Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2012 (Seite 2 von 4)

Poschardt im Palästinensertuch

Nur ein Schritt ist es faktisch vom Monetaristen und Marktradikalinskij hin zum Maulhelden revolutionären Häuserkampfes: „Bürger, lasst das Gaffen sein, reiht euch hier beim Ulfi ein!„. Sonst sieht dieser Ulf von ‚Welt‘ nämlich demnächst sein geliebtes schwatzgelbes Projekt der Elitenmästung für Wenige samt Pauperisierung für den Rest den Styx des allgegenwärtigen Sozialismus hinabtreiben. Daher: Sollte diese träge CDU nicht endlich die Hütten und Paläste stürmen, um dort als kultureller Hegemon zu wüten, muss das ganze Land sich zwangsläufig in ein riesiges Mordor verwandeln – und Sauron heißt dann wohl Steinbrück. Kassandra, ick hör diene Hobbit-Feutjes trappsen:

„Die Konservativen haben es aufgegeben, die Großstädte zu verstehen. Retten kann sie dort nur noch ein kultureller Häuserkampf. Sonst ist auch bald das Land verloren.“

Und sagt später nicht, ihr hättet davon nichts gewusst! Von dem großen Missverständnis. Denn eigentlich will der hippe Großstadtnomade weiterhin doch genau das, was auch die Großmutti von der CDU für ihn durchsetzen will. Sie will für den Jungen doch auch nur das Beste:

„Natürlich liegt es nicht an der Programmatik und Weltanschauung der Union, die passt eigentlich viel besser zu den aufstrebenden neubürgerlichen Milieus als die rot-grüne Bevormundungsdoktrin.“

Nee, ach watt, am Programm liegt das nie im Leben! Betreuungsgeld, Homophobie, Leistungsschutzgesetz, Schützenbruderharmonie, Herdprämie – das ist doch so was von urban! Und dazu noch die trendigen Jahresendfiguren von der Jungen Union …

Wachsender Unglaube

Für Matthias Döpfner ist Print ein Auslaufmodell: Zwar im Moment noch wichtig, aber tendenziell immer unwichtiger und irgendwann vielleicht gar nicht mehr. … Darum sei es unwahrscheinlich, dass Springer künftig noch in neue Print-Produkte investiere. … Stattdessen lautet die Springer-Devise bei Print: sparen, verkaufen, optimieren.

Nun ja, der Mann ist ja nicht irgendwer … wer also Interesse an der Bild-Zeitung hat.

Mit ein wenig Content im Kopf …

So sehen die gefürchteten Snippets aus. Wir erfahren, dass Obama das letzte TV-Duell schon irgendwie gewonnen hat, dass aber ein aalglatter Romney ihm auch in keinem Punkt widersprach, und ansonsten nur prae-staatsmännisch das Hohelied vom ‚Frieden, Frieden, Frieden‘ tirilierte. Aber halt – letztere Details erfahren wir nur, wenn wir schon ein wenig weiter geklickt haben, hin zu den angeschlossenen Deutungshäusern, also in das Reich der Redaktionen. In den Snippets stand dagegen 1161-mal so ziemlich das gleiche – Obama hat irgendwie schon gewonnen. Punkt.

Ein solches Infofitti, eine solche Allerweltsfloskelei, die 1161-mal bei anderen ebenso steht, die sehen Deutschlands Verleger also als ‚the Great Bankrobbery‚, weshalb zur Prophylaxe jetzt ein Leistungsschutzgesetz her muss, eine Google-Steuer, und noch so allerlei. Denn der Leser würde doch schon gar nicht mehr weiterlesen, wenn ihn ein solches Snippet bereits gesättigt hat. Geht’s noch?

Ursächlich für den kritischen Mentalzustand in unseren Verlagshäusern ist in meinen Augen die Content-Krankheit: Sie denken dort traditionell, dass also die Information vor allem aus dem Wer und Was bestünde, weshalb es ja auch weitgehend egal sei, wer dort bei ihnen daheim am Newsdesk vor sich hin klimpere. Das ‚Wie‘ einer Information hingegen sei absolut zu vernachlässigen. Sie sehen einfach nicht, dass sie sich alle doch allenfalls noch durch dieses ominöse ‚Wie‘ unterscheiden.

Ein deutscher Verleger, contentgläubig wie er ist, könnte also bspw. meinen, dass sich der Inhalt des ‚Huckleberry Finn‘ erschöpfen ließe durch die google-gemäße Content-Sentenz: „Ein Junge und ein Neger fahren auf einem Floß den Mississippi hinab„. Schon müsste er – puuh! – den Mark Twain doch gar nicht mehr selber lesen.

