Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2013 (Seite 1 von 6)

Headlines basteln

Schumi

Mit satten zehn Artikeln beutet Focus-Online derzeit den Unfall des steuerflüchtigen Ski-Rasers auf der Frontseite aus. Was mich bei diesem redaktionellen Overkill am meisten stört, ist allerdings der passivische Gebrauch des Partizip Perfekt in der zentralen Headline: Irgendeine unbekannte Macht soll also den Mann ‚geschleudert‘ und ‚gestürzt‘ haben – und wäre es nur das Schicksal gewesen. Um das hier mal klarzustellen – die Ikone aller Ferraristas ’schleuderte‘ sich selbst in die Luft – unter Anwendung der Gesetze von Flieh- und Schwerkraft. Und er ’stürzte‘ dann blöderweise auf einen Felsen. Ich vermute Selbstüberschätzung als Ursache. Vielleicht wollte er auch gerade eine SMS verschicken. Eine ‚dritte Gewalt‘ aber war nirgends im Spiel. Wenn schon, dann also: „Schumacher flog durch die Luft und stürzte kopfüber auf einen Felsen„.

Zum Jahreswechsel

Er hat vieles vorausgesehen, der Alfred Döblin in seinem Zukunftsroman ‚Berge, Meere und Giganten‘. Zwar ist der Stil an manchen Stellen noch stark mit expressionistischen Eierschalen behaftet, als gewaltige Prophetie aber ist das visionäre Werk aus dem Jahr 1924 ein echter Jahresendzeittext für Literaturfreunde. Drum verkaufe, wer drei Bücher besitzt, davon zwei, und hole sich stattdessen dieses Buch:

„Man hatte in den Stadtschaften kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befassten, was sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten, was sich bei ihnen hervortat. … Ein Reiz, der aufstand, war wie eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. … Zu den Menschen fuhr der Reiz das Wort die Gestalt. … Dann zermorschten die politischen Gewalten. … Mit zwei drei Zügen kämmten die Industrieherren ihre Anlagen fast menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau aufgestöbert. … Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer raschen Änderung in der Behandlung aufforderten. San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könne Fremde, denen der Mondgottesdienst noch im Blut steckte, nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken.“

Tscha, auf diese Weise lässt der Text ständig die Assoziationen im Kopf rattern. In der Folge wird noch Grönland abgetaut, irgendwann wandern Dinosaurier wieder über die Erde, und am Schluss schmeißt die Natur höchstselbst mit Felsen. So endet dann dieser Fortschritt …

Euch allen ein neues Jahr, das sich so entwickeln möge, wie ihr euch das wünscht.

Linkereien

Alexander Grau schreibt uns, ‚die Deutschen‘ – also ich und du und Müllers Kuh – wir alle würden die Demokratie doch aus den ganz falschen Gründen lieben. Dabei sei lange Zeit die Demokratie in Deutschland keine heilige Kuh, sondern ‚eher unpopulär‚ gewesen – mit dieser Behauptung fährt er dann ziemlich unvermittelt und bruchlogisch fort:

„Insbesondere in Deutschland waren Demokratie und alles Demokratische lange Zeit eher unpopulär. Dabei war das antidemokratische Ressentiment in Deutschland stets eng in ein weltanschauliches Netz aus Antikapitalismus und Zivilisationskritik eingewoben.“

Immerhin – dieses ‚eher unpopulär‘ hinterlegt er freundlicherweise – weil unter Journalistens noch unüblich – mit einem veritablen Link. Folglich dachte ich, dort etwas Bedenkenswertes zum Thema ‚Führerstaat‘, zum ‚autoritären Charakter‘ oder auch zu den bösen ’68ern‘ zu finden.

Weit gefehlt! Der angeführte Link führt uns zu einem Besinnungsartikel, der da titelt: ‚Brauchen wir die FDP noch?‚. Als ich sah, wie der Alexander Grau die demokratische Abwahl unserer Lobbyisten von der Zahnwaltothekerpartei so einfach mit einem Indiz für die Unpopularität der Demokratie in Deutschland gleichsetzt, fiel ich vor Lachen fast vom Hocker … und zeitlich gesehen müsste seit dem November 2013 in Deutschland eine geistige Wende von der ‚Unpopularität‘ hin zur ‚Vergötterung‘ der Demokratie stattgefunden haben. Das ging dann wohl an mir vorbei.

Hajo Friedrichs mal wieder

Denn [der engagierte Journalismus] überschreite jene Grenze, die Hanns Joachim Friedrichs mit seinem berühmten Lehrsatz allen Journalisten nahegelegt hat: „Mache dich nie mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten!“

Nochmals – dieser Satz ist falsch, falsch, er ist einfach nur grundfalsch. Größere Kaliber reden nämlich manchmal auch besonders großen Stuss. Erstens waren Journalisten schon immer ‚engagiert‘, das aber meist auf Seiten der Macht, selbst den Faschismus haben sie zu Tausenden mit Hingabe gen Walhalla geklampft, zumindest solange der die Macht hatte. Die Tucholskys sind nur singuläre Erscheinungen, und nicht die Regel. Wer’s nicht glaubt, der vergleiche einfach die Geschichte des Journalismus nach Zahl und Namen und ‚Engagement‘. Auch heute sind Journalisten überwiegend für eine falsche Sache engagiert – aber sie merken es noch nicht einmal.

