Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2013 (Seite 1 von 4)

Die Abschreiber

Ganze Passagen seien eins zu eins von einer Stellungnahme abgeschrieben, die der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) ein Jahr zuvor veröffentlicht habe.“

Süsswoll – das Regieren ist in schwarzgelben Zeiten ganz einfach, das kann heutzutage jeder Trottel: Um bspw. ein Ministeramt auszufüllen, brauchst du noch nicht einmal ein Gehirn, sondern nur einen Kopierer für die Gesetzgebung im Geiste erkenntlicher Freunde. Diesen Kopierer darfst du ruhig ‚Gutti‘ oder ‚Annette‘ taufen …

Leitartikler lieben Eintopf

Verlass hingegen ist auf deutsche Kommentatoren. Beseelt von der Überzeugung, dass alle Macht vom Leitartikel ausgehe, reagieren sie persönlich beleidigt, weil mehr als die Hälfte der Italiener die Empfehlungen aus Deutschland ignorierend nicht für Programme zur Selbstverarmung (Monti) oder zur Selbstverarmung (Bersani) gestimmt hat, sondern für Grillo und Berlusconi, also für zwei „Klamauk-Künstler“ (FAZ) bzw. „Komiker“ (SZ) bzw. „Clowns“ (Steinbrück). Pressevielfalt ist, wenn alle, inklusive der eigenen politischen Klasse, dasselbe meinen, es aber anders sagen.“

Schöner Text. In den deutschen Medien merken die Verlagsgranden noch nicht einmal mehr, dass sie alle wie Nudelmaschinen das gleiche Programm abspulen, nur, weil sie an unterschiedlichen Stellen in den Wortschatz gegriffen haben. Ob aber ‚Komiker‘, ‚Klamauk-Künstler‘ oder ‚Clown‘ – darauf kommt es gar nicht an. Kurzum: Diese Presse hat zwar viele Falten, aber keine Vielfalt …

Nachtrag: Am nächsten Tag verurteilte die FAZ Steinbrücks Äußerung, der von „Clowns“ gesprochen hatte, als gaaanz furchtbar undiplomatische und unentschuldbare „Schmähung“; die „Klamauk-Künstler“ hingegen, von denen die Frankfurter selbst 24 Stunden zuvor gesprochen hatten, fielen da vermutlich schon unter die Rubrik hochdiplomatischer „Finesse“ im Ausdruck …

Der Dichter spricht:

Vertiefte ökonomische Kenntnisse wurden von Dichtern und Denkern ja auch nie verlangt.“

Eben, eben – und in diesem Fall heißt der kühne Dichter Reinhard Mohr. Als neoliberaler Geisterfahrer erzählt er uns die Geschichte von den vielen Geisterfahrern, die er aus ganz Europa auf Germaniens treudoofes Sparmobil zurasen sieht. Motto: ‚Alles Rowdies, außer Deutschland!‘. Am Schluss wird die Story dann ein wenig schlabberig, weil nach fünfzig Zeilen schon alle Argumente tot über die Leitplanke flogen. Der Leser wischt sich die fiebrige Stirn und fragt: ‚Was hat er gesagt, was soll ich jetzt machen …?‘. So ist das im modernden Qualitätsjournalismus halt …

Wie das Thema aussieht, wenn man’s mit ein wenig Recherche statt mit Neo-Lyrikalismus angeht, sieht man übrigens bei ‚arte‘: „Die Geretteten sitzen – anders als häufig vermittelt und von vielen angenommen wird – nicht in den ärmeren Eurostaaten, sondern hauptsächlich in Deutschland und Frankreich. … „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ ist der leidenschaftlichste Film, der je zur Bankenkrise gemacht wurde.“ Da hat jemand tatsächlich mal eine spannende, neue Story verfasst, und nicht den ewiggleichen Langweiler von den fleißigen Deutschen und den unverantwortlichen Europäern abgenudelt, die allesamt über ihre Verhältnisse gelebt hätten, während wir hier höchst frugal an den harten Schwarzbrotrinden nuckelten …

Ou sont les neiges d’antan?

