Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2012 (Seite 1 von 4)

Zum Reformationstag:

Es meinen wohl etliche, das Schreiberamt sei ein leicht, geringes Amt, aber im Harnisch reiten, Hitze, Frost, Staub, Durst und ander Ungemach leiden, das sei eine Arbeit. Ja, das ist das alte gemain täglich Liedlein, daß keiner sieht, wo den andern der Schuh drückt. Jedermann fühlet allein sein Ungemach und gaffet auf des andern gut Gemach.

Wahr ist’s, mir wäre es schwer im Harnisch zu reiten; aber ich wollt‘ auch gern wiederum den Reiter sehen, der mir könnte einen ganzen Tag still sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, noch denken, noch lesen sollt‘. Frage einen Kanzleischreiber, Prediger und Redner, was schreiben und reden für Arbeit sei; frage einen Schulmeister, was lehren und Knaben ziehen für Arbeit sei.

Leicht ist die Schreibfeder, das ist wahr; ist auch kein Handzeug unter Handwerkern baß zu erzeugen, denn das der Schreiberei; denn sie bedarf allein der Gänse Fittich, der man umsonst allenthalben genug findet. Aber es muß gleichwohl das beste Stücke (als der Kopf) und das edelste Glied (als die Zunge) und das höchste Werk (als die Rede), so am Menschenleibe sind, hier herhalten und am meisten arbeiten, da sonst bei anders entweder die Faust, Fuß, Rücken oder dergleichen Glied allein arbeiten, und können daneben fröhlich singen und scherzen, das ein Schreiber wohl lassen muß. Drei Finger tun’s, sagt man von Schreibern, aber ganz Leib und Seel‘ arbeiten dran …“
Martin Luther

Muhme Höhler

Motive altern nie. In jedem Action-Film finden wir bspw. das gute alte Siegfried-Motiv: Der Held erschlägt den Drachen (Schurken, Drogenboss) und steigt zur Belohnung mit einer sexy Prinzessin (Polizeipsychologin, Millionenerbin) ins Bett. Eine solche Märchenstunde gibt es jetzt auch bei der Frau, die uns kleinen Kinderlein schon die Sage von der bösen männermordenden Hexe Angela so kongenial erzählte. Jetzt ist Gertrud Höhler glücklich beim Märlein vom ‚Hemd des Glücklichen‘ angelangt, wobei Leo Tolstoi, der Erfinder des starken Stoffes, uns damals allerdings ganz zu erzählen vergaß, dass die Gesandten des Zaren dem Armen daraufhin die Haut abschälten:

„Arme sind häufig glücklicher als gierige Reiche“

Man beachte in dieser Conclusio übrigens das Adjektiv, welches diese steile These vor Angreifbarkeit zu schützen hat, deren Botschaft im Kern ja lautet: „Arme froh, Reiche traurig“, eine Variation der biblischen Weisheit vom Kamel und dem Nadelöhr. Anders ausgedrückt – welcher gut gepolsterte Reiche fühlt sich schon durch das Wort ‚gierig‘ porträtiert? Er heißt doch nicht Gecko …

Unikat vs. Multitude

Unsere Bildungsbürger verzeihen es dem Fritz J. Raddatz noch immer nicht, dass auf deutschem Boden ein Dandy sich über deren Standards zu erheben wagte. Das konstatiere ich nach Lektüre der Leserbriefe zu diesem Interview … – ein Text, der ansonsten wunderbare Sottisen über Helmut Schmidt, Walter Jens, Techno-Musik wie auch den Tod zu formulieren weiß.

Religion und Rhythmus

Bisweilen wird der Satzrhythmus nach Gott und nicht nach den Göttern verlangen; dann wieder werden sich die beiden Silben von „Götter“ aufdrängen, und ich werde mit den Worten das Weltall wechseln; ein andermal wird sich ein innerer Reim aufdrängen, eine Verlagerung des Rhythmus, ein Erschrecken des Gefühls, und je nachdem werden Polytheismus oder Monotheismus das Sagen haben. Die Götter sind eine Funktion des Stils.“
Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe

Kausales – anschaulich gemacht

Horden von Klickzahl-Steigerungs-Schlaumeiern, gefangen in unverrückbaren Vorstellungen von “Qualitätsjournalismus”.

Darwin, ein Sozialdarwinist?

Ja, ich halte mich für vernunftbegabt und bin daher ein Anhänger der Evolutionstheorie, die eigentlich längst schon keine Theorie mehr ist. Zu üppig sind die Befunde, die für sie sprechen. Der theoretische Vorbehalt wird ja zumeist aus gesellschaftlicher Rücksicht eingeführt, um gewisse Kreationisten nicht zu vergrellen, die da meinen, ein höheres Wesen hätte den ganzen Weltzirkus binnen sieben Tagen aus dem Boden gestampft – einschließlich des Bodens.

Trotzdem – nehme ich das Wort „Darwinismus“ in den Mund, dann kommen mir selbst beste Freunde mit seltsam dummen Einwänden daher. Ob ich denn nicht auch meine, dass es gelte, die Schwächeren gegen die Stärkeren zu schützen, Nischen für Lebensformen zu erhalten usw. Kurzum – diese Freunde haben keine Ahnung vom Darwinismus. Das beginnt schon mal damit, dass Charles Darwin weder den Begriff „Evolution“ noch das „Überleben des Passendsten“ (’survival of the fittest‘) prägte. Diese Ausdrücke stammen von Herbert Spencer, der beides schon verwendete, lange bevor Darwin seine Hauptwerke veröffentlichte.

