Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2012 (Seite 2 von 5)

Schmerzloser Autokannibalismus

Während sich der Kapitalismus angelsächsischer Provenienz immer tiefer ins eigene Fleisch frisst, diskutiert ganz Deutschland über die ‚Beschneidung‘ anderer Kandidaten …

Schlechte Sozialprognose

Er wurde in Blankenese geboren, dem Hamburger Asozialenviertel; sie kam aus dem Mafiadorf Kronberg im Taunus …

Der mit dem Dachs tanzt

Manche Professoren haben sogar den Krämer-Aufruf und das Papier von Illing und Heinemann unterzeichnet.“

Klar – wer sich nicht sicher ist, geht gern auf Nummer Sicher. Und jetzt bitte alle laut im Chor: Die Ökonomie ist eine Wissenschaft ist eine Wissenschaft ist eine Wissenschaft ist eine Wissenschaft ist eine Wissenschaft …

Nachtrag: Warum können die einfach nicht mal so daherreden … der Mann ist natürlich KEIN Ökonom.

Ulf Poschardt will zum Narra-TÜV

Unter dem Vokabular eines literarischen Schwerathleten tut er’s nur selten: „Die europäische Idee braucht eine neue Erzählung“, schreibt uns Friedes Bester, der gern prophetisch dahergestikulierende Ulf Poschardt. Wer aber jetzt glaubt, er bekäme im Folgenden den Plot oder auch nur den ersten Satz einer neuen Erzählung zu lesen, der irrt – wie es zu erwarten war.

Ein Ulf Poschardt mit einer innovativen Erzählung, das wäre schließlich so etwas wie ein Maulesel mit Fohlen … und liest man den Einstieg, dann geht’s tatsächlich wieder nur um Omas Rezepte: um eine Totalrasur beim Sozialetat und um den liberallseits beliebten Bürokratieabbau. ‚Same old story‘ also, bekannt seit Maggie Thatchers Tagen: Ritter Ordolibral von Porto-Folio fordert den Dreikampf mit einem „größenwahnsinnigem Staat, absurder Bürokratie und unbezahlbaren Sozialleistungen.“ Kurzum: Das ist der abgewetzte Katechismus einer orthodoxen Kirche, die schon längst keine Wunder mehr wirkt – es ist aber kein neues Narrativ …

Die Heimat meiner Sprache

Mein Buch über das ‚Schreiben im Web 2.0‘ nähert sich rapide der Fertigstellung. Bis zur Seite 152 ist es jetzt durchredigiert. Hier folgt ein Passus, der beschreibt, weshalb jeder bessere Schreiber auch sprachlich durch seine Herkunft in der Wolle gefärbt bleibt, während diejenigen, die ihrer ‚Provinz der Sprache‘ mit Bleichmitteln zu Leibe rücken, zumeist in fremden Zungen reden müssen, in denen der ‚Public Relations‘, des ‚Wissenschaftssprechs‘ oder im ‚Industrieton des Journalismus‘. Es sind Heimatvertriebene:

„… Jeder Schriftsteller hat auch sprachlich eine Heimstatt – seine Imagination, seine Kunst, sein Witz, sein Können ist an eine bestimmte Region und an eine bestimmte Zeit der Erinnerung – zumeist an jene der Jugend – fest geknüpft. Stephen King stellte in seinem höchst empfehlenswerten Buch über ‚das Leben und das Schreiben‘ klar, dass die unendliche Reihe seiner Romane fast alle einen Ort als Zentrum haben, ein Brachgrundstück, das ihn in jungen Jahren fast das Leben gekostet hätte. Nahezu immer habe bei ihm ‚der Ort des Grauens‘ jene Wildnis der Kindheit zum Ursprung:

„Unsere neue Wohnung befand sich in der dritten Etage auf der West Broad Street. Einen Häuserblock weiter hügelabwärts, nicht weit von Teddy’s Market und gegenüber von Burret’s Building Materials, erstreckte sich ein weitläufiges, verwuchertes Gelände, das rückseitig von einem Schrottplatz begrenzt und in der Mitte von Eisenbahnschienen durchquert wurde. Dieses Stück Wildnis gehört zu den Orten, auf die ich immer wieder zurückgreife. Es taucht hier und dort unter allen möglichen Bezeichnungen in meinen Büchern und Geschichten auf. Die Kinder in Es nennen es „die Barrens“, wir nannten es Dschungel.“

Was für Stephen King gilt, trifft auch für andere Autoren zu. Ein Sven Regner ist ohne die regional verankerte, höchst ‚fiekeliensche‘ Art zu denken und zu argumentieren, gar nicht denkbar. Auch dort, wo er seinen Herrn Lehmann durch das Berlin der Wendezeit stapfen lässt. Seine Protagonisten sind stets ‚Bremer im Ausland‘. Frank Schulz trägt in seiner ‚Hagener Trilogie‘, der wohl besten ‚Heimatgeschichte‘ in deutscher Sprache, die sehnsuchtsvolle Erinnerung an ein kleines Dörfchen an der Elbmündung tief ins sonnige Griechenland hinein; ein Joachim Ringelnatz klingt immer nach Waterkant, seine Metaphorik bleibt meerverbunden, selbst dann, wenn er ausnahmsweise auf einer Bänkeltour in München seinen Verstand versäuft; ein Heimito von Doderer ist nur in Wien denkbar, ein Charles Dickens nur in London, ein Alfred Döblin nur mit Berliner Kodderschnauze … die Reihe ließe sich schier endlos fortsetzten.

Uns alle prägte irgendein Ort, aus dem wir schreibend dann die Details, die Atmosphäre, den Sprachklang und generell unsere Glaubhaftigkeit beziehen. Anders herum wird aber auch ein Schuh daraus: Vieles von dem, was einstmals Pop-Literatur hieß, das war ja deswegen sprachlich so arm, weil es ständig seine Herkunft aus der Provinz verleugnete, um sich stattdessen im angelesensten Szene-Jargon als hipper, trendiger Großstadt-Nomade zu präsentieren, der trotzdem ohne jeden Anker der Erinnerung in eben dieser Großstadt auch schriftstellerisch nie Wurzeln schlug. Die Pop-Literatur versuchte ersatzweise sich aus Plattensammlungen, In-Lokalen, Modeartikeln u.ä. eine ‚Heimat‘ zu zaubern. Was gründlich misslang.

Natürlich habe auch ich eine solche Heimat, die umso präsenter wird, je älter ich werde. In meinem Fall ist es Bremerhaven, eine geschichtsarme Stadt am Geestebogen, im grauen Schlick der Unterweser. …“

Blasenschwäche

Erst hatten wir die „Finanzblase“, dann kam die amerikanische „Hypothekenblase“, die „spanische Immobilienblase“ folgte ihr auf dem Fuß. Und jetzt kommt dies:

„Die große Angst vor der China-Blase.“

Kurzum: Die Welt oder der Journalismus – einer von beiden leidet an galoppierender Blasenschwäche. Mich graust es derweil nur vor dem Platzen der großen „Kapitalismusblase“. Das wird bestimmt kein Zuckerschlecken …

Die gute alte Zeit

Jahrzehntelang wurde Journalismus vor allem von alten, weißen Männern bestimmt, die pflichtbewusst die Weltsicht alter, weißer Männer in den Äther hinausposaunt haben. Ganze Generationen durften sich zur besten Sendezeit in den Abendnachrichten vergewissern, dass Politik und Wissenschaft Männersachen seien und die armen Neger ohne Starthilfe aus dem Westen wahrscheinlich immer noch ziellos durch die Savanne rennen würden.“

