Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2012 (Seite 2 von 4)

Freut euch!

Denn euch ist heute der jährliche Sinngebungs-Spiegel erschienen …

Parallelführung

Das einzige, was einen bösen Menschen in einem dahinrasenden Auto aufhält, ist ein guter Mensch in einem dahinrasenden Auto“, sagte der Mann vom ADAC. Wie, Benzinmangel? – – – habe ich da jetzt etwas verwechselt?

Die NRA fordert derweilen, auch alle amerikanischen Straßenbäume und Sträucher zu bewaffnen, den das, was einen bösen Schützen hinter einer Hecke stoppen könne, seien allein Hecken als gute Schützen: „Four people are dead after a series of shootings along a rural Blair County road Friday morning.

Unter Zwergriesen

Hier freut sich tatsächlich jemand, dass er kein Intellektueller sein muss. Und wo? Natürlich in Deutschlands führendem Intellektuellen-Magazin, sofern wir mal auf dessen Selbstverständnis rekurrieren:

„Das Resultat ist der medialaustarierte Intellektuelle: Er ist in der Regel männlich, linkssozialisiert, brustbehaart, offline, eitel, übt vorrangig Selbstkritik bei anderen, verwechselt Macht mit Einfluss, zitiert gern und viel, und weiß, dass sich aus zusammenhanglos verbalisierten Denkkonstruktionen am Ende eines langen Satzes, Logik rhetorisch erzeugen lässt.

Gut, anders als dieser Kafka, das ‚brustbehaarte‘ Monster wahrer Intellektualität – oder auch zum Beispiel anders als ein ‚linkssozialisierter‘ Ernst Jünger oder ein ‚medialaustarierter‘ Gottfried Benn, anders als solche ‚rhetorisch Logik erzeugenden‘ Figuren (wie sonst?) trägt der Verfasser dieser Zeilen also keinerlei Haare auf der Brust, er ist auch viel mehr online, weiß aber trotzdem nichts zu ‚zitieren‘, dafür kann er auch ohne ‚Denkkonstruktionen‘ sich ‚zusammenhanglos verbalisieren‘. Was – weiß Gott! – nicht jedem gegeben ist. Gut, ‚eitel‘ wäre der Sloterdijk ja auch gewesen – aber das ist wiederum kein Intellektueller, sondern eher jemand von der geistigen Latte-Macchiato-Fraktion. Kurzum – der Verfasser selbigen Buchstabensalats hat gewisslich keinerlei Vorurteile und ‚medialaustariert‘ ist er auch nicht sonderlich. Da bleibt einem künftigen Lektor noch viel zu tun.

Sich selbst zählt dieser Timo Stein eher zur erweiterten PI-Fraktion – ausgewiesen als Verfasser eines mäßig erfolgreichen Buches über ‚linke Israelkritiker‘, ein Genre, wo wahre Objektivität im Gefolge Broders zu den täglich exzessiv gepflegten Tugenden zählt. Dafür, dass er selbst wahrlich kein Intellektueller ist, führt der Verfasser sprachlich im Folgetext dann den schönsten Beweis:

„Der Durchschnittsintellektuelle bezeichnet Essen- als Ausgehen, hält Wikipedia für eine nicht-zitierfähige Quelle, um gleichermaßen sein Umfeld ungefragt mit allerlei Halbwissen zu konterminieren.“

Die Begriffe ‚Intellektueller‘ und ‚Durchschnitt‘ in ein Wort zu pressen, dazu gehört schon „gleichermaßen“ eine gewisse semantische Unempfänglichkeit im Geiste – von der hanebüchenen Rechtschreibung mal abgesehen, wo mir ‚kontraminieren‘ noch besser gefallen hätte. Das Ganze wird uns mit einem Bukett zuvor unerhörter Stilblüten kredenzt:

