Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2012 (Seite 1 von 7)

Die dreifache Negation

Keine Keule ohne Antisemit“, möhrt es uns aus einem Artikel der Jennifer Pyka entgegen, die sich hier schon mal vorhalten lassen musste, dass die eiernde ‚Achse des Guten‘ auch von ihr nur selten mit Intelligenz oder Sprachwitz geschmiert wird – und daher stets gar lästerlich daherquietscht. Für die Langsammerker unter uns habe ich den rhetorischen Sündenfall mal explizit aufgedröselt: Keine(1) Keule ohne(2) Anti(3)semit„.

Satzlogisch bietet das Konstrukt jetzt folgende Möglichkeiten der Sinnbewahrung, lösen wir von den drei Negationen jeweils zwei auf – frei nach der alten Prämisse ‚Zweimal Minus ergibt Plus‘:

Jede Keule mit Antisemit – das aber ist höherer Blödsinn, weil auch schon ganz harmlose Menschen ohne rassistische Hirndefizite Keulen geschwungen haben sollen. Zum Beispiel bei der rhythmischen Sportgymnastik …

Jede Keule ohne Semit – auch das verletzt die Intelligenz, weil Semiten – so es sie tatsächlich geben sollte – wohl schon mal eine Keule in die Hand genommen haben. Last not least:

Keine Keule mit Semit
– auch nicht besser, siehe Absatz zuvor.

Nicht nur in der Headline hat Frau Jennifer Pyka uns mal wieder einen Text zusammengehäkelt, der absolut keinen Sinn ergibt, wie auch immer man ihn liest …

Piraten jetzt mit Westerwella

So, nun ratet mal, wer Nachfolgerin von Marina Weisband in den Talkshows dieser Republik wird? Richtig geraten: Julia Schramm, die in ihren Artikeln mehr Ichs verwendet als Griechenland Schulden hat. Sie wird diese Auftritte für ihre gnadenlose Selbstvermarktung nutzen. …“

Das ist zugegebenermaßen ein ganz kleines bisschen böse ausgedrückt – aber ich wünschte trotzdem, es wäre von mir. Zugleich ist dies ein Beispiel für jene Textsorten, die nur im Netz so zu lesen sind, weil sich die Printen dafür zu schade sind weil die Zeitungen einen seriöseren Stil bevorzugen …

Ganz genau wie unsere Partei!

Die Bibel ist in ihrem Kern sogar bis zu 5000 Jahre alt und war immer in ihren Aussagen topaktuell.“

Jo, und nu stell di moal vor, du Klogsnacker un CDU-Heinzi, datt dat allens ok örst so fiefhunnert Joar noach Kristi Geburt opschreebn worn wöer, nemmich dat ollens, watt de Onkel Jesus doar doamols föranstaldet hoabn sullt. Und wenn du dat Speel ‚Stille Post‘ nu’n beten kennst, denn kannst di joar ook vorstellen, wie woarhoftig dat wol allens weesen wöer, wat doar in de swatten Boock hüt vun ‚Topaktualitätens‘ steit …

Maltes Sandkasten

Nun heulen alle auf: Die SPD sieht sich um ein Wahlkampfthema geprellt, die Gewerkschaften um ihre 1.-Mai-Demo, und die FDP steht wieder einmal im Abseits. Allein schon deshalb war der Mindestlohn-Vorstoß der Union ein Erfolg.“

Wer uns solches über „alle“ diese elenden Heuler schrub? Nun, das war der Malte Lehming, Chef d’Opinion beim ‚Tagesspiegel‘. Vielleicht habe ich’s ja an den Ohren, vielleicht auch nur der Malte – jedenfalls hörte ich weit und breit niemanden ‚aufheulen‘. Vielmehr schien Gar-net-erst-ignorieren das Motto der vereinigten Merkel-Gegner, der Vorstoß verpuffte schlicht im politischen Raum. Weshalb hätten sie auch heulen sollen? Weil Merkel in ihr Kielwasser einschwenkt? Aber pssst! – wir wollen nicht weiter stören … der Kleine spielt grad so nett in seiner Traumwelt.

