Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2013 (Seite 1 von 4)

Diese Ungewissheit!

Alte Herren und Kometen werden aus dem gleichen Grund verehrt,“ sagt Jonathan Swift: „wegen ihrer langen Bärte und der Behauptung, dass sie die Zukunft vorhersagen könnten.“ Nun, unsere Talkshow-Möbel tragen zwar nur noch selten Bärte, aber die Behauptung, dass sie den Ausgang der Zypern-Krise, die Zinsentwicklung an den Börsen, das Klima in hundert Jahren voraussagen könnten, diese Behauptung eint sie doch. Manchmal liegen sie damit sogar richtig – dann werden sie berühmt und immer wieder eingeladen: „Man kann von Propheten nicht verlangen, dass sie immer irren“, sagt Voltaire dazu.

Der gemeine Journalist hingegen, dem eine falsche Prophetie am folgenden Tag schon unter die Nase gerieben würde, dann, wenn sich die treulose ‚Nachrichtenlage‘ mal wieder gewandelt hat, der muss immer beide Enden der Wurst bedenken. Deshalb hat er sich zum publizistischen Gebrauch eine Wortstanze gedengelt, die er „mit ungewissen Ausgang“ nennt. Verstreut er diese im Text, steht er Wochen später noch immer am richtigen Ufer der Wahrheit:

„Experiment mit ungewissem Ausgang.“

„Laborversuch mit ungewissem Ausgang.“

„Otjivero – ein Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang.“

„Rückkehr mit ungewissem Ausgang.“

„Sparen mit ungewissem Ausgang.“

„Wüsteneinsatz mit ungewissem Ausgang.“

Was der Journalist in all diesen Fällen uns mitteilen möchte, ist ungefähr folgender Sachverhalt: „Nix Genaues weiß man nicht!“ – oder in Bergmannssprache: „Vor der Hacke ist’s immer duster.

Allen Lesern des ‚Stilstandes‘ angenehme Ostertage …

Wie meinen?

Heute präsentiere ich euch mal einen echten Brabbel, auch Wortauffädler, Lauthals oder Stimmvieh genannt. Gefunden habe ich ihn – na klar! – bei unserer unnachahmlichen Jennifer Nathalie Pyka, die mit dem Duft ihrer köstlichen Buchstabensüppchen, die sie uns arglosen Lesern beim ‚European‘ immer wieder anrührt, vor allem Trolle aus ihren Höhlen lockt, so wie die Kerze die Motten:

„Wer nicht lernen kann zu tolerieren u. die kommunikative Auseinandersetzung zu suchen und nur darauf erpicht seine persönliche Meinung – auch mit Gewalt – wobei Fähnchen und Luftballons auch eine Form von Gewalt sein können – zu vermitteln, ist viel näher am Nazitum, als aller anderen, denn nicht jeder Pilz im Wald ist wirklich genießbar.

Ach Gott, ach Gott, er hat ja so recht: Wo sollte das bloß hinführen, wenn jeder dem anderen seine persönliche Meinung vermitteln wollte? Vermutlich zum Aufblasen gewalttätig platzender Luftballons. Da kann man sich allerdings gleich die Hakenkreuzbinde überstreifen, statt hinterrücks mit Fähnchen zu morden – oder so ähnlich jedenfalls. Herr Ober – bitte noch zwei Pilz!

Vermehrter Unsinn

Immerhin hat die schwatzgelbe Landesregierung in Hessen die Kalkulation für ihr Renommierprojekt, den Flughafen in Kassel-Calden, nur um knapp das Vierfache überschritten: Statt 70 Mio. sind es bloß popelige 271 Mio. Euro geworden, Geld, das der hessische Steuerzahler bekanntlich aus der Kaffeekasse bezahlt. Davon jedenfalls kann sich der Geldverschwender Wowereit mal ’ne Scheibe abschneiden – der mit seinem Rudolf-Scharping-Flughafen dort im märkischen Sand!