Der wahre Kern der Information hingegen besteht immer aus dem, was auch jetzt im Falle Obamas über den Content hinausreicht. Das steht eben nicht mehr in irgendwelchen Snippets von Google. Dass also die Schlangenmenschen bei der ‚Welt‘ unter den üblichen neoliberal-klippschuldialektischen Verrenkungen jetzt schreiben, dass Romney irgendwie trotzdem schon eigentlich gegen Obama gewonnen hätte, weil er ja noch nicht verloren hat. Während der Spiegel hanussenmäßig und von einer Position weit in der Zukunft her höhnt, dass Obama dieser Sieg doch gar nichts mehr nützen wird, wie es alle wahrhaft weisen Experten längst wissen. Und darauf einen Mascolo! Wohingegen der ‚Stern‘ Siegesfanfaren für Obama bläst, ohne Wenn und Aber, absolut Partei und sans phrase.

Das also ist es, was die Information vom Content unterscheidet – und den einen Verlag vom anderen. Und diese Information ist von Google keineswegs bedroht, allenfalls der tausendfach abgeleierte Dutzend-Content – Google zeigt uns bloß die Bananenschale, aber nicht die nahrhafte Banane …

Nase zuhalten!

Hier kommt es jetzt zu einem Fall von duftendem Selbstlob – ich habe mir deshalb auch gleich einen Verweis erteilt, und zwar als Crosspost auf diese Rezension meines Buches:

„… Neben der Vermittlung eines handfesten Anliegens – Werdet besser! – ist das Buch höchst unterhaltsam zu lesen, was ebenso an der sehr persönlichen Schreibe des Autors wie an den vielen kleinen und größeren Seitenhieben auf bekannte Personen, Zeitungen und Blogs liegt. All diese kleinen Sottisen sind jedoch nicht Selbstzweck, sie werden sorgsam begründet und als lebendige Beispiele herangezogen. … Das Buch erfordert Mitdenken, innere Rückfragen und das Eingeständnis der eigenen, schlechten sprachlichen Angewohnheiten, belohnt dies aber mit einigen soliden Techniken und der Fähigkeit, einen guten Text zu erkennen, wenn man ihn sieht. Das größte Plus für mich ist aber die Leidenschaft, mit der Klaus Jarchow streitet: Für lesbare und lesenswerte Texte nach dem Journalismus. …“

C’est la guerre!

Jürg Altwegg, der Genfer Frankreich-Korrespondent der FAZ, hat einen selten skurrilen Text über den Krieg der Solche gegen die Die-Da geschrieben. Solche sind natürlich die vereinigten Verleger und die Die-Da wären wiederum die Verantwortlichen bei Google.

Der Hintergrund: Mit dem ‚Droit Voisin‘ möchte die französische Regierung, die sich immer noch vom Bündnis mit den alten Medien politische Transfer-Gewinne erhofft, ein Pendant schaffen zum deutschen Leistungsschutzrecht. Google soll deshalb eine Pressesteuer löhnen, weil diese große Suchmaschine die Leser bekanntlich an die nahrhafte Krippe des ‚Qualitätsjournalismus‘ führt. Aus dem vertraulichen Briefwechsel zwischen Politmaschinerie und Suchmaschinerie petzte jetzt jemand den Medien etwas: Google – sagt Google – wolle die Verlage schlicht nicht länger verlinken, falls es jemals zu einer Strafsteuer für Leserlotsendienste käme. Die Verleger nannten das ebenso prompt, wie auch kurzsichtig eine „Kriegserklärung“ – also das, was schlicht nur eine Modifikation der Geschäftsbedingungen wäre.

Jürg Altwegg, ein treuer Eckhardt seiner Herrn, greift in der Folge zu einem Argument, das im Kern nur entgleistes Denken ist, noch dazu in eine völlig kranke Metapher gewickelt. Zu diesem Zweck erweitert er das altbekannte und längst rundgelutschte Taxifahrer-Bild des Konfliktes:

Völlig absurd sei es, die Suchmaschine an den Kosten zu beteiligen: „Das ist so grotesk wie die Vorstellung, dass ein Taxifahrer, der seinen Kunden in ein Restaurant fährt, dem Wirt dafür etwas bezahlen soll.“ Doch Google ist kein Gratistaxi – sondern ein Schwarz- und Trittbrettfahrer.

