Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2012 (Seite 1 von 4)

Scheiß auf Moral!

Das schreibe jetzt nicht ich, das schreibt die Cora Stephan in ihrem Neuesten, wo sie uns den Liberalismus auf diese Position reduziert: Gerecht sei nur, was in Gesetzen von strammliberaler Geisteshaltung stehe, und wer moralisches Handeln von geborenen Unmoralisten fordere, also von den wahrhaft aufgeklärten, erfolgreichen und somit immer auch wohlhabenden Menschen, der schaffe nur ein diätetisches Zwangskorsett, das dann sogar anständige Leute wie den Depardieu nach Belgien treibe. *snief!*

Im Grunde ist diese verlogene Argumentation nicht sonderlich originell, unsere schwarzgilbe Cora wandelt ja nur auf Sloterdijks Spuren: Aller Sozialstaat müsse Wohltat und Almosen sein, sonst ruhe kein Segen und kein Reichtum darauf. Die Crux ist bloß: Ich kenne hierzulande gar keine Wohltäter, die voluntaristisch einen Sozialstaat stemmen würden, vor allem wenn sie fern jeder Moral unter Palmen wandeln dürfen, wie es dieser Liberalismus angeblich von ihnen verlangt. Und wenn schon die Prämissen nicht stimmen … nun ja, das aber fiele dann ins Gebiet der Logik, es sei daher einer Stephan fern. Vermutlich hat diese ehemalige Pflasterstrand-Autorin ihren Mors längst an der Heizung, während unter ihr die beliebte ‚Achse des Guten‘ sie sachte in den Schlummer quietscht …

Allen anderen ein frohes neues Jahr!

Rechts fehlt Geist

Deutsche Polizei soll somit verdeutlichen, dass es sich um den Boden hier, in Deutschland, handeln soll. Es bezieht sich eben auf den Boden, der anerkannt so definiert ist. Das Wort Deutsch bezieht sich nicht auf Menschen im speziellen Sinn. … Nicht die geförderte Ansicht, Hauptsache ich, und solange es mich nicht erwischt hat, bin ich froh; lieber weg sehen, als sich einsetzen. Und Hilfe steht überall an. Zum Beispiel als Unterstützung in Öffentlichen Verkehrsmitteln bei eventuellen Übergriffen, wo es in der jüngeren Vergangenheit auch Opfer gefordert hat. … Dabei ist ersichtlich, dass es nicht zwingend notwendig ist, nun immer eine Uniform zu tragen, aber das Tragen und Darstellen von Solidarität und Engagement, dieser Mantel als Uniform, der wird angestrebt. Und da kann sich jeder einsetzen und sich engagieren.

Jawollja – sollten Sie jetzt an Hirnschmerz leiden, ist’s keine Einbildung, sondern die notwendige Folge. Auf diese Weise jedenfalls rappelt unsere sächsische Heimwehr weitgehend sinnbefreit seitenlang vor sich hin – mit weniger Orthographiefehlern als toitscherseits sonst so üblich, aber mit tausend Verstößen gegen den Geist der Sprache. Konkret wächst hier so etwas heran, wie eine germanische ‚Tea Party (Gau Teutonia)‘, die ja jenseits des Atlantiks ebenfalls auf Selbsthilfe statt auf Rechtsstaat setzt, zumindest, solange dieser Staat noch kein knallrechter Staat für ihresgleichen ist:

„Wie die „Reichsbürger“ auch sieht das DPHW den Staat BRD nur als illegales Nachkriegsprovisorium an und trennt zwischen Volk und Staat. Die Polizei sei folglich auch nicht vom Volk legitimiert. Die selbsternannten Polizisten sprechen von einem „rechtleeren Raum“ und dem „herrschenden Recht des Stärkeren“, das sie durch subjektives Rechtsempfinden und Selbstjustiz ersetzen.“

