Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2013 (Seite 2 von 4)

Danke, es geht!

Unter dem Titel „Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch?“ hat der Frank Patalong vom ‚Spiegel‘ die Netzgemeinde angepinkelt, weil diese es doch tatsächlich wage, immer mehr AdBlocker zu verwenden. Am Ende gar das teuflische ‚Ghostery‘, um endlich das allgegenwärtige Koofmich-Gedudel und Spurenschnüffeln im Netz abzustellen – so, wie auch der Schlachterladen den Hund mit dem Schild ‚Wir müssen leider draußen bleiben!‚ von seinen Wurstwaren fern hält.

Gut, wir wissen seit Patalongs unfreiwilliger Blog-Satire, dass mal wieder die knauserigen Leser Schuld sind, wenn die großen Verlage untergehen, auch, dass schon 25 % der Leser beim ‚Spiegel‘ auf einen Adblocker vertrauen. Es mag ferner sein, dass diese Artikel gar nicht mir gehören. Aber gerade deshalb bleibt der Tracker jener VG Wort, die für die Portemonnaies von Autoren zuständig ist, unter ‚Ghostery‘ bei mir ja auch betriebsbereit. Es ist ja nicht so, dass Abwehrmaßnahmen unterschiedslos alles abschmettern müssen.

Immerhin aber gehört mir der Rechner, an dem ich sitze, nur ich bezahle für das nutzlose Datenvolumen, das mir die vereinigten Werbe-Stalker durch die Leitung drücken, vor allem aber gehören mir jene Daten über mein Surf-Verhalten, die nicht nur Zuckerbergs Fratzenbuch so gern vermarkten würde: Dieses Abwehrverhalten aber sei eine „unglaublich kurzsichtige, die Realitäten ignorierende Argumentation“, schreibt Patalong. Denn darum ginge es ja gar nicht, weder um mich noch um meine Autonomie, es ginge um das Überleben der Verlagshäuser. Ohne diese ‚Realität‘ gäbe es bald gar kein leckeres Lesefutter beim ‚Spiegel‘ mit seinen immerhin 25 % Jahresrendite mehr. Es folgt noch einiges an weiterem Mimimi …

Worum es ‚in der Realität‘ wirklich geht, das verraten uns dann eher die Homepages der Tracker-Bastler. Bei ‚Optimizely‘, einer der allgegenwärtigsten unter allen Privatdetekteien im Netz, heißt es bspw.:

„[It was our goal] to create a world-class optimization platform that was easy to use in an effort to provide a platform for businesses to be able to conceive and run experiments that helped them make better data-driven decisions.“

Es geht also vor allem um ‚Business‘, um Experimente am Leser, der damit im Netz zur Laborratte mutiert, dessen Verhalten in den Experimenten der Marketing-Versuchsleiter analysiert werden soll: Behaviorism reloaded. Entspricht das etwa meinem Selbstbild? Nö, nicht wirklich … und deswegen huste ich denen was.

Auch die Verlage nutzen natürlich diese Daten, um ihre Texte immer ‚leserfreundlicher‘, d. h. ‚wirtschaftsfreundlicher‘ zu gestalten. Eine Headline, die viele Klicks generiert, wäre natürlicherweise dann auch ‚gut‘. Und wohl auch deshalb finden wir plötzlich Jolies fehlende Brüste auf den Frontpages aller Medien. Der Niedergang eines verlagsseitig täglich hochgerühmten ‚Qualitätsjournalismus‘ findet (unter anderem) dank dieser allgegenwärtigen Verwanzung des Netzes statt. Die Verlage veranstalten dabei einen Klick-Limbo, so, als würde ein Schiff dann nicht sinken können, wenn es besonders tief und ‚zugangsfreundlich‘ im Wasser liegt. Wer aber die Ventile aufdreht, der darf sich über die steigende Marketing-Brühe im Rumpf nicht wundern.