Öhem – versuchsweise habe ich mal versucht, diesen Altweggschen Nachsatz in das Reich der Vernunft zu überführen: Google, dieses metaphorische Taxi in die Rotlichtbezirke der Internet-Galaxie, wäre schon deshalb selbst ein Schwarzfahrer, weil es ja nicht dafür bezahlt, dass es 24 Stunden am Tag Passagiere befördern muss. Aus dem Taxifahrer würde in Altweggs Märchenwelt gewissermaßen ein Beruf, für dessen Ausübung der Fahrer noch Geld mitzubringen hat. Dies verdaut, soll der arme Chauffeur des Gefährts angeblich auch noch draußen auf dem Trittbrett stehen, wo ich mich dann frage, wie gelenkig ein Kerl wohl sein muss, der dann noch Bremse und Gaspedal betätigt. Vielleicht aber fahren in Altweggs Comic-Welt ja auch die Fahrgäste das Taxi, während der Fahrer auf dem Trittbrett bloß die frische Luft genießt. An diesem Punkt jedenfalls habe ich den bildlichen Nachvollzug der Altweggschen Vexiersätze eingestellt, weil’s mir doch arg wirr im Kopf wurde.

Weiter im Text: Es folgt eine schlichte Koinzidenz, die der Herausgeber des ‚Nouvel Observateur‘ seinem staunenden Publikum als Sensation und als schlagenden Beweis verkündete, dass nämlich Google ‚die Maske fallen gelassen‘ habe, weil im gleichen Zeitraum, wo Google eine Milliarde Euro mehr Umsatz gemacht habe, der Umsatz französischer Zeitungen gleichfalls um eine Milliarde zurückgegangen sei. Diesen Schwachfug zitiert Altwegg prompt zustimmend, ja, er macht ihn sogar zu seiner Headline. Was zwar schmissig wirkt, den Schreiber aber leider in einen Konfusius verwandelt.

Ebenso gut könnte ich bspw. dahertexten, dass im gleichen Zeitraum, wo aus den Cola-Automaten an Norddeutschlands Schulen 10.000 Liter weniger Coca abgerufen worden seien, die Milchproduktion niedersächsischer Kühe um 10.000 Liter zugenommen hätte. So etwas ist ‚Bullshitten für Anfänger‘. Erich Däniken goes media – zwei zufällig gleiche Zahlen … und schon sieht der Gläubige einen Beweis.

Fern der Realität ist auch das belgische Beispiel, das Altwegg in der Folge anführt. Als Google dort vor einiger Zeit die Presseverleger tatsächlich von den Suchanfragen aussperrte, kroch die vereinigte Verlegerschaft aus dem Reich der Sahnetrüffel drei Tage später schon zu Kreuze. Liest man aber Altweggs Text, könnte ein unbedarfter Leser glatt vermuten, die belgischen Verleger hätten damals einen grandiosen Sieg über Google gefeiert. Kurzum – bei Altwegg geht’s so wahrheitsgemäß zu wie in einem Pressehauptquartier während des Ersten Weltkriegs.

In der Realität war es doch eher so, dass ‚Copiepresse‘, der belgische Verlegerverband, ohne Wenn und Aber und weitere Geldforderungen dem verhassten Google zähneknirschend die Erlaubnis erteilte, wieder alle gebenedeiten Presseprodukte zu verlinken. Denn ohne Google waren die Verluste größer als mit der Suchmaschine. Gut – aber diese Form der interessierten Darstellung macht schließlich den Unterschied zwischen Realität und Qualitätsjournalismus vorwiegend aus …

„But today, Google said it has gotten permission from Copiepresse to add its sites back to Google search results, and so it has.“

Der einzig ‚ehrliche Weg‘ sieht übrigens so aus, wie es die brasilianischen Verleger jetzt vorexerzieren. Sie melden sich einfach beim Google-Roboter ab, schon wird ihr Angebot nicht mehr ‚ausgebeutet‘. Das Dumme ist nur – es könnte sich dabei herausstellen, dass das Publikum des ‚Qualitätsjournalismus‘ nicht mehr bedarf, wohl aber der Qualitätsjournalismus eines Publikums. Was dann?

„In Brasilien haben sich 154 Zeitungen aus der Nachrichtenseite des Internet-Konzerns Google zurückgezogen.“

Nachtrag: Den Vogel schießen jetzt die schrägen Vögel vom ‚Focus‘ ab. Nur weil Google einigen Zeitungsverlegern – es sind ja keineswegs alle – nicht prompt zu Willen ist, weil Google also diesen Möchtegern-Loddels einen angeblichen Liebeslohn nicht herausrücken will, deshalb soll sich diese Suchmaschine gleich mit „Staaten“ angelegt haben. Ich glaube ja, diese Schreiberlinge wervechseln da was, ‚parteitragend‘ ist noch nicht ’staatstragend‘, ein Verlagsgebäude ist bis auf weiteres kein Reichstag, und Politiker sind keine Schutzgeldeintreiber:

„Dreiste Drohungen: Google legt sich mit Staaten an“

Nachtrag 2: Hier haut jemand noch viel genüsslicher – und auch eher fachlich-sachlich statt sprachlich – auf diese gequirlte Sahne aus dem Hause FAZ. Oder dem Altwegg zwischen die Löffel, ganz wie man’s sehen will:

„Noch einmal: Die schamlosen Unverschämtheiten von Publikationen wie der FAZ beim Thema Presseleistungsschutzrecht zeigen, dass die kommerziellen Massenmedien eher schlecht als recht als Basis für eine tatsächliche demokratische Meinungsbildung geeignet sind, die alle Partikularinteressen einer Gesellschaft deren Bedeutungen entsprechend einbezieht.“

Ergänzend hier der Versuch einer Aufklärung: Die gerügte ‚Schamlosigkeit‘ solcher Massenmedien rührt m.E. aus alter Gewohnheit her: Diese Schlachtschiffe konnten lange so schamlos und unverfroren agieren, weil sie mangels anderer Kanäle stets ‚unwidersprochen‘ oder ‚unter sich‘ blieben. Dieses meinungsmonopolistische Idyll ist dahin, die Landschaft hat sich geändert – und weil sie’s nicht wahrhaben möchten, wirken sie zunehmend verhaltensauffällig.

CDU-Kampagne geleakt:

Der Ortho-Graf

Ein Ausdruck wie ‚Qualitätsmedium‘ verspricht stets mehr, als in der Verpackung dann drin ist. Auch wenn es beckmesserisch wirkt, ich habe mich auf der Tastatur mal umgetan, das ‚ß‘ liegt rechts oben, das ’s‘ hingegen mittig weit links. Der Mann glaubt also tatsächlich, dass sich dieses Verb von Brechts Weißwäscherkongress ableitet (10:28 Uhr):

„Dann will [Gysi] weiß machen, die Linke sei Vorreiter: beim Mindestlohn, bei der Finanztransaktionssteuer etwa.“

Der Focus-Mann ‚weiß‘ alles einfach besser, auch wenn der Gysi sachlich ja recht hat – nur hatte der eben niemals die Macht.

Großes Lob!

Zumindest wenn der Plan verwirklicht wird, jene Lebensmittelampel, die der Unilever-Konzern statt für seine Produkte jetzt für die Bewertung seiner Mitarbeiter einsetzt, auch auf das Ministralgemüse im Reichstag anzuwenden. Hier ein erster Entwurf (die Personalabteilung übt noch, um den Betriebsfrieden zu wahren):

Für den rotgeblockten Ronald Pofalla hieße das Ergebnis beispielsweise, dass ihm jetzt Mentoringgespräche („Andere Betätigungsfelder sind doch auch nicht zu verachten!„) oder Weiterbildungsmaßnahmen angeboten würden („Haben Sie schon mal über einen Wechsel in den Back-Office-Bereich nachgedacht, vielleicht in ein Call-Center?„). Seinen Job würde dann der grüngemarkerte Dieter Bratzke übernehmen, allerdings kann der Mann ja auch nicht alles machen – und wer paniert dann die Schnitzel?

Zeigen, wie man denkt

Der FDP-Politiker [Michael Marquardt] beleidigte via Facebook Demonstranten als „alte, gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren“ und „nach Schweiß stinkende Männer“. … Der Stuttgarter FDP-Chef hat die Äußerung seines Vizes gutgeheißen.“

Merke: Ein Shitstorm heißt nicht deshalb so, weil er aus ‚Shit‘ besteht, er ist in die Regel die stürmische Antwort auf den Shit anderer Leute. Und ob Männer, die nach Schweiß riechen, nicht leichter zu ertragen sind, als solche ästhetelnden Popper-Jüngchen, die aus dem Maul nach dem duften, was sie im gärenden Hirnsilo mit sich herumtragen, das ist für mich doch sehr die Frage …

Ergänzung: Wer wissen möchte, wie solch schwatzgelber Empathie-Leerstand sich darzustellen pflegt, hier gibt’s die passende Selbstikonisierung für den Flachbildschirm.

Große Ökonomen

In meinem Buch nenne ich das den Nebel-Faktor. Je nebliger und kälter die Winter in einem Land sind, desto solider sind die Finanzen. Wenn man schon durch die Natur gezwungen ist, für harte Zeiten Vorsorge zu treffen, prägt das offenbar den Charakter eines Volkes.“
Thilo Sarrazin als Dichter Nebel

Genau, das Dolce far niente am sonnigen Mittelmeer hat nämlich schuld. Hat dagegen schon jemals jemand von einer Schuldenkrise in Grönland gehört? -…- Wie jetzt – Island?

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