Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2013 (Seite 1 von 5)

Management by Schweizerkäs

Seit Spillmann allerdings das publizistische Angebot im Netz leitet, kommt die NZZ in Sachen Zugriffszahlen nicht voran.“

So weit, so gut – und es ist ja auch kein Wunder. Wer nachts nicht schlafen kann, muss nur NZZ online gucken. Da überfällt ihn der Schlummer wie von selbst. Muss jetzt etwa der ausgewiesene Stagnationsexperte Markus Spillmann gehen, wie wir Laien es vielleicht erwarten würden? Ih, bewahre:

„Am Montagmittag informierte Digitalchef und Mitglied der Unternehmensleitung Peter Hogenkamp, dass er die NZZ-Mediengruppe im Dezember verlassen werde.“

Es ist doch immer wieder schön, wenn man einen niedriger Chargierten in petto hat, der statt des Helvetiers brav und nibelungentreu von der Brücke springt. Jedenfalls wird in der NZZ ganz bestimmt alles besser, jetzt, wo der Problembär allein die Richtung weist. Wir sind gespannt wie ein Sprungtuch …

Disclaimer: Ich kenne Peter Hogenkamp noch aus meiner Zeit bei der ‚medienlese‘ als absolut kompetenten Medienmenschen, der den Wandel weg vom journalistischen ‚Industrieton‘ wie kaum ein anderer forderte.

Cirrus oder Kumulus?

Manche glauben ja, dass eine ‚Cloud‘ eine Wolke wäre – völlig frei und in fünf Kilometer Höhe allem Irdischen enthoben: „NSA liest Cloud von Google und Yahoo aus.“

SEO ins Klo!

Mich hat es ja auch oft gewundert, wie mühelos ich als Schreiber im Listing an all den SEO-Strategen und Industrieton-Journalisten vorbeizog, die dort mit bunten Keywords wie mit Konfetti um sich warfen. Was diese bemühten Algorithmenenträtseler nämlich ewig nicht kapieren werden, ist der Konflikt unterschiedlicher ‚Geschäftsmodelle‘. SEO-Leute und PR-Fuzzies möchten Doktor Murkes Hühneraugenelixir naturgemäß mit Hilfe ihrer Zauberformeln weit oben platzieren, und gegenläufig dazu muss Google darauf achten, dass der werte Nutzer nicht ständig ‚kommerzielle Angebote‘ vorfindet, wo er valide Inhalte erwartet. Sonst wäre auch die große Zeit von Google nämlich ganz schnell vorbei:

„Mit ‚Gibberish Scores‘ (Geschwafel-Auswertungen) will Google inhaltsleeren Content entlarven.“

Zum Thema unterschiedlicher Geschäftsmodelle, wie auch der Chancen, die daraus für uns als schreibendes Volk resultieren, habe ich vor einigen Wochen mal – in durchaus kommerzieller Absicht – ein Modell hingescribbelt. Ich habe dies Modul ‚Textwartung‘ getauft und stelle den Inhalt hier einfach mal ein, zum weisen Gebrauch durch interessierte Schriftkundige:

„Eine Homepage lebt, sie ist kein statisches Produkt. Anders als eine Firmenbroschüre, anders als ein Gerichtsurteil oder ein beliebiges gedrucktes Medium stehen Veröffentlichungen im Internet immer in einem dynamischen und ‚fluiden‘ Zusammenhang. Um als Medium dort zu funktionieren, um also dort zwischen Sendern und Empfängern zu ‚vermitteln‘, müssen Veröffentlichungen im Netz veränderlich sein – und sie müssen kontinuierlich optimiert werden.

Die Ursache ist technischer Natur: Mehrmals in der Woche schauen die ‚Roboter‘ von Google und anderen Suchmaschinen auf jeder Netzplattform dieser Welt vorbei. Sie blicken dort vor allem darauf, ob sich seit dem letzten Besuch etwas verändert hat – und diese Veränderungen registrieren sie, indem sie primär Texte scannen und vergleichen. Diese Veränderlichkeit entscheidet dann über die Relevanz einer Seite. Statische Seiten rutschen in der Liste der Fundstellen kontinuierlich den Berg hinab.

Das neue Layout, der ‚neue Auftritt‘ – einst Lieblingsargumente von Agenturen bei der Kundenakquise – solche ästhetischen Fragen haben demgegenüber rapide an Bedeutung verloren. Wer im Netz Beachtung finden will – ob nun für das Gewinnen neuer Kundschaft wie auch ganz allgemein für das Durchsetzen seiner Ansichten – der muss seinen Texten mehr Aufmerksamkeit schenken. Die kontinuierliche Pflege der Textebene ist im Netz unverzichtbar geworden.

