Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2013 (Seite 2 von 4)

No Names (3)

Die Drei-Geschwister-Band ‚Trampled Under Foot‘ aus Kansas ist selbst in den USA vielen noch kein Begriff. Dabei hat vor allem Danielle Schnebelen längst die würdige Nachfolge von Etta James angetreten, und der Bruder Nick räumt auf Eisenbieger-Wettbewerben die Preise kartonweise ab. In ihren besten Momenten meint das Publikum Janis Joplin und Jimi Hendrix in einer Band live zu erleben … und das ist kein Scheiß!

Hier noch ein stompin‘ Country-Swingabilly als Zugabe

Selber, FAZ!

Das führte, wie es im Deutsch eines jedes Prüfers heißt, zur Abwertung.“

Sich im grammatischen Notfall brachial eine Schneise durch Orthographie und Deklination zu bahnen, ist natürlich genreüblich – und sogar verzeihlich. Ich wäre darüber auch stillschweigend hinweggegangen, hätte sich der Schreiber selbigens nicht fünf Zeilen später über das mangelhafte Deutsch anderer Leute mokiert:

„Mit Entsetzen haben wir heute die Beurteilung unserer Ritter Sport Voll-Nuss von Stiftung Warentest vernommen.“

Tscha – was war nun schlimmer? Die Stimme aus Althausen oder der Kommentar aus Neu-Schnackendorf? Uns ist ‚in alten Maeren wunders viel geseit‘, nicht nur ‚von Helden lobebaeren‘, sondern auch davon, dass in grauer Vorzeit ausgewählte Verlage sogar mal Korrektoren beschäftigt haben sollen …

Trutz Kulturreaktion!

Unsere Schülerinnen und Schüler schreiben so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Unser Schreiben verändert sich massiv.“

Tscha – so ist das wohl. Auch wenn einige Kassandras es gern sähen, wenn die Jugend – wegen des Netzes – immer blöder und analphabetischer würde. Was kommt als Nächstes? Vermutlich so etwas: ‚Goethe hilf! Das ist doch kein Schreiben, was die Kids dort treiben …

No Names (2)

Den Hype um Radiohead empfand ich immer als genau das – als Hype. Da waren einige Gymnasiasten (oder wie immer das englische Pendant heißen mag), die sich den Kopf mit obskurem Zeug dichtgepfiffen hatten und daher schon von Musik sprachen, wenn irgendwo der Teekessel pfiff oder sonst etwas ‚Pling!‘ machte. ‚Progressive‘ war das jedenfalls nicht – und die Jungs, die ihre Deerns auf solche Konzerte schleppen, mussten denen dann immer ganz lange erklären, was an dieser Musik denn bitte so toll sein sollte. Letztlich einigten sich beide meist auf den verschüchtert-süßen Dackelblick von Thom Yorke …

Andererseits gibt es aber auch einen ‚Progressive Bluegrass‘, was leider die wenigsten wissen. Zum Beispiel betreiben die ‚Punch Brothers‘ dieses Genre mit Hingabe. Wie die Jungs bspw. hier mit Fiddle, Mandoline, Banjo und anderem traditionellen Instrumentarium die One-Chord-Progression von Radiohead’s ‚Kid A‘ zu einer blanken Lächerlichkeit demontieren, sollte unserem Zwerchfell allemal recht sein. Hintendran gibt’s sogar noch ein wenig wirkliche Musik …

Vielfreunderei

Ein schöner Begriff – „Vielfreunderei“ – den der Varnhagen von Ense 1843 benutzte, um die soziale Verlogenheit des deutschen Vormärz zu kennzeichnen. Von vorn gab’s da den Bruderkuss, von hinten traf dich die Denunziation des Metternich’schen Spions. Passt auch in unsere Zeit des Followertums …

Im Friedwald des Humors

Seit der Jan Fleischhauer sich ins Gebiet des Humors verstieg, schießt auch dort der Bedarf an Antidepressiva in die Höhe.

Immerhin hat ihn der Dieter Hildebrandt einmal abrollen lassen – und einmal geleimt. Gemerkt hat er’s natürlich nicht. Wie auch – ohne Witz?

Mit dem Essen spielt man nicht!