Vermutlich gäbe es auch eine Lösung für das Problem: Kein Werbetreibender, der seine fünf Sinne beisammen hat, darf bspw. für Güter des gehobenen Bedarfs die Seiten des ‚Spiegel‘ ignorieren. Statt weiterhin auf Masse zu setzen, statt nur hilflos den ‚Tausenderkontaktpreis‘ immer weiter abschmieren zu lassen, könnte ein solcher Verlag doch ganz arrogant nur eine einzige redaktionell eingebettete ‚Premium-Anzeige‘ je Artikel zulassen. Die ‚dann auch was kostet‘. Schließlich sind sie der ‚Spiegel‘ – dort muss man sich doch gar nicht ‚drücken‘ lassen. Dazu allerdings müssten sie zunächst einmal wieder zum ‚Spiegel‘ werden, auf dem Weg dorthin einiges an boulevardesken Allotria über Bord werfen.

Eine solche Anzeige wäre also richtig viel Geld wert. Auch der Profit der Werbeagenturen bliebe außen vor, die Gewinne aus der ‚Gestaltung‘ flössen zu den Verlagshäusern. Die Sache mit der Kreativität in Agenturen wird eh überschätzt – weiße Nasenringe machen noch kein Genie. Eine solch kleine ‚eingebettete‘ Anzeige dürfte dann auch gerne ein dezentes Klickfeld tragen, was den kleinen Angestellten auf jene Kampagnenseite weiterlotst, wo ihm verklickert wird, weshalb er mit einem edlen Gucci-Hemd, trotz ansonsten nachgewiesener Blödheit, todsicher in die Teppichetagen aufsteigen könne. Falls er solche Märchen glaubt …

Derartige Ansätze erscheinen mir sinnvoller, als weiterhin zuzulassen, dass irgendwelche Marketing-Dackel mit Hilfe von Tracker-Software ganz KGB-mäßig ihre potenziellen Kunden ausspionieren. Denn die reagieren darauf zunehmend vergrätzt. Und zwar umso mehr, je weiter es sich herumspricht, dass eine Abwehr problemlos möglich ist. Für Verlage hat die Welt nun mal aus ‚Lesern‘ zu bestehen, nicht aus ‚Konsumenten‘. Überschreiten sie diese Zonengrenze, dann haben sie den ‚Publicistic Sector‘ verlassen …

Eine gute Antwort auf Frank Patalong findet sich übrigens bei Felix Schwenzel, der mehr auf die technischen Details eingeht und sogar für eine Ausweitung des ‚theatre of war‘ zwischen Lesern und Marketeeren plädiert:

„nochmal zurück zu ghostery, bzw. zum thema, dass die adblocker-diskussion auch eine bugblocker, flashblocker oder sogar javascript-blocker diskussion sein sollte, bzw. eine um datenkraken (übrigens eins der lieblingsthemen des gedruckten spiegels, zumindest wenn es sich um kraken anderer handelt).“

Nebenbei: Diese kleine Ein-Mann-Webseite verwendet kein SEO und nicht einen einzigen Analytics-Tracker. Trotzdem wird sie jährlich knapp eine Million mal aufgerufen …

FDP’ler unter sich?

H„ahaha – Schmarotzer, Intelligenzbefreite und Loser unter sich – eben Bodensatz einer Gesellschaft! Das einzig Gute an Euch ist: Bei der Erziehung unserer Kinder seid Ihr anschauliches Beispiel dafür, wie man es in seinem Leben NICHT machen sollte“.