Bis anhin bedeutete Qualität im Journalismus vor allem einen Industriestandard an Nicht-Enttäuschung. Das primäre Ziel war, die Leser nicht zu vertreiben. Dazu musste eine Zeitung vor allem Fehler vermeiden.“

Und die Verleger nannten das Resultat höchst vollmundig den ‚modernen Qualitätsjournalismus‘. Dieses Zitat steht hier nur als Hinweis auf einen runderleuchtenden Text von Constantin Seibt zur Zukunft der Zeitung …

Mutti ist schlau

Für den Lobgesang auf ihre desolate Regierung braucht Angela Merkel die Unterstützung der Privaten, sonst mag es ja niemand mehr tun – und alle Restjournalisten dort werden brav ‚liefern‘, denn der Arbeitsmarkt macht es leicht, Wahrheitsapostel oder aus anderen Gründen Widerstrebende auszutauschen: „Koalition will Google-Steuer durchs Parlament peitschen.“ Interessen werden also ausgetauscht – so sehe ich das – denn rasch naht der September 2013, da nehmen sie den absehbaren Ärger mit dem Verfassungsgericht gern in Kauf. Dessen Mühlen mahlen langsam und die oberste Rechtsaufsicht entscheidet wohl erst nach dieser 24-stündigen Einführung von direkter Demokratie im Herbst …

Abging der Abgang

Selber schuld habe ich, was war ich auch so frech! Nun bin ich beim größten Journalisten deutscher Zunge aus dem Kommentariat geflogen – Stefan Niggemeier höchstselbst hat zu mir gesagt: ‚Geh weg!‘. Hier der Tatort – und das der Beweis:

Ach, ich Armer! – was habe ich den Herrn Niggemeier mal bewundert, damals, als er im BildBlog Deutschlands größter Desinformationsanstalt noch täglich die Giftzähne zog. Dann aber stieg er dort aus und auf – und seine Beiträge stiegen mählich ab. Es folgten ellenlange Berichte vom European Song Contest, wo er das große Trallala und UmpfUmpfUmpf mit einem solch heiligen Ernst besprach, als ginge es um Leben und Tod – und nicht um Hörz und Schmörz. Kritiker von Grimme-Preis-Entscheidungen hatten unter seinem Liktorat nichts mehr zu lachen, obwohl ich immer dachte, die Mitglieder der Jury würden sich – ohne loszuprusten – nicht in die Augen schauen können, wenn sie bspw. allen Ernstes das DschungelCamp zum Kandidaten kürten. Jetzt also kam er uns mit einem gewissen Monty Jacobs daher, einem Mann, der wohl in irgendeinem Privatkanal die Sprüche reißt, wenn der Vati aus dem Gummiboot fällt oder der Schleudergang die Katze zaust. ‚Uups- die Pannenshow‚ heißt das Format für den extra tief gelegten Humor dort wohl.

Stefan Niggemeier verglich prompt die Wortgewalt des Blödelbarden mit – nein, jetzt nicht mit Goethe – aber immerhin mit Hanns-Dieter Hüsch, dem größten kabarettistischen Missverständnis, das je in Deutschland ein Publikum langweilen durfte. Da platzte mir dann der Kragen … die Folge: Arschtritt. Sei’s drum, alle Links zum Reader seien wunschgemäß gekappt.

