Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2013 (Seite 1 von 4)

Wo lebt der?

Und vor allem wann? Ach so – ich überlas, der Frank A. Meyer sagt’s uns ja selbst: Der tiefste Wilhelminismus ist der Ort seiner Sehnsucht. Als angeblich das Bildungsbürgertum in gediegenen Salons, umgeben von teutönelnden ‚Schinken‘ aus Markart-Gemälden, den tumben Massen noch die nötige Orientierung gab. So wie bspw. der ‚Alldeutsche Verband‘, der damals alle Kinderchen zu Kaisers Geburtstag in lustige Matrosenanzüge zwängte. Über jene Zeit gibt uns Heinrich Manns ‚Untertan‘ bis heute erschöpfend Auskunft. Also nee, dann doch lieber Internet statt solcher ‚Denkhandwerksschmieden‘:

„Die Denkhandwerker aber schreiben Bücher, halten Vorträge, diskutieren in Salons. Vor allem gestalten redaktionelle Gemeinschaften Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Auf Papier wird vorgedacht, nachgedacht und weitergedacht, wird debattiert und ausprobiert, wird erwogen und abgewogen, oft umständlich, bisweilen auch vollendet elegant.“

‚Auf Papier wird unbedacht‘ – so herum wird schon eher ein Schuh daraus. Es geht heute nicht um ‚Orientierung‘, es geht um Quote. Allenfalls noch um Angela Merkels Wiederwahl. Vermutlich hatte der Mann vom ‚Cicero‘ beim Thema ‚Eleganz‘ ja Andrea Seibel, Dorothea Siems, Jan Fleischhauer, Alexander Marguier, Henryk M. Broder, Uli Dönch, Ulf Poschardt, Malte Lehming und andere Meisterdenker und ihre höchst besinnliche Sprache vor Augen. Jedenfalls, Herr Meyer, so idyllisch wie sie uns die Geschichte austapezieren, so idyllisch war sie eben nicht. Die ‚Weltbühne‘ war nie die Regel, die ‚Weltbühne‘ war immer die absolute Ausnahme. Sie pflegen in ihrem retardierten Streichelzoo einen verkitschten Mythos von der Funktion des Journalismus:

„Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in den Blütejahren der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, bot der Salon – bis die Nazis kamen – den Freiraum zur Debatte über die Zeitläufte. Und tagsüber, wenn der Salon ruhte, lief der Diskurs in Wein- und Kaffeehäusern und in den Zeitungsredaktionen.“

Die ‚Weimarer Republik‘ und ‚Blütejahre der deutschen Demokratie? Ich fasse es nicht – lesen Sie mal ein Geschichtsbuch! Das Volk wurde niederkartätscht und in die blanke Not getrieben, die SPD eierte herum wie ein kaputtes Bobby-Car, immer in Furcht vor dem ‚roten Putsch‘, und die Demokratie wurde nicht erst unter Brüning, Papen und Schleicher immer öfter ausgesetzt, weil mit diesem Volk ja kein Staat zu machen sei. In den paar verbliebenen Kaffeehäusern und Salons laberten damals Blinde von der Farbe, meinethalben gern auch über die Kultur der Renaissance. Längst aber fand der wahre Diskurs auf den Straßen statt – und in den Hetzblättern des Hugenberg-Konzerns. Mit bekanntem Resultat. Noch fieser ausgedrückt: Die Bildungsbürger, die Eliten und auch die von ihnen abhängige Journalistenmeute haben die Demokratie systematisch zugrundegerichtet – und zwar aus blanker Angst vor der Demokratie, wie auch aus nacktem Eigeninteresse.

Ihr hier heilandsmäßig verklärter ‚Bildungsbürger‘ ist bloß eine rückwärtsgewandte Utopie … und die BWL, die inzwischen die Philosophie ersetzt hat, die ist nun mal kein bildungsförderliches Studium, siehe dazu die Interviews mit den irischen Bankstern einen Text weiter unten. Trotzdem herrschen solche Excel-Figuren überall nahezu unbeschränkt. Selbst ein Richard David Precht erzielt vielleicht noch renditeträchtige Auflagen, er holt uns aber mit seinen Traktaten bestimmt nicht aus dem großen Schlamassel.

