Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2012 (Seite 2 von 6)

Den FDP’lern zum Trost:

Eine Partei ist eine Straßenbahn, die benutzt man als Vehikel, aber man identifiziert sich doch nicht mit ihr.“
(Theo Pinkus)

Herr Misik!

So gern ich Ihren Auslassungen sonst auch folge, einen ‚Wirtschaftsnobelpreis‘ gibt es bis heute nicht, nur eine Dotierung, welche die Schwedische Reichsbank aus purem Erbarmen und als Gegengewicht zum neomarxistischen Diskurs in der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre ausgesetzt hat. Dieser Muckefuck-Preis wird zeitgleich mit den Nobelpreisen verliehen, was jährlich einer ganzen Reihe von Journalisten das Gehirn verwirrt.

Der Alfred Nobel hat damals das Gebiet der Ökonomie nicht einfach nur vergessen, er hat unseren Wirtschaftsöchsperten in voller Absicht nichts rüberwachsen lassen, weil er ihre Disziplin sein Leben lang für blanke Scharlatanerie und Kaffeesatzleserei hielt. Insofern ist das Gerede von einem ‚Wirtschaftsnobelpreis‘ auch nichts als Verbal-Chichi oder PR für eine nicht sonderlich ’noble‘ Non-Science. Und falls Sie sich fragen, woher die vielen unterschiedlichen Ansichten auf dem Gebiet der allgemeinen Profitmaximierungslehre kommen – es liegt genau an solchen dickleibigen Traktätlein aus den Reihen der Zeugen Mammons:

„Man muss nur „Der Weg zur Knechtschaft“ des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich von Hayek aus dem Jahr 1944 lesen …“

Muss man nicht …

Entstehung des Neoliberalismus

Menschen produzieren Ideologien, um ihrem Tun Sinn zu verleihen. Je unmenschlicher und ‚entfremdeter‘ die Arbeitsbedingungen, unter deren Diktat sich die Menschen reproduzieren, desto inhumaner muss folglich auch eine Ideologie argumentativ verfahren, die diese Existenzweisen sinngebungsvoll umzutünchen trachtet.

„Die Philosophen haben Marx nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an, ihn zu verändern.“ (Rolf Hochhuth)

Maßstäbe auf halb acht …

Gegen berechtigte Auseinandersetzungen, die jeder Seite eine Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen, ist nichts einzuwenden, vor allem, wenn statt des Bluts nur die Tinte fließt. Doch haben die umstrittenen Anliegen der Gentrifizierungsgegner nun mal in Berlin so gut wie keine Chance: Berlin wird Schritt für Schritt eine echte Hauptstadt werden, mit allem Chichi und Chanel – und in der Pariser oder in der Londoner Innenstadt wehrt sich schließlich auch keine Sau gegen steigende Mieten. Im Zentrum lebt, wer sich die große Langeweile leisten kann. Punkt. Die Lösung für die Berliner Bohème muss daher lauten: Mehr Geld für die eigene Ware verlangen. Oder als Bohème weiter nach Wanne-Eickel ziehen. Es gibt Schlimmeres – auch für das Ruhrgebiet. So viel zur Soziologie.

Den militanten Gentrifizierungsgegnern lässt sich deshalb alles Mögliche vorwerfen, gern auch Dummheit, Verbohrtheit, Starrsinn oder die Infantilität eines Denkens, das auf Räuber-Hotzenplotz- oder Pippi-Langstrumpf-Niveau eine zwangsläufige Entwicklung verhindern möchte. Aber ihnen gegenüber gleich die Faschismus-Keule auszupacken, nur weil das Guggenheim-Museum im Verbund mit BMW ein Projekt des kulturellen Product-Placement am Spreeufer nicht mehr umsetzen wollte, das zeugt von der Ebenbürtigkeit eines Schreibers mit seinen Gegnern. Außer Gebölke und Spesen war da nämlich bisher gar nichts gewesen ..

Trotzdem keilt nazistisch unreflektiert der Alexander Marguier im ‚Cicero‘ hinterrücks aus, weil er sich wegen entgangener Kulturfreuden von „Kiez-Faschisten“ umgeben wähnt, oder von „Linksfaschisten“, worunter er vor allem „mäßig erfolgreiche Künstler“ versteht. Vielleicht spukt ihm bei solch gewagten Vergleichen ja die missglückte Karriere des österreichischen GröSchwaZ als Postkartenmaler im Kopf herum. Sich selbst kam der ‚Luxusexperte‘ und vormalige Welt-Schreiber sicherlich nie in den Sinn, obwohl auch sein Oeuvre inzwischen bei Amazon für discounthafte 2,47 Euro über den Ladentisch geht.

Kurzum – es mag ja sein, dass einem irgend ein anderer gnadenlos auf den Geist geht: Der Olsen-Bande aus Gentrifizierungsgegnern zum Beispiel die verschnarchte Kunst der Haute Volée statt der einzig wahren revolutionären Volx-Straßenkunst. Dem Feminismusfeind Marguier, demzufolge die Frauen vor allem ‚treu‘ zu sein haben (Vorsicht – auch hier liegen ‚troitoitsche Maiden‘ und der Faschismus-Vorwurf so manch selbstbewusster Frau sicherlich schon auf der Zunge!), diesem Frauenflüsterer widerstrebt dagegen das Gehabe einer Alice Schwarzer. Sich aber wechselseitig deshalb die Faschismus-Keule über die Rübe zu hauen, das wirkt so angemessen, wie meinethalben der Begriff ‚Eleganz‘ zur Beschreibung einer Tierkörperbeseitigungsanlage.

