Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2012 (Seite 1 von 4)

Noch so‘ Beispiel …

Auch hier haben wir es mit einem sachlich falschen Headlining in einem Qualitätsmedium zu tun. Die SZ schreibt über einen hochkorruptiven Ex-Bayern-LB-Vorstand:

„Gribkowsky gibt seine Millionen frei.“

Das klingt schon fast nach einem edlen Spender. Falsch ist erstens das Possessivpronomen, es waren niemals ’seine‘ Millionen, weshalb er die Sore auch schuldbewusst tief in einer Stiftung begrub. Dann wird zweitens eine rechtmäßige und autonome Verfügungsgewalt über einen Besitz suggeriert – ‚gibt frei‘ – die jedem Eigentumsempfinden Hohn spricht. Für mich zeigt sich einmal mehr die generelle Hochachtung des deutschen Journalismus für alle, die zu Geld gekommen sind, egal auf welche Weise, solange sie zu den maßgebenden Parties noch eingeladen werden. Nie kame solchen Schreibern aber ein Konstrukt wie das folgende unter die Tippfinger: „Der Kindesentführer gibt seine Millionen frei„.

Korrekter und faktengerecht wäre daher auch im Fall dieses bayrischen Bankräubers allein diese Headline gewesen:

„Gribkowsky rückt die Beute raus.“

Präzision vs. Redaktion

Überraschend klares Urteil aus Köln: Die Tagesschau-App ist presseähnlich – und das darf nicht sein.“

Sachlich korrigiert lautet dieser FAZ-Satz dann so:

„Überraschend weises Urteil aus Köln: Nur die Tagesschau-App vom 15. Juni 2011 war presseähnlich – und nur die darf so nicht sein.“

Ein Fake-Urteil also, dessen Anlass längst entschwunden ist. Gut – man soll andererseits vom interessierten deutschen Qualitätsjournalismus nicht zuviel erwarten … und auch, wenn sich das bei Familie Verleger in ihrem Bunker noch nicht recht herumgesprochen hat: Es gibt im neuen Digitalien gar keine Presse mehr. Und daher auch nichts, das ihr ähneln könnte.

Tagesschau, aufwachen!

Ihr schreibt uns, dass ihr doch nur eurem „täg­li­chen, tau­send­fach wie­der­hol­ten Mus­ter“ gefolgt seid, dass ihr euer „be­währ­tes Re­le­vanz­ras­ter“ angewandt hättet, das „per­ma­nent über­prüft [wird] mit Blick auf eine ver­än­der­te Lage an den Schau­plät­zen der Ge­scheh­nis­se.“ Nie aber würdet ihr euch dem Druck der Straße beugen! Sagt mal, merkt ihr noch was?

Rings um euch verändert sich die Welt, aber ihr redet daher wie mit Kukident und Prothese im Maul, dazu mit Adenauer und Heinz Erhard im Kopp. Passt ein Sprachgebrauch mal nicht zu euren bemoosten und „kno­chen­tro­cke­nen Ab­wä­gungs­pro­zes­sen“, dann richtet ihr den Finger reflexartig auf andere Leute und faselt was von ‚Shitstorm‘ daher. Sagen wir’s mal so, ein ‚Shitstorm‘ wäre es nur dann gewesen, wenn darin auch ‚Shit‘ enthalten wäre. Das aber war mitnichten der Fall (- – – na gut, ein paar versprengte Weltverschwörungstheoretiker sind immer dabei).

Zumeist aber wurden nur eingerostete Entscheidungsmechanismen hinterfragt, oft mit sehr validen und einsichtigen Argumenten. Was wäre zum Beispiel an diesem Einwurf ‚Shit‘ gewesen:

„Ein Shitstorm sind Kommentare, die nur als Störung und frei von jedem Inhalt gepostet werden. Hier haben sich aber viele über das Vorgehen der Tagesschau mit eindeutigen Argumenten und mit Kritik empört. Das ist ein Riesenunterschied! Wir sind doch die, die ihr informieren sollt. Warum ihr euch keine Gedanken macht und kein bißchen darauf eingeht, dass vielleicht ja auch was dran sein könnte an der Kritik, finde ich nicht sonderlich seriös.

Ich habe ein bißchen das Gefühl, dass ihr viel zu lange vom Volk in Ruhe gelassen worden seid, und jetzt selber nur noch ganz schlecht damit umgehen könnt, wenn ihr mal ordentlich Gegenwind bekommt. Die Menschen werden böse, wenn sie sich nicht ernstgenommen fühlen. Das habt ihr mit Kommentaren wie diesem super hinbekommen.“

Schöner kann ich’s auch nicht sagen. Anders formuliert: Ihr habt kommuniziert wie die Rohrkrepierer, euer seltsamer Korrespondent vor Ort sieht dort nur „3.000 Teilnehmer„, wo jeder mit Augen im Kopf mindestens Zehntausende sieht, ihr versteht nicht, dass in Spanien das Schicksal einer ganzen europäischen Jugend verhandelt wird, weshalb die Solidarität ja so groß und übergreifend ist, und es war letztlich nur euer eigener Shit, der bei euch in der Redaktion in den hauseigenen Ventilator flog. Krabbelt also mal von eurem Welterklärungs-Hochsitz herunter, stellt euch zu eurem Publikum auf den Bürgersteig, wie andere Leute auch, und redet mit ihm auf Augenhöhe – und nicht in diesem Opa-Stil, demzufolge alles schon deshalb ganz toll sei, weil ihr das schon immer ‚relevanzrastermäßig‘ so gemacht habt. Wer sich nicht verändert, ist schon morgen zurückgeblieben … und der Journalismus macht es heutzutage selbst, dass ihm die Leute wegrennen.

