Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2013 (Seite 2 von 4)

Graswurzelliberalismus

Unser Ulf Poschardt gibt ja einfach nicht auf. Jetzt hat er die verblichene Graswurzelbewegung entdeckt, mit deren Hilfe sich der gute alte Maulwurf des Liberalismus wieder ans Tageslicht buddeln soll, aber ganz ohne jeden Karrieregedanken, wie ein Niebel ohne Teppich.

Aber Vorsicht, diese Pädophilen waren auch Teil einer Graswurzel-Ideologie – solche graswurzelnden ‚Initiativen‘ wurden damals schlicht ‚Basisdemokratie‘ genannt. Und so könnte es auch der Rest-FDP ergehen, wenn jetzt bspw. die Loser von der Burschenschaftlerfraktion dort haidergleich nach der Macht greifen sollten:

„Wer Karriere machen will, und zwar schnell, wird die Liberalen meiden. Aus den Vorzeigeliberalen ist ein Haufen Loser geworden. Das hat auch Vorteile. Es bricht die öffentliche Wahrnehmung und bietet zugleich Chancen, den Liberalismus von den Graswurzeln neu wachsen zu lassen.“

Wann es allerdings jemals ‚Vorzeigeliberale‘ gegeben haben sollte, das täte mich dann doch mal interessieren. Das muss ja noch vor Genscher gewesen sein …

Öchspertentum

Wie schrieb der Gabor Steingart nach der Bayernwahl noch vor einer Woche in seinem Newsletter so richtig schön falsch:

„In Berlin rieb sich FDP-Chef Philipp Rösler die Hände, weil der Machtverlust der Liberalen in Bayern der größte denkbare Treibsatz für seine Zweitstimmenkampagne ist.“

Jaja, die Halbwertszeit öchspertischer Prognosen wird für den Leser zum Problem … oder: Nichts ist so alt wie das ‚Handelsblatt‘ von gestern. Anders ausgedrückt: Niemand kann das Gelaber von der ‚Stömme der Froihoit‘ mehr hören, auch nicht in jenem zartesten Brüderle-Schmelz, seit es Denkblockade gibt – und wenn die Schrumpfpartei es in Hessen noch mal haarscharf geschafft haben sollte, dann liegt das einzig und allein am Rhein-Main-Taunus-Kreis. Kevin Erbheimer ist aber dort längst allein zu Haus …

Schwarzgelb ist am Ziel!

Die FDP ist schon nach vier Jahren verwegener Regierungskunst erfolgreich an den gewohnten Diäten vorbeigeschrammt. Nach einigen Jahrzehnten abonnierter Klientelpolitik und Kimmenschleckerei ist dies ein wahrhaft verdientes und überfälliges Los. Auch unsere Angie lispelt schier vor Glück. Den dicken Patrick Döring, wie er da bedeppert neben dem Rösler stand, den hätte ich jetzt gern als Starschnitt fürs heimische Klo. Vielleicht erbarmt sich ja eine seriöse Zeitung meiner – ein Qualitätsmedium wie die ‚Titanic‘ vielleicht.

Jetzt hoffe ich noch auf die Bestätigung der möglichen absoluten Mehrheit für Angie. Wenn sie mit irgendeiner Konstellation nicht gerechnet hat, dann damit. Es sei ihr aber gegönnt. Diesem Regierungsauftrag dürfte sie sich auch gar nicht verweigern – und schon stünde ihr die Opposition im eigenen Saftladen auf den Füßen. Jeden hinterbänkelnden Krakeelpott aus Pechschwarz-Hintertupfingen müsste sie mühsam mit dem Lasso des Do-ut-des erst wieder einfangen. Dazu dann kommt noch ein Bayern-Horschtl, der vor Kraft kaum laufen kann.

Ich fahnde gerade nach einer erschwinglichen Popcorn-Maschine, bevor andere auf die gleiche Idee kommen. Wer in Berlin jetzt lange Gesichter sehen will, dem empfehle ich übrigens das Borchardt. Jemand möge bitte auch dem Ulf Poschardt Trost spenden, nicht dass der sich noch aus einem Kellerfenster stürzt: Wochenlang tippt man sich die Finger wund …

Mangels sprachlicher Mittel

Liebe Schreiberlinge, was der Frau nicht gegeben ist, das kann sie logischerweise auch nicht getan haben. Ihr schreibt, da „distanziert sich Kanzlerin Merkel klar.“ Das ist Blödsinn, Klarheit ist ihr nun mal nicht gegeben, ihr Reich ist das Ungefähre und Diffuse. Der Effekt einer Merkel-Rede resultiert daher nie in Wegweisendem, es folgt vielmehr ein Luftschnappen im Publikum, das sich am Ende solch zerfasernder Satzperioden fragen darf: ‚Was hat sie möglicherweise mal gemeint, bevor sie versuchte, ihr dunstiges Denkeln in Worte zu fassen …?‘. Und so hört schließlich jeder genau das, was er meint, gehört zu haben …

Lied zur Wahl (unparteiisch)

Naja, ein wenig hatte ich dabei dann doch den Bayern-Horschtl und seine Entourage im Kopf …

Das Grauchen

Deutschland versinkt in kollektiver Bequemlichkeit. Im Namen individueller Freiheit tritt jetzt die moderne Emanzipation auf den Plan, die den Neo-Kollektivismus zementiert. Denn selbstbestimmt soll nur leben, wer gleich ist.“