„[Der Intellektuelle] erinnert sich an den genannten Zola, an Sartre oder Adorno, denen eine ganze Generation zu Ohren lag. Und er vergisst die wirklich harten Zeiten, als die Nazis und Kommunisten den Intellektuellen zu Menschen zweiter Klasse ausriefen. Wirklich blumige Zeiten gab und gibt es wohl nur in Frankreich.“

Kurzum, der Verfasser baut sich einen Popanz namens „Intellektueller“, der den Püppchenspieler erheblich unterragt, und dann haut er auf sein Phantasiewesen immer feste druff. Des Beifalls seiner Brüder im Geiste darf er sich gewiss sein …

Prada-Radikalismus

Uli Dönch, Chef des Wirtschaftsressorts beim ‚Focus‘, dem schrieb Michalis Pantelouris mal folgendes mit der Knute auf den Pelz:

„Die Hetze des Uli Dönch ist eine rassistisch konnotierte. Das, was er schreibt, wertet ganze Völker ab, soll demütigen und verächtlich machen. … Die Menschenverachtung seiner Sprache gehört für mich zum Ekelhaftesten, das ein deutsches Mainstream-Medium zu bieten hat.“

Ich muss daher die menschlich-allzumenschliche Seite solcher Figuren hier nicht auch noch bewerten, die Erde ist groß, es gibt auf ihr viele seltsame Wesen, und der Herr ernährt sie doch. Schließlich, was will man auch machen? Den Uli Dönch prägte nun mal seine Zeit beim Heeresmusik-Korps, so blechern und humptatamäßig klingen seine simplen Weisen allen Vernünftigen in den Ohren. Selbst da, wo er aus einem Text, den Angela Merkel ans Ausland richtete, das schnellfertige Fazit ableitet, dass die Kanzlerin jetzt endlich, endlich, endlich den deutschen Sozialstaat schleifen wolle.

Dabei weiß selbst er – für so intelligent halte ich ihn doch – dass Frau Merkel 2013 hierzulande mitten in einem Wahlkampf stehen wird, der sich erwartungsgemäß um das Thema ‚Gerechtigkeit‘ zentrieren wird, dass seit 20 Jahren niemand mehr glaubt, in einem ‚alle beglückenden Wohlfahrtsstaat‘ zu leben, ja, dass sich alle Experten einig sind, dass Deutschland seine wirtschaftlichen Erfolge durch das ‚Schleifen des Sozialstaats‘ (vulgo: ‚Reformen‘) bereits erzielt habe, dass ferner mit antediluvianisch-marktradikalem Getöse allenfalls noch FDP-Ergebnisse hart an der Nachweisgrenze zu erzielen sind, dass auch niemand Wanne-Eickel endgültig in ein Soweto verwandeln will – kurzum: dass die Kanzlerin solche Thesen vielleicht außerhalb Europas, aber niemals innerhalb der deutschen Grenzen äußern wird, geschweige denn, dass solche Projekte jemals mit Aussicht auf Erfolg umgesetzt werden können, jedenfalls solange hier noch eine Demokratie besteht.

Auch ein retardierter Focus-Wirtschaftsredakteur, der als verstockter Monetarist noch immer bewundernd auf Margret Thatcher’s Grabstein schaut, der sollte Außenpolitik nicht ständig mit Innenpolitik verwechseln, und endlich mal in der Jetztzeit ankommen – dann wird’s vielleicht auch wieder was mit der Auflage:

„Dieses Modell des alle beglückenden Wohlfahrts-Staates rumpelte sich erstaunlich lange durch die Jahrzehnte. Vor allem, weil der Rest der Welt ökonomisch noch nicht soweit war. Doch heute geben Länder wie China oder Brasilien das Tempo vor – dank ihrer sich rasch modernisierenden Volkswirtschaften.“

Genau – Bürger schaut auf Sao Paulo! Vermutlich meint er die zukunftsträchtige Koexistenz von Slums und Ferraris dort …

DVD-Tipp: Und abends dann der Film zum Thema …

Das ist lange überfällig

Wir wollen uns beim Neusprech-Blog übrigens demnächst stärker mit Journalisten-Sprache beschäftigen.“

Um mit Karl Kraus zu sprechen: „Den Journalisten nahm ein Gott, zu leiden, was sie sagen.

