Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2013 (Seite 2 von 3)

Die Rolle der Information

Die Nachricht sei heute nichts mehr wert. „Jede Redaktion bekommt täglich den gleichen Scheißhaufen auf den Tisch“, es komme auf die unterschiedliche Aufbereitung an.

Mit anderen Worten: Die Information ist eine Straßenhure, für jeden zu haben, oder – an die Drastik des Herrn Redakteurs dort angepasst: Der Schreiber benötigt heutzutage schon Stil, will er dieser alltäglichen Scheiße noch entkommen.

Wie aber dieses taz-Experiment aus sagenhaften 90 Minuten Diskussion eine solche Medizin zur Zukunft der Zeitung destillieren will, wonach sie doch alle fahnden, das würde mich schon interessieren. ‚Stil ist böse‘, das Prinzip, das dort ein Diskutant (Constantin Seibt) vertrat, das wäre jedenfalls mal ein interessanter Ansatz. Zumindest würde eine solche publizistische Haltung die stillosen Schlipsgeraderücker, die Elitengruschler und sonstigen Langweiler aus den Redaktionen befördern: „Ihre Artikel taten allen wohl und niemand weh, hier haben sie ihre Papiere …

Tscha, man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Umgekehrt wird’s ein Schuh

In einem Interview empfiehlt der neue Chef der NZZ, Etienne Jornod, zuvor Pharma-Großverkäufer, doch glatt Folgendes, um die gedruckten Medien aus der Krise zu führen: «Von oben bis unten unternehmerisch denken.»

Nee – wat is dat neu, wat is dat’n Schlager! Der Sozialhilfeskandal kommt aus ‚unternehmerischer Sicht‘ eben nicht mehr ins Blatt, der vergrault doch nur die Anzeigenkunden. Das Problem der Medien, Herr Jornod, besteht eher darin, dass seit mindestens einem Dutzend Jahren dort unentwegt nur noch ‚unternehmerisch gedacht‘ wird. Und so sehen die Medien heute aus – auch dank Ihresgleichen. Konsequent und erfolgversprechend wäre es hingegen, euch Marketing-Leute in eurer ‚Anzeigenabteilung‘ wieder einzusperren – und den Schlüssel wegzuwerfen …

Der Endlosschleifer

In Boston ist eine Bombe explodiert.
Deshalb brauchen wir eine extremismusbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Auf der Isar ist ein Kanu umgekippt.
Deshalb brauchen wir eine wassersportbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

In Augsburg sind zwei Autos zusammengestoßen.
Deshalb brauchen wir eine verkehrsbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Beim Frühstück war mein Ei zu weich.
Deshalb brauchen wir eine gastronomiebezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Die CSU braucht jedenfalls mehr Leute wie mich.
Deshalb brauchen wir eine intelligenzunabhängige Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Welches Stöckchen man diesem Bello auch wirft – er kehrt stets mit seinem geliebten Quietsche-Entchen zurück. Dass die USA längst ein FBI mit einer Vorratsdatenspeicherung ‚bis hinten gegen‘ haben, dass sie dort trotzdem den Anschlag nicht verhindern konnten, das fällt unserem Pawlowschen Reflektor niemals auf: Sobald etwas durch die Luft fliegt, stratzt er los. Und generell – ob wir ausgerechnet unseren verblendeten Verfassungsschutzämtern mehr Befugnisse geben sollten, daran dürfen wir nach dem ‚NSU-Desaster‘ doch begründete Zweifel hegen. Manchmal mag die Politik ja dem geduldigen Bohren dicker Bretter gleichkommen, nirgends aber steht, dass sie sich mit dem Hammer immer auf denselben Daumen hauen muss.