Solch krude Aussagen kann ich mir bei einer Partei, die sich doch mit Haut und Haaren dem ‚mitfühlenden Liberalismus‘ verschrieben hat, einfach nicht vorstellen. Und selbst wenn, dann meinte er mit solchen ‚Schmarotzern‘ unter Umständen ja die Hoteliers und ihre ominöse Hotelierssteuerbefreiung, die selbst der dämlichste FDP-Parteigenosse inzwischen als grandiosen politischen Fehler erkannt haben dürfte. Vielleicht aber war’s auch niemand aus diesem dahinsiechenden parteipolitischen Lager unserer organisierten Menschlichkeitsapostel, sondern bloß ein namensgleicher Heinz Timmer:

„Eine angebohrene Gabe zum heilen, selbt auf weiteste Entfernung hin um Ihnen bei Ihren Partnerschaftsproblemen, Liebeskummer und vor allem Ihrer Gesundheid zu helfen. Ich kann keine Wunder vollbringen, aber meine Resultate, auf Ihre Anfragen hin, werden Sie sicher in Erstaunen versetzen.

Ja – davor stehe ich dann allerdings und erstaune: Diesem Tele-Humanoiden sollte man sofort das FDP-Parteibuch auf einem Silbertablett überreichen, Geistheiler werden dort gebraucht …

Das Orthographieproblem

In der ‚Zeit‘ findet sich ein Artikel zur Absicht der süd- und mittelamerikanischen Staaten, den Drogenhandel und -verkehr demnächst völlig zu legalisieren. Niemand würde dort dann mehr wegen Drogenbesitzes oder Drogenhandels kriminalisiert, Bush’s ‚War on Drugs‚ wäre endlich auch öffentlich gescheitert, wo er’s informell doch schon längst ist.

Darauf will ich hier aber gar nicht hinaus. Es findet sich nämlich in der Kommentarleiste (die diesen Plänen übrigens weitgehend positiv gegenübersteht) ein Beitrag, dem es zwar nicht an Vernunft mangelt, wohl aber an der Orthographie. Hier ein Auszug, der vor allem auf Schnelltipperei ohne nochmalige Lektüre hindeutet:

„Das sind die erste vernünftige worte die ich seit jahre lese. Wem hat bisher das proibizionismus genuzt in alle westliche länder,ausser bestimmte lobbys? Mit eine lineralirierung aller drogenm hätte man seite der staaten das besser unter kontolle,es ist absurd was manchmal für ein aufwand betrieben wird allein in Deutscland um kleine kiffer die ein paar gram haben zu verfolgen,und das immer erfolglos. Slebst bei harte drogen hat sich die staatmacht meistens auf kleine fische konzentriert,die wirklichen grossen machen munter weiter mit enorme gewinne. Durch eine legalisierung wäre vieleicht möglich zu vermeiden das junge menschen nicht mehr in kontakt mit schwarzmarkt händler(die meistens im kriminellen milieau handeln).

Es findet sich in diesem Elaborat alles, was auch den berufsmäßigen Schreibern bekannt ist: vertauschte Buchstaben, fehlende Endungen wegen zu geringen Anschlagdrucks, ein benachbartes ’n‘, wo eigentlich ein ‚b‘ stehen sollte, oder aber Zweitasteneffekte dank dicker Finger, wie ein ’nm‘ dort, wo’s auch ein schlichtes ’n‘ getan hätte.

Ohne jetzt zum Deutschlehrer werden zu wollen, auch ohne beckmesserisch Fehler rot anzumarkern – eine solch mangelnde Orthographie ist für den Schreiber immer deshalb dysfunktional, weil sie den erwünschten Leser aus dem Text schmeißt. Für wen schriebe man sonst? Der Dichter hat sich zwar einen Wolf getippt, aber ‚für die Tonne‘, so richtig und vielleicht zustimmungsfähig sein Text inhaltlich auch gewesen ist. Denn ein erwachsener Leser hat immer ganze ‚Wortbilder‘ im Kopf, er buchstabiert ja nicht wie ein Erstklässler, sondern er dekodiert vertraute Schemata, ganze Ketten von Buchstaben auf einmal. Ist im Text dann ein Wort falsch oder flüchtig geschrieben, stockt sofort sein Lesefluss, sein Gehirn meldet ihm ‚Moment mal!‘, der Leser ist prompt erst einmal ‚draußen‘ – aus dem Text wie auch aus dem Gedankengang. Und das Wiederanknüpfen kostet ihn Mühe.

