Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2013 (Seite 2 von 4)

Neuro-Marketing:

Jener Teil fortschrittlicher Konsumentenforschung, wo sich Werbeagenturen einen Computertomographen anschaffen, bloß um festzustellen, dass auch das nicht funktioniert.

Ein ‚Ego‘ genügt nicht

Nach Informationen des Handelsblatts hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Wohnräume von Dorothee Schöneich durchsucht. Schöneich ist Gesellschafterin und Herausgeberin der Zeitschrift „Finanzwelt“.

Sie mag sich entweder als schuldig erweisen oder uns nur von Natur aus gern die Wirtschaftswelt in Himbeerpastell ausmalen – jedenfalls war es überfällig, dass sich eine deutsche Staatsanwaltschaft auch einmal dem medialen Rotlichtbezirk im Business widmet. Jede Quacksalberei braucht schließlich einen Trompeter – oder zumindest ein Äffchen, das mit den Klunkern aufs Tamburin haut …

Journalistische Vorbilder

Vermutlich bin ich tatsächlich ein wenig gestrig, wenn ich mir anschaue, wer mir im deutschsprachigen Journalismus als Schreiber jemals imponierte (halbwegs nach Ressorts gegliedert):

Wirtschaft: Leopold Schwarzschild
Theater: Siegfried Jacobsohn
Historisches: Theodor Fontane
Politik: Carl von Ossietzky
Rückgewandtes: Friedrich Sieburg
Architektur & Film: Siegfried Kracauer
Reportage: Egon Erwin Kisch
Zeitgeist: Kurt Tucholsky
Petitessen & Abseitiges: Alfred Polgar
Pasquill: Eckhard Henscheid
Reise: Alfons Paquet
Medien: Karl Kraus
Gesellschaft: Alfred Kerr
Feuilleton und Causerie: Joseph Roth
Sprache: Hans Reimann

So – das war jetzt das, was mir aus dem Stand einfiel. Von all denen lebt heute nur noch der Henscheid. Gut, so ist das eben mit dem alten Käse, der wird nach längerer Zeit erst reif. Vielleicht bekommt der Jörges posthum ja auch noch mal ’ne Werkausgabe …

Egoismus macht doof!

In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es: „Die betrügerisch erlangten bzw. veruntreuten Anlagegelder sollen hauptsächlich für den extrem aufwändigen und exzessiven Lebensstil der Beschuldigten (…) verwendet worden sein.“

Betrachten wir ergänzend die Fotos dort, dann fragt sich prompt jeder halbwegs vernünftige Mensch, welchen Limbo der IQ eines Vermögenden wohl aufs Parkett legen muss, bevor er solchen gegelten Party-Löwen sein Geld anvertraut. Und welcher Unfall alle Menschenkenntnis außer Gefecht gesetzt hat …

Also kein Mitleid – weder mit den einen, noch mit den anderen. Egoismus bleibt die Ideologie derjenigen, die da meinen, es wäre jeden Tag Silvester. Und wenn uns Neoliberalismus und ‚Rand Corp. 2.0‘ zu ‚Egos‘ machen könnten, so wie es Frank Schirrmacher glaubt, dann zögen wir alle in einen riesengroßen Kindergarten, bis die Blase platzt oder – treffender – bis der Schneeball in der Sonne schmilzt …

Rechtspauvrismus

In den ’neuen Medien‘ mangelt es dem Rechtspopulismus, dieser armen Socke, zunehmend am ‚Populus‘ und an dessen Interesse:

„Der “Weltwoche”-Videokommentar von Roger Köppel und Philippe Gut mausert sich im vierten Jahr seiner Existenz zum echten Youtube-Burner!“

Der Hobbyphilosoph

Es gibt nichts Humaneres als Egoismus.“

Glauben wir dieser flinkjournalistischen Denkbemühung, dann sind Nächstenliebe, soziales Engagement und Altruismus natürlich total inhuman – und die Dorothea Siems hat soeben ein kleines Brüderchen im Geiste bekommen.