Selbstdenken

Woher hast du das?“, fragen mich gelegentlich Leute. Und wehe, ich sage dann: „Das habe ich mir selbst so ausgedacht“ – schon ist mein Gedanke oder mein Argument entwertet. Hätte ich hingegen gesagt, dass dieser oder jener Professor das doch in seinem Buch ‚XYZ‘ so beschrieben habe, dass es so im ‚New Scientist‘ gestanden hätte – schon würde die gleiche Aussage ernsthaft diskutiert.

In Gesellschaft müssen wir also immer den Anschein erwecken, auf irgendwelchen Schultern zu stehen, obwohl die Verehrung alles bereits anderswo Gedachten nicht nur das Selbstdenken entwertet, sondern zugleich jeden Fortschritt und jede Eigenständigkeit im mentalen Bereich erheblich behindert.

Ironie schadet nie!

Bis dato wird dem Publikum zugemutet, das Unmögliche zu glauben: dass nämlich tatsächlich einstige Tankwarte und Heizungstechniker, Kofferträger und Landadelige, Agenturbesitzer und Trauzeugen, Immobilienmakler und Steuerberater, Haider-Jünger und Grasser-Freunde so unschätzbare Dienste leisteten, dass sie mit etlichen Millionen nicht überbezahlt waren. Die Erörterung der weit näher liegenden Variante – dass ein Gutteil der Millionen entweder in Parteikassen oder in den Taschen vom Amtsträgern landete – verbietet das Mediengesetz. Das sollte die Justiz aber nicht hindern, ihre Aufklärungsarbeit drastisch zu intensivieren.“

Tscha, vermutlich waren das ja alles liberale ‚Leistungsträger‘ – und somit per Definition stets chronisch unterbezahlt. Eine solch süffige Ironie aber fließt nur österreichischen Journalisten derart fehlerfrei in die Tastatur. Der gemeine deutsche Schreiberling sieht nur jene Hühneraugen, auf die er – ogottogott! – bei diesem unerhörten Verfahren treten müsste …

Thesen bestätigen

Keine Antwort ist auch eine Antwort: Als Sven Kohlmeier, netzpolitischer Sprecher der SPD, auf einer Podiumsdiskussion behauptete, dass man mit den Piraten im Landtag nicht kommunizieren könne, stieß Berlins dünnhäutiger Oberpirat erzürnt den Stuhl zurück und stratzte von der Bühne. Welch schönere Bestätigung einer These kann es geben …

Brodern

Mal wieder alles Antisemiten – außer Pappi, das ist das, was Internisten des Kognitiven als so genanntes Broder-Syndrom bezeichnen:

„Jakob Augstein ist nicht nur ein lupenreiner Antisemit und eine antisemitische Dreckschleuder, er ist auch Verleger eines antisemitischen Drecksblattes, das aus der Konkursmasse der DDR übrig geblieben ist.“

Worum ging’s? Im Kern hatte jemand im ‚Freitag‘ darauf hingewiesen, dass es auch in Israel Korruption gibt … und so ein Antisemitismus-Vorwurf im wüstesten und drecksvokabularen Motzblogger-Stil reicht dann allemal, um dem Vorwitzigen auf bewährte Weise das Maul zu stopfen. Solch invektive Wiederholungstäterschaft genügt auch, um aus mir unerfindlichen Gründen weiterhin zum deutschen Qualitäts-journalismus gezählt zu werden – und last not least darf man sich hochgestimmt mal wieder als Netanjahus bester Mann in Deutschland wähnen. Mich erinnert diese monolineare und absolut vorhersagbare Figur derweil immer mehr an einen Lachsack: Wo man ihn auch drückt, es kommt überall das gleiche Quäken heraus …

Boah, ej!

Mein ungehyptes Buch (s. rechts) verkauft sich immer noch besser als die gelben Seiten von Julia Schramm – trotz ihrer 57 Rezensionen und des übermäßigen Medien-Ballyhoos:

via NovelRank

Stultus der Woche

Was meint der Mann, was Reichtum ist? „Pimco-Chef warnt vor gigantischer Geldschwemme.“ Und all das Geld gehört auch jemandem – nun stell dir das mal vor! Daran bist du übrigens nicht ganz unbeteiligt …

Verlegersprech

Angesichts dramatisch wegbrechender Erlöse insbe-sondere im nationalen Anzeigengeschäft und deutlich geringerer Vertriebseinnahmen hat sich die Geschäftsführung entschlossen, die Kostenstruktur aller deutschen WAZ-Bereiche auf diese auch in den nächsten Jahren zu erwartende negative Erlösentwicklung auszu-richten.“

Anders ausgedrückt: Schleicht euch endlich, ihr zweibeinigen Kosten-strukturen …

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