Kurzum: Einen ‚Intellektuellen‘ oder eine ‚Herrschaft der Geistigen‘ – Angesprochene aus Gründen der Pietät immer ausgenommen – so etwas Gestriges sehe ich weit und breit nicht mehr. Uns hilft heute nicht der gepflegte Diskurs, uns hilft nur noch die Kandare. Aber da sei die Lobby davor. Es wäre ja schön, wenn die ‚Geistigen‘ – whoever that is – diesen Kampf mal aufnähmen, statt vorzudenken und weiterzudenken, statt zu debattieren und auszuprobieren, statt zu erwägen und abzuwägen, statt sich mit dem Teddy ihres leicht käsigen Selbstbildes in einen spießbürgerlichen Schlummer zu wiegen.

Der Sachverstand der Ökonomen

Ausgezeichnet als ‚weltbeste Bank‘ vom World Economic Forum in Davos. Tscha, das klingt doch mal gut. Da irren sich die dort versammelten Ökonomen einfach nicht, das ist einfach nicht möglich, schließlich trifft sich dort der wirtschaftliche Sachverstand dieser Welt zum alljährlichen Konklave:

„Die Quartalsprofite stiegen im irischen Bauboom 22-mal in Folge. Dadurch wurde die [Anglo-]Bank das Vorzeigeunternehmen des «keltischen Tigers», ihr Vorsitzender Fitzpatrick der einflussreichste Manager – und Golfpartner des irischen Premiers Brian Cowen. Im Januar 2008 wurde Anglo auf einer am World Economic Forum in Davos publizierten Rangliste zur «besten Bank der Welt» ernannt. Elf Monate später machte sie mit 17,7 Milliarden Euro den höchsten Jahresverlust der irischen Wirtschaftsgeschichte.“

Und was passierte nach diesem Desaster? Fiel es endlich jemandem auf, dass Horoskopie und Ökonomie annähernd Synonyme sind? Und kamen die Verantwortlichen mit ihren ungewaschenen Mäulern denn jetzt wenigstens auf den verdienten Scheiterhaufen? Ach, woher:

„Die Träume von Fitzgerald und Bowe wurden wahr. Der irische Staat übernahm Anglo Ende Januar 2009: Als Staatsdiener machten beide Karriere: Fitzgerald wurde in der neuen Bank Kommunikationschef, Bowe Direktor der Entwicklungsabteilung.“

Tscha, wer sagt denn, dass Verstaatlichung immer schlecht sei? Es kommt auf die individuellen Umstände an. Und was war die weitere Folge der Katastrophe:

„Die neue Regierung unter Enda Kenny setzte Cowens Sparkurs fort. Deshalb feierten die Austeritätsökonomen Europas Irland als Musterschüler. Renten, Spitäler, Polizei, Universitäten, Ämter wurden zusammengestrichen. Periodisch meldeten Wirtschaftsblätter, dass Irland nun wieder auf den Beinen sei.“

Das soll wohl heißen, dass Austerität angeblich etwas Gutes bewirkt. Aber hasse nich gesehn: „Irland fällt in die Rezession zurück.“ Wer aus deren eigenem Mund erfahren will, mit welchen Dreckskerlen wir es an der Spitze von Banken zu tun haben, und mit wem Ministerpräsidenten so zum Golfen schlendern, der lese diesen großartigen Artikel im Zürcher ‚Tagesanzeiger‘ vollständig. Und warum uns die bundesdeutschen Hochglanzmagazine so etwas nicht zumuten mögen? Nun, das weiß ich auch nicht …

Hauptsache, steile Thesen!

Der Masterplan erscheint ...

Der Masterplan erscheint …

Zu denjenigen, die nahezu zwanghaft schimmlige Feindbilder reaktivieren müssen und sich am Buhmann einer realiter kaum noch existenten Linken abarbeiten, zu denen gehört der Großschriftsteller Alexander Marguier vom ‚Cicero‘. Das Hütchenspiel – ‚Salon-Linke‘, ‚Tyrannei‘, ‚Gefahr‘, wuschwuschwusch! – geht in etwa so:

„Konsumkritik ist ein beliebter Zeitvertreib von Salon-Linken: Die Philosophin Renata Salecl hält ein breites Warenangebot etwa für eine „Tyrannei der Wahl“. Solche Feststellungen sind nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.“

Da gäbe es zunächst die soziologische Kategorie der ‚Salon-Linken‘, was vermutlich hinausläuft auf: ‚Zwar Kommunist, aber den Arsch an der Heizung!‚. Und zu diesen seltsamen Wesen soll eine Renata Salecl gehören, die immerhin an der ‚London School of Economics‘ lehrte, aber nichtsdestotrotz über keinen sonderlich beeindruckenden wikipedia-Eintrag verfügt. Und die betreibt das Allotria der Konsumkritik zum Zeitvertreib, weil’s ja so beliebt ist … hmmm.