Aber warum eigentlich stoßen wir immer in diesen Magazinen ‚mit Anspruch‘ – wie hier beim Cicero – auf ein extra tiefgelegtes Abstraktionsniveau? Vermutlich ja deshalb: Wer sich auf kontraintuitive Ansichten als journalistische Masche kapriziert, der benötigt schon ein überdurchschnittliches Geistesvermögen, um dabei als großer Tabubrecher zu gelten – und eben nicht als kleiner Depp. Bloß zu behaupten, die Steinzeit sei die fortgeschrittenere Zivilisation gewesen, genügt dann einfach nicht …

10-Punkte-Pläne

1. Abwarten
2. Tee trinken
3. Ruhe bewahren
4. Abwiegeln
5. Ablenken
6. Aktiv scheinen
7. Besorgt gucken
8. Ins Blaue drohen
9. Überprüfungen prüfen
10. Graswuchsmittel bestellen

 

Journalisten-Soziologie

Zeitungen sind in ihren Kernressorts erschreckend homogen: 40-50jährige Familienväter. (So wie ich auch). Wenig Frauen, kaum Ausländer, die Jugend hat noch keine Chance (und arbeitet oft billig in Sweat-Shops), die älteren werden frühpensioniert. Kurz: Es ist ein Mittelstandsmilieu, arbeitsam, aber ein wenig provinziell.“

Das schreibt uns der Constantin Seibt über dies ewig junge und freche Medium. Und der sollte es ja eigentlich wissen …

Ego sumus?

Der Mensch löse sich zusehends von seinen sozialen Bindungen und vereinsame (‚Minimum‘, 2006), der informationelle Overkill vernichte unsere kognitiven Fähigkeiten (‚Payback‘, 2009), die Spieltheorie aus dem kalten Krieg erzeuge den marktkonformen Kapitalismus, wo wir nolens volens alle zu egoistischen ‚Role Models‘ werden müssen (‚Ego‘, 2013) – der durchgängige Kassandraton ist die große Konstante in Frank Schirrmachers Büchern. Dieser leitmotivische Wagner-Sound eines drohenden Untergangs jener Welt, wie wir sie kannten, macht ihn zum konservativen Vordenker der Republik. Anlässe und Ursachen aber wechseln wie das Pret-à-Porter auf einer Modenschau, wobei allenfalls das Internet die immergleiche Bühnendekoration bietet.

Jetzt also hat er die Mathematiker zu fassen, die seltsamerweise bei ihm als ‚Atomphysiker‘ oder ‚Quants‘ figurieren. Mein Bruder, der Mathematikprofessor, würde ihm für diese Eskamotage was husten: Physiker und Informatiker – meint der nämlich – seien bloß jene niederen Klempnergesellen, bei denen es zur höheren Mathematik nicht gelangt habe.

Hier als Referenz die etwas vereinfachte Grundthese Schirrmachers: Die sozialtheoretischen Gewinnberechnungen ‚machtpolitischer Spiele‘ aus der Zeit der Chrujstschow- und Breschnjew-Ära konnten deshalb ganz stiekum in die Ökonomie einsickern, weil die RAND Corporation und andere Denkfabriken ihren mathematischen Spezialisten dort nach der Implosion des Sowjet-Imperiums nicht mehr genügend Arbeitsmöglichkeiten boten. So migrierten diese Algorithmen-Bändiger in die Bankentürme, um dort ihr Spiel der Spieltheorie fortzusetzen, als einen ‚kalten Krieg‘ auf ökonomischer Grundlage.

Geboren wurden dort jene Algorithmen, auf denen der Sekundenhandel, die Rohstoffwetten und anderes Allotria heute beruhen. Hierbei legen diese Masterminds ein ‚EGO‘ als durchgängiges Menschenbild zugrunde, sie gehen also von einem eher unangenehmen Typen aus, der als Massenmensch immerfort nur seinen eigenen ökonomischen Vorteil verfolge – für ihn würden alle Mitmenschen zu ‚Sowjets‘ des Marktes, die es zu besiegen gelte. Dieses ökonomische Monadentum, so Schirrmacher, sei schrecklich. Also nicht die Akkumulation von Kapital sei zu verurteilen, sondern die massenhafte Existenz solcher Figuren fern aller Humanität, wie auch das frankenstein’sche Fortleben des ‚Kalten Krieges‘ auf den Teppichetagen der Banken:

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