Der ‚Kommunikationstrainer‘

Während der vom ehemaligen Anchorman der RTL-Nachrichten zum leidenschaftlichen Steinbrück-Propagandisten mutierte Heiner Bremer dem SPD-Kanzlerkandidaten dessen Hannoveraner Parteitagsrede in toto als voll überzeugend und in allen Belangen glaubwürdig abnimmt und sich mit diesem Votum ohne Scheu vor jedes Mikrofon stellt, verortete die rigorose Merkel-Kritikerin und Unternehmensberaterin Gertrud Höhler bei „Anne Will“ (ARD 12.12.2012) sowohl die CDU-Kanzlerin als auch deren Herausforderer politisch neben und nicht im Zentrum ihrer Parteien.“

Tscha, warum sollte ich auch etwas können, was ich andere lehre? Kilometerlange Attribute säumen wie Leitplanken den kommunikativen Weg zum Erfolg, der Sprech-Trainer ‚mutiert‘ vor unseren erstaunten Augen zu einem Knödeltenor des allgemeinen Berater-Genres, nur sollte doch – deucht es zumindest einen Mohikaner wie mich – derjenige, der so Stücker 70 Wörter in einen Satz stopft, die Disziplin dann auch beherrschen …

Medienwandler

Viele übersehen beim Elefantenkrieg im Suhrkamp-Verlag, dass der Hans Barlach im Vergleich zur Ulla Unseld-Berkéwicz den moderneren Typus des Verlagsmanagers darstellt: Während sich die Ex-Frau des Patriarchen noch mit Sentimentalitäten wie Autorenpflege, Programmgestaltung und anderem Sozialkitsch herumschlägt, erblicken wir in Hans Barlach vor uns den modernen Verlagsmanager, so wie er in den Zeitungsverlagen längst auf den Teppichetagen eingezogen ist. Einem Hans Barlach ist es egal, ob er Bücher oder Salzheringe verkauft, Hauptsache, er verkauft davon genug! Und sollten die Autoren gehen – sollen sie doch! Dann macht er aus Suhrkamp vielleicht einen ‚Zalando‘ für Büstenhalter, oder gleich eine Fondsgesellschaft. Hauptsache – der Fonds im Portfolio schmeckt ihm. Alles andere sind doch kulturelle Sentimentalitäten, pures 19. Jahrhundert, selbst noch der kollektive Aufschrei im Feuilleton, wo empörte Schreiber unter den künftigen Bedingungen höchstselbst längst leben müssen.

Stille Nacht (3)

Die kleine Teresa war sauer. Da hatten die Großen vergessen, in Hedern die Wunschzettel der Kinder in den Briefkasten zu werfen, und jetzt sollte sie deren Schlamperei gerade bügeln. In Eilte ging‘s mit dem Fahrrad über die Allerbrücke, kurz vor Bierde dann rechts, in den Wald hinein, an der dritten Fichte links, und hundert Meter hinter dem Hochsitz dann dreimal fest auf den Fuchsbau treten …

Oops – fast wäre sie von der Himmelsleiter erschlagen worden, welche plötzlich durch die Baumwipfel rauschte. 3.679 Stufen zählte sie, bis sie endlich auf Wolke Sieben schnaufend vor dem Himmelstor stand. Ringsum ertönte Gehämmer und emsiges Geklapper, Rentierschlitten rauschten vorbei, ein leicht schmuddeliger Engel kippte einen Eimer mit Spülwasser achtlos über den Rand der Wolke. Teresa drückte auf den großen roten Knopf rechts neben der Himmelstür.