Dieser Thinktank des Kapitalismus dort in London ist sicherlich alles mögliche, aber nun mal keine kommunistische Kaderschmiede, sondern eine altbewährte Institution, aus der unsere Bankster, die Finanzkrisen und andere Öchsperten in Scharen hervorgehen. Diese Lehrkraft einer folglich eher neoliberalen Bildungsinstitution wäre demnach ’nicht nur dumm, sondern auch gefährlich‘, weil sie mal etwas gegen eine überbordende Auswahl von Waren in einer Imbissbude geäußert hat, und zwar aus schierem Schandudel? Gut, derartig klandestine Zusammenhänge hat bisher ja auch noch keiner bemerkt, außer dem Schnellmerker Marguier, der überall den hintergründigen ‚Masterplan‘ erblickt. Weiter geht’s im Text:

„Kapitalismuskritik geht immer, sie ist aber wegen ihrer notorischen Theorielastigkeit oft schwer verständlich. Für den Alltagsgebrauch empfehlen wir deshalb lieber deren kleine Schwester, die Konsumkritik.“

Nun ja, das Stilmittel der Ironie ist nicht jedem gegeben. Ich habe Kapitalismuskritik faktisch nie als sonderlich schwer verständlich erlebt, eher im Gegenteil. Aber das mag auch an den jeweiligen Köpfen liegen. Den Kapitalismus zu verteidigen, das erfordert hingegen regelhaft schon etwas mehr Hirnschmalz. Sonst geht’s in die Hose. Sofern man sich also nicht mit den blauen Bänden der alten Tröster beschäftigt, ist Kapitalismuskritik daher recht eingängig. Selbst Lieschen Müller schimpft über ihre Dispo-Zinsen und auch unser aller Mutti, die Merkel, hat neuerdings fürs Treiben irischer Banker nur noch „Verachtung“ übrig. Gehören die jetzt auch zu den ‚Salonlinken‘?

Wie genau ‚Kapitalismuskritik‘ und ‚Konsumkritik‘ verwandt sein sollen, das erschließt sich daher eher den Doofen, die reflexartig auf jeden Köder anbeißen, sofern der erfahrene Angler nur ‚Sozialismus‘ draufpinselt. Dass nämlich ein Überangebot an Waren volkswirtschaftlich auch im entfesselten Kapitalismus höchst bedenklich sein kann, das lernt jeder BWL-Eleve im Grundkurs an der Hochschule St. Gallen oder in Harvard. Dann bspw., wenn die Konjunktur den Klappmann macht.

Bleibt die Frage: Wären auch diese Kaderschmieden des Guten, Wahren und Schönen jetzt mit Kapitalismuskritikern verseucht, die sich unter dem Tarnnetz der Konsumkritik verbergen? Wären sie neuerdings Ausbildungsstätten für Konsomolzen? Doch lassen wir unseren Rappel weiterrappeln. Jetzt nämlich tritt einer dieser berüchtigsten ‚Salonlinken‘ in personam auf, der Kommissar Derrick, ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS also. Da gniggelt dann nicht nur der Verschwörungstheoretiker:

„Gediegene Konsumkritik erinnert ein bisschen an die Krimiserie „Derrick“: Die Handlung blieb mehr oder weniger die gleiche, und das Böse wohnte praktisch ausnahmslos in einer feinen Münchener Villengegend – trat jedoch von Folge zu Folge in unterschiedlicher Gestalt auf. Also mal als reiche Baroness, dann wieder als schmieriger Unternehmer oder zur Abwechslung auch mal als verwöhnter Chefarztsohn. Auf Oberinspektor Stephan Derricks physiognomische Unveränderlichkeit konnte sich der Zuschauer hingegen so fest verlassen wie auf die Herkunft von Konsumkritikern aus dem linken Universitätsmilieu.“

Ich denke ja eher, dass dieses typische Derrick-Setting der Schaulust des Kleinbürgers geschuldet ist: ‚Boah, sogar mit Swimming-Pool!‚. Aber gut, wir halten uns an Marguier und stellen fest, Derrick war in seinen Augen ein dreckskommunistisches Propagandawerk, das uns der öffentlich-rechtliche Linksfunk damals wöchentlich unterjubeln wollte, um die Reichen in Misskredit zu bringen. Auch, wenn diese sozialistischen Drehbuchschreiber die wahren Klassenverhältnisse oft nicht zureichend reflektierten: „Harry, hol schon mal den Wagen!