Meinungsschwänke

Nachdem die Piraten sich auf ihrem Parteitag wider Erwarten nicht selbst zerlegen, sondern immer wahlfähiger und – öhem! – ’seriöser‘ erscheinen, stricken unsere konservativen Zeitungen an einer neuen publizistischen Strategie – wie sie nämlich das Piratenvolk bis 2013 ministrabel und zu Merkel’schen Neo-Nibelungen machen könnten:

„Und ganz nebenbei [könnte Bernd Schlömer] für das erste Spitzentreffen mit der Union sorgen.“ Anders ausgedrückt – beim ‚Focus‘ hören die Orakel wieder mal Buschfunk, das Stethoskop an die Mauern des Kanzleramts gepresst. Und dort drinnen meinen sie, ein sehnsüchtig-rolliges Maunzen zu vernehmen …

„Ahnungslose Piraten sind ideale Koalitionspartner“, schreibt in der ‚Welt‘ der Ulf Poschardt, der in der letzten Woche noch kollerkommunizierte, wenn er das Wort ‚Piraten‘ nur hörte. Heute gibt er vor, zu glauben, diese Digitalinskijs wären deppert genug für ein neues Schwatzgelb, wobei letzteres – man ist ja kein Unmensch! – dann gern ein wenig mehr ins Orangene changieren dürfte. Und wenn man nur fest genug glaubt und leitblahtikelt …

„Piraten suchen ihren Weg in die analoge Welt,“ so sieht Petra Sorge in ihrer verkehrten Vexierwelt beim ‚Cicero‘ eine 180°-Halse der Partei voraus, was diese direktemang in Muttis Arme und in den sicheren Hafen analoger Spießbürgerlichkeit führen würde. Wo die Piraten dann auch auf unsere Ick-bün-all-doar-Petra treffen könnten. Motto: Wenn ich die publizistisch-politische Vernunft bin, kommen irgendwann alle bei mir, dem großen Magnetberg, vorbei. Dann gibt’s für alle Butterkuchen …

„Die Luft ist raus bei den Piraten,“ wunschvatert dagegen die Financial Times Deutschland, ihre Börsenkurse fest im Blick. Was eher noch der alten Strategie des Niederschreibens entspricht. Na gut, die Wirtschaftsbosse und ihre Lakaien sind immer ein wenig retardierter …

Nur die ‚FAZ‘ ist derzeit angenehm schweigsam. So jedenfalls geht’s im leitartikelnden Raum heute zu, wobei es mir schwer fällt, nicht an eine unausgesprochene FDP-Ersatz-Strategie unserer Vorausdenker-Arrieregarde zu glauben …

Disclaimer: Ich bin noch immer kein Piraten-Wähler, ich schaue nur gern Schlagzeilen, wobei ich die vom Vortag im Kopf habe …

Depperte Zerdepperer

Unsere konservativen Journalisten haben in den letzten Jahren so viele Tabus zerbrochen, dass sie heute vor einer Scherbenlandschaft stehen.

Geiler wirkt ein Gegenteiler

Schröders Buch ist mutig und revolutionär.“ – – – Wie bitte? – – – Bitte nochmal, sonst glaub‘ ich’s nicht: „Schröders Buch ist mutig und revolutionär.“

Jawollja – auf seiner derzeitigen Schwundstufe nennt der deutsche Qualitätsjournalismus aus provokativen Gründen jeden gedruckten Limburger Käse eine duftende Jasmin-Revolution – auch wenn weit und breit keine Argumente existieren und dem armen Leser am Ende nur abgestanden Reaktionäres quer vorm Riechkolben sitzt. Großes Motto: Hauptsache anders!

Sobald unsere Schreibkanone glücklich alle gegen sich hat, bölkt sie von einer mutigen Tat, fordert den Orden für Zivilcourage – und bezeichnet sich selbst als „modernen Mann„, deshalb, weil er den längst verblichenen „feministischen Zeitgeist“ aus der Krypta zerren und – Arm in Arm mit der schnuckeligen Ministerin – diese Chimäre dank eines steinzeitlichen Frauenbildes über geheiligtem Familienaltar sofort wieder zurück ins Grab jagen durfte. Störung der Totenruhe in Tateinheit mit Hexenglaube also – während der gleiche Mann privat wahrscheinlich über die Missionarsstellung als Beweis „moderner Liebe bloggt. Ich hab’s mir vorsichtshalber gar nicht erst durchgelesen, sonst artet das hier noch aus.