Herbert Spencer war gewissermaßen der Alfred Rosenberg des Manchesterkapitalismus, ein elitärer Chef-Ideologe während der Regierungszeit von Königin Viktoria, ein Erich Däniken der Ökonomie, ein Bestseller-Autor im Wissenschaftsgewand, der das erfand, was heutzutage ‚Sozialdarwinismus‘ genannt wird. Was wir aber besser ‚Sozialspencerismus‘ nennen würden, weil es mit Charles Darwin rein gar nichts zu tun hat. Was Herbert Spencer schrieb, klingt vielmehr oft so, als hätte man Andrea Seibel mit Ulf Poschardt gekreuzt:

„Die Freunde der Armen sind blind gegenüber der Tatsache, dass die Gesellschaft nach der natürlichen Ordnung der Dinge ständig ihre ungesunden, unfähigen, langsamen, unzuverlässigen Mitglieder ausscheidet, und deshalb befürworten diese zwar wohlmeinenden, aber gedankenlosen Menschen einen störenden Eingriff, der nicht nur den Reinigungsprozess zum Stillstand bringt, sondern den Niedergang sogar verstärkt – weil sie die Vermehrung der Unfähigen begünstigen, indem sie ihnen unerschöpfliche Versorgung bieten.“

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Aus dem Tal der Ahnungslosen

Dabei weiß jeder heute: Was Google nicht auf den vorderen Rängen findet, existiert nicht.“

Oder – was nicht im Schaufenster steht, ist gar nicht da. Korrekt formuliert und journalistisch sauber ausrecherchiert lautet dieser Satz hingegen:

„Wenn ein SpOn-Redakteur etwas bei Google nicht gleich auf der ersten Seite findet, existiert es für ihn mangels Einblick nicht.“

Und wo erwirbt so ein eilfertiger Tippfinger sein Google-Wissen samt Scheuklappen: In der hauseigenen SEO-Kapelle natürlich. Tscha – und woher kam überhaupt dieser Lärm? – – – Das böse Google hat dem guten SpOn einfach die App-Preise erhöht. Oha, was erlauben sich Google! Ich bin je länger, je mehr für die Einführung eines Internet-Führerscheins, zumindest im medialen Bereich …

Verlegerqualifikationen 2012:

Etienne Jornod ist seit 17 Jahren Präsident des Verwaltungsrats der Galenica-Gruppe. Galenica ist weltweit führend im Bereich der medikamentösen Behandlung von Eisenmangel, betreibt in der Schweiz die grösste Apothekenkette und ist der führende Pharmalogistiker. … Jornod ist zudem Mitglied der Verwaltungsräte von Alliance Boots und der Vaudoise-Versicherung, welchen er weiterhin angehören wird.“

It’s a long way from Siegfried Jacobsohn: Ob Hähnchenmäster, Viagra-Verticker oder Zeitungsmacher, heutzutage wird alles über die gleiche Benchmark gejagt: „NZZ ist schweizweit führend in der publizistischen Behandlung von Zustimmungsmangel, betreibt in der Schweiz die größte Artikeltheke und ist der führende Meinungslogistiker“ …

Journalismus noch fühlfälliger

Die Redaktionen der WELT-Gruppe, der BERLINER MORGENPOST und des HAMBURGER ABENDBLATTS bilden noch in diesem Jahr eine Redaktionsgemeinschaft. Unter der Leitung einer gemeinsamen Chefredaktion produziert diese die Inhalte aller Titel der Gruppe.“

Schwarze PR für Anfänger

So teasert uns der ‚Focus‘ etwas auf der Homepage seines Portals daher. Dem Newsdesk-Kommissar ist da offenbar schon alles klar: Der Pressesprecher ist selbstverständlich ‚integer‘ – und alle anderen Behauptungen wären nur ‚angeblich‘ und unverantwortliches Geschwätz aus durchsichtigen politischen Gründen. Ratzfatz geht’s zum rasanten Hauptartikel, diesem Schulbeispiel für modernen Qualitäts-journalismus:

Das nun ist in meinen Augen eindeutig ein Tippfehler. Da fehlt in der Headline ein ‚el‘ …

Nachtrag: Und nu isser wech, dies Muster an Integrität – das musste sein, bevor die Recherche-Schlingels noch dem anderen auf die Fährte kämen … und auch der ‚Focus‘ verkneift sich jetzt das parteibewusste Adjektiv – dem Schreiber ist alles nur noch ‚rätselhaft‘:

Und was röhrt uns jetzt der kleine Dschang aus dem intellektuellen Planschbecken seines ‚Schwarzen Kanals‘ daher? Natürlich nur die Wahrheit, die reine Wahrheit: Es war nämlich kein Nebelstreif – es war ein ‚Programmvorschlag‘. Wenn ich irgendwann an einem Lachkrampf zugrunde gehe, dann lag es an solchen Figuren …

„Aufregung am Lerchenberg: Der CSU-Sprecher hat einen Programmvorschlag gemacht, das gilt nun als Anschlag auf die Unabhängigkeit des ZDF.“

So sieht sie nämlich aus, die ‚gutmenschelnde linke Vorherrschaft‘ allüberall in der deutschen Medienlandschaft – von Focus über Welt und Cicero bis hin zu Fleischhauers Schlachtestübchen. Jeder konstruktive Programmvorschlag – sagen jedenfalls diese rechten Hegemönchen und Kraushirne – würde von einem imaginierten Kinderschreck aus Alt-68ern doch zum Skandal aufgebauscht und zur Krise hochgeträllert … oder so ähnlich jedenfalls irgendwie. So als ob jemals die Springer-Burda-Bauer-Bertelsmann & Co. KG mit Alt-68 irgendetwas am Hut gehabt hätte …

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