Was bleibt uns also, nachdem wir diese Marguier’sche Buchstabensuppe auslöffeln durften, als nahrhafter Kern? Die Renata Salecl von der London School of Economics fühlte sich mal überfordert, als sie sich bei ‚Subway‘ ein Brötchen belegen wollte. Darüber hat sie dann einen Text geschrieben. Welch Skandal! Schon räumen Deutschlands Kolumnisten ihr ganzes Kasperltheater leer, schon kommt das sozialistische Krokodil angewackelt, um uns alle zu fressen … denn der Alexander Marguier isst nicht nur gern bei ‚Subway‘, er fühlt sich dort zumindest auch nicht überfordert.

Bild: Frank Vincentz, wikimedia, GNU-Lizenz

Adblock entfernt

Wenn die vereinigte Verlegerschaft als Scoop und statt ihrer überdimensionierten Bettel-Anzeigen mal einen derart durchrecherchierten Artikel ins Blättchen gehievt hätte, dann wäre ihnen viel Ärger erspart geblieben. Und ganz viele Adblocker, wie zum Beispiel ab jetzt auch bei mir. Hier rüstet sich nun – und bis auf weiteres – nur noch ‚Ghostery‘ zur Tracker-Safari und zum Kampf gegen die Schnüffelpest – und natürlich gibt’s einen Flashblocker gegen den werblichen Augenkrebs:

„Das erfolgreiche Add-on entpuppt sich damit schlagartig als perfide konzipiertes Hintertürchen, das sich zudem als Erpressungswerkzeug für jeden Website-Betreiber einsetzen laesst.“

Aber nein – es geht den Verlegern vermutlich gar nicht um Aufklärung und um solch wichtige Artikel, sondern um jene allgemeinen ‚Publikumserwartungen‘, die da lauten: Mit gutem Journalismus ist dort am wenigsten zu rechnen, wo jemand am lautesten damit herumklingelt.

Irreführende Schlagzeilen

Steuerzahler soll nicht mehr für Banken bluten.“

Na, das ist doch mal eine gute Nachricht, denkt sich der arglose Leser. Vor allem so mitten im Wahlkampf. Ganz am Schluss des Artikels, sofern er’s überhaupt so weit schaffte, erfährt er dann, dass die Eigentümer, die Gläubiger und die Anleger zusammen nur einen Eigenanteil von sagenhaften acht Prozent zu erbringen haben. Und wer steht für den Rest mal wieder gerade? Genau! …

Die anderen sind übrigens nicht besser. Im ‚Spiegel‘ erfährt man so rein gar nichts mehr von diesen acht Prozent:

„Aktionäre müssen Banken jetzt selber retten.“

Ach – is nich wahr …

Schlusslicht als Beruf

Deutschlands Medienmacher sind im internationalen Vergleich Schlusslicht in Sachen Kritikkultur: Mehr als ein Drittel der befragten deutschen Journalisten kritisiert selbst nie oder fast nie Kolleginnen und Kollegen; zwei Drittel werden sogar von Kollegen oder Vorgesetzten nie oder fast nie kritisiert. Fazit: Obwohl deutsche Journalisten regelmäßig Politiker und Manager in die Mangel nehmen, sind sie gleichsam unerfahren damit, den kritischen Blick auf sich selbst zu richten.“

‚Unerfahren‘ würde ich das nicht nennen. Abends beim Bier geht’s oft schon hoch her. ‚Nestbeschmutzung‘ kommt nur nie ins Blatt …

Der Limbo beginnt

Wie vorhergesagt – wir treten in die Zeit der Schlangentänze ein. Hubert Burda will plötzlich gar kein Leistungsschutzrecht mehr, jedenfalls dann nicht, wenn Google streng auf der Grundlage ihres Gesetzes plötzlich so gemein zu ihnen ist. Ihr nagelneuer Daddelautomat wird schließlich nur dann richtig bedient, wenn jemand auch Geld in den Schlitz wirft:

