Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2013 (Seite 1 von 4)

No Names (5)

Was ein ‚Barnstorm‘ ist, lässt sich hierzulande aus Mangel an Feldscheunen nur schwer erklären. Jedenfalls, sobald der Generator läuft und das Bier fließt („beer ain’t drinking“), klettert die Band aufs Podium, dort tief in der Provinz. Sie spielt zwar nicht die neuesten Sachen, aber alte Gassenhauer so, dass die Fledermäuse tot von den Dachsparren fallen und die Dielen vor Entzücken knarzen, während der Schweiß der Tanzenden literweise aus allen Ritzen fließt. Mit dem DJ-Ötzi-Kram und dem Noooordseeküsten-Geschmetter, was hierzulande als Gipfelpunkt dörflicher Unterhaltungskunst gilt, hat das dann nur wenig zu tun. Hier ist so ein Fall angewandten ‚Barnstormens‘:

Verschwörungsgemunkel

Unsere Medien, auch die Verbände, die Parteien – sie alle behaupten nur deshalb so unermüdlich und krokodilstränenüberströmt, dass die SPD sich auf ganzer Linie in dieser großen Koalition durchgesetzt habe, damit der kleine Sozialdemokrat das auch brav glaubt, und beim Mitgliederentscheid sein Kreuz an die richtige Stelle malt. Hinterher gibt’s auch für ihn dann schwarze Suppe ohne Nachschlag, statt roter Götterspeise …

Medienwinseln

Die ganze Presse barmt über diesen fuuuchbaarn Koalitionsvertrag, der in Deutschland bestimmt zu Stagnation, Wirtschaftsflaute, Haarausfall, Fußpilz und noch viel, viel schlimmeren Dingen führen wird – aber das geht in Zeiten des Medienwandels längst allen am Mors vorbei. Allein schon deshalb, weil der lobbybetriebene Journalismus – wie zuvor schon die FDP – täglich an Relevanz verliert.

Um auch der ‚Welt‘ hier mal zu gedenken: Eure heißgeliebte FDP ist nicht deshalb vor euren Augen abgesoffen, weil sie zu halbherzig die immerdar richtigen Ideen des Neoliberalismus aus dem Hayek-Koran rezitiert hätte, eure FDP liegt unter anderem deshalb im Mausoleum, weil die Tage dieser seltsamen und senilen Götterwelt gezählt waren, wo’s angeblich dem Gras erst richtig gut ginge, wenn die Elefanten darauf herumtrampeln. Die Lebensuhr des krausen Zeugs war schlicht abgelaufen. Eigentlich war die selige Frau Liberalala all die Jahre zuvor schon nur noch ein Zombie – wenn auch einer mit Fönfrisur. Und nach der Deregulierung kommt immer die Reregulierung – so ist das nun mal.

Die Medien aber haben ihre Influenza endlich überstanden – das ist die gute Nachricht dieser großen Koalition …

Freiheit ohne Freiheit

In seinem höchst privaten Wunderland argumentiert der Alexander Kissler gern und fern aller anerkannten Vernunft daher. Nehmen wir beispielsweise die gebräuchlichste Definition, wonach ‚Freiheit‘ die Chance wäre, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu dürfen. Nach dieser Definition wäre zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger seiner grundlegenden Freiheiten beraubt, weil die Agentur sein ferneres Schicksal ‚fremdbestimmt‘, das Individuum hat seine Autonomie verloren. So bestünde beispielsweise auch die berühmte ‚Freiheit des Christenmenschen‘ darin, entweder den schmalen Weg ins Himmelreich schweißgebadet zu erklimmen, oder aber die breite Autobahn zur Hölle ganz bankstermäßig zu befahren. Der irdische Sündenkloß muss sich dann nur über die Konsequenzen – Harfespielen in Ewigkeit oder Röstfleisch, glühende Zangen und so – auch klar sein, weshalb es Priester und Pastoren zur apokalyptisch eingefärbten Erläuterung gibt. Wodurch natürlich die vermaledeite Kirche in ihrem eingeborenen Jesuitismus den Freiheitsbegriff durch solche Drohungen ratzfatz gleich mal wieder einschränkt. Wer wird schon gern gekniffen?