Was bleibt? Nun – gelegentlich nimmt sich der Stefan Niggemeier, um seinen Ruf als kritischer Kopf zu retten, eine arglose Frauenzeitschrift zur Brust, er tummelt sich dann im Grüne-Blatt- und Figaro-Genre, von woher ihm mit Sicherheit keine Aufträge winken. Als Spezialist für Weltbewegendes pflegt er dann in etwa Folgendes nachzuweisen, dass nämlich jenes Baby der Prinzessin Anna-Lucia von Funkelstein ja gar kein Junge geworden sei, wie es die Redaktion befahl, sondern unverständlicherweise jetzt ein Mädchen die fürstliche Ahnfolge bevölkert. Und schon hat unser Siegfried wieder den Drachen einer schlechten Recherche erlegt. Zu medialen Unglücksfällen wie Schavan aber, zur politischen Schnellabspeisung in Sachen NSU oder zu dem Zusammenhang von String-Tanga-TV und Berlusconi fällt ihm als ‚Medienjournalist‘ doch nur wenig ein. Gut – ab und zu bevölkert noch etwas Zutreffendes zum Leistungsschutzrecht die Spalten …

Mich jedenfalls würde es nicht wundern, wenn der Stefan Niggemeier demnächst für Florian Silbereisen oder Helene Fischer den Wortteppich ausrollt. Mich deucht, er hat einen wachsenden Hang zu jenen Szenen, wo sich die leichten Musen tummeln und nichts Echtes mehr gedeiht. Public Relations also? Nun, es fällt schwer, das nicht zu vermuten …

Ergänzung, für den, den’s denn interessiert: Der Text, der dort gelöscht wurde, bezog sich auf einen gewissen Theo, der mich weiter oben angestrullt hatte (No. 25). Er lautet (aus dem Gedächtnis zitiert): „@theo Sei getröstet: Eher als mit dir würde ich mit Volker Kauder über Humor diskutieren.“ Mehr war’s nicht. Trotzdem – eine wahrhaft unverzeihliche Entgleisung in diesem rundum harmonischen und zustimmungsbedürftigen Heiteitei-Milieu dort, hoch auf dem gelben Wagen …

Fleet-Street-Kriege

Wer über die Entwicklung der Presse schreibt, darf den Krimkrieg nicht ignorieren. Er steht am Beginn der neueren europäischen Mediengeschichte. Erstmals genoss die ‚vierte Gewalt‘ im Vorfeld des Schlachtens ihre ganze mediale Macht, welche zukünftig die traditionelle der Diplomatie weit übertreffen würde. Neben den Volksansichten und dem klandestinen Regierungsblickwinkel etablierte sich damals die ‚öffentliche Meinung‘. Nur sie, aber weder Regierung noch Volk, wollte in der Folge diesen Krieg. Trotzdem setzte die Presse ihn durch – was wiederum heißt, dass eine kopfmäßig kleine Zahl von Interessenten, bestehend aus Kriegslieferanten, Großhändlern, Geostrategen und türkischen PR-Agenten, über den Transmissionsriemen der Verlegerschaft eine Heerschar schreibender Lohnsklaven von der Kette lassen konnte. Zutreffend wird von Historikern der Krimkrieg daher auch als ‚Fleet-Street-Krieg‘ bezeichnet.


Der Untergang der türkischen Flotte vor Sinope / Public Domain, wikimedia

Jahrzehntelang hatten sich Türken und Russen an den Fronten beiderseits des Schwarzen Meeres – im Kaukasus und am fieberverseuchten Donaudelta – einen Abnutzungskrieg geliefert, bei Ermüdung jeweils unterbrochen von fragilen Friedensschlüssen. Im Jahr 1853 zweigte die türkische Pforte ‚im Geheimen beträchtliche Mittel ab, um eine Reihe von öffentlichen Demonstrationen und Zeitungsartikeln bezahlen und organisieren‘ zu können, welche die britische und französische Regierung zu einer Intervention gegen Russland bewegen sollten, denn der ‚kranke Mann am Bosporus‘ war geldverlegen. Der gewollte Untergang der türkischen Flotte bei Sinope gab den angefütterten Redakteuren dann das erwünschte Startsignal. Dort hatte die Marine des Sultans ihre Schiffe den Russen auf der Reede ‚dargeboten‘, Historiker sprechen heute von einem ‚Bauernopfer‘, um die Westmächte zur Intervention zu bewegen – mit der bewusst herbeigeführten Drohung, dass jetzt die Russen mit ihren überlegenen maritimen Kräften den Zugang zum Mittelmeer erzwingen könnten.

