Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2013 (Seite 2 von 5)

Zusammenhänge stiften

Jedem sechsten Deutschen droht die Armut: Dax springt über 9000 Punkte.“

Was solch ein kleiner Doppelpunkt doch ausmacht …

Noch schlimmer, Handelsblatt!

Zahlten alle Griechen ehrlich Steuern, hätte das Land kein Finanzproblem.“

Hinzu kommt: ‚Zahlten alle Deutschen ehrlich Steuern, hätte selbst Deutschland gar kein Schuldenproblem mehr‘. Was wiederum gegen eure Nationalüberheblichkeit spricht – es gibt nämlich kein Griechenproblem, sondern nur ein ebenso transnationales wie hayekverseuchtes Bourgeoisieproblem.

Blöde Fragen sind die besten

Wieso, mit welchem Ziel und gegen wen sind wir eigentlich mit den USA ‚verbündet‘? Und wieso hören die unsere Staatsführung dann ab?

„Ha, blond! …

Also geklaut! Kennt man ja, diese Gipsies! Stehlen wie die Raben! Selbst Christenkinder!“ Wer glaubt, dass rassistische Vorstellungen und virulente Mythen aus dem Mittelalter nur bei irischen Behörden fortleben, der irrt. Oder wo blieb der Aufschrei unserer Aufgeklärten, als dies arme blonde Kind aus dem ‚Zigeunerlager‘ am Montag in ein Heim verfrachtet wurde?

„Die Polizei hatte am Montag ein blondes Mädchen im Alter von sieben Jahren einer Roma-Familie entzogen und in staatliche Pflege gegeben.“

Tscha, dumm gemendelt – es gibt eben auch blonde Roma. Aus meiner Kindheit kenne ich es übrigens noch, dass man am Arm ins Haus gerissen wurde, sobald ‚Zigeuner‘ zum Scherenschleifen im Viertel auftauchten …

Im Stall des Rechtspopulismus

Nach der Bundestagswahl brechen heftige Auseinandersetzungen um den künftigen Kurs der Alternative für Deutschland aus. Hardliner vom rechten Rand machen gemäßigten Konservativen das Leben schwer.“

Es kommt doch bei diesen Splitterparteien zu immer demselben Muster: Ob Schill, ob Freiheit, ob Reps, ob proIrgendwas – kaum sehen unsere rechten Sektierer die gefüllte Futterkrippe vor ihren treudeutschen Augen, schon kommt es zu einem Gequieke und Gedrängel, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Sogar der große Charismatiker wird weggebissen.

Aber gut, man muss ja sehen, dass all diese Profilneurotiker im besten Ruhestandsalter trotz ihrer strammen Ansichten politisch noch nie etwas geworden sind. Und da sollten sie – also Toitschland – noch einmal vier Jahre auf eine nationale Revolution warten?

Alles Müller – oder was?

Reinhard Müller, bei der FAZ zuständig für Rechtsfragen und Innenpolitik, dem langte es wohl einfach. Unter dem Titel ‚Immer Wertvoller‚ stellt er dort etwas längeres Staatstragendes ins Netz, das in der Folge dann rodeohaft in alle Richtungen auskeilt. Sein komparativer Titel zielt wohl auf Printmedien, die nach allgemeinen Marktgesetzen bei sinkender Anzahl tatsächlich ‚immer wertvoller‘ werden. Die Preise für Altpapier steigen derzeit kontinuierlich …

Der Leser gerät prompt in ein Blitzlichtgewitter, das die Dinge nicht ausleuchtet, sondern eher mit der Rezeption des Publikums Haschmich spielt – ein Rechtsanwalt eben: Müller steigt ein mit dem Leseverhalten von Staatsrechtslehrern, dann geht es schon um das ewige Abschreiben der Öffentlich-Rechtlichen bei den Gedruckten, generell geht’s immer ein wenig um die Irrelevanz aller anderen, und – natürlich – dann mit dem üblichen Uppercut auch mal wieder gegen die „Gratismentalität“ des Netzes. Ferner gibt’s für die ‚Huffington Post‘ gleich was auf die frischgestrichene Pappfassade, und selbstverständlich schüttet er den üblichen Kübel Hohn des saturierten Medienbeamten über hungerleidende Blogger aus, die gar keinen #aufschrei starten, obwohl sie dort doch statt der ‚lousy pennies‘ im Print gar keine ‚lousy pennies‘ mehr erhalten. So weit, so ungefähr.

Der Reinhard Müller, denke ich, musste sich wohl einfach mal ausk…en. Vielleicht aber waren auch einfach noch zwei Spalten für Vorurteile frei. Das Resultat nennt sich dann Meinungsjournalismus oder ‚Kolumne‘. Falsch aber ist definitiv dieser Satz:

Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder jener Berichte, welche die Printmedien gedruckt haben – entweder weil die Zeitungen sie ohnehin einfach ins Netz stellen oder weil sich andere darauf beziehen.“

Gut – jedes Kind will nun mal gerne ‚Erster!‘ schreien – vermutlich zielt er ja auch auf so etwas, wie auf mein ödes ‚Abziehbild‘ seines inkommensurablen Artikels hier: dann ginge es um die ewige Selbstreferentialität aller Medien, um ein Paar ganz ausgelatschter Pantoffeln also. Aber ich verweise zugleich auf den vorherigen Beitrag hier, der ja eben darauf insistiert, dass nur in diesem pösen, pösen Netz ständig Dinge zu finden sind, derer wir einerseits bedürfen, die aber andererseits nicht in die vorhersagbare Designed-to-Fit-Welt neoklassischer Anzeigenmedien passen. Im Netz erscheint nun mal notorisch das, was sich nicht ‚auf Linie‘ bringen ließ, was nicht ‚redigiert‘ wurde im Müller’schen Zensur-Sinn, ein Verfahren, das er in seinem Artikel auch noch als Tugend bekakelt. In den Printmedien hingegen finden wir zumeist das, was sich der ‚Linie‘ der werten Anzeigenkunden problemlos fügt, weshalb auch Geld zum Verteilen vorhanden ist. Netz-Beiträge fragen daher gar nicht erst nach Bezahlung – bzw. dort, wo sie bezahlt sind, klingen sie auch so wie Lenor auf Speed. Wer aber ein Näschen hat, der entdeckt immer öfter auch die Altmedienferne des Internet …

