Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2012 (Seite 1 von 5)

Leistungsschutzgesetz

Den besten Kommentar zum geplanten Leistungsschutzgesetz der Vereinigten Verlegerschaft gab gestern ein Freund am Telefon. Er sagte schlicht: „Scapa Flow“:

„Dort gab Konteradmiral Ludwig von Reuter am 21. Juni 1919 den Befehl zur Selbstversenkung der Flotte. … Die deutsche Flotte sollte den Briten nicht in die Hände fallen. Mit wenigen Ausnahmen versanken alle deutschen Schiffe.“

Was es sonst dazu noch zu sagen gibt? Hier der ‚Sinn vons Janze‘ – kurz zusammengefasst. Und die Lüge bestünde darin, dass ein Etwas etwas ’nicht sein soll‘, was aber genau dieses Etwas dann schließlich doch ist. Hier der dazugehörige Radebrech, formuliert in typischem FDP-Sprech:

Das Justizministerium stellte in seiner Begründung denn auch klar, dass das neue Gesetz „nicht als ein gesetzgeberischer Schutz von alten, überholten Geschäftsmodellen missverstanden“ werden soll. Das Gesetz „soll kein Korrektiv für Strukturveränderungen des Marktes sein, auf den die Presseverleger vor allem mit neuen Angeboten reagieren müssen“.

Anders ausgedrückt: Ich habe – justizministeriell bescheinigt – keinen Verstand, sondern nur einen Missverstand.

Narkotika

Amerika schläft ganz beruhigt … Mitt Romney spricht.

Lebensregel

Glaube nie einem Menschen, der die Hand aufs Herz legt.

Ein-Kolumnen-Leistungsträger:

Gerne halten wir Deutschen den anderen Europäern vor, wie fleißig wir doch sind – aber kaum arbeiten die Leute bei uns tatsächlich länger als von Gesetzes wegen gefordert, gilt dies als Alarmsignal. Was ist denn da schon wieder los?“

Es verfügt eben nicht jeder über ein solch ungeheures Arbeitsethos, um wie Sie, Herr Fleischhauer, mit dessen Hilfe tagelang an einem Satz zu feilen. Oder, um mit meinem verstorbenen Opa zu reden: Selbst den A…h nicht von der Heizung kriegen, aber anderen gute Ratschläge geben. Tartufferie wäre meines Wissens der wissenschaftliche Ausdruck dafür …

Wo lebt der?

Ein „erfrischender Kommentar wider die Meinungsdiktatur der Political Correctness„, schreibt ein gewisser ‚Henry Bren d’Amour‘ heute in der gedruckten FAZ. Es handelt sich um einen dieser Leser, die ihrem täglichen Meinungsfutter immer drei Sterne zuzuteilen pflegen. Ich frage mich allerdings, ob der Mann wirklich nicht weiß, dass die Zeitungswelt – von Fleischhauer und Broder über Seibel und Siems bis hin zu Poschardt, Lehming und Altenbockum – täglich übervoll ist „mit erfrischenden Kommentaren wider die Meinungsdiktatur der Political Correctness„? Da muss also mal jemand ein Fass aufgemacht haben. Man liest ja gar nichts anderes mehr … überall diese Herden von ununterscheidbaren Individualitäten im Verfolgungswahn, die sich um Kopf und Kragen quasseln.

Sie lernen es nicht:

Dies ist nur eines von mehreren Beispielen, in denen Paul Ryan nicht ganz bei der Wahrheit bleibt.“

Dank des Web 2.0 sollte doch die Zeit des Herumknödelns in allen Texterberufen vorüber sein, jene Zeit, wo sich ein Journalist immer auf diplomatischer Mission wähnte und stets so staatstragend formulierte, dass er darüber das Schreiben vergaß. Mal abgesehen vom kranken präpositionalen Anschluss ‚in denen‘ – warum um Himmels willen schreibt der Matthias Kolb nicht einfach die schlichte Wahrheit hin? Aus Furcht vor den Inserenten? Muss er im Web 2.0 nicht haben … da gibt’s keine.