Ohne Ross und ohne Reiter

Heute, liebe Kinder, geht es hier um die Disziplin des ‚Tatzenlutschens‘. Wenn ihr später mal als Journalisten Erfolg haben wollt, ist diese Disziplin unverzichtbar. Zunächst ist es wichtig, aus Kleinigkeiten im Handumdrehen ganz, ganz viel zu machen, also zum Beispiel aus ein paar versprengten Beamten gleich „die Regierung“. Da ferner niemand so recht weiß, worum es denn ging, als diese Beamten neulich bei ein paar Ökonomen anriefen, wie sie es unter Kollegen wohl öfter tun, dürfen wir mit Fug und Recht auch das Schlimmste vermuten, weil es ja schließlich so passiert sein könnte. Wir betreiben also einen hochmodernen Putativ-Journalismus und nennen das Resultat unser ‚Narrativ‘: Unsere zensurversessene Regierung setze also diesen ‚kritischen Ökonomen‘ – was immer solch ein Unding sein mag – die Pistole auf die Brust. Dass es in manchen Telefonaten vielleicht auch nur um die Euro-Krise, um die Zinsentwicklung oder um den Fiskalpakt gegangen sein könnte, das lassen wir dabei als unerheblich unter den Tisch fallen, da es unserem ‚Narrativ‘ nur schadet.

Weshalb aber riefen sie denn dann an?, fragt ihr euch jetzt. – Natürlich wegen dieses sensationellen Ökonomen-Aufrufs, den diese Beamten, die wir soeben als ‚die Regierung‘ bezeichneten, angeblich knallhart kritisiert hätten, obwohl sie ihn faktisch irgendwie und eigentlich doch selbst gut fanden, wie es uns wiederum unsere Konfidenten steckten. Vielleicht wollten sie den Ökonomen also nur gratulieren, obwohl der Aufruf arg sang- und klanglos verpufft ist, weshalb das ‚Handelsblatt‘ ihn uns hier wie Grünkohl aufwärmt. Manchen riefen die Beamten auch gar nicht an. Das alles aber schreiben wir nicht so direkt, sondern höchst gewunden in unseren Text hinein, da eine klare Sprache wiederum unserem ‚Narrativ‘ nur schaden würde. Höchstens quirlen wir an unauffälliger Stelle das Dementi eines Ökonomen in den Gugelhupf hinein, um dem Ganzen objektives Aroma zu geben – fertig ist die Nullmeldung:

„Regierung setzt kritische Ökonomen unter Druck … Nach Handelsblatt-Informationen haben hochrangige Regierungsbeamte bei mehreren Unterzeichnern des Ökonomenaufrufs angerufen. … „Bei mir hat sich vor oder nach dem Aufruf niemand aus Berlin gemeldet“, sagte [Sinn]. … In der Regierung dächten in Wahrheit viele Beamte ähnlich wie die Ökonomen, so Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Uni Hannover.“

Diese Nullmeldung erschien beim Handelsblatt vermutlich erst ‚unter Druck‘ …

Mal ’ne Frage …

Wenn jemand ein „ausgewiesener Experte“ ist, warum lassen die Redaktionen ihn dann immer wieder rein?

Lebensregeln

In eine prekäre Künstlerexistenz führen viele Wege hinein, aber es führt nur ein Weg hinaus: die Produktion erfolgreicher Kunst. Wem diese Trauben zu hoch hängen, der scheitert dann. Insofern ist diese Antwort auf Don Alphonso ein guter Text, weil er nicht gleich Ponaders Spuren breit tritt, der seine individuelle Nischenexistenz in einem intellektuellen Kurzschluss gern absolut zu setzen pflegt. Schließlich ist eine Münchner Einser-Matura nicht mehr das, was sie mal war – in der großen Zeit prekärer Lebensentwürfe dort wäre der Johannes Ponader schlicht untergegangen, wegen eines gewissen Unterschieds zwischen Bohei und Bohème. Vielleicht straft er uns auch alle Lügen – und sein ‚Faust‘ kommt erst noch …

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