Letzteres gilt allerdings nur mit Einschränkungen, denn ich glaube schon, dass solche Biedermänner und -frauen wie Ulf Poschardt, Andrea Seibel, Henryk M. Broder, Dorothea Siems, Roger Köppel usw. wissen, was sie dort täglich tun.

In ihrer Mehrheit also sind Journalisten nur sinnhubernde Dienstleister, Verbrauchsschriftsteller und vor allem die ‚Stimme ihrer Herrn‘. Hajo Friedrichs Satz wäre also folgendermaßen umzuschreiben: „Mache dich nie mit einer gemeinen Sache gemein, auch nicht für Geld.“

Nebenbei: Die Kommentare in der ‚Zeit‘ zeigen doch überdeutlich, wie’s um das Ansehen unserer Dutzendjournalisten tatsächlich bestellt ist.

Nur, damit das klar ist:

Es sind nicht ‚die Amerikaner‘ oder ‚die Engländer‘, die am großen Datenteich sitzen und hingebungsvoll ihr Phishing betreiben, es sind immer unsere weltweiten Funktionseliten, die dieses Schnüffeln legitimieren. Alles Böse kommt von oben, und nicht über den großen Teich …

Hallelujah-Marxismus

Zum anderen [sind] die Werte des Christentums im hohen Maße kompatibel mit denen des offiziellen Kommunismus – Gleichheit, Einheit, kollektive Harmonie, Friedensliebe, Solidarität.“

Ob unser Malte Lehming weiß, was er da verkündet? Und was sagt überhaupt Kardinal Meissner zu diesem weichgezeichneten Bild des Marxismus? Oder gar die Partei mit dem hohen C im Namen?

In Toto gaga …

Der Mindestlohn steht Pars pro Toto für jene Opfer, welche die drei etatistischen Regierungsparteien auf dem Altar der Sozialreligion platzieren wollen.“

Oha, oha – was uns der Ulf Poschardt da wieder an Schweinereien aufdeckt: Unsere Parteien seien also ‚etatistisch‘? Was auch sonst, sie wollen ja schließlich alle an die Macht und an die Staatskrippe? Da gäbe es ferner eine skandalöse ‚Sozialreligion‘, so als ob nicht alle Religionen auf sozialen Gedanken fußen? Selbst noch jene ‚Antisozialreligion‘, die der Ulf dann wohl vertritt, denn die hätte gleichfalls soziale Folgen, wäre also bloß eine ‚Sozialreligion der anderen Art‘. Und ‚platzieren‘ wollen diese unverantwortlichen Parteien diese ‚Opfer‘ dann auf einem Altar? Wo denn bloß? Und was ist daran nun wieder schlimm, solange sie diese Opfer nicht opfern, schlachten oder kreuzigen, wie’s einst die Soldatenkaiser ‚in spätrömischer Dekadenz‘ gern taten? Und ob wohl alle Leser in diesem weltfernen Welt-Milieu sein römelndes ‚pars pro toto‘ verstehen?

Ein Satz von Ulf – und ich muss mir die Gehirnwindungen neu legen lassen.

No Names (13)

Wo sind sie hin, die grauhaarigen Blues-Musiker von ehedem aus den Louisiana-Swamps? Einer zumindest hatte bis 2005 überlebt – R.L. Burnside. Und zugleich sind es wieder mal solche Veteranen, die den Blues unentwegt reaktiviert haben. Während andere bloß die Tradition pflegten und blitzeblank polierten, auf dass sich der Studienrat daran erfreue, da klingt dieser Titel doch überaus ‚aggro‘, sehr hypnotisch und fast schon punkig. Ein bisschen kurz ist er nur, von mir aus hätte das noch zwanzig Minuten so weitergehen können …

Ich korrigiere mich – von den Jüngeren haben auch die schwergewichtigen Jungs von Five Horse Johnson begriffen, dass der Blues viel mit Voodoo und dieser Kraft des Hypnotischen zu tun hat, und weniger mit dem Zwölf-Takt-Schema und filigranen Gitarrensoli …

Ob Merkel das weiß?

Dass sie unter die Apokalyptiker gegangen ist, meine ich:

„Merkel fürchtet Untergang: Wenn wir so weitermachen, sind wir verloren!“

Immer, wenn ich bei den ‚Deutschen Wirtschafts Nachrichten‘ lande, denke ich, das wäre eine Satire auf die zahnlosen Kassandras der Ökonomenzunft …

Metaphorix der Woche

Allgemein sei [Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer] davon überzeugt, dass der Mindestlohn „Bremsspuren auf dem Arbeitsmarkt verursachen“ werde.“

Dann riecht’s dort wohl ganz ‚allgemein‘ und höchst streng nach verbranntem Gummi. Klingt für mich ein wenig nach ‚Bremsspuren‘ in der Hose …

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