Wer also die Orthographie vernachlässigt, wer seinen Text vor dem Absenden nicht ‚lektoriert‘, dessen Gedanken sind ‚für die Katz‘, sie sind so gut wie nie geschrieben. Eine richtige Orthographie liegt daher stets im Eigeninteresse des Schreibers. Das gilt übrigens auch für die notorischen Kleinschreiber, die mir auch eher aufs Nichtgelesenwerden zu setzen scheinen …

Ein Retardierter

Über die ausufernde Gender-Diskussion, die allzu oft auf Gefühligkeit statt auf veritablen Argumenten beruht, wüsste ich auch so mancherlei Sottisen zu Markte zu tragen. Dass daher der Reinhard Mohr gegen Unisex-Toiletten eifert – wobei er allerdings ganz vergisst, dass ja diese Einrichtungen ‚die binären Geschlechterrollen‘ angeblich hinterfragen sollen, dass diese logischerweise deshalb kein Ausdruck wildgewordener „Frauenpolitik“ sein können – das sei ihm geschenkt. Tendenziell stünde ich auf diesem Feld sogar an seiner Seite. Denn auch Transsexuelle wissen meist sehr gut, ob sie lieber die Tür für Männlein oder Weiblein wählen möchten.

Auch beim Rant gegen eine nachträgliche ‚antirassistische‘ Redaktion bewährter Kinderbücher ginge ich mit ihm Arm in Arm. Aus ein paar verlaufenen Gender-Aktivistinnen sich aber gleich eine ‚Bewegung‘ zusammenzureimen, aus einem Kompott von Zeiterscheinungen sich ein Komplott zu erdichten, nur weil er in einer Behördenkantine am Veggie-Tag mal keine Currywurst serviert bekam, das schießt erheblich übers Ziel hinaus. Vollends dann dieser Klippschülersatz, der uns zeigt, dass hier jemand vom Wesen der Sprache keine Ahnung hat:

„Die Sprache ist ein Abbild der Realität.“

Philosophisch gesehen ist das blankes 19. Jahrhundert. Denn das ist Sprache eben nicht! Allerdings ist dieses bemooste Ammenmärchen der beständige Irrglaube aller Wortschmiede in den Public-Relations-Abteilungen, die den Gott ihres ‚Wording‘ anbeten. Hier wachsen dann die ‚Entsorgungsparks‘ und die ‚Lebensleistungsrenten‘. Das bestens gepflegte Missverständnis ist auch der Popanz gewisser Journalisten, die da glauben, dass sie Leute Eins-zu-Eins ‚informieren‘ könnten. Mit den tatsächlichen Verhältnissen beim Sprachgebrauch aber hat das nichts zu tun. Beim Reden oder Schreiben handelt es sich um ein mehr oder minder gekonntes Fuchteln mit Symbolen, allenfalls geeignet, im Hirn der Leser vorgefertigte Frames zu aktivieren. Das gilt dann eben auch für den Gender-Diskurs: Er formuliert Gleichgesinntes für Gleichgesinnte. Der Außenstehende steht ratlos und ohne Schlüssel davor.

Kein Wort also wird jemals die Realität ‚dort draußen‘ abbilden, allenfalls kann es jene Realität in den Köpfen stimulieren, in der gewisse Leute zu leben wähnen: Zwischen dem Wörtchen ‚Kuh‘ und der echten Kuh auf ihrer grünen Wiese, zwischen der ‚Freiheit‘ des Unternehmers und der ‚Freiheit‘ des Clochards, klafft immer eine Schlucht, die mit symbolischen Missverständnissen gefüllt ist, so dass jeder, der diese überqueren will, erst einmal knietief durch Müll waten muss.

