Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2013 (Seite 2 von 4)

That’s Spin!

In der FAZ schrub uns Thomas Petersen vom CDU-nahen Allensbach-Institut einen länglichen Besinnungsaufsatz zum Amerikabild der Deutschen. Einleitend – und zutreffend – stellt er dort fest, dass die Deutschen von Barack Obama ein überwiegend positives Bild hätten:

„Seit fast einem halben Jahrhundert war kein amerikanischer Präsident in Deutschland so populär wie er.“

Dieser Befund dient ihm aber nur als ‚Captatio benevolentiae‘, als ein einleitendes Einräumen dessen, was man gleich wieder mit dem Mors umzureißen trachtet. Denn der Rest des Artikels befasst sich mit den vorgeblichen „Negativ-Klischees“, die immer mehr die Wahrnehmung der Deutschen organisierten. So präge bspw. ‚Kriminalität‘ die Vereinigten Staaten, sagten diese Deutschen, auch ‚große soziale Ungerechtigkeit‘, sowie die Mentalität einer ‚Wegwerfgesellschaft‘, verhetzt von organisierten Klimaskeptikern. Alles Befunde, wo die Bundesbürger sich dann doch ziemlich eng an die mediale Realität ihres Landes angelehnt hätten; Befunde, die auch nicht wirklich überraschen, nach dem ideologischen Siegeszug von Fox TV und Tea Party in ‚God’s own country‘.

Zu Recht fasst Petersen auch den großen Schwindel des Irak-Krieges ins Auge, jenen Punkt, wo das Amerikabild in Deutschland endgültig ins Negative umschlug: Der Anti-Amerikanismus erhielt damals einen ‚American Kickstart‘ – durch das Faseln von Massenvernichtungswaffen, durch Auftritte auf Flugzeugträgern, und ähnliche imperiale Siegesposen. Schorsch Dabbeljuh und seine Milliardärs-Gang leisteten bei der lügenbasierten Zerstörung des amerikanischen Traumes in der Welt wahrlich ganze Arbeit.

Was aber schließt jetzt Thomas Petersen aus solchen Befunden? Etwa, dass die USA dank Obama ihr Verhalten glücklicherweise wieder ändern würden, dass sie aber noch mehr Selbstaufklärung betreiben sollten? Aber nicht doch! Es sei die deutsche Bevölkerung, die angeblich „Stereotype“ in ihren Köpfen herumträgt:

„Wer der Verbreitung negativer Zerrbilder nicht entgegentritt, darf sich nicht wundern, wenn sich allmählich ein Klima des Antiamerikanismus breitmacht.“

Schwupps – wehret den Anfängen, denn alles, was unser Spin-Doktor Thomas Petersen soeben noch aufzählte, wäre in Wirklichkeit gar nirgends nie passiert. Gut begründete Ansichten über ein Land mutieren im Allenbach’schen ‚Wind of Change‘ zu ’negativen Zerrbildern‘. So ist die Demoskopie, zumindest dort, wo sie sich als Dienstleister betrachtet. In mancher Buchhaltung würde man schon gerne mal Mäuschen spielen …

Merkeliana

Schwarz-Gelb müsse sich „breit aufstellen“, sagte Angela Merkel.

Na – denn mal ‚Prost!‘ …

Liberalismus 2013

In Japan regieren jetzt die Liberaldemokraten unter Ministerpräsident Abe. Politisch ist die neue Regierung ein ideologisches Gebilde, wie es bei uns aus einer Kreuzung von Michael Fuchs, Rainer Brüderle und Erika Steinbach hervorgehen könnte. Diese Melange aus Schlapphut, Narrenkappe und Stahlhelm zeigt der Welt, wie moderner Liberalismus in Zeiten aussieht, wo der Finanzkapitalismus die Strippen zieht: Obwohl die japanische Staatsverschuldung bspw. das BIP bereits um mehr als das Zweifache übersteigt, muss weiterhin Geld für Gewinne und ‚Wagschduhm‘ her, niemand redet dort also – wie bei uns – von einer ‚Schuldenkrise‘, die Geldhähne werden erst recht bis zum Anschlag aufgerissen, der gute, alte ‚Monetarismus‘ versinkt auf seiner HMS Hayek im Marianengraben, und die Flutung der Volkswirtschaft mit billigem Geld wird erst dann gestoppt werden, wenn eine ’solide Inflation‘ eingetreten ist. Was diese aber seltsamerweise nie tut, weil in Zeiten allseits übertriebener Gewinnerwartungen ja überhaupt keine ‚inflationäre Geldschwemme‘ eintreten kann: Wer zu viel erwartet, hält schlicht alle Werte für ‚verdient‘ und ‚real‘, auch diejenigen aus der Druckerpresse. Hauptsache, sie liegen auf seinem Konto.

