Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2013 (Seite 1 von 4)

„Inside Looking Out“

Das ist nach diesem uns so unversehens aufs Parkett gelegten Seelenstriptease eines Chef-Liberalen ein höchst treffender Titel. Und diese drei Mary-Jane-Verehrer dort schlagen auch wesentlich mehr Krach als dies gut für die verschnarchte Weinseligkeit in einem liberalen Parteigremium wäre, wo man meistens doch nur höchst honorig die anderen zu begeifern pflegt. Am Sänger wird übrigens deutlich, was einen Mann, der den Deerns gefällt, von einem liberalen Fraktionschef unterscheidet (leider ereilte den seit 1969 vermutlich auch schon der Gedächtnisschwund):

Mal ’ne Frage, Herr Broder

Sie behaupten ja unentwegt, der größte Antisemitenriecher aller Zeiten zu sein. Daher wende ich mich an Sie mit einem intellektuellen Problem, auf das ich bei meinen Lektürebemühungen stieß. Der Carl von Ossietzky schrieb in einem Artikel über die erste ‚Säuberung‘ in der NSDAP (Weltbühne, I, 1931, 520):

„Gemeinsam ist diesen exemplarischen Germanen nur die punische Tücke. Die Nazis haben keine Ideen, keine politischen Vorstellungen, aber wo es um Krippe und nationales Renomée geht, entfalten sie die phantasievolle Gerissenheit levantinischer Teppichjuden.“

So weit also der Ossietzky, der hier eindeutig das Nazitum mit diversen antisemitischen Stereotypen ausstattet, die Antisemiten werden von ihm gewissermaßen ’semitisch‘ gefärbt. Damit leugnet Ossietzky also keineswegs die Existenz einer negativen jüdischen Charakteristik, er wendet diese nur auf die völkischen Dumpfhirne der anderen Seite an – es ist rhetorisch eine Ihr-Doch-Auch-Figur. Die NSDAP selbst wird ‚verjüdelt‘, um auch mal den Jargon jener Zeit zu gebrauchen.

Schlimmer noch, da jede ‚Israelkritik‘ – wie Sie wiederholt und zuletzt dann hier ausführten – ja nur eine besonders moderne Form des Antisemitismus ist, verortet Ossietzky seine Vorurteile auch noch ziemlich exakt dort, wo in Ihren Augen die uralte Judenfeindschaft ins Moderne umzuschlagen pflegt: Es ist nämlich die Levante, jener topographische Ort, wo heute ihr Heros, der Bibi Netanjahu regiert. Ossietzky nennt diese Gegend auch noch eine Heimstatt ‚punischer Tücke‘ – wobei er sich in Bezug auf die geographische Lage Karthagos aber etwas desorientiert zeigt. Das Klischee des Weltbühnen-Chefs vom ‚Teppichjuden‘ wiederum, das zielt in meinen Augen dann erneut eindeutig auf jene wehrunwilligen Gebetsmantelträger mit den Schläfenfransen, wie sie heute die Schas-Partei und den Raum rings um die Klagemauer bevölkern.

Nun meine Frage: Wäre dieser Ossietzky wegen dieser und ähnlicher Formulierungen, die ja alles bei weitem übertreffen, was der Jakob Augstein je von sich gab, wäre dieser Ossietzky deshalb nicht auch als Antisemit zu betrachten? Und falls ja – weshalb haben diese tumben Nazis dann ausgerechnet einen Wesensverwandten wie den Carl von Ossietzky in ein KZ gesteckt?

Erwartungsfroh auf eine klärende Antwort ohne ‚Arschlochgeschrei‘ hoffend,

Ihr Klaus Jarchow

„Nicht weiter“?

Der Fraktionschef der deutschen FDP, Rainer Brüderle, will sich nicht weiter zu den Sexismus-Vorwürfen gegen ihn äussern.“

Wann hätte er denn je etwas dazu gesagt? Meines Wissens hat er den Mund noch nicht einmal zum Thema geöffnet. Es ist also keineswegs so, dass ’schon alles gesagt worden‘ sei, wie es dieser Schreiber zu suggerieren versucht …

Prämissen verschieben

Theologen beherrschen das Metier seit Jahrhunderten perfekt. Da wird dann nicht mehr der Krieg verurteilt, es heißt: ‚Angesichts der Grausamkeiten ringsum müssen wir uns fragen, weshalb der Herr uns solch harte Prüfung auferlegt‚. Die ‚Sünde‘ des Mordens wurde glücklich von den Generälen und Politikern zu allen Schäfchen der Gemeinde abgeschoben, jetzt hat die ganze Christenheit laut ‚unerforschlichem göttlichem Ratschluss‘ mit Not und Tod zu sühnen. Eine Schuld wurde glücklich kollektiviert.

