Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2012 (Seite 2 von 5)

Lang und argumentbefreit

Ayaan Hirsi Ali hat den Ehrenpreis der Axel-Springer-Akademie erhalten. Die Isalarmistin äußerte sich dort – sagen wir mal – ’sehr konziliant‘ gegenüber dem Massenmörder Anders Breivik, was ihr im ‚Cicero‘ eine berechtigte Polemik eintrug.

Jetzt aber dürfen Frau Hirsi und der Springer-Akademiedirektor Marc Thomas Spahl im ‚Cicero‘ gegenreden – ein Argument suchen wir dort jedoch vergebens. Nur kleinkindhaft-patzige Äußerungen wie ‚Stimmt doch gar nicht!‚ und ‚Hat sie doch gar nicht!‚ fallen den beiden dort ein. Ach ja, und natürlich das übliche Schlammkübeln gegen jene anderen, die wohl wirklich hingehört haben … die hätten natürlich alles ‚aus dem Zusammenhang gerissen‚. Was nach meiner Erfahrung bedeutet: ‚Dummerweise konnte ich wohl tatsächlich so verstanden werden …

Geopolitische Irrtümer

Selbst ebenso lang und schlapp wie gerichtsnotorisch gegen das Urheberrecht verstoßen – aber dann Arm in Arm mit eben diesen höchstselbst malträtierten Urhebern und Autoren gegen die Piraten des Internet marschieren wollen … so manches Mal fällt mir nur noch *toctoctoc* als Kommentierung ein, wenn ich die gedankliche Fallhöhe zwischen einem Johann Wolfgang Goethe und einem Peter-Matthias Gaede betrachte.

Chefredakteure beim Anblick des Internets erinnern mich manchmal an jene Bierkutscher aus der Zeit der frühen Motorisierung, die ratlos erstmals ein Auto betrachten und überlegen, wo sie dem denn bitte Gebiss und Zaumzeug anlegen sollen …

Nachtrag: Ich sehe gerade, dass der Mann nicht zum ersten Mal verhaltensauffällig wurde: An die „Freunde gepflegten Mitessertums“. Ach ja – die Gegenrede findet sich jetzt hier: „Ich verwahre mich dagegen, die mehrfache Verwertung und Weiterlizensierung meiner Arbeit zu einem Recht der Verlage zu erklären und damit das Ziel der fairen Vergütung der Urheber ad absurdum zu führen.“

Werde mir bloß nicht individuell!

Nur in der deutschen Sprache dient das Wörtchen „Individuum“ so häufig normierten Selbstgerechten als Schimpfwort, zumeist garniert mit feststehenden Epitheta wie ‚verdächtiges Individuum‘, ‚heruntergekommenes Individuum‘, ‚arbeitsscheues Individuum‘ oder ’seltsames Individuum‘. Beschreibt also ein Adjektiv eine herabsetzende Eigenschaft, klebt’s auch schon am ‚Individuum‘. Aus vielerlei historischen Gründen ist das Deutsche eine Policey- und Büttelsprache geblieben, die alles verdächtigt, was nicht in ihr idealisiertes Kollektiv des Mittelmäßigen passt …

Disclaimer: Davon unbenommen bleibt, dass ich den Thilo Sarrazin weiterhin für ein höchst suspektes Individuum halte … und ein ‚feststehendes Epitheton‘ ist natürlich ein ‚weißer Schimmel‘. 😉

Krampfhennen!