‚Der Präsident des Beschwerdeführers, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Hubert Burda, erklärte: „Wenn Google nicht umgehend grundlegend verbesserte Vorschläge präsentiert, rufen wir die EU-Kommission auf, alle ihr zur Verfügung stehenden rechtlichen Instrumente zu nutzen, einschließlich einer formalen Mitteilung der Beschwerdepunkte mit effektiven Abhilfemaßnahmen. Eine faire und diskriminierungsfreie Suche mit gleichen Kriterien für alle Webseiten stellt eine essentielle Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung des europäischen Medien- und Technologiesektors dar.“

Das klingt für mich ziemlich hohl, und stark nach der Ameise, die sich auf dem Rücken des Elefanten halten konnte, nachdem sich der einmal schüttelte: ‚Hubi, würg ihn!‚ Die Sprache wirkt durchweg martialisch: ‚Umgehend‘ und ‚grundlegend‘ soll Google etwas tun, während es in der Folge, bei den Konkreta, doch merklich unkonkreter zur Sache geht. ‚Formale Mitteilungen‘ und ‚effektive Abhilfemaßnahmen‘ soll es subito geben, und zwar mit ‚allen der Kommission zur Verfügung stehenden Instrumenten‘. Sind das jetzt eher ein oder zwei – oder vielleicht gar keine? Es fragt sich also, welche Folterinstrumente das – bitte schön – denn sein sollten? Und was spielen sie auf diesen ‚Instrumenten‘ bloß für eine Melodie: ‚Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus‚?

Schließlich haben die anderen europäischen Länder das Problem ja gar nicht, weil die Verleger dort nicht freiwillig derart vor die Wand gerannt sind. Fakt ist, ein deutscher Sonderweg soll auf der Ebene europäischer Rechtshilfe mit Gold gepflastert werden, weil’s national nicht geklappt hat. Denn – so Burdas kühne Behauptung – eine ‚diskriminierungsfreie‘ Umgehung des LSR stelle eine ‚essentielle Voraussetzung‘ für mehr Rendite dar – also für die ‚erfolgreiche Entwicklung des europäischen Mediensektors‘ (unter ‚europäisch‘ tun wir’s mit unserer deutschen Besonderheit ja längst nicht mehr). Damit meint er wohl, dann, wenn Google den teutonischen Wegelagerern endlich ohne Widerrede die Knatter rausrückt. Am liebsten hätten unsere Ameisen, glaube ich, den kompletten Google-Algorithmus, aber auf einem Silbertablett. Was kommt als nächstes? Fordert ‚Vilsa‘ die Coca-Cola-Rezeptur?

Ich denke mal, Google wird ihnen was husten. Sollen sie sich ihre eigene Suchmaschine basteln, wo ‚Bild‘ und ‚Focus‘ wie von selbst immer ganz weit vorn stehen. Das passt auch besser zum intellektuellen Niveau …

Nachtrag: Die Schweizer Verleger, die ja auch rechnen können, sind übrigens durch das deutsche Beispiel schon mächtig schlau geworden: «Ein Leistungsschutzrecht ist für den Verband kein Thema mehr.»

Beunruhigte Märkte

Liebe Kinder, heute erkläre ich euch mal Wirtschaft. Diese Wirtschaft, das ist jene Veranstaltung, die vor allem von den reichen Leuten am Laufen gehalten wird. Also von denen, die mehr Geld haben, als sie vernünftigerweise ausgeben können. Weil die so viel Geld haben, sind sie auch ganz doll ängstlich. Es gibt auf der Welt nichts Furchtsameres als einen reichen Mann. Manche nennen diese reichen Leute übrigens auch ‚Kapitalisten‘ und sie bezeichnen das panische Hin- und Herrennen mit all dem lieben Geld als ‚Kapitalismus‘. Andere drücken sich vornehmer aus und sagen stattdessen ‚Märkte‘ oder ‚unser Wirtschaftssystem‘.

