Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2012 (Seite 1 von 5)

Der neue Liberalismus

Liberal 2.0 ist nur, wer nicht mehr liberal ist: „Erstmals stimmt der Bundestag namentlich über die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben ab. Doch der Antrag scheitert an der Blockade der Liberalen.“ Wo war eigentlich Güdo? Wahrscheinlich als Trauzeuge verhindert …

In der Kasperbude

Mist dürfen unsere Konservativen ruhig bauen, so viel sie wollen. In der kleinen Welt der ‚Welt‘ trägt am Ende Schuld doch immer nur das ‚Krokodil‘ – äh, die Sozialdemokratie natürlich:

„Mehr Geld, weniger Reformen: Angela Merkel hat auf dem EU-Gipfel weitere rote Linien geräumt. Und die deutschen Sozialdemokraten haben kräftig mitgeholfen, Deutschlands Position zu schwächen.“

Allein schon dadurch, dass sie gar nicht dabei waren …

Da lobe ich mir doch die klare Sprache solcher Konservativen – was unsere hochverehrte Frau Merkel da aufs Parkett gelegt habe, das sei ein “ … Bankenermächtigungsgesetz für das kapitalistische Terrorregime …“.

Sieg für Merkel!

Die beschlossenen Eurobonds heißen nicht länger ‚Eurobonds‘: „Banken dürfen sich beim Rettungsfonds bedienen.“ Lang soll sie leben, lang soll sie leben, dreimal lang! „Guten Tag, mein Name ist Bond. James Bond, von der Europäischen Zentralbank. Ich würde gern in Ihrer Transferunion als Strohmann diverser europäischer Rumpelbanken billig ein paar Bonds shoppen gehen. Und könnten Sie die bitte in neutrales Papier wickeln? Sie wissen schon, wegen der Deutschen …“

„Wenn jemand diesen Trick erkannte,
man es Emolumente nannte,
damit nicht mehr ersichtlich sei,
wo irgendein Gewinn dabei.“
(Bernard Mandeville: Die Bienenfabel)

Mit Musik

Unsere Kindheit war angefüllt mit zahllosen Rhythmisierungen, musikalischen Reimspielen, Versen und Wiederholungen: ‚Hoppe, Hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er …’, ‚Indianerherz kennt keinen Schmerz‘, ‚Hänschen klein, ging allein …’. Über Doppelungen, Reime und Alliterationen erlernten wir schon ab dem ‚Brabbelalter‘ jene Silben und Vokale, die irgendwann auch die Dinge benennen sollten: ‚Wauwau’, ‚Mama’, ‚Pipi’, ‚AA’, ‚Ei, ei’, ‚guckguck’.

Alle Lütten murmeln in einer bestimmten Entwicklungsphase endlose Silbenketten selbstvergessen vor sich hin, auch dann, wenn weit und breit kein Zuhörer zu finden ist. Das Repetieren gleicher An- und Endlaute wie auch wiederkehrender rhythmischer Strukturen ist mit einem tiefen Gefühl des Wohlbehagens verbunden: Menschen lernen unter anderem deshalb sprechen, weil ihnen der Vorgang des Sprechens angenehm ist. Das wiederum ist der Fall, sobald bestimmte ‚musikalische Formen’ vorliegen. Da aber alles Lesen immer ‚ein inneres Sich-Vorsprechen’ ist, gelten diese Lautgesetze selbst dann, wenn die Texte nicht laut vorgelesen werden.

Später, als wir selbst lesen konnten, kam die Märchenzeit, die sich mit zahllosen musikalischen Formeln in unser Gehirn einbrannte: „Oh Fallada, der du hangest, oh Fallada, der du bangest …“, „Timpe Timpe Timpe Tee, Fischlein, Fischlein, in der See …“, „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden …“.