Wie aber verfährt unser Neokatholik vom ‚Cicero‘? Er schränkt in seiner neoliberalen Lego-Welt diese grundlegende Freiheit der Wahl durch ein ’nur‘ gleich mal so weit ein, dass er ‚alternativlos‘ wie Frau Merkel daher zu parlieren vermag. Was dann erst ein wahrer ‚Liberalismus‘ sein soll:

„Liberalismus: Nur der Markt schafft Freiheit.“

Woart – ik hust‘ dir glieks wat! Wie wäre es denn mit ‚Vernunft‘, ‚Tod‘, ‚Verzicht‘, ‚Glaube‘, ‚Weisheit‘, ‚Verantwortung‘, ‚Rausch‘ – alles Begriffe, an die sich auch ein Diskurs über Freiheit problemlos und ‚alternativ‘ anschließen ließe; Begriffe, die sich allemal statt ‚Markt‘ in den obigen Satz einflechten ließen, ohne irre zu wirken? Es kommt eben immer darauf an, was man unter Freiheit versteht … und wer gern auf dem Grabbeltisch nach Schnäppchen wühlt, der betrachtet dann eben den Markt als Freiheitsbringer. Das wäre dann gewissermaßen ein Liberalismus im Sommerschlussverkauf, extra tief gelegt auf ein konsumistisches Verona-Pooth-Niveau … daneben aber gibt es weitere ‚mille plateaux‘. Da mag man noch so oft apodiktisch und illiberal ein ‚Nur‘ dahertröten …

Nebenbei: Auch der Rest des Textes ist historisch völlig neben der Spur, wonach nämlich die Demokratie wie ein Phönix erst aus dem freien Marktgeschehen emporgewachsen sei. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Erst wurde der König geköpft, dann kam das Direktorium. Die marktorientierte rheinische Bourgeoisie vertrug sich hervorragend mit der preußischen Reaktion, Hand in Hand kämpften beide für das Dreiklassenwahlrecht, welches das Volk von der Demokratie ausschloss. Die Sklavenwirtschaft während der amerikanischen Sezession wurde ja gerade mit dem Argument vom Süden verteidigt, dass man anders ‚auf dem Weltmarkt‘ gar nicht bestehen könne. Marktfern und religiös fundiert kam dagegen eher der Norden daher, die Quäker und Abolitionisten. So ließen sich noch hundert Beispiele anführen: Textilfabriken in Bangladesh, Coltan-Minen im Kongo usw., die Zwangsarbeiterfabriken in China, die Baumwollfelder in Kasachstan – überall knallharter Markt, aber nirgends Demokratie. Ein Markt sans phrase und die Demokratie sind immer Antagonisten, Oliver-Twist-Welten sind die Folge, das Gesabbel von der Allianz dieser beiden ist ein interessierter Mythos – nach der Melodie: „Wer nur den freien Markt läst walten / Und hoffet auf Ihn allezeit / Der wird Ihn wunderlich erhalten / In aller Noht und Traurigkeit.“ Mit anderen Worten: Bullshit für Sektenmitglieder …

Unmaßgebliches Thai-Gebrabbel

Mich ärgert die erwiesene Unfähigkeit zur gesellschaftlichen Analyse in allen deutschen Medien, soweit es die erneut aufgeflammten Demonstrationen in Thailand betrifft.

Zunächst einmal ist Thailand ein soziologisch zutiefst gespaltenes Land: Es gibt mehrheitlich eine rurale bäuerliche Bevölkerung aus kleinen Reisbauern, Fischern und so weiter, die vor allem im Norden und Osten des Landes lebt. An denen lief die Politik stets vorbei, thailändische Politiker hatten nie ein Interesse an diesen dummen Bauern, die sich lange Zeit auch nicht politisch artikulierten. Über das Schicksal des Landes entschied allein ‚der Basar‘, also die städtische Geschäftswelt, in Verbindung mit den Akademikern, der Armee, der Bürokratie und auch einigen (wenigen) Arbeitern.