Hörbar bemüht versuchen einige konservative Medien ein eher lahmes Buch und einen rhetorisch arg unbegabten Verfasser doch noch zum ‚großen deutschländischen Provokateur‘ emporzujazzen, über dessen Thesen angeblich ‚das ganze Land‘ diskutiere, obwohl die Inhalte seines Oeuvres längst lang und schlapp von jedem besseren Provinzfeuilleton als ‚Meinung des Herausgebers‘ ins Land getutet wurden. Nicht einmal mit Steinbrück an seiner Seite konnte Sarrazin – trotz des obligatorischen Holocaust-Vergleichs – noch irgendetwas zündeln:

„Thilo Sarrazin ist wieder in aller Munde“ …

„Dieses Buch sorgte schon für Wirbel lange bevor man es im Laden kaufen konnte“ …

„Thilo Sarrazins Deutung von Wirklichkeit beruht allein auf der Macht der Zahlen“ …

„In seinem Krisenbuch … legt sich Thilo Sarrazin mit großen Teilen der politischen Szene an“ …

„Thilo Sarrazin stellt offiziell sein heftig diskutiertes Werk vor“ …

Seien wir ehrlich – ‚heftig diskutiert‘ wird dieses Schnarchwerk nur dank dieser dienstfertigen und begleitjournalistischen Geschwader wildmöhrender Windmaschinen, die auf Knopfdruck laut schnatternd und ratternd die nötige heiße Luft für eine publizistische Blasenbildung erzeugen.

Eine wirkliche Provokation hätte Old Nuschelsatz uns bspw. dann geliefert, wenn er sich für ‚Eurobonds‘ in die Bresche geschlagen hätte. Dann wäre die Lucy leibhaftig in den europäischen Nachthimmel gezischt. – Das habe ihm aber niemand gesagt? – Ja, schade um die verschenkte Auflage … vor allem deshalb, weil es zu Eurobonds tatsächlich eines Tages kommen wird: Er hätte später dann als Prophet und als Hanussen 2.0 durchs Land gockeln können.

An alle Populisten:

Wenn Probleme so einfach zu lösen wären, gäbe es keine.

Was wählt wohl dieser Verfasser?

Gabriel zetert, Merkel handelt!“

Richtig – Sie haben soeben eine Stilstand-Rabattmarke im Wert von 0,01 Cent gewonnen! Welchen Sinn es aber macht, den panischen Aktionismus des Röttgen-Rausschmisses derart zu verklären und sich so exponiert und mit bluttem Mors auf den publizistischen Marktplatz zu stellen, das muss mir erst einmal jemand erklären. Apropos – Zetern bringt sogar was, da mag der ‚Cicero‘ noch so laut gegen Catilina stänkern: „SPD und Union fast gleichauf in der Wählergunst.“

Hier noch einige frisch geklöppelte Klopper aus meiner oppositionsrhetorischen Fibel für Anfänger:

„Enzensberger schweigt, Pofalla redet!“
„Diebe stehlen, Katzenberger möpst.“
„Cicero klärt auf, BILD berichtet.“
„Chamberlain zaudert, Hitler tut was.“
„Journalisten dichten, Blogger krakeelen.“
„Urheber heben, Freibeuter erbeuten.“

Usw. – immer brav nach dem funktionslogischen Schema: Wo ein A ein A tut, kann jedes B nur ein Nicht-A machen: Quod fecit Iovi non fecit bovi … dabei haben selbst Götter sich schon wie Ochsen verhalten.

Blöde Headlines

In der Sportberichterstattung ist sie besonders häufig zu finden – die Plapperlapapp-Überschrift. Sie hofft von Geburt an darauf, dass niemand über sie nachdenkt. Zum Beispiel dieses schöne SpOn-Exemplar – vom Sportreporter mit heißem Herzen nach der Niederlage von Zwaytern München in die Tastatur gehämmert:

„Ein Trauma wird wahr.“

Beckmessern wir ein wenig an diesem kurzen Text herum: Medizinisch gesehen ist ein Trauma eine mentale Störung, die durch einen realen Schock ausgelöst wurde. Die Reihenfolge wäre demnach genau umgekehrt – erst schlägt die Realität wahrhaft zu, dann tritt sofort das Trauma ein. Ein Trauma vor dem Trigger aber gibt es niemals, auch die Bayern-Spieler hatten vor dem Spiel vielleicht die Hosen voll, aber nie im Leben ein Trauma im Kopf. Ein Trauma auslösen konnten erst die versemmelten Elfmeter – erst war ‚auf dem Platz‘, dann war ‚Aua‘ und ‚Trauma‘. Was der Kollege Schreiberling gemeint haben dürfte, ist wohl so etwas: „Ein Albtraum wurde wahr„.

