Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2012 (Seite 2 von 4)

Keine Antwort ist auch eine

Es ist die Zeit der markigen Worte, seit die ‚Frankfurter Rundschau‘ und die ‚Financial Times Deutschland‘ vor Kap Hoorn gesunken sind. Alte Fahrensleute stellen sich in den Bug ihrer lecken Schiffe und bellen dem aufziehenden Sturm ins Gesicht. So geschieht’s auch in der NZZ, wo bekanntlich die Jungs mit den Excel-Tabellen jüngst ebenfalls die Brücke übernehmen mussten:

„Die Presse ist weiterhin ein gewichtiger Wirtschaftssektor, der milliardenschwere Einnahmen generiert. Sie steht aber zweifellos vor gewaltigen Herausforderungen. Weittragende Antworten hat sie noch nicht gefunden. Eine Debatte über den Untergang der Presse ist überflüssig; auch das Gedruckte hat eine Zukunft. Diskutieren muss man vielmehr darüber, wie es der Medienbranche langfristig gelingen kann, der Gesellschaft auf freiheitliche Weise Hintergrund-informationen bereitzustellen, die den Kriterien der Vielfalt, Relevanz und der Qualität genügen.“

Rainer Stadler ist es, Medienjournalist bei der NZZ, der hier in solchen Somnambulismus verfiel, und traumwandlerisch aus blanken Paradoxien Wolkenkuckucksheime baut: Antworten seien bisher zwar nicht gefunden, gerade deswegen aber sei jede Debatte überflüssig wie ein Kropf. Das Gedruckte habe nun mal eine Zukunft. Basta! Solange das Produkt nur ‚freiheitlich‘ sei, also nicht etwa dem bösen Staat in die Hände falle – und die Papierfabriken sagen das auch. Ja, denn … gute Fahrt! Und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

Pathos in eigener Sache

Im Hamburger Verlagshaus Gruner & Jahr spielen sich Dramen ab“, schreibt uns der Gabor Steingart in seinen Handelsblatt-Newsletter (nur offline verfügbar): „Redaktion, Verlag und Aufsichtsrat ringen um die Zukunft der ‚Financial Times Deutschland‘.“

Das ist erstens Quark – dass diese Zukunft gar keine Zukunft mehr haben soll, ist längst entschieden. Auf den Teppichetagen dort geht’s auch nirgends griechisch-römisch zu, da wird nicht ‚gerungen‘, sondern kühl mit Zahlen operiert. Last not least befremdet mich dieser plötzlich panisch-hochpathetische Sprachgebrauch aus einer marktradikalen Wirtschaftsredaktion heraus: Hätten unsere Orakelmedien zu diesen hochgestimmten Tönen gegriffen, als es um etliche tausend Stellen bei Schlecker ging – und nicht nur um ein paar hundert im Journalismus – dann würden sie heute auf mich glaubwürdiger wirken. So aber ist es nur ‚der Markt‘, der doch alles richtet, selbst Wirtschaftsredaktionen …

Vom Plural zum Singular

Schon ist für den aufmerksamen Leser die dollste Story dahin, der Mund-voll-Kollege vom ‚Focus‘ backt wieder kleine Brötchen, nachdem er zuvor, im Lead, wie ein kobernder Hell’s Angel vor der Nackttanzbar noch von sensationell gebauten Weibern fabulierte … und dann ist es doch nur eine einzige abgetakelte Fregatte:

„Pyramiden, Sphinx, Abu Simbel: Diese Bauwerke wollen die Islamisten sprengen. … Ein ägyptischer Salafist fordert, sie zu zerstören.“

Erst das Kollektiv macht die Sensation – also wird der Einzelfall elefantös aufgeblasen. Mit solchen realitätsabstrahierenden Mitteln verstärkt der gewiefte Schreiber seine Vorurteile – und natürlich auch die der anderen. Und der ägyptische Staat hätte diesen versprengten Irren auch noch komplett ignoriert – ja, wie kann denn das nur angehen! Da darf man den falschen Muselmanen doch mit journalistischem Fug „klammheimliche Freude“ unterstellen, wie einst unseren Sympathisanten beim Mescalero-Brief

Man stelle sich den Aufschrei in Deutschland vor, wenn uns ein solcher Text plakativ von „die Juden“ im Land und im Lead zu bloß „einem psychisch auffälligen Juden“ in der Copy und in Duderstadt führen würde. Da könnten wir auch gleich kreuz.net mit dem Katholizismus gleichsetzen … oder ‚Politically Incorrect‘ mit der öffentlichen Meinung.

Nachtrag: Die Natur dieser psychischen Erkrankung ist übrigens altbekannt – man trifft sie überall dort, wo Religion und Konkur-renzangst zusammentreffen. Der Fachbegriff lautet ‚Ikonoklasmus‘ oder ‚Bilderstürmerei‘. So gibt es bspw. Christen, die in New York und anderswo alle Wolkenkratzer sprengen möchten, damit wieder Kirchtürme statt der ‚Tempel zum Goldenen Kalb‘ das Land beherrschen. Andere wiederum würden auch diese Kirchtürme schleifen und das Kreuz verbrennen. Sollten wir denen auch die Ehre antun, sie in ihrem Ikonoklasmus ernst zu nehmen?

Die richtige Frage

Das übliche Lamento – blöde Leser, geldgierige Verleger, gesellschaftlicher Werteverfall, Anzeigenverlust – das wird auch jetzt wieder ertönen. Die richtige Frage lautet in meinen Augen aber anders: Warum betrifft dieses publizistische Scapa Flow eigentlich vorneweg die Wirtschaftszeitungen so massiv? Und woher will der Neoliberalismus künftig seine Munition dann beziehen? Dem Handelsblatt unter Gabor Steingart soll es – einem On dit zufolge – ja auch nicht gerade rosig gehen.