Weshalb aber kein Journalist nachgefragt hat, als der Jörg-Uwe Hahn (FDP) uns seine ‚Erfolgsgeschichte‘ auftischte, als dieser hessische Luft- und Traumfahrtminister zum Beispiel der schreibenden Zunft sagenhafte Flugverkehrs-Erwartungszahlen aus seiner politischen Projektleitung nannte, das ist mir ein Rätsel: „20 Landungen und 22 Starts pro Woche sind bislang laut Flugplan vorgesehen“, schrub uns darüber der Thomas Holl in die FAZ. Vermutlich kommt’s ja deshalb zu diesem beachtlichen Jet-Lag, weil solch zukunftsträchtige Flugzeuge im vermehrungsfrohen Hessen nächtens in ihren Hangars Junge bekommen …

Trotzdem, Leute: Fußpilz, Hämorrhoiden, Volker Bouffier – diese Welt ist und bleibt ein lebenswerter Ort!

Verrutschte Maßstäbe

Tamedia zählt zu den großen Medienhäusern der Schweiz. Dort will man jetzt 34 Mio. Fränkli einsparen. Und warum? Nun, ganz einfach:

„Die Gewinnmarge (Ebit) war auf 13,6 Prozent gesunken.“

Bei solchen Renditen gucken nämlich auch Schweizer Verleger sorgenvoll, weil sie um ihren Wohlstand bangen. 34 Mio. – das wiederum entspräche dann ungefähr 560 Redakteurstellen, jede von mir pauschal und brutto zu 5.000 sfr. Monatslohn gerechnet. Würde aber morgen irgendwo eine randständige Bank – sagen wir in Malta, Luxemburg oder Slowenien – ihren Kunden wieder eine Gewinnmarge von immerhin sechs Prozent anzubieten wagen, dann zeterten sie dort in allen Leitartikeln erneut über einen ‚aufgeblähten Bankensektor‚ …

Merke: Dasselbe ist noch lange nicht das Gleiche …

Bäh-Wörter

Es ist eine etwas längliche Formulierung, die dort als Ausweg aus der Zypern-Krise im ‚Handelsblatt angepriesen wird: „Eine allgemeine Abgabe auf sämtliche Vermögen könnte eine tragfähige Lösung sein.“ Das Wort ‚Vermögenssteuer‘ aber, das doch sehr viel kürzer und präziser dieses ökonomische Wunderelixir bezeichnen würde, das gerät dem Schreiber vom DIW partout nicht in die Tippfinger. Tscha, das muss dann wohl Ideologie sein … oder Rücksicht auf die Leserschaft.

Im Grunde verhält es sich ähnlich wie mit den ‚Lohnuntergrenzen‘, für die plötzlich auch Union und FDP zu haben sind. Nur von einem ‚Mindestlohn‘ würden sie nie im Leben reden …

Kommentare gewichten

Aus Kommentaren lässt sich viel lernen, vor allem, wenn die Zustimmung des Publikums zum jeweiligen Kommentator offen sichtbar wird (solch eine Feedback-Funktion wäre übrigens auch für die Artikel im Dutzendjournalismus sinnvoll). In diesem Beispiel, im bürgerlichen ‚Tagesanzeiger‘ der Schweiz, kommentiert ein bürgerliches Publikum die bürgerliche Sicht auf ein Ereignis, das die Schweiz gar nicht unmittelbar betrifft: Es geht um die ‚Einigung‘ der Troika mit Zypern. Ein Like- und ein Dislike-Button ermöglicht es den Lesern, die Relevanz der Beiträge zu gewichten. Ich liste einfach einige der Kommentare, die besonders viel Zustimmung fanden, um einer bürgerlichen Sicht auf die Ereignisse näher zu kommen:

„Immer wieder erstaunt es mich, dass ausgerechnet die Banker protestieren. Ausländern haushohe Zinsen anbieten, die Gewinne abschöpfen, und wenn dann das Land vor die Wölfe geht, gleich wieder die hohle Hand machen. Wie der „wütende“ Banker vorgestern: die EU solle „Zypern moralisch und finanziell unterstützen“. Ja, natürlich … aber damit die Zyprer-Banker das Geld als Zinsen an Russen weitergeben?

„Zypern wird nicht gerettet. Nur die EZB und die Banken, die fehlinvestiert hatten. … Die Papierversprechen sind null und nichtig. Der einzige Weg, an wirkliches Geld zu kommen, ist, die Ersparnisse der Leute abzugreifen. Enteignung nennt man das. Das ist die Blaupause für die Rest-EU.