Annette Schavan ist Theologin. Auch bei ihr geht es – zumindest in ihren Augen – nicht mehr um die Frage, ob sie in ihrer Dissertation nun abgeschrieben hat oder nicht, nein, es geht um viel grundlegendere Dinge:

„Inzwischen dreht sich die Debatte um eine sehr grundsätzliche Frage: Ab wann spricht man in der Wissenschaft von einem Plagiat? Und das halte ich für eine ganz wichtige Frage, gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin.“

Wir lernen daraus: Es geht gar nicht um sie, es gibt gar keinen ‚Fall Schavan‘ mehr. Die Prämissen, auf denen der Diskurs ruht, wurden unter der Hand mal eben ein wenig an den Rand verschoben. In der Realität hingegen, in der die gewöhnlichen Menschen leben, weiß natürlich jeder Trottel, was ein Plagiat ist, die Frage ist ihm sozusagen fraglos. Er nennt ein Plagiat bildhaft ‚das Schmücken mit fremden Federn‘.

Aber gut, der Frau Schavan geht es längst nicht mehr um diese Frage, auch nicht darum, ob sie nach der Einleitung des Verfahrens jetzt schnellstmöglich zurücktreten sollte, weil eine Wissenschaftsministerin, sofern sie die Wissenschaft belogen hat, logischerweise einer Felicitas Krull oder einer Gerda Postel im Amt gliche. Ebensowenig könnte bspw. eine Theologin im Amt bleiben, die permanent gegen Gottes Ordnung verstößt – die Zeiten der Borgia-Päpste sind glücklicherweise vorbei. Unserer Forschungsministerin aber geht es längst um ganz andere Dinge – sagt sie:

„Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis.“

Schon wieder so’n Konditionalsatz – ganz ohne Rücktrittsandeutung. Genau so etwas nenne ich ‚Prämissen verschieben‘: Möglichst rasch möglichst weit entfernt vom Thema auf halbwegs neutralem Gebiet aufatmend zu landen. Statt auf ihrem Podex landet Frau Schavan nur weich auf einem Kodex.

Wohl zu diesem Zweck lockt Annette Schavan derzeit auch alimentierte Wissenschaftler in den Schlammgraben ihrer versumpften Diskurslandschaft. Womit sie die Wissenschaft nur noch weiter bekleckert. In meinen Augen leisten solche diensteifrigen Professores mit ihren Sancho-Pansa-Diensten eine kaum noch wissenschaftliche Exkulpation, adressiert an besonders Blauäugige im Geiste:

„Wer also glaubt, dass gute wissenschaftliche Praxis das Leitmotiv eines umtriebigen Wissenschaftsfunktionärs mit dieser exorbitanten Publikationsleistung ist, kann auch getrost einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben.“

Nun gut – das tun diese ‚Wissenschaftler‘ derzeit auch. wobei sie wohl eher an eine ‚Weihnachtsfrau‘ zu glauben scheinen …

Lohnender Text

Durch den Zerfall von klassischer Form, weltanschaulichem Überbau und von kommunikativer Privatheit implodieren die Außenfiguren des Politikers und Staatsmanns, des Intellektuellen, des Journalisten und des Wirtschaftsbosses. Alle kochen nur mit Wasser, überall geht die Luft raus, blitzt das Rohe, Unvollkommene hervor, ein jeder ist sein Boris Becker.“

Deshalb, weil dieser Text nicht ‚medienökonomisch‘ verfährt, sondern ‚mediensoziologisch‘ …

Dank SUV zum Supermann

Im Autojournalismus – abhängig natürlich von der Dicke und PS-Zahl des Gefährts – perlt es sprachlich oft wie im Whirlpool eines Vorstadt-Puffs daher. Keine arglosen Superlative kommen dann noch unverwöhnt davon. Die Schreiber? – Natürlich ausschließlich Männer:

„Hier kommt der Gigant.“ Den er wohl gern hätte …

“ … fühlt man sich ungewohnt erhaben, souverän …“ Weitab vom Redaktionsalltag sozusagen ...