Der Abschluss eines Homepage-Projektes steht daher immer am Anfang einer fortan kontinuierlichen Arbeit am Text. Es geht um eine netzaffine und dauerhafte Optimierung der Textebene in Kooperation mit den Kunden – möglicherweise als bezahltes Dienstleistungsmodul.

Ein zweiter Grund kommt hinzu: Zur Verzweiflung aller SEO-Strategen stürzen keyword-optimierte Seiten im Ranking ungewohnt rasch ab. Das Interesse der Betreiber und ihrer Kunden, die ja gerade auf werbungsferne und kommerzfreie Fundstellen Wert legen, dieses Interesse deckt sich nicht mit demjenigen der Suchmaschinenoptimierer der ersten Generation. Stünden vorn auf den Seiten einer Suche ständig nur ‚kommerzielle Angebote‘, dann ließe das Interesse dieser Nutzer an ihrer Suchmaschine merklich nach. Bing und Yahoo könnten uns davon ein Lied singen – und Google hat gerade deshalb seinen Suchalgorithmus konsequent ‚antikommerziell optimiert‘ (zuletzt mit dem Hummingbird-Update) – zur Verzweiflung traditioneller Keyword-Optimierer. Google achtet neuerdings eben auch auf die ‚Tonality‘. Der superlativische Werbeton ist geradezu ein Ausschlusskriterium geworden.

Damit gewinnt der Stil, in dem Texte verfasst sind, an Bedeutung. Überlebt hat sich der atemlose Hypa-Tonfall, wo in einem Sechs-Worte-Satz möglichst siebenmal Worte wie ‚Kompetenz‘ oder ‚Kundenfreundlichkeit‘ untergebracht werden mussten. Kompetenz und Kundenfreundlichkeit ergeben sich künftig allein aus dem argumentativen Inhalt der Texte, nicht länger aus dem Etikett. Andernfalls schickt die Suchmaschine einen Text gleich wieder in den Orkus. Die Kunst besteht wieder im Schreiben, nicht im Keyword-Taggen …

Ein Modul ‚Textwartung‘ könnte für jenen ausgefeilten Stil sorgen, der zum Erfolg im Ranking beiträgt – beispielsweise durch ständig aktualisierte Newsleisten und Blogstrukturen, die mit ihrer reichen Sprache dann auch den Google-Roboter überzeugen. Weil der Auftritt von erfahrenen und netzaffinen Schreibern mit einem großen Wortschatz betreut wird.

Ein solches Modul ‚Textwartung‘ richtet sich folgerichtig an jeden, der im Netz publiziert, an Unternehmen und Rechtsanwälte, an Kammern und Einrichtungen, an die Politik wie an Initiativen und Interessengruppen … das Netz ist ein Medium, das eine intelligente und inhaltsreiche Textgestaltung konsequent belohnt.“

Dööfer geht immer …

Immer, wenn du denkst, blöder geht’s nicht mehr, kommt noch ein blöderer Depp daher. Dieser im orthographischen Sinn durchaus gebildete Herr lässt in seinem Focus-Kommentar sogar die Kenntnis des Konjunktivs durchschimmern, mit dessen Hilfe er das Opfer im Rahmen seiner Möglichkeiten dann ratzfatz zum Täter stilisiert:

„Vor lauter Rassismus geht die Ursache des Ganzen völlig unter. Wäre der Schwarze nicht schwarz gefahren, hätte es kein Gerangel mit dem Sicherheitsdienst gegeben, der Mack wäre kein Nigger gewesen und die Gutmenschen hätten keinen Grund, sich zu empören.“

Jaja, diese Gutmenschen mal wieder! Und hätte ‚der Neger‘ ein Auto gehabt, dann hätte der auch nicht schwarzfahren müssen. Am besten aber wäre er nie geboren worden, dann wäre er auch nie nach Deutschland gekommen. Das Focus-Kommentariat ist schon ein höchst bräunlich duftender Beritt …

Sie heißt Weidenfeld …

Wer sagt, dass würdige Arbeit erst da anfängt, wo sie ihren Mann oder ihre Frau ernährt, verkennt ein paar Dinge. Erstens übersieht er den Wert von Arbeit. Arbeit ist an sich würdig. Wer arbeitet, füllt sein Leben mit Sinn. Er arbeitet in gesellschaftlichen Bezügen, steht für die Arbeit regelmäßig auf, trifft Kollegen und Vorgesetzte. Arbeit ist für die meisten Erwachsenen im Land ein zentraler Ort des Austauschs, des Miteinanders, der Teilhabe.”