Was dieser Ausflug in die Sprachentwicklung mit dem Schreiben fürs Web 2.0 zu tun haben soll? Gegenfrage: Warum tragen im Fernsehen zahllose Sendungen für Erwachsene, die auf Quote schielen, ‚alliterate’ Titel, die auf dem gleichen Konsonanten beginnen: „Bios Bahnhof“, „Titel Thesen Temperamente“, „Der Siebte Sinn“, „Tagesthemen“, „Kennen Sie Kino“, „Sterns Stunde“ usw.?  Warum reden wir selbst unwillkürlich in Doppelungen am Beginn oder am Ende der Worte: „ohne Rast und Ruh“, „mit Sack und Pack“, „Herr und Hund“, „Schimpf und Schande“, „Eile mit Weile“, „mehr Schein als Sein“, „dumm und dämlich“? Es sind diese musikalischen Resonanzen, die uns sprachliche Formeln als angenehm und zugleich als einprägsam erleben lassen.

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Vielleicht Größenwahn?

In der Klageschrift behauptet die GEMA, sie vertrete das gesamte Weltrepertoire an geschützter Unterhaltungs- und Tanzmusik.“

Und so’n popliger Künstler könne ihr dieses Monopol auch nicht kleinreden, bloß weil dieser Wicht selbst bestimmen möchte, unter welcher Lizenz sein Werk veröffentlicht wird. CCL hin, CCL her – in Ewigkeit gilt: Ein Pieps und aus die Maus – schon bist du in der GEMA. Da kannste halt nix machen … nur auf die Vernunft deutscher Gerichte hoffen.

Apropos, ihr Blauäugelein, die ihr immer noch meint, das Geld der GEMA käme den armen, schwer arbeitenden Künstlern zugute – lest mal das!

Bürgerkrieg in der Bourgeoisie

Mit einem Shitstorm, verursacht von ein paar Zauseln ohne eigenes Portfolio aus dem unorganisierten Lager der Internet-Besetzer, hatte die Vereinigte Verlegerschaft bei ihren Plänen zum Leistungsschutzrecht ja gerechnet. Jetzt aber wird’s wirklich gefährlich: Die wirtschaftsliberale Klientel wendet sich direkt an die FDP und spricht dem Hause Springer die Legitimität ab, einen derartigen medialen Unsinn zu veranstalten. Nun also könnte die gebeutelte FDP der Union mal zeigen, wie sie monatelang die Sache mit dem Betreuungsgeld empfand. Auch steht beides im Koalitionsvertrag – wobei aber der BDI ein ganz anderes Kaliber ist als Bayerns Zahnwaltsgattinnen:

„Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat die Bundesregierung aufgefordert, auf das geplante Gesetz für einen besonderen Schutz von Verlagsprodukten im Internet zu verzichten. Für ein solches Leistungsschutzrecht gebe es keine hinreichende Legitimation, heißt es in einem Brief des Verbands an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).“

Meine Vermutung: Am Ende des einsetzenden Koalitions-Kuhhandels kommt das Betreuungsgeld dann doch, dafür aber geht das Leistungsschutzrecht den Bach hinab, zumindest in dieser Legislatur …

Metaphern altern

Metaphern haben die machtvolle Eigenschaft, präexistente Vorstellungen in den Köpfen der Zuhörer oder Leser evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran. Das vollzieht sich oft ‚durch die Hintertür‘. Wenn deutungsmächtige Metaphern ihre Überzeugungskraft verlieren, wenn ganze semantische Felder veröden, dann ändern sich auch Gesellschaften – einen solchen Prozess erleben wir aktuell. Wir leben in einer aufregenden Zeit. Metaphoriker vom anderen Ufer nennen sie ‚krisenhaft‘.

Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, überschwemmten uns alle die Bildwelten und das Vokabular einer völligen Selbstregulation. Die konservativen Thinktanks in den USA hatten ihre Schleusen geöffnet, mächtige Verleger lenkten die neue Ideologie durch ihre Kanäle, aufstiegswillige Journalisten verstanden den Wink und lieferten die erwünschten Bildwelten.