„Die Legitimation des Vorbildes, welches der Kapitalismus für „alle“ haben soll, verliert dieser immer mehr… Heute Zypern und morgen? Verlieren die Menschen in einer Sitzung per Dekret alles, worauf diese aufgebaut haben. … Gigantische Raubzüge …

„Das Problem ist – wie überall – die Verbandelung der Hochfinanz mit der Politik und die daraus entstandenen Korruptionen.“

„Was hier abläuft ist ein Krieg. Noch ohne Waffen. Die Gegner verstecken sich hinter den Banken. Nein, die Banken sind nicht Täter. Das Bankwesen ist Opfer, oder anders ausgedrückt, der Mantel eines gefährlichen Systems.

So weit diese kleine Übersicht. Wer will, soll selber nach Relevanz fahnden. Es zeigt sich, dass derzeit in einem bürgerlichen Publikum diejenigen Thesen – und zwar ganz ohne pöbelhaften Schaum vor dem Mund – am meisten Zustimmung finden, die das Ende des Laissez-Faire-Systems unserer jüngsten Vergangenheit konstatieren. Das ist ein fundamentaler Wandel, vergleicht man ihn mit dem Individualismus-Getute vom Anfang des Jahrtausends. Die Menschen fühlen sich längst wieder ‚als Kollektiv‘ betroffen. Gecko ist von gestern …

Was aber kriegt unserer bürgerlicher Antik-Journalismus davon mit? Nichts. Er schreibt meilenweit an den Ansichten seiner Bürger vorbei, immer noch direkt aus dem Wolkenkuckucksheim der Hochfinanz heraus. Eine Funktion der Kommentar-Gewichtung könnte da neue journalistische ‚Leitlinien‘ generieren, ohne populistisch zu werden. Denn am meisten Zustimmung erntet im ‚Tagesanzeiger‘ nicht das rassistische Off-Topic-Gegröhle auf intellektuell besonders tief gelegtem Niveau, hoch gewichtet werden zumeist die ernsten und vernunftgelenkten Beiträge …

Die Kunst, den Ruf zu lädieren …

Wenn ich, bis vor einigen Jahren zufriedener Abonnent der FAZ, die FAZ und die anderen sogenannten Qualitätsmedien inzwischen überwiegend nur noch als “Journaille” sehen kann, hängt das mit der Haltung der FAZ und dieser Medien zur digitalen Revolution zusammen.“

Und natürlich mit der fachgerecht zu Konfetti geschredderten Abmahnung dort im Text, in meinen Augen ein historisch-juristischer Schwank, von der Geisteshaltung her verfasst in jenen fernen Tagen von Aranjuez, als die Presse noch wahrhaft die Machtworte sprach. Heute nurmehr eine Turnübung auf der Content-Matte – gelenkige Decksmatrosen, die im Publikum das Bild vom großen Scapa Flow der Presse zunehmend prägen …

Hinweis: Auf Grund des überaus regen Publikumsinteresses für Klaus Graf, unter welchem der Server gewaltig ächzt, benötigt der FAZ-Werbe-Link zu ‚Archivalia‘ dort oben etwas mehr Zeit als üblich … für Ungeduldige deshalb hier ein Alternativ-Link zu diesem Text, der gerade höchst virale Eigenschaften entwickelt. Stichwort: Streisand …

Zu kurz gedacht …

Ohne die alles übertünchende Euro-Krise könnte die Koalition schon lange nicht mehr verstecken, dass die Regierung längst aufgehört hat, zu regieren.“

Diese Koalition hat nie angefangen zu regieren. Allenfalls trieb der Druck der Ereignisse sie zu unumgänglichen Beschlüssen (Atomausstieg) oder unsere Politikfiguranten arbeiteten – getrieben vom Lobby-Druck – ihre Dienstleistungs-Aufträge ab (Hoteliers-privileg, Leistungsschutzgesetz usw.). Eine Idee aber, wozu sie auf der Welt und an der Macht sind, haben sie nie gehabt …

Die öffentliche Meinung

Alle Hunde, die ihren Hof bewachen, haben sie von der Kette losgelassen; alle hungrigen Zeitungsschreiber mußten ein Geschrei erheben, ehe man ihnen die Schüssel füllte, und dieses Gebell und Geschrei sollen das Konzert der öffentlichen Meinung bilden.“
Ludwig Börne: Briefe aus Paris, 70. Brief

‚Einer‘ für ‚Alle‘

Wie man aus einem schnell mal ganz viele macht:

„ALLE gegen den Euro-Gegner … Erst als Anti-Euro-Politiker Bernd Lucke forderte, den Euro abzuschaffen, platzte EINEM seiner Gegner der Kragen.“

Ältere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