Es passiert dort also all das, was bei uns erst nach einer erfolgreichen Wiederwahl von Schwarzgelb eintreten könnte. Dann, wenn der Popanz der ’schwäbischen Hausfrau‘ wieder hinter dem Vorhang auf dem Marionettenboden hängt …

Ein Gastbeitrag v. Dipl.oec. Kurt Babbel-Wottschen

Nachtrag: Dass es sich in Japan eindeutig um eine radikalliberale Regierung handelt, geht übrigens hieraus hervor: „Minister fordert Bedürftige zum Sterben auf.

Satz des Tages

Es hat keine Zweitstimmenkampagne gegeben.“
(David McAllister)

Nö – ach wat! Nebenbei: Schwatzgelb hat mit dieser superklugen Strategie gleich beide Wahlziele krachend verfehlt: Die Macht ist für längere Zeit weg – und der Rösler ist immer noch da, sofern er nicht selber die Fliege macht. Apropos, Dobrindt & Co. von der CSU schließen jetzt das aus, was es laut CDU gar nicht gegeben hat: „CSU schließt Leihstimmenkampagne für FDP aus.“

Aus der Frühindustrialisierung

Lokomotive der Weltkonjunktur steht wieder unter Dampf.“

Tscha, wat’n Glück – dank Ruß und Kohle, nebst James Watt. Da kann der ICE des Hochfrequenzhandels gar nicht gegen-anstinken! Kurzum: Zeige mir deine Metaphern und ich sage dir, auf welchem Stand der kognitiven Entwicklung du zurückgeblieben bist. In diesem Fall war’s Anno Märklin. Ähnlich retardiert ist übrigens diese Nummer mit einem rüstigen Hoppelsenior:

„Eine Hürde auf dem Weg dorthin hat der 63-Jährige jetzt genommen.“

Der Doppel-Oxer steht ihm aber noch bevor … oder: Wenn man sich besser nichts darunter vorstellen sollte, war’s bestimmt eine Journalisten-Metapher.

Journalistenkarrieren

Allen, die sich über das vorherrschende Dutzendformat des ‚Alphajournalismus‘ in Deutschland jemals gewundert haben, sei dieser Text ans Herz gelegt. Einen Tucholsky gibt es in jeder Generation gerade mal einen – und dieser Text ist immerhin von Constantin Seibt, der sich nie so bezeichnen würde, obwohl er einer ist:

„Eine ganze Generation steigt [im Journalismus] hoch, wie der Schimmel im Abwasch eines Junggesellen. Der beste Satz, den man Jugendlichen zu Theorie und Praxis der Karriere sagen kann, ist: Wart mal.“

Schon der grüngraue Glanz dieser stimmigen Metapher zeigt mir den Solitär mit den Adleraugen …

The Art of Gattung

Im digitalen Bereich sind sie bereits miteinander verbandelt. Jetzt haben sich die vier Zeitungshäuser F.A.Z.-Verlag, Süddeutscher Verlag, Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB) und die Zeit-Gruppe … zu einer gemeinsamen Initiative zusammengeschlossen: Die Häuser haben die Kooperation „Quality Alliance“ gegründet. Oberstes Ziel der Allianz ist es, das „gemeinsame Gattungsmarketing für überregionale Qualitätszeitungen“ voranzutreiben.“

Das klingt ja wie das Etikett auf diesen weißrosa Bonbon-Dosen von Oma damals. Schon lehne ich mich aus dem Fenster und sage: Wer sich ‚Quality Alliance‘ nennt, käme bei mir kaum durch die Haustür, geschweige denn bis in die Synapsen. Damit verfehlt er sein großes Ziel – mehr angezeigte Publizität dank deutschsprachiger Publizistik – gleich bei der Markteinführung eines Marketingansatzes frisch aus dem Food- und Convenience-Bereich. Aber gut – man wird ja sehen …

Neues Wort, gutes Wort

Dieser ‚Rechtsanarchismus‘ wäre demnach die Ideologie, die den Neoliberalismus heutzutage durch die Spalten der Gazetten trägt. Manche meinen irrtümlich ja noch, es handele sich bei dieser Vernunftverwirrung um eine degenerative Schwundform des Liberalismus:

„Rechtsanarchismus gilt in der ­Finanzwelt als anerkanntes Hobby von Selfmade-Reichen: in den USA von Soft­ware­milliardären, in der Schweiz von Financiers wie Hummler oder Tettamanti.“

Ruhm und Ehre Bodo Hombach!