„Sitzt man erst einmal drin, wächst das Ego plötzlich in Richtung King of the Road.“ Da ist dann nix mehr mit ‚Schnuckibärchen‘ …

„Der Wagen wirkt geradezu unverwundbar. Das färbt auf den Fahrer ab.“ In seiner rollenden Wohnzimmerschrankwand lässt er dann endlich mal die Wildsau raus …

„Wahrscheinlich würde der RAM selbst über einen Kleinwagen rumpeln, ohne dass der Kaffee aus dem 2-Liter-Becher schwappt.“ Tscha – ist kein Fun da, war’s wohl ein Fiat Panda …

Wer sich jetzt Gedanken über die Einstellungsvoraussetzung von Motorjournalisten macht – die mache ich mir auch gerade. Allerdings gibt es im Genre Anlass zu Hoffnung: „auto motor und sport ist der prozentual größte Verlierer“

Die Stimmen mehren sich

Guten Gewissens könne er heute niemanden mehr empfehlen, Journalist zu werden. „Journalismus ist nicht mehr erstrebenswert. Ich rate allen, tut euch diesen Beruf nicht an. Die Attraktivität hat massiv nachgelassen“, so Horst Röper.

Journalisten sind die ‚Heizer auf der E-Lok‘ unserer gegenwärtigen Dekade … allerdings ’nur diese Journalisten‘, mit dieser Einschränkung hat Christian Jakubetz völlig recht.

Über dem Thema stehen …

Oder – wie der Jan Fleischhauer mal lauter beherzigenswerte Dinge schrieb, aber sich selbst dabei ganz zu erwähnen vergaß:

„Journalisten haben es auch nicht leicht. … Auch in Print-Redaktionen findet man in ausreichender Anzahl Leute, die so von der eigenen Bedeutung durchdrungen sind, dass sie auf Konferenzen mit ganz leiser Stimme sprechen.“

Krise? – Welche Krise?

Die große Mehrheit der reichweitenstärksten deutschen Publikumszeitschriften erlitten bei der am Mittwoch veröffentlichten ‚media analyse 2013 Pressemedien I‘ empfindliche Leser-Verluste. So büßte der stern beispielsweise 680.000 Leser pro Ausgabe ein, die Bild am Sonntag 540.000 und der Focus 470.000.

Zu den wenigen Gewinnern im flächendeckenden Leserschrumpf zählen vor allem TV-Zeitschriften. Vermutlich bedienen diese Blätter jene unverdrossene Hoffnung des Publikums, dass zumindest ‚in der Glotze‘ noch etwas Interessantes zu entdecken sein möge.

Wirtschaftssprech

Der Konditionalsatz führt bekanntlich mit einer Wenn- oder Falls-Formel hinterrücks zunächst eine Prämisse ein. Dem Rest des Textes fällt es dann schwer, das vorangestellte semantische Stoppschild zu ignorieren. Allerdings nur auf den ersten Blick – Texte sind immer in jede Richtung redigierbar und grundsätzlich Auslegungssache. Wie auch in diesem Fall, wo einige tausend Menschen zukünftig ihre Existenz verlieren und auf die Straße gestellt werden sollen.

Zwar hält sich mein Mitleid mit Bankern in Grenzen – trotzdem ist die stilistische Gewalt beeindruckend, welche – unausweichlich scheinend – eine kleine Prämisse durch diese pseudo-logische Überrumpelung ausübt:

„Wenn wir unsere Ertrags- und Wachstumsziele unter anhaltend schwierigen Rahmenbedingungen erreichen wollen, sind Anpassungen der Personalstruktur notwendig“, sagt Personalvorstand Ulrich Sieber laut der internen Mitteilung.

An diesem Satz ist nur solange alles halbwegs richtig, wie das ‚Wenn‘ nicht angetastet wird, ebenso die Hilfstruppen verbündeter ‚Rahmenbedingungen‘. Sucht man in diesem Ökonomen-Geschwurbel aber nach der Alternative zu einem Rausschmiss – äh, natürlich zur ‚Anpassung der Personalstruktur‘ – dann ist regelhaft der Wenn-Satz die hinterfragbare Größe.

Denkbar wäre nämlich auch ein bewusstes Nichteinhalten der „Ertrags- und Wachstumsziele“, die ja schließlich nicht vom Himmel gefallen sind. Vielmehr würden die betroffenen Mitarbeiter gern mal erfahren, wer genau diese ‚Ziele‘ eigentlich wie einst Moses vom Berg Sinai herabgetragen haben soll – und vor die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und vergrätzte Aktionäre gestellt, wüsste ich auch, wie sie sich entscheiden …

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