Weshalb denn nimmt ein gegelter Börsen-Spekulant die Rede eines beliebigen FDP-Granden wohlwollend zur Kenntnis, während ein frischgebackener Akademiker, gefangen in der Schleife seines Endlos-Prekariats, durch ein- und dieselben Worte vom Lohn der Leistung, von der Freiheit und von dem Segen individueller Lebensentwürfe sich nur noch veräppelt fühlt? Weshalb formt ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung, der sich allzugern fremddenken lässt, beim Genuss eines Artikels aus der Tastatur des Reinhard Mohr gleich einen schäumenden Wortteppich aus blanker Bewunderung? Weshalb stammeln sie in den Kommentaren alle von ‚Mut‘ und ‚Tabubruch‘, obwohl doch im ‚Cicero‘ tagaus tagein ähnliches zu lesen steht? Der Weg an die Spitze solcher Redaktionen ist mit diesen täglichen ‚Tabubrüchen‘ gepflastert. Während andererseits der gebildete Mensch, erblickt er solche altbackenen Journi-Spielchen, wo immerzu Mäuse zu Elefanten aufgeblasen werden, sich bloß noch stirntippend abwendet …

Diese Differenz der Reaktionen entsteht, weil Worte eben nicht die Realität abbilden können. Jeder sprachliche Symbolgebrauch sucht die Tore einer geschlossenen Informationsfestung im Kopf des Rezipienten mit dem richtigen Code – oder Reiz – zu öffnen. Wenn Reinhard Mohr solche Texte wie diesen schreibt, dann stößt er im ‚Cicero‘ eben auf die passenden Leser für diese tägliche Fertignahrung. Er gebraucht die richtigen Passworte und streut ein wenig stilistische Zierpetersilie darüber. Simsalabim! – schon passt der sprachliche Schlüssel zum mentalen Schloss der Meute. Jeder Schreiber schreibt so, wie diejenigen konstruiert sind, die ihm Beifall klatschen. Mit der Realität außerhalb der Köpfe aber hat das nichts zu tun. Schlau werden muss, bis auf Weiteres, noch immer jeder selbst …

Aber, Angela!

Internet hin und her, ich bin trotzdem der Überzeugung, daß eine Fähigkeit zum Lesen erhalten bleiben sollte. Und nicht nur reduziert auf Abkürzel bei den verschiedensten Sorten der elektronischen Nachrichtenübermittlung. Denn es kann nicht schaden und man kann auch ein guter Internetnutzer sein, wenn man über gute Lesefähigkeiten, glaube ich, verfügt.”

Ja, WTF und CU later, Schreibtischtäter, dein Netzwissen ist tbd! Wie darf ich einen solchen Rant verstehen: Alle blöd außer Mutti, oder wie jetzt? Umgekehrt wird doch wohl eher ein Schuh daraus!

Warum sagt der Lady nicht mal jemand, dass alle Internet-Kompetenz zwingend auf der Fähigkeit, gut schreiben zu können, aufbauen muss. Fast mehr noch als dies im Print-Bereich der Fall ist. Und dass jemand, dem es an Lesefähigkeit mangelt, im Internet rettungslos verloren ist. Wahrscheinlich aber hat sie nur bei Twitter oder Facebook mal jemandem über die Schulter geguckt – und so denkt sie jetzt, solche Kritzelkisten und Schreibfahrschulen seien ‚das Internet‘ …

Mimimi!

Die Journalisten, die aus dem Gerichtssaal über den NSU-Prozess berichten, erledigen ihre Arbeit unter Bedingungen, die selbst eine Gerichtssprecherin als „ein wenig clochardmäßig“ beschreibt.

Noch nicht mal Schnittchen!

The Great Snorby

Ich habe mich immer gefragt, weshalb wohl so viele Leute bei Fitzgeralds ‚Great Gatsby‘ in Verzückung geraten. In der FAZ steht jetzt der neueste Hymnus auf diesen Dandy-Roman. Ich dagegen weiß nur, dass ich damals fast eingeschlafen wäre, obwohl es sich doch nur um knapp 200 Seiten handelt.

