Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2012 (Seite 2 von 7)

Fakt ist, was mein Artikel sagt

Die Einleitung ist noch völlig okay – als erfahrener Leser wundert man sich nur, dass so etwas in der FAZ steht und aus der tiefschwarzen Feder von Jasper von Altenbockum stammt. Ein paar Zeilen später wird’s dann doch schräg. Denn am meisten erhitzt über die angeblich ‚faschismusinfizierte‘ Piratenpartei hat sich bekanntlich Michel Friedman, der Ölprinz der CDU, als er Marina Weisband – ausgerechnet dieser empathischen Deern! – vorwarf, die Piraten schützten allesamt „Nazis, Rassisten und Antisemiten„. Noch nach der Sendung kreischte er ihr hinterher: „Die Piraten sollten gar nicht existieren“ (lt. Print-‚Spiegel‘, S. 27). So lauthälsig pöbelte bislang kein Grüner; solche ‚Shitstorm-Allüren‘ blieben Unionsleuten vorbehalten; so etwas hat fast schon Broder’sches Format. Im FAZ-Artikel aber heißt es:

„Doch nun ist endlich ein Mittel gegen die Piratenpartei gefunden – der „shitstorm“ der Etablierten: Sie sei im „braunen Sumpf“ unterwegs, jauchzen ihre Gegner … So ist es auch dieses Mal, zumal bei den Grünen, die am meisten mit dem Aufstieg ihres Stiefkinds zu kämpfen haben.“

Vorn wird der Punkt getroffen, im Nachsatz ist der Text fern jeder Realität. Erstens sind die Piraten kein Stiefkind der Grünen, sie sind ‚pizza‚ und nicht ‚öko‚, auch nicht durch irgendeine politisch-bürgerbewegte Schule gegangen, sie sind kein Fleisch von deren Fleische. Auch die Zahlen weisen darauf hin: So kamen bspw. – ausweislich der Wählerwanderung – bei der Saarland-Wahl 7.000 Piratenstimmen von den Lafontaine-Linken, 4.000 Stimmen spendete die Union, 4.000 verlor die FDP und nur jeweils 3.000 Stimmen stammten von Grünen, von der SPD und von Erstwählern. Nur zu einem Achtel also füttern die Grünen derzeit das Piratenreservoir, andere Parteien sind sehr viel stärker involviert.

Diese Zahlen stehen alle brav im Netz herum und warten auf interessierte Journalisten, sie lassen sich ganz einfach recherchieren. Aber die üblichen Verdächtigen sind natürlich leichter zur Hand, auch weil’s ideologisch so gut ins Weltbild passt. Schließlich verträgt eine gefestigte Weltanschauung keine Grautöne …

Reden, Sabbeln, Seibeln

Von einer Welt-Führungskraft hätte ich erwartet, dass ihre Texte besonders sorgfältig redigiert würden. Weit gefehlt! Wo Andrea Seibel hintippt, windet sich die Grammatik, der Satzbau wird zum Labyrinth und der Leser versteht eigentlich nur noch, dass die Frau gar kein Mitleid kennt, weder mit der Sprache, noch mit dem Pöbel:

„Denn mit diesen Geldausschüttungen in Milliardenhöhe, und so versteht sich die Politiker offenbar einzig, als Geldausschütter, kann man keinen Haushalt konsolidieren, keine Schulden abbauen und schon gar nicht jene Stimmung erwecken, die zukunftstaugliche Strategien in einem Land, das den demografischen Ernst seiner Lage noch immer nicht verstanden hat, erst ermöglicht.“

Allenfalls mit dem Buschmesser wäre ein solcher Satz zu redigieren – und aus welcher Kneipe dieser ‚demographische Ernst‘ mitsamt seiner lüttjen Lage dort herausgestolpert kam, habe ich auch nicht ganz verstanden. Aber das ist ja gerade Andrea Seibels Stil, das Popanzschwenken im Satzverhau – oder: möglichst viele neoliberal induzierte Reizwörter in eine grammatische Maulsperre zu pferchen. Also ‚Stimmung erwecken‘, dafür, dass ‚Konsolidierung‘ ‚in Milliardenhöhe‘ nur ‚zukunftstauglich‘ sein kann, wenn wahrhafte ‚Strategien‘ jene ‚Schulden abbauen‘, die natürlich ‚harte Einschnitte‘ von all jenen verlangen, die sie nicht gemacht haben – aber nü nüch von unseren Happy Few. So brabbelt der innere ideologisch aufgebrezelte Schreibautomat munter vor sich hin, tut dabei so, als besäße er Vernunft, und kriegt dabei nicht ein einziges Bildchen oder eine Metapher heil aufs Papier:

„Als „Friedensangebot“ wird dies parteiintern präsentiert und man erkennt im Rauch der Pfeife, die verschiedene wichtigtuerische Interessengruppen nun schon länger rauchen, nur schemenhaft noch das, was Politik eigentlich auszeichnen sollte, nämlich begründete Entscheidung, Augenmaß, Plausibilität, Sparsamkeit.“

‚Verschiedene Interessengruppen‘ nuckeln dort alle an einer ‚Pfeife‘ – und zwar ’schon länger‘? Und trotz des Rauchverbots in öffentlichen Räumen? Das erzeugt begreiflicherweise in meiner Vorstellung so viel Qualm, dass ich gar nicht mehr weiß, worauf die Andrea Seibel eigentlich mit mir, dem Leser, hinaus will. Ich weiß nur, dass ich das alles auf gar keinen Fall wollen sollen sollte, was die Andrea Seibel dort als angesengtes Selbstzeugnis schwenkt …

Umdenkbares

Um abwechslungshalber auch bei Reichen und Unternehmen zu sparen, genügt es, deren Steuern fühlbar zu erhöhen.

Erläuternde Beigabe: Seit jede Regierung ratzfatz aus dem Amt gejagt wird, die unter dem Diktat ihrer Bourgeoisie versucht, immer nur in der Unter- und Mittelschicht zu ’sparen‘, führt kein anderer Weg mehr zum Sparziel. Allenfalls die Abschaffung der Demokratie. Tscha, dumm gelaufen, wie übrigens der ganze Neoliberalismus. Wo aber Dummheit re-gier-t …

Gute Frage – nächste Frage:

Geht es beim Streit um „geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus?“

Jaja, Jan Fleischhauer!

Vor einer Woche schruben Sie uns hier: „„Die Piraten sind die erste Formation links der Mitte, die es geschafft hat, viele Intellektuelle gegen sich aufzubringen.“ Mal abgesehen davon, dass sie damit den Linkskurven-Streit, den Mescalero-Streit und noch so einiges andere gar nicht auf der Intellektual-Palette haben – so verfahren Sie hier zugleich nach dem bewährten Fleischhauer-Motto: Links ist alles, was ich nicht fassen kann. Und das ist ja so allerhand. Dafür gab’s auch prompt was auf die Denkerstirn. Und jetzt kommt auch noch das – wie um Gotteswillen passt so etwas in Ihr selbstbeschränktes Weltbild? Und wo bitte läge denn bei Ihnen dann die Mitte?

„In der Kritik stehen auch Dietmar Moews und Carsten Schulz, die auf dem Parteitag am kommenden Wochenende für den Bundesvorstand kandidieren wollen. Moews hatte auf der Videoplattform YouTube das „Weltjudentum“ kritisiert und der jüdischen Minderheit nahegelegt, sich anzupassen. Schulz will das Leugnen des Holocaust legalisieren.“

Vielleicht wenden Sie sich mal an die Erika Steinbach. Für die beginnt ja der Linksextremismus neuerdings auch schon bei Joseph Goebbels

Igittigitt!

So etwas macht ein braver Konservativer höchstens auf einer Maschmeyer-Yacht im fremdbezahlten Urlaub:

CDU-General Gröhe sieht Piraten „nackt an der Reling“

Auf der Lüneburger Heide

Die Zunft der Ökonomen möchte uns eine neue Kreation auftischen, die ‚Vermögenspreisinflation‘. Statt schlicht nur zu sagen: ‚Wir haben seit den Reagan-Jahren und seinem Glauben an den Neoliberalismus, auch dank der Fruchtbarkeit enthemmter Finanzmärkte, sehr viel mehr reiche Schnösel in die Welt gesetzt, als überhaupt fundierter Reichtum zu finden war‚. Das wäre für jeden einsichtig gewesen: Rasenmäher her und schon … aber nee, aber nee! Der Sound der Öchsperten, selbst dort, wo sie anfangen, einsichtig zu werden, klingt etwa so:

Die Inflation ist nicht weg. Sie ist nur woanders. [Soso!] … Auch die Börsenkurse sind nämlich Preise [Oha!] … Auch Immobilien haben Preise. [Was Sie nicht sagen!] All diese Preise sind in herkömmlichen Inflationsraten kaum berücksichtigt. [Wer hat denn da gepennt?] Doch wenn sie steigen, ist das auch Inflation – die sogenannte „Vermögenspreisinflation“ [Unerhört!]. Sie ist noch viel gefährlicher [Für wen?]. Das Problem: Bei der Vermögenspreisinflation gehen die Preise nicht immer nur nach oben. Manchmal kommen sie auch wieder zurück [ah ja, die nordkoreanische Rakete neulich].

Bei Hermann Löns klang diese ‚Inflation speziell für Vermögende‘ noch so:

Auf der Lüneburger Heide,
wo’s Vermögenspreise gibt,
gehen die rauf und gehen die runter,
obwohl der Reiche das nicht liebt.
Falleri, Fallera
und Juchheirassa …

Man kann es noch anders ausdrücken: Wenn ein Mensch mehr bekommt, als er verdient, setzt Inflation ein. Bekommen viel mehr Menschen viel mehr, als sie verdienen, beschleunigt sich der Vorgang unter Blasenbildung entsprechend …

Das Metaphernheer

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volk fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, und nicht mehr als Münzen in Betracht kommen. Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit kommt: denn bisher haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existiren, stellt, wahrhaft zu sein, d.h. die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung nach einer festen Convention zu lügen, schaarenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen.“
Friedrich Nietzsche: Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

Kurzum, die Sprache ist eine alte, überaus erfahrene Hure, die jedem ihrer Freier das einzuflüstern weiß, was der gerne hört und für wahr halten möchte. Und das ist zumeist das, was jedermann gern hört. Wer aber vor der Sprache salutiert, der ist selber schuld. Wer’s nicht glaubt, soll Fritz Mauthner lesen

Nachtrag: Die Mauthner-Gesellschaft ist umgezogen. Der alte Link dort funzt nicht mehr. Hier ist der neue.

Naive Seelen

Ob sie bei ‚Welt Online‘ wohl wirklich glauben, dass all das weniger wahr wäre, was der Wallraff über ihr Leitmedium, die Bild-Zeitung, Anno Dunnemals herausgefunden und niedergeschrieben hat, sobald sie diesem Mann im schönsten Jerry-Cotton-Stil aus gleichfalls dubiös geheimdienstlichen Quellen IM-Tätigkeiten bei der Stasi anbammeln könnten?

Langley, Virginia: Es regnet, der Wind weht steif an diesem Frühlingsmorgen, der Himmel ist verhangen. Ein grauhaariger Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd geht durch den Empfangssaal, seine Schritte hallen, als er über das große Siegel mit dem Weißkopfseeadler schreitet.

Oha – in Virginia regnet es also manchmal, wer hätte das gedacht? Und erst ‚geht‘ er, auf dem weißköpfigem Adler dann ’schreitet‘ er? – Naja, das ist ja wohl das Mindeste, was so’n Vogel erwarten darf! – Schnulz!!!

Die sieben Zwerge

Sieben deutsche Künstler verdienen dank des von ihnen erstrittenen Youtube-Urteils jetzt keinen Cent mehr im Internet. Der Kreis ihrer zahlenden Kundschaft wird auch eher schrumpfen statt zu wachsen, weil niemand mehr auf sie stößt, da auch das Radio ein sterbendes Medium ist. Dolle Wurst!

„Leitartikler sind sich einig: Der Gerichtsentscheid zum Streit zwischen Youtube und der Gema stärkt die Rechte von Kreativen.“

Jaja, diese ahnungsfrohen Leitartikler, die alles besser wissen, als die Vernunft: „Guten Tag, ich bin Schlagerkomponist und habe hier ‚Rechte‘, sogar mit Urteil. Dafür hätte ich jetzt gern ein Viertelpfund Mettwurst und zwei kleine Rumpsteaks.“ Na gut, sollen sie machen, ich werde die „zwei kleinen Italiener“ sowieso nicht vermissen …

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