„Ja, bitte!“ – eine herrische Frauenstimme fauchte aus dem Lautsprecher. „Bestimmt die Sekretärin“, dachte Teresa – und sie fiepste zurück ins Mikrofon: „Ich möchte zum Herrn Petrus und danach noch zum Knecht Ruprecht.“ Der Summer ertönte – und wie von Engelshand öffneten sich vor Teresa die mächtigen Portale der Himmelstür. Auf dem langen Korridor brannten karge Neonlampen, rechts und links gab es lange Reihen von geschlossenen Türen. „Ähnlich wie bei Onkel Herbert in der Firma“, schoss es unserer Hederner Abgesandten durch den Kopf.

In der Ferne tauchte jetzt ein Herr im dunklen Anzug auf. Er bellte etwas Unverständliches in sein Handy und schritt rasch auf Teresa zu. „Dr. Peter Petrus mein Name“, sagte er: „Ich bin hier der stellvertretende Geschäftsführer. Was kann ich für Sie tun?“ – – – „Und ich bin die Teresa aus Hedern“, sagte Teresa: „Sie müssen mich aber nicht siezen. Das macht mich verlegen.“ – – – „Okay, okay, also worum geht‘s?“ – – – „Unsere Eltern, diese Dösbaddel, haben vergessen, die Wunschzettel rechtzeitig einzuwerfen. Und jetzt könnte es passieren, dass die Kinder im Dorf zu Weihnachten gar nichts kriegen.“ – – – „Das könnte allerdings passieren“, sagte der Herr Petrus: „Es ist ja auch schon reichlich spät. Am besten, ich zeige dir mal unsere Werkstätten, damit du siehst, was hier in der Saison so los ist.“ Er winkte Teresa mit dem Zeigefinger, ihm zu folgen …
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Zappzerapp – Fakten vertauscht.

Google legt Streit mit belgischer Presse um Urheberrecht bei.“

Diese Headline ist ’schier Schandudel‘, vermutlich durfte die arme Wurst von Redakteur auch gar nichts Faktisches schreiben. Der belgische Rechtsstreit ging nämlich aus wie das Hornberger Schießen – außer Spesen war da rein gar nix gewesen. Einzig zählbarer Gewinn für die belgischen Verlage – Google beteiligt sich ein wenig an den Verfahrenskosten, indem es in den Holzmedien gelegentlich Werbung schaltet. Sonst bleibt alles wie gehabt. Man will nur in Zukunft ein wenig mehr Goodwill zeigen und versuchen, besser zu kooperieren. Die korrekte Headline lautet also so:

„Belgische Presse legt Streit mit Google um Urheberrecht bei.“

Hat das nun was mit Deutschland zu tun? Ach was! Hier bekommen wir ja ein famoses ‚Leistungsschutzrecht‘ aus dem Hause Keese, das natürlich ganz anders gelagert ist – und mindestens so gerichtsfest wie einst die ‚Titanic‘.

Die Fakten zum Thema aber gibt’s wieder mal nicht in der Presse, sondern nur im Netz:

„Tatsächlich erkennt Google in Belgien gar nichts an und leistet auch keinerlei “Zahlungen” an die Verlage. Was man abgeschlossen hat, lässt sich als “Gentlemen Agreement” am ehesten beschreiben: Google wird künftig etwas mehr Werbung in den belgischen Zeitungen schalten und zudem sehr schwammig formulierte Hilfestellungen dabei geben, dass die Verlage wieder mehr Geld verdienen. Umgekehrt allerdings gehen die Verlage eine Zwangsehe mit Googles Adsense ein.

Nettes Zitat

Das Niveau der Volkswirtschaftslehre in den USA ist im Vergleich zum deutschen so hoch, dass ein Raffelhüschen an den relevanten Stellen als ökonomische Witzfigur behandelt würde.“

Über unser Plakatmännchen der deutschen Versicherungswirtschaft wird der Leser im Folgenden dann eingehend aufgeklärt – und auch über Dorothea ‚Dodo‘ Siems, die eiserne Lady neoliberaler Darkrooms. Hoffe aber niemand, so etwas im gedrucksten Journalismus zu finden … solch starken Stoff gibt’s nur auf freier Wildbahn, also in den Blogs.

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