Da produziert sich – ich rede aus der Erinnerung heraus – eine Generation aus mehr oder minder jungen und stinkreichen Hallodris vor den Lesern (Fitzgerald als Verfasser eingeschlossen), die sich, umgeben von Reichtum, vor Langeweile zu Tode sehnt und säuft. Endlose Partys reihen sich aneinander wie die sprichwörtlichen Perlen auf der Schnur, die Gespräche strotzen vor Banalität, Sottisen à la Dieter Bohlen umflattern das Buffet, niemand scheint je arbeiten zu müssen, Schlaftabletten gehören scheffelweise zum Abendessen, der Arzt ist Dauergast, Eifersucht wird in bunten Cocktails ersäuft, Erlebnisse bestehen darin, dass man ‚dabei‘ war, die Depression huscht als grauer Schatten an allen Wänden entlang, während ständig die Reifen irgendwelcher Rolls-Royces im Kies der Einfahrten knirschen. Kurzum: Ein Reigen absolut uninteressanter Figuren in weißen Anzügen, die Veilchenduft schnattern, wenn sie verliebt zu sein wähnen, oder aber mit halbwegs spitzigen Bemerkungen ihren Degout zu maskieren trachten. Lauter arme Würstchen mit Portfolio. Selbst der berühmte Schlußsatz*, mit dem Generationen von Amerikanistik-Studenten gequält wurden und werden, der tändelt doch bloß mit dem Vanitas-Motiv unter falschen Voraussetzungen, denn auf diesen Parties ‚kämpft‘ doch keiner, und keiner von denen rudert ‚gegen den Strom‘. Und letztlich – sterben müssen wir alle mal. Welch Erkenntnis – was für ein Schmachtfetzen!

Die meisten der Metaphern im Buch sind dabei – gelinde gesagt – noch schräger als meine. Und der unermüdlich herbeigeraunte Gatsby, als er schlussendlich aus den Kulissen tritt, der ist alles, nur eben nicht ‚Great‘.

Zwar weiß ich, dass ich hier gegen einen weltliterarischen Kanon anstänkere. Mir aber scheint die Faszination des Romans bloß im sozialen Ort seiner Sehnsuchtslandschaft zu liegen: Alle DSDS-Gucker finden hier eine Traumwelt mit englischem Rasen und Golfplatz, die endlich mal so banal erscheint, wie sie es sind. Deren Protagonisten aber trotzdem in Reichtum baden. Woran die Leser der Jetztzeit ewiglich scheitern werden … weil sie nicht einzusehen vermögen, dass sie zur ‚Lost Generation‘ von heute zählen, der bei aller Anpassung sogar ein wenig Luxus und Zugehörigkeit verwehrt bleibt. Ein Buch für feuchte Träume im Prekariat … wer dem amerikanischen Reichtum von damals ins Gesicht schauen will, der greife zu William Faulkner – vor allem zur Snopes-Trilogie. Da geht es reeller zu, es gibt sogar ‚Interessen‘.

Nach allem, was man jetzt so liest, soll die derzeitige Neuverfilmung, die all das Raunen im Blätterwald dienstleistungsorientiert auslöste, wie ein ‚überlanger Werbespot‘ wirken. Ja, das passt … aber wer tut sich das an?

*So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.“ (Übersetzung: B. Arbabanell)