„Dies ist nur eines von mehreren Beispielen, wo Paul Ryan lügt.“

Außerhalb Deutschlands sind sie da schon weiter:

„Der fröhliche Schwindler.“

Schon recht, Constantin Seibt:

Was Zeitungen mit Kolumnen zu kaufen hoffen, sind Köpfe. Und damit hofft man, auch Profil und Glanz für das eigene Blatt zu kaufen: mal Witz, mal Kühnheit, mal Haltung, mal menschliche Nähe, mal Provokation oder Stil.“

Mal angenommen, die Hintergedanken in den Chefetagen glichen tatsächlich diesem Schema – weshalb würden denn dann bloß diese ‚Spalten‘ in deutschen Redaktionen ständig konträr zur großen Regel besetzt? Jetzt mal abgesehen von Misik und dem ‚Standard‘ …

Umschlag, angedacht …

Ha, entlarvt!

Die 22 Jahre alte ehemalige Philosophiestudentin Nadjeschda Tolokonnikowa, die als Ikone der Russischen Revolution, als Heldin gezeichnet wird, ist seit Jahren Mitglied der russischen Aktionskunstszene.“

Süsswoll, dann war ja alles Lüge, Kunst und Aktion passen bekanntlich hinten und vorn nicht zusammen! Aber was meint solch ein durchschnittliches FAZ-Feuilleton eigentlich, was der ‚Punk‘ an und für sich denn sei? Eine föhnfrisierte bürgerliche Vernissage, wo die Frauen nur noch poppen, wenn sie gerade ‚koin Kind onter dem Hörzen tragen‘, oder ihnen ersatzweise der bourgeoise Freier genügend Rubel bezahlt? Und was hat ein nahrhaftes Suppenhuhn in der Vagina mit unserer asketischen RAF zu tun? Wäre das nicht eher Otto Mühl? Und was verbindet zwei gut abgehangene Homosexuelle unterm Kirchendach mit Andreas Baader und Holger Meins? Wie muss ein Gehirn beschaffen sein, wo das Wort „Gruppensex“ gleich das Suffix „Orgie“ nach sich zieht? Fragen an dieses Paralleluniversum sind das … die Antwort lautet dann wohl: Kunst und Spießbürgertum passen ewiglich nicht zusammen. Letzterem bleibt nur das Feuilleton und seine ‚S-kahandaale‘ – und das Vertrauen auf einen lupenreinen Demokraten wie den Putin, diesen Heiligen Vladimir, der mit eisernem Besen dieses Sodom und Gomorrha einer russischen RAF in die Tonne treten wird, oder so …

Update: Es ist noch schlimmer – der Moritz Gathmann hat sich das alles im Internet ‚zusammengehegemannt‘ und dann ein wenig RAF als Zierpetersilie aufs schlechte Happening gestreut, fertig war das ‚Föjetong‘. Dummerweise aber hat er glatt vergessen, seine Quelle anzugeben. Naja, das macht man halt so im ‚modernen Qualitätsjournalismus‘, wenn man zu den Quellen hinabsteigt und nicht will, dass irgendwer anderes noch durchsteigt.

Mannomann, gestern der Jasper von Altenbrauchtum über die Schuld der Multikultis und ‚Sozialalchemisten‘ an den Krawallen von Rostock-Lichtenhagen, heute slappt dieser Trötmann, gespickt wie ein Rehbraten, mit seinen Dossiers jedem Fortschritt ins Gesicht – manche Zeitungen übertreiben es nicht nur manchmal mit dem Rollback …  

Der Inhalt

Vorneweg kommt hintennach: Erst schreibt der Mensch ein Buch – und ganz zum Schluss schreibt er dann Vorwort und Inhaltsverzeichnis. Letzteres steht jetzt auch schon vor den 620 Seiten, die dann folgen…

„Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort: Der Abschied vom ‚Industrieton‘

1. Deskriptiver Teil:

1.1. Die Medienrevolution – : Endlich passiert’s!
1.2. Das Schreiben – : Mit 26 Buchstaben jonglieren
1.3. Authentizität – : Echtheit ist Handwerk
1.4. Stil – : Es gibt keine Stile
1.5. Qualitätsjournalismus – : In der stilfernen Zone
1.6. Schreibkulturen – : Als der Stil online ging
1.7. Stilverlust – : Du Schönschreiber!
1.8. Glaubwürdigkeit – : Unter Verzicht auf die Wahrheit

2. Handwerklicher Teil

2.1. Die Wörter – : Stein auf Stein
2.1.1. Die Substantive – : Könige in Schriftgestalt
2.1.2. Die Verben – : Der bewegte Text
2.1.3. Das Adjektiv – : Unter falscher Anklage
2.1.4. Das Adverb – : Überpräzise wie ein Beamter
2.1.5. Die Präposition – : Der Wegweiser im Text
2.1.6. Die Füllwörter – : Keineswegs entbehrlich

