Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2013 (Seite 2 von 6)

Kurie zeigt sich barmherzig

Das Oberhaupt der katholischen Kirche will unsere Banker endlich rehabilitieren: „Papst bittet für Menschen am Rande der Gesellschaft.“ Anders ausgedrückt: Die Gesellschaft hat ja nicht nur unten einen Rand …

Verfremdeln

1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein großer Krieg vom Osten ausging, auf daß alle Welt vertrieben würde.

2 Und diese Vertreibung war keineswegs die allererste und sie geschah zu der Zeit, da Assad Landpfleger von Syrien war.

3 Und jedermann ging, daß er sich vertreiben ließe, ein jeglicher in eine fremde Stadt.

4 Da machte sich auch auf Jussuf aus Aleppo, der Stadt der Hethiter, in das kalte Land zur Stadt Friedrichs, die da heißt Berlin.

5 Auf daß er sich beherbergen ließe mit Aishe, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.

6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum dort am Oranienplatz.

Ein Weihnachtstext

Ferndiagnosen treffen selten ins Schwarze, und Phobien gehören in den Bereich der Psychiatrie.“

Bei diesem Einstieg dachte ich zunächst, der Alexander Kissler veranstaltet endlich sein ‚Coming-Out‘. Doch weit gefehlt. Hier inszeniert sich die Kirche als verfolgende Unschuld. Lest den Schmarren über atheistische Trendsportarten selber, ich rege mich zum ‚Fest der Liebe‘ sonst nur zu sehr auf. Oh Herr, lass es Hirn regnen, und auf deine Treuesten zuvörderst.

Wie Führungsfiguren ticken

Wäre es besser gewesen, die Dame hätte nicht getwittert, wie sie denkt? Ich glaube nicht. Sie hat uns nur einen dankenswerten Einblick in jene Gedankenwelt gegeben, in der unsere Funktionseliten zu leben meinen:

„Fliege nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein Aids. War nur’n Witz. Ich bin weiß.“

Bleibt die Frage, was uns die Frau Justine Sacco mit ihrem wirren Tweet sagen wollte. Ich komme auf drei Möglichkeiten:

A. Weiße Frauen bekommen kein AIDS, selbst wenn sie mal mit einem Ureinwohner in die Kiste steigen.
B. AIDS ist ein Witz – bestenfalls eine rein afrikanische Krankheit, die nur schwarze Afrikaner befällt.
C. Igitt, Schwarze – ich würde mich nie auf irgendeine Form von ‚Rassenvermischung‘ einlassen.

*kopfkratz* Bleibt als Fazit: Public Relations und Bildungsansprüche bleiben weiterhin Gegensätze …

Der ‚Focus‘ im Kuschelmodus

Trotz Kälte und vieler technischer Details will [Ursula von der Leyen] lernen, was nun ihre Aufgabe ist. Und ist dabei mehr Familienministerin. … Die neue Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums kümmert sich. … Sie strahlt die Männer in den beige-grünen Tarnflecken-Uniformen mit der unverwechselbaren Von-der-Leyen-Mine [sic!] an … Das wirkt. Viele der Soldaten schmelzen dahin …“

Schnulz, übernehmen Sie!

No Names (12)

Tscha – womit fing mein Interesse an all dem Roots-Zeug mal an? Neben ‚Uncle Tupelo‘ waren es sicherlich die ‚Old 97s‘ aus Dallas/Texas, die ihre Musik ziemlich zutreffend als ‚loud folk music‘ bezeichnen. Hier einer ihrer Klassiker – mit einer extradicken Schicht Pop obendrauf:

Ich bau mir einen Popanz

Was mich regelmäßig ärgert, ist gequirlter Dünnpfiff, den Leute im professoralen Modus produzieren, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Das zum Bleistift schreibt uns der Alan Posener, wobei er mit seinem Elaborat den Schriftstelleraufruf und den ‚Schirrmacherismus‘ zugleich zu kritisieren wähnt – whatever that is:

„In allen rechtsstaatlichen Demokratien gibt es einen Widerspruch zwischen dem Utilitarismus und Liberalismus. Zwischen dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl und der größtmöglichen Freiheit des Individuums.“

Falsch! Der praktizierte Utilitarismus hat mit dem ‚Glück der größtmöglichen Zahl‘ rein gar nichts zu tun, der Utilitarismus beurteilt Menschen – der Name sagt es ja schon – schlicht nach dem ‚Nutzen‘, den sie für die Gesellschaft haben. Der Euthanasiegedanke und alle möglichen anderen liberalen Phantasien leiten sich aus diesem Utilitarismus ab. Sogar noch die Verkürzung der Studienzeiten und der berüchtigte Bachelor, Kern hochweiser liberaler Bildungspolitik, ist utilitaristisch gedacht: Diese jungen Hanseln sollen sich vom Gedanken an die akademische Freiheit subito verabschieden, um möglichst rasch ‚produktiv‘ für die Wirtschaft und damit ‚für alle‘ zu werden, sonst setzt ihnen bloß noch jemand Rosinen in den Kopf.

In den Worten des ebenso utilitaristischen wie ‚liberalen‘ Ahnvaters Jeremy Bentham: Es ginge immer darum, „das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht.“ Zwischen einer ‚Gruppe‘ – oder Teilmenge – und dem großen Ganzen bestehen bekanntlich gewisse Unterschiede. Wenn also eine Bande von Bankstern die Finanztransaktionssteuer zu verhindern sucht, dann handelt sie im Kern ‚utilitaristisch‘, sie ist auf ihre Interessen bedacht, der Rest soll gefälligst sehen, wo er bleibt. Und Gott – unter Liberalen auch ‚Markt‘ genannt – wird dann schon irgendwie für den Ausgleich sorgen. Wenn man so will, ist es das FDP-Prinzip in Reingestalt, der Utilitarismus (für andere) zählt zu den zehn Geboten fast aller ‚liberalen Parteien‘ im Westen.