Ich hatte sie doch nur gefragt, in welcher alarmistischen Tonlage ‚Die Welt‘ wohl erst jodeln würde, wenn tatsächlich mal Rotgrün oder Rotrotgrün regieren sollten – da prustete meine Frau auch schon ihr Mittagessen über den Tisch, und ich durfte die Schweinerei wieder wegwischen, während sie nach Atem rang. Kurz darauf erwähnte dann sie, dass der Sänger der unerwähnenswerten Drei-Akkord-Combo ‚Deep Purple‘, ein gewisser Ian Gillan, mal gesagt hätte, enge Hosen hülfen ihm bei seinen Erstbesteigungen des hohen C. Schon musste ich an Dorothea Siems denken, dogmatisch geschnürt in strammes Latex. Jetzt durfte meine Frau den Tisch abwischen, während ich sehen durfte, wie ich die Königin der Nacht wieder aus dem Kopf bekam …

No Names (1)

Schändliche 280 Aufrufe nur bei YouTube, das sollte sich doch ein wenig ändern lassen. Ganz abgesehen davon, dass diese CD auch drumherum höchlichst zu empfehlen ist – bspw. für nächtlich-melancholische Autofahrten über Land oder für den lebensphasenfinalen Ecstasy-Entzug des verlebten Großstädters, am dunklen Tor zum viagrafähigen Alter. Und natürlich als bloßes Freu für Hardy und Markazero …

Same old story

Alle Jahre wieder scheitert eine Klimakonferenz. Bei der Abschlusskundgebung wird es heißen, es seien große Erfolge beim Scheitern zu verzeichnen gewesen, und über den Willen zum Scheitern hätte unter den Industrienationen völlige Einigkeit geherrscht. Auch das Thema ‚Kohle‘ hätte wesentlich zu den flammenden Appellen am großen Scheiterhaufen beigetragen …

Scheiterhaufen

Bild: wikimedia, gemeinfrei (Verbrennung Salzburger Täufer, 1528 – aus der Serie: ‚Der Mensch ist gut … vor allem, wenn er religiös wird‘)

Unsaubere Argumentation

Alexander Kissler sticht mir immer mehr ins Auge – nicht als begnadeter Schreiber, sondern mehr als Meister der Inkohärenz. Bekanntlich gibt es drei Grundprinzipien wahrheitsfähiger Kommunikation: Kongruenz, Kohärenz und Konsens. Man sollte also – erstens – nicht behaupten, dass der Himmel blau sei, wenn es gerade wie aus Kübeln schüttet (Kongruenz), man sollte – zweitens – nicht im Nachsatz das behaupten, was der Vorsatz gerade bestritt (Kohärenz), und – drittens – sollte man sich halbwegs auf der Ebene sozial akzeptierter Fakten der Weltdeutung bewegen (Konsens). Gegen mindestens zwei dieser Gebote verstößt der Alexander Kissler gern, wo nicht ständig. Ein Beispiel:

Die drohende Große Koalition will den Weg einer selbst sich fesselnden Leisetreterei weiter beschreiten.“

Dieser Satz findet sich in dem neuesten Oeuvre des Mannes vom ‚Vatican-Magazin‘. Eine ’sich selbst fesselnde Leisetreterei‘ ist allein schon ein höchst gewagtes Bild, wo mir bei der inneren Visualisierung nur Komisches vor Augen treten will – aber sei’s drum. Was unser Schreiber hier offensichtlich beklagt, ist die fehlende Trötpotenz der Deutschen im europäischen Konzert. Wo der Berlusconi einst die Basstuba blies, wo der Cameron heute auf die Pauke haut, da sei von den Deutschen bestenfalls die Triangel zu hören. All unsere Polit-Michels – das wären sozusagen nur ‚die Trottel der Nationen‘ zwischen Mittelmeer und Bottnischem Meerbusen, deshalb, weil unsere Politikkaste niemals Nationalinteressen zu vertreten wagt, sondern einen europäischen Holzweg immer ‚weiter beschreite‘. So weit meine Übersetzung des vermutlich Gemeinten.

Immerhin – für jahrelanges Irregeleitetsein stünden wir in Europa doch eigentlich ganz gut da! Aber mal abgesehen vom jedem inhaltlichen ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘ solch grundlegend dubioser Sätze – der Alexander Kissler müsste jetzt, um ‚kohärent‘ zu sein, auf seiner selbstgemalten Linie weiterschwabulieren, um einer individuellen ‚Wahrheit‘ ohne Kurven und Brüche verpflichtet zu bleiben. Aber nichts da:

„Das jahrelange Zuviel an Säbelklirren und Auftrumpfen und Besserwissen kehrte sich in sein ebenso falsches Gegenteil, in ein Zuwenig an Selbstbehauptung und Streitkompetenz.“

Wo eben noch Leisetreter sich die Schnürsenkel zur Selbstfesselung im Laufen zusammenknüpften, da soll jetzt jahrelanges Säbelrasseln ertönt sein? Wo denn nu und wat denn nu?, fragt sich da doch der unbedarfte Leser – und legt diesen inkohärenten Text spätestens jetzt entnervt und aufstöhnend beiseite. Weil seine Vernunft in Richtung Migräne robbt.

Dass Kisslers Textbaukasten sich darüber hinaus auch nur höchst selten im Konsens mit seiner Zeit befindet, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Allenfalls die Kongruenz scheint gelegentlich gegeben, er schreibt immerhin kein Klingonisch, um verständlicher zu wirken …

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