2.2. Die Sätze – : Gedanken flechten
2.2.1. Die Satzzeichen – : Mach mal Pause!

2.3. Die Sprachmusik – : Ein Duktus, wo jeder mit muss!

2.4. Die Bildwelten – : Im Kampf mit der Metapher

2.5. Die Dramaturgie – : Der Film im Text
2.5.1. Das Szenische – : Kein langer ruhiger Fluss
2.5.2. Der Protagonist – : Helden wie du und ich
2.5.3. Die Atmosphäre – : Der emotionale Text
2.5.4. Das Interesse – : Das, was uns auffällt

2.6. Stilfiguren – : Rhetorik in der Praxis
2.6.1. Die Repetitio – : Was ich dreimal sage, ist wahr
2.6.2. Klimax und Antiklimax – : Wer bietet mehr?
2.6.3. Negation und Litotes – : Nichts für ungut!
2.6.4. Neologismen – : Neue Wörter braucht das Land
2.6.5. Die Alliteration – : Alles atmet Atmosphäre
2.6.6. Der Dialog – : Wie spricht denn der?
2.6.7. Das Negieren – : Dialektik für Anfänger
2.6.8. Die Idiomatik – : Die Sprache der Leute sprechen
2.6.9. Das Pasquill – : Richtig fies sein
2.6.10. Die Parodie – : Mit anderer Stimme reden
2.6.11. Die Personificatio – : Mir ist alles Mensch
2.6.12. Der Regionalismus – : Ich weiß man, von wo du kommst
2.6.13. Die Digression – : Wo war ich stehen geblieben?
2.6.14. Pars pro toto – : Einer für alle
2.6.15. Der erste Satz – : Einsteigen, bitte!
2.6.16. Die Ironie – : Vom Olymp herab
2.6.17. Anglizismen – : Aber gerne doch!

3. Exkursiver Teil

3.1. Attraktion – : Auf der Suche nach der Information
3.2. Erfinden – : Schreiben, bis sich die Balken biegen
3.3. Stellvertretung – : Handlung bleibt austauschbar
3.4. Standpunkte – : Die Heimat des Autors

4. Sprachkritischer Teil

4.1. Public Relations – : Die Himbeertonis
4.2. Feuilletonismus – : Schwurbeln, was das Zeug hält
4.3. Verschwörungstheoretiker – : Mutanten unter sich
4.4. Die Mittelstands-Foren – : Gepflegter Pöbeln

4.5. Die Alphajournalisten – : Egomanen dürfen alles behaupten
4.5.1. Hans-Ulrich Jörges (Stern) – : Publizistische Militärseelsorge
4.5.2. Helmut Markwort (Focus) – : Es gibt nichts Gutes, außer Litotes
4.5.3. Benjamin von Stuckrad-Barré (Die Welt) – : Benjamins Blümchen
4.5.4. Frank Schirrmacher (FAZ) – : Römpömpöm, ein Föjetöng
4.5.5. Henryk M. Broder (Die Achse des Guten) – : Mal richtig abkotzen!
4.5.6. Matthias Matussek (Spiegel) – : Lieb Vaterland …
4.5.7. Andrea Seibel (Die Welt) – : Reden, Sabbeln, Seibeln
4.5.8. Frank A. Meyer (Ringier) – : Lilliput putt
4.5.9. Malte Lehming (Tagesspiegel) – : Mäandern im Sommerloch
4.5.10. Florian Rötzer (Telepolis) – : Mein Alpha Romeo!
4.5.11. Ulf Poschardt (Rolling Stone) -: Hach, unsere Posh!
4.5.12. Franz Josef Wagner (Bild) – : Dichten, bis der Arzt kommt
4.5.13. Miriam Meckel (Brunswick) – : So schön war Panama

4.6. Die Alpha-Blogger – : Umsonst und draußen
4.6.1. Don Alphonso (Stützen der Gesellschaft) – : Dandy mit Schnauze
4.6.2. Jens Berger (Spiegelfechter) – : Die Gegenöffentlichkeit
4.6.3. Sascha Lobo (Die Mensch-Maschine) – : Der rote Wetterhahn
4.6.4. Herr Bee (Zynaesthesie) – : Form und Stil
4.6.5. Johnny Haeusler (Spreeblick) -: Opinion leader without a cause
4.6.6. Christian Jakubetz (jakblog) – : Postjournalismus in der Praxis

5. Schlusswort: Die Medien-Evolution – : Was lange währt …“

Ältere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