Aus dem Wortreich

Die Teilnehmer [des Boston-Marathon], die mit dem Leben davonkommen, können ihr Entsetzen nur schwer in Worte fassen.“ Exklusiv für die ‚Süddeutsche‘ tun die Überlebenden dies dann natürlich trotzdem …

Meines Wissens sind bisher ausschließlich Zuschauer dieses Marathon ums Leben gekommen, aber kein einziger ‚Teilnehmer‘. Generell geht mir die publizistische Betroffenheitslyrik nach solchen Taten nur noch auf den Geist: „Amerika wurde erneut vom Schicksal heimgesucht“, schreibt mir gerade der Newsletter des Handelsblatts, mit anderen Worten der Gabor Steingart, zumindest unterzeichnet er solche Texte. Was ich hingegen mit Sicherheit weiß: Es war bestimmt nicht ‚das Schicksal‘, das diesen Anschlag beging, es waren Menschen; und es war auch keine ‚Heimsuchung‘, sondern der empathiebefreite Wille zu töten, der sich hier verwirklicht hat …

Reporter? – – – Reporter!

David Sarasin ist Reporter beim ‚Tagesanzeiger‘. Kürzlich lernt er unverhofft das Nachtleben an der Zürcher ‚Goldmeile‘ kennen, dort, wo die Jeunesse Dorée der Stadt schon um 15.00 Uhr mit dem Saufen und mit Sonstwas beginnt. Dementsprechend taumelt sie schon um 20.00 Uhr ’stoned‘ durch die Landschaft – dazu in einem aggressiven Wahn befangen, bis hinab zu den Zehennägeln. Verblüfft stellt der Reporter fest, dass er hier wohl in einem ‚Problemstadtteil‘ gelandet ist, während es – verglichen damit – vor einem berüchtigten Hip-Hop-Schuppen auch nicht gewalttätiger zugehen könnte. Im Grunde ist dies ein gutes Thema, weil es den Scheinwerfer umdreht, weil es ein Licht auf die Freizeit jener Figuren wirft, die später mal Pappis Millionen verschieben sollen. Sprachlich zerkocht dieser ‚Reporter‘ allerdings seine Einsicht zu einem zähen Käse-Fondue:

„Würden da nicht ein Maserati und ein Jaguar in gefährlicher Reichweite der Schlägerei parken, man wähnte sich in einem Hinterhof in Baltimore in der Fernsehserie «The Wire». Aber es ist ja nur ein uns unbekannter Teil des Zürcher Nachtlebens, einfach bereits am frühen Abend. Wir flüchteten in den Kreis 4, direkt an die Langstrasse, wo wir uns schon wieder viel sicherer fühlten.“

Da ist zunächst dieser Konjunktiv, der das Geschehen vom Leser weit fort, tief ins Ungefähre schiebt. ‚Gefährlich‘ ist auch nicht die Schlägerei, gefährlich ist bloß das, was dem armen Maserati angetan werden könnte. Die Sozialkritik wird ins schlicht Materielle gewendet und damit gemildert (‚Stell dir mal vor, das wäre dein Maserati!‘). Dabei ginge es doch um die Psyche dieser armseligen Figuren. Dazu der wilde Wechsel durch alle Tempi der Grammatik. Und wieso flüchtet der Mann, statt zu beobachten, bis die Polizei kommt? Er wird doch nicht bedroht, es geht in seinem Geschäft nicht darum, dass er sich sicher fühlt, und last not least nennt er sich Reporter. Warum also nicht so:

„Fliegende Fäuste, spritzendes Blut, dahinter – zum Kontrast – ein Jaguar und ein Maserati am Straßenrand. Das hier ist nämlich kein trostloser Hinterhof in Baltimore/USA, hier prügelt die junge ‚Elite‘ Zürichs stinkbesoffen und im feinsten Armani aufeinander ein. Wir verlassen die Edeljunkiezone an der Limmat mit ihren Pfützen aus Kokainisten-Kotze und den ebenso streitlustigen wie gutbürgerlichen Schlägertypen. Erst in der spießigen Langstraße fühlen wir uns wieder sicher.“

Auch nicht doll, ich weiß – bloß so hingekritzelt. Zumindest aber wäre ein Hauch von ‚Drive‘ – samt Ironie und Sozialkritik – im Text zu erahnen gewesen …

Vielleicht wurden die geklont?