Der Kern aber bleibt sich gleich – im Mittelpunkt alles Geschehens steht stets der Glaube völlig verängstigter Menschen, dass ihr Geld vor allem sicher sein müsse. Der Gewinnglaube wie auch die Verlustangst dieser Menschen – das ist der entscheidende Motor unserer Wirtschaft. Kein anderer Trieb wirkt in diesem Bereich – nicht Vaterland, nicht Hunger, nicht Not, nicht Vernunft oder Bedarf – es gibt immer nur die Gewinnerwartung und die Verlustangst. Diese Gefühle regieren die Welt.

Solange solche Menschen meinen, morgen würden sie mehr Geld haben als heute, brummt das System wie erwünscht. Die Fachleute sprechen dann von einer ‚guten Konjunktur‘ oder von ‚Wachstum‘. So etwas kann von den Regierungen sogar befördert werden. Als bspw. für Biogasanlagen Gewinne garantiert wurden, baute alle Welt plötzlich Biogasanlagen – und Jauche wurde zu einem knappen Gut, das wir heute sogar aus Holland importieren. Der reiche Mann verlor wegen der Garantien der Politiker seine unaufhörliche Angst und er steckte Geld in duftende Fermenter und in Blockheizkraftwerke hinein – er ‚investierte‘ es, um den Fachausdruck zu verwenden. Und weil dieser Gewinnglaube so übermächtig war, liehen ihm sogar die Banken Kredite, wenn das eigene Geld nicht reichte.

Was aber ist, wenn solcher Gewinnglaube plötzlich platzt, wenn der reiche Mann sein Geld nicht mehr sicher wähnt, vor allem, weil ihm bestallte Weltuntergangsprediger den Teufel an die Wand malen? Derartige Prediger sitzen übrigens zumeist in den Banken, in den Zeitungen und in Verbänden, und sie nennen sich entweder ‚Experten‘ oder ‚Journalisten‘. Regelmäßig beginnt dann, sobald nur genügend Prediger dem reichen Mann Sodom und Gomorrha an die Wand malen und die ganze Herde in Unruhe gerät, ein wahres Rattenrennen: Heraus aus dem Risiko, heißt plötzlich die Parole, und einer steckt damit den anderen an. Denn Risiko und Reichtum, das ist wie Feuer und Wasser.

Die Ware verliert an Wert, die Preise sinken, die Fabrikation stockt, der Absatz schmilzt, der Kredit wird nicht mehr gewährt, der Schuldner wird zur Zahlung gedrängt, der reiche Mann flieht holterdipolter mitsamt seinem Geld in die Pampa. Die Fachleute sprechen dann von einer ‚Krise‘ und von ‚beunruhigten Märkten‘, also von reichen Leuten, die sich plötzlich vor Panik in die Hose pinkeln. Das Geld wäre zwar immer noch da, aber es ist nicht mehr dort, wo es nötig ist.

Solche Krisen lassen sich natürlich erzeugen. Das ist der Fall der so genannten ‚Schuldenkrise‘. Die reichen Leute in ihrer unaufhörlichen Angst steckten nämlich immer schon viel Geld in Staatsanleihen. Sie pumpten also ihren Regierungen Geld, weil es dort als absolut sicher galt. Je mehr Schulden ein Staat machte, desto mehr Geld konnten die reichen Leute sicher bunkern. Dafür verzichteten sie zwar auf ein wenig Gewinn, sie konnten sich aber beruhigt ins Kissen lehnen und den Dackel streicheln.

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Alarm!

Passt nur leider nicht ins forsa-formatierte Weltbild unserer gebenedeiten Qualitätsmedien. Allenfalls der Boulevard trötet los. Das ist schlecht für INSA, aber gut für Merkel: „Rot-Grün wird stärker.“

Wie sagt Tucholsky: „Wichtig ist, was nicht in der Zeitung steht.“

Diese Bauern!

Gerade bin ich im ‚Landtreff‘ auf dies Zitat gestoßen, dort, wo ich einige Studien zur Mentalität einer nerd-fernen Bevölkerung betreibe. Da geht’s derzeit hoch her, wie einst im SPD-Forum zu seligen Hartz-IV-Zeiten.

Ich denke mal, die CDU hat nicht nur in den Großstädten das Gespür für ihre Leute verloren – mit ein paar versprengten Agrarindustriellen gewinnt sie auch in der Provinz keine Wahlen mehr:

„Was für die Nazis die Juden waren, ist für Monsanto die Natur.“

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