Die britische Presse heulte brav auf, sprach von einer „brutalen Freveltat“ und einem „Gemetzel“, selbst die seriöse Times schrieb: „Sinope zerstreut die Hoffnung auf eine Befriedung, die wir uns gemacht haben“. Unter den ‚Seifenkisten-Rednern‘, die jetzt überall auftraten, tat sich ein Schriftsteller namens David Urquart hervor, der wie kein anderer die Verhältnisse so zu verdrehen verstand, dass kein Zuhörer mehr wusste, ob nicht die Türken in Wahrheit Christen und die Russen Ausgeburten der Hölle wären.

Weiterlesen

Alles blieb, wie es war …

Wer könnte sich aber darüber täuschen, daß in den sogenannten gehobenen Klassen der geistige Status weit schlechter geworden ist, als er in deutschen Blütezeiten war und als er in den meisten Ländern noch ist? … Es ist nicht nur die zweite Generation, nicht nur die Generation der Erben, für die kaum noch ein anderes Charakteristikum als blöde ausreicht. Sie hat sich auch die Menschen kooptiert, die ihr gemäß waren – es ist eine einzige Schicht von Diadochen, deren Verstand zu stumpf, deren Bildung zu gering, deren Phantasie zu unbegnadet ist, um wirklich leisten zu können, was sie leisten müssten. … Zu den Leistungen dieser Herren gehört es ja logischerweise, daß auch die von ihnen selbst wieder hochgehobenen zweite Garnitur noch schlechter ist als die vorgesetzte erste. Noch leerere Gesichter, noch glotzendere Augen, noch vernageltere Banalität des sogenannten Denkens. Nur daß mit solcher Oberschicht, mit solchem Klüngel von Untermittelmäßigkeiten als Führer, ein Volk verkauft und verraten ist, das muß man sich schaudernd eingestehen.“

Leopold Schwarzschild, Tage-Buch, 18. Juli 1931

Und so kommt es dann eben zu Phänomenen wie der S&K, wo redselige Trottel vertrauensselige Idioten ausnehmen können.

Todeskuss des Adverbialen

Wer ein Eigenschaftswort, das allenfalls adjektivisch Sinn ergäbe, adverbial gebraucht, der strapaziert oft unsere Vorstellungskraft übermäßig – wie auch in diesem Fall aus der sprachlich stets höchst weitherzigen ‚Welt‘:

„US-Wirtschaft nähert sich dramatisch der Todeslinie.“

Schon das metaphorische Gesabbel von der ‚Todeslinie‘ gleicht einem mentalen Wahnbild, wo das Hirn-Navi aufs Sensationelle so gepolt ist, wie der Kompass auf den (magnetischen) Nordpol. Denn im Falle eines Falles würden in den USA nur Investitionen gekürzt – vor allem im aktionärsrelevanten Rüstungsbereich – und parallel würden flächendeckend die Steuern erhöht. Weshalb alle Liberalen, allein schon aus ideologischen Gründen, das höchst ‚Ähbäh‘ und ‚Igittegitt‘ finden.

Wie man sich dann aber „dramatisch“ einer solchen wahnhaften Todeslinie „nähern“ soll, das übersteigt vollends die Möglichkeiten meiner Imaginationskraft: Ringt die US-Wirtschaft vielleicht krampfhaft die Hände, während sie in Tippelschritten diese ‚Deadline‘ umtanzt; singt sie dabei ‚I die! Not yet! But now!‚; robbt sie in ihrem edlen Abendkleid auf dem Linoleum herum; streckt sie flehend die Arme zum sturmzerzausten Himmel? Sprachgott, hilf!

Vergleichen für Anfänger

Verlage ohne Leistungsschutzrecht sind wie Lasagne ohne Pferdefleisch.

Ältere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