Alternativen im Qualitätsjournalismus: Springer steht für „Enttäuschung und Entfremdung“.
gefunden bei rivva

Eine Frage der Wortwahl

Eine ‚Vermögensabgabe‘, das klingt so verlogen – so, als würde uns mittelprächtigen Steuerbürgern von den Reichen eine ‚Gabe‘ oder ein ‚Almosen‘ zugeschnippt, oder als sollte die Bourgeoisie uns mehr oder minder freiwillig etwas ‚abgeben‘. Fakt ist: Die Reichen haben das Geld durch ihr Vertrauen in windige Banken und schleimige Berater fast ganz allein ‚verzockt‘ – alles, was jetzt ‚Euro-Krise‘ oder ‚Staatsschuldenkrise‘ genannt wird, ist quasi ein Programm zur Rettung der Reichen vor den Konsequenzen ihres Handelns, denn die Banken, in denen sie als Gläubiger ihr Geld zu haben meinten, sind ‚ausgelutscht‘ oder bis auf die Knochen ‚abgenagt‘, ohne Geldflutung praktisch insolvent. Insofern sollten wir auch nicht länger von einer ‚Vermögensabgabe‘ reden, sondern von einem ‚Lastenausgleich‘, wie nach dem zweiten Weltkrieg schon einmal – wahlweise auch von einem ‚Flutopfer‘. Der Ansicht sind längst auch Ökonomen:

„Auch die deutschen Krisenkosten [sollten] von den Vermögenden getragen werden.“

Nochmals Hemingway

Am besten, Sie schreiben so im Hemingway-Stil“, sagte mir ein Kunde vor ein paar Tagen: „kurze Sätze, klarer Aufbau, keine hochgeistigen Exkursionen.“ Der Kunde ist bekanntlich König, auch wenn sein Hermelin längst arg zerschlissen wirkt – deshalb sagte auch ich nichts, schlug aber zuhause die eingestaubte Rowohlt-Taschenbuch-Ausgabe auf, ganz willkürlich den Band 8 auf der Seite 66:

„Die Arena war von diesen beiden Persönlichkeiten beherrscht worden, die in ihrer eigenen Kunst – immer natürlich der Tatsache eingedenk, daß es eine Kunst ohne Bestand, also eine mindere Kunst ist – Velázquez und Goya oder in der Literatur Cervantes und Lope de Vega vergleichbar waren, obwohl ich mir nie etwas aus Lope gemacht habe, aber er genießt das notwendige Ansehen für diesen Vergleich, und als sie tot waren, war es, als ob in der englischen Literatur Shakespeare plötzlich gestorben sei und Marlowe sich zurückgezogen habe, und das Feld Ronald Firbank überlassen blieb, der sehr gut über das schrieb, worüber er schrieb, der aber, sagen wir, ein Spezialist war.“ (Tod am Nachmittag)

Dieser eine ellenlange Satz mit seinen mehr als 100 Wörtern mag ja Zufall sein, festzuhalten bleibt, dass er trotz seiner beachtlichen Länge doch gut verständlich bleibt, auch wenn nicht mehr jeder deutsche Leser weiß, wer dieser Ronald Firbank eigentlich war. Das alles könnte nun Zufall sein, also schlagen wir das bekannteste Werk des Autors wiederum an einer beliebigen Stelle auf (Bd, 4, S. 215), also ‚Der alte Mann und das Meer‘. Durchschnittlich geht’s bei der Satzlänge in dem Buch immerfort so zu:

„Im Dunkeln konnte der alte Mann das Kommen des Morgens fühlen, und während er ruderte, hörte er einen surrenden Laut, als fliegende Fische das Wasser verließen, und das Zischen, das ihre starr gestellten Flügel machten, als sie in der Dunkelheit davonsegelten.“

Mit 42 Wörtern ist auch dieser Satz noch so lang, dass jeder Marketing-Lehrer seinem Eleven dieses Elaborat um die Ohren schlagen würde (‚Mein Gott, Meyer, wie oft soll ihnen das noch sagen: Kein Satz darf länger als zwölf Wörter sein, sonst versteht ihn der Kunde nicht mehr‚ [24 Wörter]). Ja, Pustekuchen!