Allerdings – wer nur auf ‚Spiegel Online‘ klickt, guckt er sonntags mal ins Netz, um dort dann festzustellen, dass der Content online weitgehend dem Content offline gleicht, der ist eben nur ein Nichtschwimmer, der sich nie traut, den Beckenrand auch mal loszulassen. Das Netz ist ein Meer, die Printmedien allenfalls Kaimauern – gut: manchmal auch Häfen. Unser Müller fährt eben gern Küstenmotorschiff – da ist er Kapitän, dort darf er’s sein.

Wirtschaft vom Feinsten

Wie soll der reiche Italiener weiterhin einen Audi A6 kaufen können, wenn die thüringische Friseurin oder der hessische Paketausfahrer mehr als 3,87 € verdienen darf!?“

Thematisch geht’s dort in höchst lohnender Weise ums Herbstgutachten unserer ‚Wirtschaftsweisen‘ … also um die unternehmenshörige Orakelei verrannter Neoklassiker. Dieses Blog schlägt in meinen Augen alle Altmedien in Wirtschaftsfragen um Längen – statt des üblichen neoliberalen Blabla gibt’s dort ständig vernunftbasierte Geistesnahrung, und das fern jedes Marxismus‘ …

Unvorstellbarkeit

Ein Flügel, der sich gegen etwas stemmt – na, ich weiß ja nicht. Da bricht doch im Nu die stolzeste Schwungfeder:

„Wirtschaftsflügel der Union stemmt sich gegen Mindestlohn.“

Metaphorisch schon eher möglich wären die folgenden Varianten:

„Wirtschaftsflügel flattern wie wild beim Thema Mindestlohn.“
„Auch der Mindestlohn soll gefälligst fliegen, sagt der Wirtschaftsflügel.“
„Mindestlohn gibt Wirtschaftsflügeln Auftrieb.“

Pressekonferenz in der Pampa

Mal wieder was Neues von meinem ‚modernen Bauernroman‘. Es geht voran, aber langsam, weil ich zum Ende hin die vielen lose flatternden Fäden wieder sinnvoll verknüpfen muss, ohne dass daraus Spinnerei oder Konfektionsware wird.

Hier ein Ausschnitt, der ungefähr auf halber Strecke liegt. Die Verträge sind in trockenen Tüchern, die chinesische Delegation ist eingetroffen, der Bürgermeister kämpft mit seinem Schulenglisch und träumt vom immerwährenden Fortschritt, der Kommissar schläft prompt ein:

„… Die Gruppe hatte sich in Bewegung gesetzt. Die Chauffeure parkten derweil die schweren Wagen auf dem Kopfsteinpflaster am Allerufer. Der Bürgermeister lotste die Delegation zu den hochlehnigen Sitzen, auf denen sonst der Rat der Stadt dahindämmerte. Dann bestieg er das Podium und klopfte prüfend an eines der Mikrofone. Eine gellende Rückkopplung war die Antwort. Vermooren wich zurück und glättete noch einmal die Blätter in seiner Hand:

„Dies war ein Weckruf – diese Veranstaltung beginnt gleich mit einem technischen Weckruf! Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, ich darf Sie an diesem großen Tag für unsere Samtgemeinde recht herzlich begrüßen. Ganz besonders aber unsere Gäste aus dem fernen China, Abgesandte der weltweiten SinoTec Korporäschn: Herrn Wu Lei Wang links, den Tschief Echsekjutiff Offisser Juropp des Unternehmens, und Herrn Huang Yeh rechts, den Projektmanager jener energetischen Innovation, die hier in unserem beschaulichen Hinterrode jetzt verwirklicht werden soll. Nicht vergessen darf ich natürlich auch Frau Chan Fong Sung. Als Dolmetscherin, die über exzellente Deutschkenntnisse verfügt, erspart sie es uns und mir, Sie mit meinem arg eingestaubten Englisch zu quälen.“

„Bisher schlägt er sich ja recht wacker“, flüsterte Jenny. Vermooren blickte hilfesuchend auf seinen Zettel:

„An der Seite unserer chinesischen Delegation sehen Sie rechts Herrn Dr. Walther Hartmann, Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, neben ihm sitzt Dr. Knut Faltenhäuser aus der Staatskanzlei. Ebenfalls aus einer Kanzlei, diesmal aus einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei, sehen Sie Herrn Dr. Kurt von Pieper, der die Frankfurter Societät „Petermann, von Pieper & Halbach“ vertritt. Er sorgt dafür, dass rechtlich alles rasch in trockene Tücher gelangen kann. Begrüßen darf ich nicht zuletzt auch die ungewohnt vielen Vertreter der Öffentlichkeit, auch diejenigen vom Landvolk und aus verschiedenen Umweltorganisationen, die hier im Saal Platz genommen haben. Jetzt aber will ich zur Sache kommen.“

„Na, endlich!“ Karshüsing lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

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Schon seltsam

Poschardt, Posener, Steingart, Dönch, Siems, Schmid, Seibel usw. – die letzten FDP-Abgeordneten bundesweit sitzen alle in deutschen Zeitungen herum.

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