Auf solche Weise jedenfalls haben unsere journalistischen Aufklärwerke auch schon mal den Sarrazin ins Schwindelnde emporgehudelt …

Und hoch das Bein!

Springers Kampfhunde bei ‚Welt Online‘ haben ihren Lieblings-Kauknochen losgelassen, um sich in ein brandneues Objekt zu verbeißen: „Die irrlichternden Piraten markieren den Tiefpunkt basisdemokratischer Subkulturen.“ Wieso aber markieren die Piraten diesen Tiefpunkt – und nicht siegestrunken und erhobenen Beins unsere knurrenden journalistischen Kampfhunde? – Egal!

Die Grünen jedenfalls müssen nicht länger allein am ideologischen Kältepol im sibirischen Gefangenenlager unserer hirnvernagelten Kulturkrieger hocken – oh, Herr, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder! Die dank Redaktionsstatut verbohrten Textlinge verhaften trotzdem – bildungsferne Studiengänge wie Jura und Ökonomie mal ausgenommen – ‚buchstäblich‘  immer nur den eher akademisch gebildeten Teil unserer Gesellschaft und klagen ihn für alle Übel dieser Welt vor ihren verlegerischen Schnellgerichten an. Nun ja, Rollenspieler halt – sehen überall nur Orks! Dass aber das nationale Leitmedium unserer Republik ein Drittel der wahlfähigen Deutschen schlicht für krawallig und doof hält, das soll hier dann doch nicht unregistriert bleiben: „Ihre Wähler sind so destruktiv wie die Partei selbst.“ So pauschal würde ich noch nicht einmal über die FDP daherdenken …

Nachtrag: Och, ich sehe gerade, dass der Schreibmeister selbigen Wirrsals gern mal „mit dem Finger auf das böse, böse Internet da draußen“ zeigt – und dann sind die gräuslichen Piraten ja nicht mehr weit …

Übersetzer-Bots

Unter den MMORPGs, den Massively Multiplayer Online Role Playing Games, sind inzwischen viele FTP (‚Free to Play‘). Die asiatischen Hersteller solcher Spiele holen sich ihr Geld dann nicht aus dem Verkauf der Spiele, also gleich anfangs beim analogen Griff des Kunden ins Regal, sondern der Spieler kauft sich in den virtuellen Einkaufsstraßen des Spieles, den sog. ‚Item Malls‘, nach und nach nette Bonus-Artikel für echte Yuan, die ihm im Spiel dann mehr oder minder große Vorteile gegenüber dem ‚Umsonst-Pöbel‘ verschaffen. Virtuell geht’s eben auch oft genauso zu wie im richtigen Leben …

Es gibt einige gute Umsonst-MMORPGs – Aion z.B. oder Perfect World – bei den meisten handelt es sich jedoch um so genannte ‚Asian Grinder‘, um Spiele also, wo der Avatar, nur um leveln zu dürfen, ganz ohne Sinn und Verstand stundenlang immer die gleichen Monster meuchelt, nur um Lücken im Spielfluss und in der Storyline zu überwinden. Trotzdem gibt es auch für diese Spiele ein Publikum, und die Südkoreaner und Chinesen haben für ihre Billigware längst den deutschen Markt entdeckt. Als technikgläubige Nationen vertrauen sie auf ihren hastig zusammengezimmerten Download-Pages natürlich auf ‚Translation Robots‘. Der Sound ist irritierend, es klingt noch immer so wie damals die Gebrauchsanleitungen für die ersten japanischen Videorecorder:

„Innovative neue Konzept, das ist, was gemacht Magic World Online zeichnen sich vor anderen Titeln. Dieses Spiel ist das erste MMORPG zu integrieren In-Game-Video-Chat-System und offiziellen Roboter-System. Sie sind alle für die Ausübung der Gameplay und die Spieler mehr Zeit zu genießen Echtzeit-Gemeinschaft mit ihren Händen befreit von sich wiederholenden Schleifen von Arbeitsplätzen.“

Ah ja – alles klar! Fast schon eine großphilosophisch-sloterdijk’sche Anmut hatte in meinen Augen dann allerdings der folgende Satz:

„Für den Menschen ist’s letztlich das Schicksal, es gibt keine zugrunde liegenden Twists, biegen Sie links ab!“

100 Jahre Titanic

Es gibt keinen Grund zur Sorge – der globale Kapitalismus ist unsinkbar.

Ältere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