Das änderte sich erst, als dieser Milliardär Thaksin Shinawatra, der sein Geld in der Kommunikationsindustrie gemacht hatte, die Landbevölkerung aufrüttelte. Es kam dort zu Landschenkungen, zu Saatgutverteilungen, zum Bau von Krankenstationen usw. Sicherlich nicht nur aus Philanthropie. Weil er neue Bevölkerungsgruppen zur bestimmenden Macht entwickelte, deshalb putschte das Militär 2006 gegen ihn. All die Korruptionsvorwürfe aber sind in meinen Augen vorgeschoben, weil man dann gleich sämtliche thailändischen Politiker hätte verhaften müssen. Ohne Korruption läuft dort nichts, Korruption zählt zum Brauchtum. Thaksin bedrohte dauerhaft, gestützt auf neue Wählerschichten, die Privilegien der alten Eliten und der Geschäftswelt, die eine neue charismatische ‚Thaksin-Familiendynastie‘ heraufdämmern sahen, einen ‚Volkskaiser‘, wenn man so will.

Seither ist das Land gespalten: In die Mehrheit der ‚Rothemden‘, in die bäuerliche Bevölkerung der Thaksin-Anhänger also, und in die Minderheit der ‚Gelbhemden‘, die aber die Städte, die Medien und nahezu alle Machtgruppen auf ihrer Seite haben.

Der Ex-Vize-Premier Sutheb Taughsuban, Anführer der derzeitigen Demonstrationen, ließ 2010 noch die Demonstrationen der ‚Rothemden‘ niederkartätschen. Eine Anklage deswegen stand ihm unmittelbar bevor. Zugleich sorgte neuerdings eine ‚Reisgesetzgebung‘ für Unruhe: Die derzeitige Regierung hatte einen Garantiepreis für Reis festgesetzt, was zwar den kleinen Reisbauern im Norden nutzte. Zugleich aber schadete dies den thailändischen Reisexporteuren wie auch den städtischen Arbeitern, die an niedrigen Reispreisen Interesse haben, wo sie schon keine Lohnerhöhungen durchsetzen können.

Das in etwa ist die derzeitige Gemengelage. Die Amnestie- und Korruptionsfrage ist demgegenüber zweitrangig und vorgeschoben – sie wird aber hier unentwegt kolportiert, weil unsere Journalisten sich nur bei thailändischen Journalisten informieren. Die Medien in Bangkok aber sind von A bis Z ‚gelb‘.

Welche Chancen hat nun dieser erneute Aufstand der ‚Gelben‘? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder interveniert wieder das Militär und es verhilft den ‚Gelben‘ mit einem erneuten Putsch zur Macht. Oder aber die ‚Gelben‘ machen sich allmählich mal daran, auch die vitalen Interessen der Bevölkerung im Nordosten nach Sozialversorgung und Infrastruktur zu bedienen, statt nur Basar-Interessen zu kennen. Nur so könnten sie Thaksins bäuerliche Machtbasis allmählich erodieren lassen. Bleibt aber alles so, wie es ist, werden die ‚Rothemden‘ weiterhin alle Wahlen gewinnen, um kurz darauf weggebissen zu werden …

Nachtrag: Einzig die NYT hält mal wieder die Fackel des guten Journalismus hoch: „„A rising number of critics of the protest, including many in the Thai news media, describe it as a blatant power grab by a minority unable to win elections.“ Tscha – und deswegen hätten die ja auch gern eine Diktatur stattdessen …

No Names (4)