Auf der Geisterbahn

Es ist recht interessant, wie viele Tracker, Widgets, Ad-Schleudern und Analytics-Werkzeuge die einzelnen Verlage dem unbedarften Surfer bei jedem Aufruf auf den Browser bugsieren. Am datenhungrigsten – nach meiner bisher keineswegs vollständigen Recherche – erwies sich die ‚Wirtschaftswoche‘, was mich wiederum nicht wirklich erstaunte. Insgesamt 15 Geisterfahrer möchten sich dann auf meinem Bildschirm tummeln, wovon ich u.a. NuggAd, Ligatus, Tremor Media oder auch DoubleClick gleich mal ein Hausverbot erteilte. Mit zwölf Helferlein liegt allerdings auch ein ‚Qualitätsmedium‘ wie die ‚Süddeutsche‘ gut im Rennen, die datenhungrige ‚Welt‘ hingegen greift gleich 14-mal zu spurensichernden Hilfsmitteln. Bei ‚Spiegel Online‘ sind es nur sechs Helferlein – womit man aber immerhin den Bettelbrief verschwinden machen kann, wenn man schlicht ’24/7 Media‘ tilt. Verhältnismäßig ’schleuderresistent‘ sind übrigens der österreichische ‚Standard‘ oder die ‚Jungle World‘ …

Womit ich solche Laien-Untersuchungen betreibe? Nun, mit ‚Ghostery‘, einem kleinen Add-On für den Feuerfuchs, auf das mich der ‚ruepoe‘ freundlicherweise hinwies. Anzumerken ist noch, dass nicht alle ‚Tracker‘ ersatzlos eliminiert werden sollten. Erstens kann manche Leerstelle die Unbeschwertheit des Surfens arg beeinträchtigen, auch beschert bspw. der VG-Wort-Tracker allen Autoren an den Verlagen vorbei direkte Einnahmen. Was aber von ‚Ghostery‘ als ‚Advertising‘ geflaggt wird, das kann man wohl bedenkenlos in den Orkus befördern. So etwas reduziert die Datenlast beim Surfen, was vor allem in Zeiten der Drosselkom nicht ganz unwichtig ist …

Vertrauensverweis

Deutschlands ‚Qualitätsmedien‘ begrüßen mich heute mit einer bescheidenen Bitte, die auf ein koordiniertes Vorgehen schließen lässt. Ich möge doch bitte ihre unverzichtbaren Werbeangebote den Filter meines Adblocker ungehindert passieren lassen:

Der Spiegel

 

Die Zeit

 

Die Süddeutsche

 

Die FAZ

Ich kann die pekuniären Sorgen der Verlage gut verstehen, welcher Anzeigenkunde zahlt schon für Werbung, die jeder im Voraus schon vor die Tür jagt. Ja, ich würde den ‚Angeboten‘ vielleicht sogar Gastrecht gewähren, wenn nicht die Gefahr bestünde – wie just einer Warnung des ‚Spiegel‘ in eigener Sache zu entnehmen – dass all dies Blinkyblinky auch allzu neugierige Trojaner enthalten könnte: Einmal mit der Maus ausgerutscht, schon kannst du deinen Rechner plattmachen. Solange die Zeitungen, denen ich im Prinzip durchaus vertrauen würde, ständig redaktionsfremde Dateien aufschalten (müssen?), bleibt mein Adblocker auch mein bewährter Haus- und Hofhund …

Auf dem weiten Mär

In der Wirtschaftsredaktion der FAZ verzapfen sie ein ganz besonderes Gebräu. Die davon Beduselten zieht es unwiderstehlich hinaus aufs offene Meer, wo ihnen im großen Ungefähr keine Fakten im Wege stehen. Verträumt und unbeschadet von jeder Realität dümpeln sie weitab vom sicheren Hafen der Vernunft herum und verkünden dem staunenden Publikum, was sie im großen Grau in Grau dort zu erblicken wähnten: Vom Leid der dicken Fische singen sie, von kühnen Projekten, die tapfere Unternehmerpersönlichkeiten auf solch schwankendem Grund errichten wollen, von meterhohen Fiskalwellen, die alle Zivilisation und alle Portfolios unter sich zu begraben drohen, und von tagelangen Medienstürmen, welche die stärksten Ruder der Wirtschaftslogik zerbrechen könnten. Mit einem Wort: Es geht immer um Seemannsgarn.