Aus der Mitarbeiterversammlung der Westfälischen Rundschau heraus wurde bekannt, dass die Redaktion der Westfälischen Rundschau abgewickelt wird.“

Während seiner Ägide wurde der organisierte Abstieg der WAZ-Gruppe erstmals erfolgreich ‚Strategie‘ genannt. Die Austauschbarkeit im bundesdeutschen Wiesenhof-Journalismus schreitet seither – seinen Fußstapfen folgend – massiv voran:

„Die Mantelthemen der WR sollen künftig komplett im Content Desk der WAZ erstellt werden, die Lokalteile werden von anderen verlagseigenen und -fremden Titeln (ja nach Verbreitungsgebiet) übernommen.“

Ischa modernen Verlagsmanagern letztlich auch egal, wer ihre Resterampen füllt, solange man ihnen nur die Nummer mit dem ‚Qualitätsjournalismus‘ noch glaubt …

Nachtrag: Wir müssen Nachsicht üben – die WAZ-Gruppe fuhr 2012 nur noch eine wahrhaft erbärmliche Rendite von 14 % ein. Das wiederum ist eine Zahl, die man nur in Blogs findet, nicht im Gedrucksten …

Es rumort im Journalismus

Tausendfach schreiben sie’s hin – und sie meinen allemal, dass es im Hintergrund ein vernehmliches Murren und Munkeln gegeben hätte – eine gewisse Unruhe. Dabei ist die Wortbedeutung des ‚Rumors‘ eine andere. Der Rumor erzeugt einen infernalischen Krach, als wenn ein fluchender Alkoholiker in einer gekachelten Großküche tausend gußeiserne Kochtöpfe umtreten würde. Lärm, Getöse – das ist in etwa die Wortbedeutung des ‚Rumors‘. Ramentern, rumbollern, krakeelen, vandalieren – das wären Verben, die sich halbwegs synonym einsetzen ließen.

So aber meint’s der deutsche Journalist heute nicht mehr – bei ihm gibt es allenfalls ein „Rumoren hinter den Kulissen“, was höchstens den Theatervorhang in sanfte Wallung versetzen kann. Weit abseits der Wortbedeutung züchteten sie sich aus altem Kraut ein neues Pflänzchen, das für den Gebrauch im ‚modernen Qualitätsjournalismus‘ wie geschaffen schien, auch wenn alter Sinn und Verstand den Texten entfleuchte:

Hier zunächst der Hä-Fall: „Die Sektflaschen sind längst im Altglascontainer, das Orakelblei ist vom Parkettboden abgekratzt, aber in den Knallblättern rumoren immer noch die Ausläufer des Jahresendgewitters.“

Hier die ‚produktive Unruhe‘, in klerikalen Kreisen sehr beliebt: „Wir wollen, dass es rumort“, sagt Bernhard Fritzenschaft. Und zwar im besten Sinn. Die konstruktive Unruhe halte die Kirche lebendig.“

Prompt wackeln die Heiligenfiguren mit den Köpfen: „Die U-Bahntrasse in Köln stört nicht nur in der Philharmonie, auch im Wahrzeichen der Stadt ist ihr Rumoren zu hören.“

Die FDP, der Ort, wo das Tuscheln Krach macht: „Rumoren in der FDP: Verliert Rösler bald seinen Job?“

Pelzigs Patchwork-Seele kriegt auf der Stelle die Motten: „Sätze wie dieser rumoren durch die hellwache Bürgerseele eines Erwin Pelzig, die noch von antiken Werten wie Gerechtigkeit und Redlichkeit zusammengehalten wird.“

Der Jahresendzeit-Blues ertönt: „Immer, wenn die Weihnachtsfeiertage vorüber sind, spürt man in schwäbisch-alemannischen Landen ein geheimnisvolles Rumoren.“

Daraufhin räumt Rennie den Magen auf: „Die Spannung war nun greifbar und setzte sich in der Magengegend als angenehmes Rumoren fest.“

In der Werbepause machen Marketing-Leute mit dem Wörtchen ein wenig Klingeling: „Die Gerüchte um biegsame Displays für Smartphones rumoren schon länger.“

Wenn’s im Hintergrund grummelt, wenn die Erwartung froh brummt, dem Pressmensch ‚rumoren‘ in die Tippfinger kummt …

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