Tscha, der Kollektivismus wird eben immer raffinierter. Jetzt schleicht er schon, obwohl doch ‚zementiert‘ und ‚versinkend‘ wie einst das Mafia-Opfer im Hafenbecken, pseudo-neoliberal gewandet durch die Zeilen. Nur der Alexander Grau von der Firma Sherlock & Söhne weiß da noch, welche Camouflage hinter den Kulissen gespielt wird. Der Anblick manch feuilletonistischer Denkbemühungen wirft derweil bei mir die Frage auf, ob dieser Text seinen Verfassser wohl noch versteht. Wo’s der gemeine Leser schon nicht tut. ‚Voll Banane‘, sagten wir früher zu derartigen Verbalunfällen …

Morbus Wirtschaftspresse

Schluchz … die oberen fünf Prozent der Gesellschaft bezahlen jetzt schon weit mehr als 120 % aller Einkommenssteuern. Und das nur, weil raffgierige rotgrüne Gutmenschen das Land regieren! … ??? … Ach, die regieren das Land doch gar nicht? Na, so was …

Anlass der satirischen Übertreibung: Gestern musste ich mal wieder gegen das blödsinnige Argument ankämpfen, dass doch die ‚Besserverdienenden‘ jetzt schon den Löwenanteil der Einkommenssteuer in diesem Land stemmen würden. Jedenfalls las das Schwarzwild, mit dem ich sprach, eindeutig zuviel Wirtschaftswoche und FAZ. Das genannte Faktum stimmt übrigens tatsächlich, aber eben nur wegen einer fiskalischen Namenstrickserei: Der weitaus größte Teil der Bevölkerung bezahlt nämlich seine Einkommenssteuer unter dem Etikett einer ‚Lohnsteuer‘. Die bringt dem Staat 150 Mrd. Euro ein (2012), die Einkommensteuer dagegen nur 37 Mrd. Euro. Wer’s nicht glaubt, hier der Link …

Geschlossene Abteilung

Uli Dönch rappelt mal wieder in jenem Körbchen herum, das ihm der Onkel Burda in der Focus-Redaktion eingeräumt hat. Alle, alle, alle wollen ihm ans Leder und sich an seinem Portfolio gütlich tun:

„Egal wer gewinnt – die Steuern werden steigen, die Sozialabgaben auch. Freigiebigkeit, Gleichheitswahn und Umverteilung dominieren wie nie. Mal sehen, wie lange sich das Mittelschicht und Leistungsträger noch gefallen lassen.“

Ausnahmslos alle Parteien seien inzwischen nach links gerückt (wenn’s so ist, weshalb wäre das wohl so, bester Uli, folgt die Politik vielleicht bloß den verehrten Wählern?). Und der bis aufs Blut gequälte Yuppie würde dadurch noch zum Wutwürger.

Gut, seien wir menschlich, bringen wir ein wenig Ordnung in dies logische Chaos. Laut Mengenlehre bilden ‚die Parteien‘ in Ulis Welt schlicht die Menge ‚Alle‘ ab, während alles andere nur eine Nullmenge, also nicht vorhanden ist. Wenn sich nun die ‚Leistungsträger‘, die meistens ja ihre Kulis haben, um ihre schier übermenschliche Leistung durchs Leben zu tragen, wenn die also sagen, das lassen wir uns nicht länger gefallen, dann könnten die politisch logischerweise auch nirgends mehr unterkriechen. Denn es gibt ja in Ulis Welt keine Partei, die ihnen nicht ans Leder will.

Also müssten sie im Falle eines Falles schon eine eigene Partei gründen, vielleicht die LPG (Leistungsträgerpartei in Gründung), die dann aber über ein Prozent nicht hinauskäme, weil die Anzahl der ‚Leistungsträger‘ oder – um einen veralteten Ausdruck zu verwenden – die Kopfzahl der ‚Bourgeoisie‘ um diesen Wert herum in jeder Gesellschaft nun mal zu schwanken pflegt. Allenfalls ließen sich noch ein paar Dummbratzen von dem bewährten Tarnanstrich als ‚Mittelschicht‘ blenden …

Deshalb tanzen beim Uli Dönch, dem Meister der leeren Drohungen, die drei Teufel der Neuzeit – „Freigiebigkeit, Gleichheitswahn, Umverteilung“ – mit wirren Haaren um ein kommunistisch-bengalisch illuminiertes Hexenfeuer, während den Reichen – pardon: den Leistungsträgern natürlich! – wohl nur die Flucht ins Ausland bliebe. Vielleicht nach Simbabwe …?

Ach Gott, nur der ‚Focus‘ versteht noch ihr Leiden!

Realismus heute

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern.“

Der ‚Standard‘ hat ja völlig recht. Der Realismus ist heute in den Computerspielen zu finden. Dort haben Autoren inzwischen die Nachfolge der Balzac, der Zola oder Döblin angetreten. Die ’schöne Literatur‘ dagegen – – – nun, die ist richtig schön. Vor allem schön eingebunden, mit Lesebändchen und so …

So kann man das auch sehen …

In Berlin rieb sich FDP-Chef Philipp Rösler die Hände, weil der Machtverlust der Liberalen in Bayern der größte denkbare Treibsatz für seine Zweitstimmenkampagne ist.“

Jenen doppelten Rittberger schrub uns der Gabor Steingart im heutigen Newsletter des ‚Handelsblatts‘, ein Mann, dessen akrobatische Fähigkeiten bei der Argumentation mir schon häufiger ins Auge stachen. Mächtig schade, denkt sich vermutlich dieser Rösler jetzt, dass meine FDP nicht noch öfter was auf die Fresse kriegt …

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