Die Autopoiese, der neue Weltgeist aus der Kybernetik, gab sich omnipotent und war an die Stelle Gottes getreten. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot, Beziehungen … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den Markt als ‘großen Regulator’, der zugleich ‘von selbst gerecht‘ sein würde. Dummerweise waren zynische Selbstgerechte die offensichtlichere Folge.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden konstruktivistischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so fruchtbar entwickelte, wie eine Hasenkolonie zu Jungen kommt. Sie vergaß dabei eines, den ‘Steuermann’, der doch mit aller Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie, alle Regulierung, alle staatlichen Eingriffe wurden zu Eingriffen in eine ominöse Freiheit, die mit dem Marktgeschehen gleichgesetzt wurde.

Was wiederum im völligen Widerspruch stand bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel der Kybernetik wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste immerhin noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, wie es auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schafft. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Mega-Metaphern ‘symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien’.

Mit der Krise und spätestens seit der Lehman-Pleite jedenfalls liegt die altbackene Bildwelt naiver Selbstregulation in Scherben. Kaum ein Mensch glaubt mehr daran, dass die ‚unsichtbare Hand‘ eines ökonomischen Weltgeistes irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendetwas ‘wie von selbst’ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt einem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als sichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen.

Die Differenz beim akklamatorischen oder spöttischen Bildgebrauch unterscheidet inzwischen marktradikale Konservative und neue Progressive, vor allem daran, ob sie uns unverbesserlich ‘freie Märkte’ noch mit Paradiesfarben ausmalen möchten – oder eben nicht. Im beginnenden Sprachbildwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Die Blackberry-Metaphern der Unverantwortlichkeit, das Deregulierungs-Kisuaheli schwindet dahin. Es wächst eine neue Sprache heran, eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Nur die Redakteure sind oft noch die alten geblieben.

Journalismus (Schwundstufe)

Vor zwei Wochen: „Ölpreise steigen weiter.“ – – – Heute: „Wie weit kann der Ölpreis noch sinken?“ Da lobe ich mir doch den Kaffeesatz, die Kartenschlägerei, das I Ging wie auch die Eingeweideschau.

Preise rubbeln wir putzmunter –
mal Vorhaut hoch, mal wieder runter …

(Wegen erwiesener Blindheit ausnahmsweise mit Links in die angeschlossenen Wirtschaftsredaktionen)

Sparpolitik wirkt!

Gäben wir unseren Öchsperten, den Pundits, Fachreferenten und Entscheidern, statt teurer Cuvées und centennialer Single-Malts nur billiges Straßen-LSD … dann wäre der resultierende Unsinn auch nicht größer. Sie würden nur ein wenig erleuchteter wirken.

Modelleisenbahner

Die Metaphern im eigenen Kopf stehen einer zutreffenden Analyse oft im Weg. Auch aus dem Folgenden, schließe ich jedenfalls messerscharf, muss der eingetretene Mangel wohl ursächlich an ‚den Märkten‘ liegen, an dieser festverankerten Statthalter-Metaphorik in gewissen Köpfen, an einem Glaubenssystem also:

„Die Bürger haben das Vertrauen in das Funktionieren der Märkte verloren“, sagte niemand Geringeres als Duncan Niederauer, Chef der New York Stock Exchange.“

Die ominösen ‚Märkte‘, die dort immer großmäulig und mit Kardinalsgestus ins Feld geführt werden, das sind letztlich auch nur Metaphern, vage Modelle von Ökonomen. Und wenn die Leute das Vertrauen in deren Lego-Welten verlieren und abtrünnig werden, dann heißt dies, dass die Modelle – oder die ‚Märkte‘ – die Gemeinde nicht länger binden. Während Leute wie dieser Niederauer jenen Modelleisenbahnern gleichen, die vor Beginn der großen Häresie noch für echte Schicksale die Weichen stellen durften …

(Quelle: Zellulosien)

Hinweis: Bis auf weiteres verzichtet der ‚Stilstand‘ auf Links zu Verlagen, die sich nicht ausdrücklich und glaubwürdig vom geplanten Leistungsschutzrecht distanziert haben.

 

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