‚Failing Epically‘

Wer wissen möchte, weshalb der Netzdiskurs den Journalismus zunehmend übertrifft, möge sich diesen Vortrag zu Gemüte führen (Leerstelle entfernen):

http:// www.youtube.com/watch?v=4ONHziWZ52U

Nur mal so

Hugo Müller-Vogg ist ein humorloser alter Mann und chronischer Schlipsgeraderücker, der deshalb ganz gut zum Hause Springer passt, weil er nicht merkt, wie urkomisch er selber wirkt, wenn er Achtung und Respekt für diese – öhem! – ‚Regierung‘ fordert. Trotzdem gibt es natürlich weitaus bessere Komödianten als jenen Oliver Welke, den er am Schlafittchen zu haben glaubt, und zwar gleich um die Ecke, in der ‚Anstalt‘ aus der gleichen Anstalt …

Armageddon 2013

Wer glaubt, Endzeitkämpfe gehören ins Reich der Sagen, der kennt unsere heutigen Ideologen schlecht. In den USA rüsten die Republikaner zu ihrer letzten Schlacht am Fiscal Cliff, um danach blutbeschmiert und reinen Herzens in Walhalla einzuziehen, wo auf der großen Tea Party grimmige Barden die Saga weißrassiger Heldentaten verkünden werden, während alle ihre Bushmaster ruhmselig beiseite stellen, um in die großen Fox-News-Luren zu tuten, derweil das Füllhorn ewiger Steuerfreiheit kreist, gefüllt von dienstbaren Negern.

US-Wälder atmen auf

In ihrem Vorwort schrieb [Newsweek-]Chefredakteurin Tina Brown, „manchmal ist der Wandel nicht einfach nur gut, sondern er ist notwendig“. Papieraktien gaben daraufhin zu Börsenbeginn leicht nach …

Die Entbehrlichen

Der Niedergang der Presse entspricht dem Aufstieg des Neoliberalismus, den wiederum die Presse nach Kräften unterstützt hat. Meinungen waren zwar immer schon käuflich, doch noch nie so billig zu haben wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten, als die bürgerlichen Medien im Chor das Evangelium des Marktes verkündeten und jeden verspotteten, der dem menschlichen Leben mehr Wert beimißt, als die blanke Verwertung es vermöchte. Nun walzt die Marktmaschine auch über die Presse hinweg und produziert Opfer, die bisher bloß leere Worte oder ein Achselzucken übrig hatten für jeden, der beim Rattenrennen auf der Strecke bleibt.“

Tscha – Schluss mit Weihnachten und Gefühlseseleien! Der Finanzkapitalismus benötigt für seinen Siegeszug schlicht keine Presse mehr und gibt seinem treuen Hasso einen Tritt in den Mors – that’s all! Die publizistische Gegenstrategie bestünde folgerichtig darin, sich gegen Herrchen zu stellen. Aber das erkläre denen mal … promptes Gejanker ‚wegen letztverbliebener Anzeigenkunden‘. Zwar zähle ich mich nicht zu den großen Konkret-Lesern, hier aber guckt endlich mal jemand über den innermedialen Toilettenrand auf das gesellschaftliche Geschehen drumrum.

Dumm gelaufen

14 Tage Paywall bei der ‚Welt‘ – und nicht einmal verlangte es mich danach, vom Teaser zum Artikel zu klicken. So gewinnt die sabbelnde Horde der Welt-Foristen hinter ihrem Schlagbaum rapide an Bedeutungslosigkeit – und Andrea Seibel, Ulf Poschardt und Dodo Siems tanzen mit dem johlenden Stamm im marktradikalen Reservat Ringelreihen um einen verwitterten Totempfahl. Anders ausgedrückt: Springers Idee gefällt mir – je länger, je mehr.

Wahrscheinlich aber ist dieser Rückschluss von mir auf andere völlig unzulässig – und Keeses Paywall-Idee hat sich längst als die rentabelste seit Erfindung der Zeitung erwiesen.

Zwischen den Jahren

Wenn die Zeitungen schweigen, erwacht die Literatur.

Allen Leserinnen und Lesern des Stilstandes wünsche ich ein paar stille Tage – und den Sinn für Qualitätsgewinn.

Stille Nacht (4)

Advent, Advent,
Ost-Kongo brennt.
Und eins und zwei
Und drei und vier
Noch blutig
Ist das Coltan hier.

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