Nachtrag – Grenzwertig (und aus dem ‚Stern‘) ist dieser Kitsch hier: „Ganz München trägt Trauer.“ Ein vertrauenswürdiger Informant behauptet, dass er mindestens hundert Münchner in legerer Freizeitkleidung gesehen hat …

Es wird Sommer!

Betrunkener Radfahrer beißt Polizisten.“

Recht hast du, Jan Fleischhauer!

Das sind ja wirklich schreckliche Zustände – da unten in Nordrhein Westfalen, dem ‚Griechenland‘ Deutschlands, Und gewählt wie die Griechen haben diese blöden Rheinländer und Westfalen auch noch, obwohl du sie doch ausgiebig vor dem nachfolgenden rotgrünen Chaos gewarnt hast: „Es wäre also an der Zeit gewesen, dass sich die Bürger besinnen und einer Politik den Vorrang geben, die Ausgaben und Einnahmen wieder in die Balance bringt.“ Tscha, jetzt haben wir natürlich den Salat – und selbst dein Herzens-Buddy, der Christian Lindner, der robbt nach Leibeskräften in Richtung SPD – und bauchpinselt seiner Partei die rotgelben Kulissen. Schlimm ist das!

Ich gebe dir hier sogar noch ein Zitat obendrauf: „Kein anderes Bundesland hat mehr Miese als das einwohnerstärkste Flächenland. Inklusive der Schulden der Gemeinden und Gemeindeverbände belaufen sich die Verbindlichkeiten auf knapp 172 Milliarden Euro.“ Während gleichzeitig die Neuschulden durch die Decke gehen …

Ach so, das Zitat stammt übrigens vom Bund der Steuerzahler – und es ist aus dem Jahr 2010. Damals regierte noch Jürgen Rüttgers und mit ihm die so ungemein solide CDU, Arm in Arm mit deiner hochverehrten FDP. Die hatten damals gerade wieder frisch die „Ausnahmen und Einnahmen in Balance gebracht“. Manchmal denke ich ja, du schließt unwillkürlich vom eigenen Intellekt permanent auf den Geisteshorizont anderer Menschen – dass beispielsweise Lieschen Müller auch nur so weit zurückdenken könne wie du. So blöd ist die aber gar nicht …

Verkörperungen welcher CDU?

Als Personifikationen der modernen Großstadt-CDU bleiben Ursula von der Leyen und Peter Altmaier.“

Na – hier dreht Alexander Görlach, Ex-Pressesprecher der Unionsfraktion, doch ein wenig stark am Partei-Kaleidoskop, er verzeichnet die Sachlage tief ins kunterbunt Psychedelische hinein: Mit Großstadt, Latte Macchiatto und Gucci hatte vielleicht der Röttgen am Rande noch etwas zu tun, bei Mutti wird das schon zweifelhaft, und vollends bei Peter Altmaier denke nicht nur ich an ‚Die Kanzlerin und ihr Nilpferd‘, um illustrierend einen alten Bud-Spencer-Titel heranzuziehen. Es färbt auch nicht ab, wenn der Herr Görlach diesem schwerblütigen Mann mit Ursula von der Leyen den Typus ‚Gutsbesitzerstochter‘ zur Seite stellt, eine Frau, bei der wir doch eher Gerte und Reitstiefel vermissen, nicht aber die urbane Umgebung.

Andererseits sorgt ein gedankenloser Ich-bin-gaga-und-stolz-darauf-Journalismus mit fast jedem Nebensatz noch dafür, dass einem die Lektüre der angeblich ’seriösen‘ Publizistik in Deutschland täglich mehr verleidet wird.

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