Nichts ist es also mit einem angeblichen Gegensatz einer ominösen ‚Froihoit‘ und dem ‚Glück für alle‘, den uns der Posener hier aufs Papier malt. Auf einer möglichst freien Wildbahn sollen ganz utilitaristisch immer Interessengegensätze ausgetragen werden – das ist zugleich der Kerngedanke des Liberalismus. Wobei dann naturgemäß der Stärkere allemal gewinnt. Warum wird das blöde Schaf nicht auch Löwe?

Der Alan Posener baut sich hier also philosophiegeschichtlich einen Popanz aus einem konstruierten Scheingegensatz, woraus sich dann natürlich die dollsten Sachen ableiten lassen. Wer aus dem Liberalismus den Utilitarismus ausbaut, der kann auch gleich aus seinem Auto den Motor amputieren …

Nebenbei bemerkt, lag der Kardinalfehler Benthams vor allem in einer falschen Anthropologie, demokratietheoretisch hat er dagegen große Verdienste (One-Man-One-Vote-Prinzip):  „Durch die Verknüpfung von hedonistischem Prinzip und Universalisierung unterstellt Bentham ein Subjekt, das aus aufgeklärtem Eigeninteresse heraus urteilt und handelt und nicht nur sein individuelles Glück erstrebt. Nicht erst seit Maschmeyer und Middelhoff wissen wir, dass diese Annahme eine idealistische Chimäre ist, dass beim ‚Eigeninteresse‘ das ‚aufgeklärt‘ immer als erstes gestrichen und durch ’nackt‘ ersetzt wird. Gesellschaftlich musste sein Utilitarismus in Reinform eher katastrophal wirken, weil Menschen cum grano salis anders sind, als Bentham dies annahm …

Anekdoten finden

Königsberg, im April 1945: Die letzten Nazibonzen haben sich vor Wochen schon verpisst, die ruinierte Stadt ist in die Hände der Roten Armee gefallen. Wie ein hohler Zahn ragt die Ordensburg in den Nachthimmel, im Hafen glühen die riesigen Speicher der Kaufmannschaft, die Wellen pochen mit den Köpfen treibender Leichen an die Spundmauern – überall liegt ein Teppich aus toten Soldaten, Frauen und Kindern. Nur das Grab des Philosophen am Königsberger Dom bleibt wie durch ein Wunder unzerstört. Ein sowjetischer Soldat aus Swerdlowsk schreibt in kyrillischen Buchstaben eine Zeile auf die Grabplatte des Philosophen:

„Na, Kant, siehst du jetzt, dass die Welt materiell ist?“

Römpömpöm!

Je länger, je mehr erinnert mich der Jan Fleischhauer an den dänischen Koch aus der Muppets-Show, der unbekümmert um Geschmack und Zusammensetzung – ‚römpömpöm‘ – alles in die Suppe schmaddert, und seien es der Pfefferstreuer oder die Gemüsereste, solange, bis kein Hund das Ratatouille mehr fressen mag. Diesmal fischt unser Kantinenkoch mit der Lizenz zur Massenabfertigung den Aufruf der Schriftsteller zur Datenaffäre aus der duftenden Vorratskammer seines ‚Schwarzen Kanals‘, um uns auf dem Hackbrett prompt einen wilden Kommentar zusammenzuwürfeln, dessen argumentative Quintessenz für mich in einem schlichten ‚Haltet endlich das Maul, elendes Literatenpack!‚ mündet. Mitten ins Gesicht rülpst ihm ungewohnterweise aus den Kommentarspalten ein ‚Du auch!‚ entgegen.

Tscha, so ist das eben mit den Michelin-Sternen – es soll ja auch schmecken. Das müssen dann wohl lauter zungenverwirrte ‚Gutmenschen‘ sein, die jedenfalls kennt der schreibselnde Bonvivant mit der verknitterten Kochmütze angeblich alle persönlich …

Ich denke übrigens noch schlichter als dieses Publikum, ich glaube, es liegt vor allem daran, dass Julie Zehs Aufruf in der FAZ erschienen ist, dort, wo der Dschang nie einen Fuß auf den Teppich bekam, weil das FAZ-Feuilleton noch über eine Einlasskontrolle und über ein intellektuelles Gardemaß verfügt. Da darf eben nicht jeder im lustigen Patchwork-Modus schreiben, schon gar nicht das, was jeder Vernunft ins Gesicht schlägt. Deshalb verbuche ich dieses Fleischhauersche Menü einfach mal unter ‚Eintopf an sauren Trauben‘, kredenzt von einem beleidigten Retourkutscher, der sich mit seiner journalistischen Gulaschkanone diesmal in die Küche der Literatur verirrte. Fazit:

„Nur weil jemand zwerchfellzerreißende Kolumnen schreibt, schließt das nicht aus, dass er ein ziemlicher Wirrkopf ist.“

Der Text verdankt sich einem Hinweis von hardy, meinem Unrat witternden Minenhund …

Endlich ein einprägsamer Name

ASUS VivoTab Note 8 M80TA 8inch Windows-Tablet mit Wacom-Digitizer.“

Alles andere wäre ja auch Tempo, Mars, iPhone oder gar Walkman. Der Kunde soll sich ja sonst nix merken …

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