Wo es um ‚musician’s musicians‘ geht, muss der Name ‚Southern Hospitality‘ fallen. Die Florida-Band spielt vornehmlich Blues im Macon-Style, also eine wild abgewürzte Mischung voll monotoner Voodoo-Magie auf den Spuren von Dr. John, auch mit Cajun, Americana und manchmal einem Hauch von Reggae oder TexMex. Der eine Gitarrist, J.P. Soars, versteigt sich gern in alle Jazz-Skalen dieser Welt, von lydisch bis mixolydisch, Damon Fowler, der zweite Mann am Eierschneider, kommt eher von Slide, Lapsteel und Dobro her. Für viele renommierte Musiker ist es schlicht eine Ehre mit dieser Band im Rücken ‚performen‘ zu dürfen. Dies aber ist erst einmal die Band ‚unsupported‘ …

Jetzt mit Turbo

Während das Internet in der Gruppe der jungen Akademiker konstant an Bedeutung als Nachrichtenquelle gewinnt, verlieren alle anderen Medien (Fernsehen, Zeitung und Radio) mehr oder weniger schnell an Bedeutung.“

Bei denen, wo ohne Magister, geht’s nicht doll so ratzfatz …

Headline-Design

AfD steht in Hessen ohne Verstand da
Goggos im Rampenlicht
Kapitalismus kriegt uns alle dran
Nun müssen die Bluffs ran
AfD-Parteitag endet im Salat
„Enteichelung der Sparer“ – Die Panik der Vermögenden
Wie Schwarz-Rot die Zukunft umspielt

Vielleicht ist doch Zeit für eine neue Lesebrille …

Forscher? Experten?

Insgesamt summieren sich die langfristigen Kosten dadurch auf 852 Milliarden Euro. Dies geht aus Berechnungen der Freiburger Finanzexperten Bernd Raffelhüschen und Stefan Moog … hervor.“

So weit ich weiß, wurde dieses Raffelmäuschen – samt der angeschlossenen Freiburger Klippschule, einer Fernforschungs-Einrichtung der deutschen Assekuranz – schon längst als Sprachrohr all der deutschen Fonds-Zubereiter, Strukturvertriebler und Versicherungsverticker verhaltensauffällig (1). Motto: ‚Wir malen uns mal eine ansteigende Linie, und verlängern die bis ins Jahr 3000‚. Mit Wissenschaft aber hat das eher wenig zu tun … nur im ‚Focus‘ drucken sie so etwas fast schon notorisch. Die absolut gepflegte Ausdrucksweise dieses hochbezahlten Professeurs vergessen sie dabei stets zu erwähnen: „Hallo Herr S., mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch (hoch drei). Ihr Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen.“ Tscha, wer möchte da nicht gern ein Arschloch sein?

(1)“Botschafter“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG)
seit 11/2007 Aufsichtsrat der Augustinum gGmbH
seit 01/2006 Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe AG
seit 08/2005 Aufsichtsrat der Volksbank Freiburg eG
seit 06/2005 Vorstandsmitglied der Stiftung Marktwirtschaft Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Wirtschaftsrats der CDU
Mitglied des Beirats der Walter-Raymond-Stiftung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Ach wat?

Der Präsident des CDU-Wirtschaftsrats, Kurt Lauk, kritisierte die Basisbeteiligung der SPD mit harschen Worten. „Dass das Schicksal unseres Landes in den Händen einiger zehntausend SPD-Mitglieder liegt, ist eine Perversion des Ergebnisses der Bundestagswahl.“

Aber wenn das Schicksal des Landes in den Händen einer kleinen Klüngelrunde von vielleicht zwölf SPD-Mitgliedern läge, das wäre dann wohl keine ‚Perversion des Ergebnisses der Bundestagswahl‘? Was sich dort so herr-im-hause-mäßig artikuliert, das zeigt uns nur eine oligarch gepolte Auffassung von Demokratie, wo der Ekel vor einer möglichen ‚Pöbelherrschaft‘ alle Synapsen in Reih und Glied kommandiert. Man könnte auch sagen: Das ist jener CDU-Stil, der unseren karnevalesken Kanzlerabnickverein durchweg in der Wolle färbt: Keine eigene Meinung – aber die wird laut und deutlich herausgetrötet …

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