Ich denke mal, es liegt daran, dass hier der journalistische Verlust an Glaubwürdigkeit besonders groß und die Transformation eines öffentlichen Forums in ein ideologisches Dogmengebäude besonders weit fortgeschritten war – alles garniert mit ein wenig Lifestyle und ‚Anziehberatung‘ für Leute, die keine Ahnung haben, dass sie darin aussehen wie der Ochse im Cutaway. Kurzum: Wer mag schon jeden Tag die gleiche Buchstabensuppe – auch ‚Redaktionskonzept‘ genannt?

Die „Financial Times Deutschland“ („FTD“) soll eingestellt werden. … Die Wirtschaftszeitschriften „Impulse“ und „Börse Online“, die ebenfalls Gruner + Jahr gehören, sollen nach dem Vorschlag des Vorstands verkauft werden. Nur das Wirtschaftsmagazin „Capital“ soll der Verlag offenbar behalten – aber künftig von Berlin aus weiterführen.

Zwitschern im Knast

Wenn ich ein Vöglein wär … dann würde ich mir beim Twittern allmählich überlegen, mir selbst den Schnabel zu verbinden:

„Die Zeitung «Daily Telegraph» schrieb am Montag, die Anwälte von McAlpine hätten bereits 9000 Retweets identifiziert.“

Und danach wird’s jetzt teuer. Richtig teuer! Eigentlich erstaunlich, wie treffsicher alle ‚Social Media‘ früher oder später mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen müssen. Das hat wohl etwas mit der ‚privaten Logik‘ des Gesetzes und der ‚öffentlichen Logik‘ des Netzes zu tun. Gut, dass ich nur höchst fallweise zwitschere – und das auch nicht als ‚retweetende Datenschleuder‘ für den Info-Müll alter Medien …

Das Printproblem

Beim ‚Cicero‘ fasst dieser erfahrene Leser die Ursachen des Medienüberdrusses eigentlich recht gut zusammen, besser als dies ein angestellter Redakteur dort je dürfte:

„Was die Informationsqualität angeht, misstrauen viele Bürger den Medien längst insgesamt. Ich persönlich lese Nachrichten überwiegend über Google News. Wer das tut, macht eine erschreckende Erfahrung: Man findet bei allen Anbietern mehr oder weniger den gleichen Text, der im Allgemeinen direkt von dpa oder ähnlichen Dienstleistern stammt. Eigenrecherche: Fehlanzeige. Schlimmer noch: Es gibt keine Meinungsvielfalt mehr. … Viele Bürger sind es leid, ständig schlichte Meinungen als Nachrichten verkauft zu bekommen, vor allem wenn es nur noch eine Meinung gibt und die Vielfalt auf der Strecke bleibt. Dann fühlt man sich manipuliert. Für gute Informationen bin ich weiterhin bereit, Geld zu zahlen, für Einheitsmeinungen dagegen nicht.“

In diesem Punkt aber predigen die Leser den Blinden von der Farbe. Dieser Peter Mersch zeigt mit dem Finger auf den Punkt und sagt klar, welche alltägliche ‚Recherche‘ ihn zu seiner jederzeit überprüfbaren Ansicht brachte: Dank der verhassten Google-News sieht er alle Snippets zu einem Thema aufgezogen wie eine Girlande – und er stellt fest: Da schreibt ja einer immer bloß vom anderen ab. So aber verfahren jetzt fast alle Leser – nicht nur der Peter Mersch.

Das große Geheimnis des Tagesjournalismus ist dank neuer Netzfunktionen damit offenbar – und ‚business as usual‘ ist für einen angestellten Schreiber nicht mehr möglich. Selbst ist der Kopf, lautet jetzt die Devise … sie aber tun in der Masse so, als beträfe sie der Medienwandel gar nicht. Und deshalb verkaufen sie uns weiterhin ihren Eintopf als Haute Cuisine – und wundern sich, wenn immer mehr Gäste das Restaurant wechseln …

Putin und die ‚Welt‘

Von Henryk M. Broder zu lernen, heißt siegreich argumentieren zu lernen: „Putin nennt Pussy Riot antisemitisch.“

Qualitätsjuhrnalismus

Vor der Einführung des modernen Qualitätsjournalismus wären solche orthographischen Kalauer beim publizistischen ‚Uhrgestein‘ des Spiegel nicht möglich gewesen …

Wenn Papier stirbt

Aber Bern gibt nicht auf: «Das Abkommen ist nicht tot», sagt Anne Césard, Sprecherin des Staatssekreta­riats für Internationale Finanzfragen (SIF) … der Vertrag rieche nur schon komisch.

Ich lach‘ mich schlapp …

Die Grünen sind die richtige Partei für alle, die ihre Schäfchen im Trockenen haben.“

Und deswegen, schreibt uns der Jan Fleischhauer, wirrster aller deutschen Kolumnisten, dürften CDU und FDP sich – tätä, tätä, tätä! – keinesfalls mit diesen saturierten Pfahlbürgern einlassen. Vermutlich ja deshalb, weil die gelben und schwarzen Neoliberalen nicht nur ein paar Schäfchen, sondern ganze Schafherden im Trockenen haben, die sich am grünen Zwergwuchs infizieren könnten. Andererseits – wären die Grünen tatsächlich die richtige Partei für alle gesellschaftlich Erfolgreichen, wie dieser Canaletto es uns aus seinem Märchenstübchen heraus verkündet, müsste dann nicht sein ganzer Bekanntenkreis aus nacktem Eigeninteresse jetzt grün wählen? Fragen sind das …

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