Die gerühmte Leichtigkeit und Transparenz des Hemingway-Stils ist – meines Erachtens – etwas, das keineswegs auf kurzen Sätzen oder Parataxen beruht, also auf grammatisch möglichst gleichförmig gestrickten Sätzen. Hier wirkt vielmehr schlicht der Gebrauch kurzer Wörter, verbunden mit der Abwesenheit jeder Fachsprachlichkeit. Die Länge der Sätze hingegen – so von einer Meisterhand in kunstgerechter Statik errichtet – ist überhaupt kein Problem. Bei Hemingway wird der Wortschatz des Lesers nie überfordert durch ein überhebliches Sich-Suhlen des Autors in pretiösen Wortperlen und abgehobenen Gedankenspielen. Er hat – um mit Schopenhauer zu sprechen – die Gabe, mit gewöhnlichen Worten Ungewöhnliches zu sagen.

Die vielgerühmte Lapidarität, die auch viele Journalisten meinen, in Erinnerung zu haben, die ist wohl eher eine Erinnerung an die Hemingway’sche Dialogführung. Die Vertreter dieser ‚Lost Generation‘ sind redefaul, sie knurren ihre Statements widerwillig zwischen den Zähnen hervor, sie stellen ihre Gefühle nie zur Schau, nie labern sie – wie bspw. ein Settembrini im ‚Zauberberg‘ – mit ellenlangen Exkursen in die nahe und ferne Geistesgeschichte dem Leser die Hucke voll: Exkurse, wie sie in der Natur, außerhalb der Kathederwelt, doch nirgends jemals zu finden sind. Thomas Mann ist eben ein Künstlerer, Hemingway ein Künstler.

Waschmittelreklame

Wat is dat slimm – die SPD hat für den Politmarkt einen Kommerzmarkt-Slogan gewählt, und prompt fürchtet die Firma, die von diesen Agenturschnüffels beklaut wurde, sie könne mit den roten Schlümpfen und Hillbillys verwechselt werden. So entstehen sie, die Plagiatsaffären – aus Dummheit nämlich. Sei’s, dass es zur Promotion sonst nicht gereicht hätte, sei es aus einem kommerziell, zynisch und behavioristisch aufgefassten Polit-Marketing, wo jemand glaubt, der Wähler entscheide sich nicht für Konkretes, sondern immerdar für die dämlichsten Sprüche:

„Das Wir entscheidet.“

„Gemeinsam an irgendein Ziel.“

„Hand in Hand durchs Feindesland.“

„It’s us, stupid!“

„Im Team zu IHM!“

„So sind die Banden, die uns binden.“

Oder aber nahezu synonym zum gewählten Spruch und absolut retro-mäßig fürs Sozzen-Herz formuliert:

„Das Kollektiv entscheidet.“

Ob nun Zeitarbeitsfirma oder Sozialdemokratie – mir geht das verlogene Geblöke und Slogan-Gebolze nur noch auf den Senkel …

Ave, Maria!

Scharfe Worte von Österreichs Finanzministerin Maria Fekter: «Nicht wir sind das Problem, sondern Grossbritannien ist die Insel der Seligen für Steuerhinterziehung und Geldwäsche.»

In allen Steueroasen zeigen solche gewendeten Goldmariechen jetzt mit dem Finger auf das nächstbeste ‚Paradies‘. Wer allerdings glaubt, dass unser Muskelmann Schäuble diesen Wandel bewirkt habe, der irrt: Der ‚Wind of Change‘ kommt eindeutig aus Washington. Deshalb ändern Luxemburg und Österreich ihr bewährtes Geschäftsmodell, und die Talking Heads dort verkünden, nun endlich allen Steuerallergikern die rote Karte zeigen zu wollen, obwohl es solche Schurken bei ihnen doch nie gegeben haben soll … bzw. sagen sie dem Schäuble jetzt, wo diese Bartels ihren Most verstecken.

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