Mit anderen Worten: Die Ursula Weidenfeld bittet doch tatsächlich den ‚Tagesspiegel‘ im schönsten Pastoralton, auf ihr Honorar künftig ganz zu verzichten. Denn das Arbeitendürfen sei ihr schon Bezahlung genug. Abends geht es dann vermutlich in die kirchliche Suppenküche, diesen ‚Ort der Besinnung und der Teilhabe‘ – Arm in Arm mit der Andrea Seibel und der Dorothea Siems.

Dieses Stückchen bringt mich prompt auf meine alte Frage zurück: Wo lernt man in Deutschland eigentlich ‚Wirtschaftsjournalismus‘? Am Tresen vielleicht? Das kann aber auch nicht sein, denn der Volksmund sieht das Thema bekanntlich etwas anders: ‚Solange der Arsch in die Hose passt, wird keine Arbeit angefasst.

Nennt sich Qualitätsmedium …

Unser Autor Alberich lehrt Wagner und der deutschen Seele das Fürchten. Immer montags und immer [noch falsch] …“

Nachtrag: Nun sind sie endlich vom Dativ in den Akkusativ gerobbt. Man hat ja doch Einfluss …

Methode Münchhausen

Das fundamentale Prinzip der deutschen Stromversorgung lautet: Jeder Kunde hat einen Lieferanten, und dieser muss liefern – egal, was kommt. So steht es in der Stromnetzzugangsverordnung.“

Marktwirtschaftliche Prinzipien für e.on, RWE und Vattenfall, bester Herr Spiegel-Redakteur? Wo doch dort in den Aufsichtsräten abgehalfterte Politiker dicht an dicht sitzen, so wie Krähenschwärme auf einem Leitungsdraht? Wovon träumen Sie denn nachts? Da krächzen die doch lieber die üblichen Klagelieder, wenn sie ihre Mondpreise nicht länger einstreichen dürfen: „RWE warnt vor Strom-Blackouts“ … und das, wo ganz Europa in unverkäuflichem Strom förmlich schwimmt. Der Börsenpreis nahe Null drückt gerade dies doch aus – oder etwa nicht? Wann aber hätten schnöde Fakten einen PR-Profi je interessiert …

Apropos, steigende Energiepreise: Als ich zu einem Anbieter von ‚grünem Strom‘ wechselte, war der erstens billiger als der bisherige Großversorger. Und ich habe seither – zweitens – in vier Jahren noch nicht einmal eine Tariferhöhung erhalten. Wo soll das hinführen? Tscha, vermutlich in die Energiewende …

Fare thee well …

Terrorismus als Alltag

The Times

Ein Freund, der für die Vereinten Nationen Entwicklungshilfeprojekte betreut, brachte mir aus Pakistan einige Zeitungen mit. Während wir hier alle vierzehn Tage mal von einem amerikanischen Drohnenangriff erfahren, gehören solche Meldungen dort zur Normalität – und so etwas ist gerade deshalb nur noch eine Meldung auf der dritten Seite wert, neben all den anderen Artikeln über Korruption, Bombenanschläge, Erdbeben und anderem Mayhem. Mit einem Wort: Es ist eine Welt, in der niemand von uns leben möchte:

„43 persons including six children and seven women of a family were killed and 90 others injured on Sunday when a car laden with explosives ripped near Khan Raziq Police Station situated in main Qissa Khawani Bazaar here, City Commissioner said.“

Tscha – unsere Medien nehmen noch nicht einmal mehr Notiz von diesem unaufhörlichen Geschehen in einem Land mit 180 Millionen Menschen, wo „half of country’s population has been affected by terrorism and large number of people are dying in acts of terrorism on daily basis„. Ob Taliban oder Amerikaner – gehört etwas erst zum Alltag, ist es auch nicht mehr berichtenswert, die internationale Medienkarawane zieht dann woanders hin – und unsere Rassisten hier wollen noch immer nicht verstehen, weshalb die Menschen aus solchen Ländern in Masse fliehen. Weil nämlich dort genau solche Charaktere, wie sie es sind, die regionale Macht ausüben …

DAWN

The News

Der Mittelstand

Ich dachte heute wieder scharf an eine frühere Wahrnehmung, wie falsch die gewöhnliche, allgemein verbreitete Annahme ist, daß der sogenannte Mittelstand den größten Wert habe, die wahre Kraft des Staates bilde, den stärksten Halt der Sitten u.s.w. Nein, alles geht in ihm unter, alles wird matt und klein, wo er herrscht. In der Fülle des Reichtums und der Macht, und in Armut und Bedrängnis, in beiden Gegensätzen, entwickelt sich Großes und Herrliches weit öfter und leichter, als im elenden Mittelstande.“
Karl-August Varnhagen von Ense, Tageblätter, 10. Februar 1840

 

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