Gebildeter, die in der Euro-Politik einen Verstoß gegen marktwirtschaftliche Prinzipien sehen. Ihnen gegenüber stünden die „Protestwähler“, die gegen viele gesellschaftliche Entwicklungen aufbegehrten und sich zunehmend marginalisiert fühlten.“

Die letzteren wiederum pflegten eine Sprache, „die den Minimalkonsens demokratischer Debattenkultur aufkündigt.“ Im Klartext: Große Teile der Partei haben das demokratische Terrain und die sonnigen Gefilde der Rationalität verbal längst verlassen, also jenes Gebiet, wo die honorige Professorenschaft angeblich unbeirrt zu stehen wähnt. Bis hierhin ein stimmiges Bild, das sich mit meinen Einschätzungen aus den Güllegruben des einschlägigen Kommentariats deckt.

Was aber empfiehlt der Herr Gauland seiner Partei jetzt? Endlich raus mit diesen schäumenden Undemokraten aus der Partei? Eine Säuberung gar? Ih, bewahre!

„Es wird also darauf ankommen, dass diese nationalkonservativen oder nationalliberalen Positionen so vertreten werden, dass auch Liberale oder sogar Linke damit leben können. … Wie hatte der französische Außenminister Talleyrand einst treffend formuliert: Die Sprache ist dazu da, die Dinge zu verhüllen. Leider haben manche Parteifreunde gerade das Gegenteil verinnerlicht.“

Tschaja, der Fürst von Talleyrand, diese personifizierte Lüge in der Politik. Was uns der Herr Gauland ungefähr sagen möchte: In der AfD sollen auch die Positionen des Denkpöbels, seiner wertgeschätzten ‚Parteifreunde‘, weiterhin ihren festen Platz haben. Er bittet diese Radikalinskijs nur darum, doch nicht ganz so laut in der Medienlandschaft herumzublöken. Camouflage heißt so etwas wohl …

Anmerkung: Der zitierte Schluss des argumentativen Todesloopings ist nur in der gedruckten FAZ zu finden (24. 1. 2014, S. 10). Wollte man den Mann schonen? Mag die FAZ einen solchen intellektuellen Harakiri nur noch ihren Abonnenten zumuten?

Eine gewisse Ironie

Es ist ja so, dass jede Gesellschaft die Drogen konsumiert, derer sie bedarf. Crystal-Meth, der neueste Schrei auf dem Muntermacher-Markt, zählt bekanntlich nicht gerade zu jenen Drogen, die ein ‚High‘ auslösen oder irgendwelche psychedelischen Erlebnisse bewirken, wie bspw. LSD oder Haschisch, die einstmals ziemlich erfolgreich mit der Spießermoral und mit den röhrenden Hirschen der Restaurationszeit Schluss machten. Im Lichte der Folgedroge Kokain glänzte verführerisch dann die sterile Cocktail-Welt auf Boni’s Ranch, wo jede ehrliche Arbeit als Mythos für Doofe galt.

Crystal-Meth – ein Abkömmling der Jagdflieger-Drogen aus der Nazi-Zeit – unterscheidet sich davon erheblich. Diese Droge wird nicht länger zwecks ‚Berauschung‘ eingeworfen, sondern als Fitmacher für das neue Arbeitsleben konsumiert. Wann auch sonst, wenn die Arbeitszeiten längst ’24/7′ lauten? Es ist eine Droge, die den Ausgepowerten ein wenig länger das Durchhalten im großen Rattenrennen ermöglicht, wobei die Auswirkungen zunächst auch dem Chef gefallen. Es ist die Droge des aufstiegsbarmenden Prekariats.

Die Ironie besteht nun darin, dass diese Konsumenten binnen kürzester Frist als jene ‚Loser‘ und ‚Opfer‘ enden, deren Schicksal sie gerade mit Hilfe dieser Droge zu vermeiden wähnten.

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