So klingelt uns auch der neueste Shanty eines derart Berauschten in den Ohren, komponiert von Manfred Schäfers, seines Zeichens Berliner Wirtschafts-Chef. Ein düsteres Bild in Moll ist es, das er uns dort auf seinem Schifferklavier zusammenklimpert:

„Plagiatssucher bringen prominente Promovierte zur Strecke. Politiker drohen Bankern mit Knast. Aktuell ist die Meute hinter Uli Hoeneß her.“

Halten wir doch zunächst mal fest, dass bisher doch noch gar keine ‚Promovierten‘, sondern allenfalls pseudo-promovierte Titelerschleicher zur Strecke gebracht wurden. Dass in diesem Land unverändert nicht die Politiker, sondern immer noch die Richter für Knaststrafen zuständig sind. Und dass die ‚Meute‘, die er wie Hyänen hinter seiner schäumenden Gischt aus Phantasmagorien zu erblicken wähnt, am ehesten der eigenen Zunft entstammen dürfte. Anders ausgedrückt: Selber Hyäne!

Doch damit nicht genug – insbesondere die braven Steuerhinterzieher würden zur Beute eines Aas witternden Rudels, obwohl diese doppelt Geschädigten doch notgedrungen schon Einsicht gezeigt hätten:

„Ganz unten in der Hierarchie der Gefallenen stehen die Steuerhinterzieher. … Sie sind zum Freiwild geworden, sogar wenn sie sich selbst angezeigt haben.“

Sogar dann noch? Diese armen Täter, die so gerne Opfer wären! Fürwahr – ganz schröcklich ist es, wie erbarmungslos der Staat bei den Reichen durchgreift, bloß, weil sie es mal wagten, ein Familienessen als Geschäftsessen zu verbuchen:

„Beim kleinen Mann ist die Politik immer noch eher geneigt, wegzuschauen und Fünfe gerade sein zu lassen. Gegen die oben Härte zu zeigen ist dagegen populär. Das gilt für SPD und Grüne, aber auch die Union ist nicht frei davon.“

Wenn’s so wäre, wie er tremoliert, dann könnte das vielleicht auch an den Summen liegen, die in Rede stehen. Faktisch aber ist es meines Wissens so, dass bundesweit erst ein einziger ‚Reicher‘ wegen eines Steuerverbrechens in den Knast wandern musste. Ich rede von Steffi Grafs Erzeuger, der bekanntlich nicht gerade zur Haute Volée zählte. Nichts ist es also mit einer besonderen ‚Unbarmherzigkeit‘ deutscher Richter gegenüber der Bourgeoisie. Aber was kümmert’s den Schreiber: Passen mir die Fakten nicht, dann passe ich die Fakten an!

Zum Schluss wird mal wieder an der Zeitachse gedreht. Erst wären – so die Suggestion des Textes – die rotgrünen Steuerpläne bekannt gewesen, dann erst – und deswegen – sei es zur verständlichen ‚Steuerflucht‘ gekommen. Dabei geht es doch meist um Millionenvermögen, die in den Steueroasen schon das Dolce Vita pflegten, als von solchen Plänen noch gar nichts bekannt war. Die große Regel sieht daher eher so aus: Würden die Vermögenden keine Steuern hinterziehen, dann müsste auch niemand von Steuererhöhungen reden.

Interessieren würde es mich aber schon, ob auf den Wundertrunk der FAZ-Wirtschaftsredaktion am nächsten Tag ein Kater folgt …

„Oh, FAZ, du olen Kasten,
dit Leed schall di een Denkmol sien.
Bi Snee un Reg’n wascht Jan Maat de Fakten,
un achtern suupt se unsen Kööm.
Rolling home, Rolling home … „

Wer übrigens glaubt, es können sich bei einem solchen Text möglicherweise nur um einen einmaligen Ausrutscher der FAZ handeln, der führe sich das neueste ‚Oeuvre‘ des Mitherausgebers Jasper von Altenbockum zu Gemüte …

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