Weniger Faschismusvorwürfe wären in dieser Gesellschaft schlicht ein Mehr an Präzision. Auch trifft der Begriff ‚Faschismus‘ außerhalb der historischen Zunft kaum noch die Sachverhalte, sondern allenfalls jene Personen, die ihn verwenden. Die Anwendung – auch dieses Textes – erfolgt daher auf eigene Gefahr; Eltern haften für ihre Kinder.

Nachtrag – als Anmerkung zum Kulturbegriff des Alex Marguire: ‚Schließlich hat BMW-Marketingchef Ellinghaus das Ziel des Lab-Sponsering eindeutig formuliert: „Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch der Reputation der Marke BMW – auch in der Presse.“ Der Stadtteil Kreuzberg – das dürfen wir daraus mit Fug schlussfolgern – verliert also ohne das abgesagte Marken-Bohei mitnichten Kultur, der Spritschluckerproduzent BMW gewinnt nur kein ‚Ihmetsch‘ hinzu. Was wiederum blankem Faschismus gleichkäme, behauptet jedenfalls unser logikverlassenes Mausi vom Föjetong, das nicht den Hauch einer Ahnung besitzt, wie Faschismus zu definieren sei. Jedenfalls hält das putzige Wesen schon jede Form von Anwohnerbeteiligung für hakenkreuzverdächtig – und jede bunt beklebte Litfass-Säule für ein kulturelles Weltwunder.

Das Mondkalb

So sehr wir die wirtschaftsliberalen Ansichten der FDP kritisieren, so sehr braucht unser Land eine liberale Partei.“

Dem Herrn scheint noch gar nicht aufgefallen zu sein, dass in der FDP bestenfalls noch ‚wirtschaftsliberale‘ Positionen zu finden sind, zählt man dieses „Die-Lobby-hat-immer-recht“ denn überhaupt zum Liberalismus. Jenseits dessen herrscht dort gähnende Leere …

Verdienste?

Alexander Gauland … erinnert an die Verdienste der FDP – ohne sie gäbe es in Deutschland … einen höheren Spitzensteuersatz, Eurobonds und eine verpflichtende Frauenquote.

Keine dieser Blockaden unserer Klientelpartei ist politisch verdienstvoll, allenfalls wirkt sie damit verspätend auf die Gesellschaft, so wie bspw. die Bundesbahn auf die Produktivität des Berufsverkehrs …

Des Pudels Kern

Nehmen wir Lautstärke einfach mal als Indiz fürs Engagement, dann erfahren wir hier, worum es der Content-Industrie beim ‚Leistungsschutzgesetz‘ vor allem anderen geht. Es geht um die Höchststrafe für kleine Pinscher, die sich erfrechen, jenen billigen Content zu kopieren, den diese Industrie zuvor den eigentlichen Urhebern abgegaunert hat:

„Im Justizministerium wird derzeit an der Deckelung der Abmahngebühren gearbeitet. Die Rechteinhaber sprechen sich ausdrücklich dagegen aus. Wie zu hören war, müssen die Rechteinhaber richtiggehend getobt und gedroht haben, den Dialog zu verlassen, wenn die Deckelung umgesetzt wird.“

Überdurchschnittlich erfolglos

Wer sich über den möglichen publizistisch-ökonomischen Effekt rechtspopulistischer Kurswechsel in seinen Redaktionen gleichfalls Gedanken macht, der möge sich zuvor dieses mäßige Resultat von geradezu Blocher’schem Format zu Gemüte führen:

„Die Basler Zeitung hat in den letzten fünf Jahren rund 50’000 Leser verloren. … Fazit aus der Charcuterie-Abteilung: Alles hat ein Ende, nur die BaZ ist mir Wurst.“

Auch Ideologien wechseln, und der Neoliberalismus hat seine ‚longue durée‘ jetzt hinter sich: The times, they are a changin‘ … so please get out of the new one if you can’t lend your hand.

Christliche Nächstenhiebe

Um ans Vorherige direkt anzuschließen – wer nimmt den Jan Fleischhauer eigentlich ernst? Nur einige wenige, das lässt sich durch ein bisschen Gurgeln schnell konstatieren, am ehesten noch die religiösen Fundamentalisten, die ihn als Racheengel durchs Tor windschiefer Metaphern in ihr publizistisches Jerusalem hineinwinken möchten:  „Jan Fleischhauer enthüllt die Fratze der Linken“, schreibt bspw. das arg verstiegene ‚christliche Informationsforum‘ Medrum, wo unserem Kanalarbeiter dann ein Verdienst zugemessen wird, das doch eher als Selbstbeschreibung auf derartige Schwulenhasserportale wie ‚Medrum‘ oder ‚Kathnet‘ zuträfe. Psychologen würden hier von offensichtlicher ‚Übertragung‘ sprechen:

„[Die Fratze der linken Widersprüche] zeigt den Widerschein der Diskrepanz zwischen einer fundamentalistischen Besessenheit von einer durch Glaubensideen beherrschten surrealen Welt und ihrer Konfrontation mit der Wirklichkeit.“

Wenn wir aus Erbarmen mal annehmen, dass irgendjemandem der obige Kehrichthaufen aus angedauten Denkversuchen grammatisch halbwegs verständlich sein könnte, dann schaut der Verfasser dort doch in einen Spiegel – natürlich nicht in einen gedruckten. Die Besessenheit, die eine von Glaubensideen verseuchte Welt mit ihren surrealen Resultaten bei der Wahrnehmung erzeugt – die ist doch wahrlich eher bei diesen nächstenhassenden Christus-Ausdeutern zu suchen. Diese bibeltreuen Doppelmoralisten, die wie Obelix gleich am Topf schon einen Nachschlag verlangten, als die Rechthaberei an die Menschheit verteilt wurde, die sind in meinen Augen so ziemlich das verlogenste und denkfaulste Volk, das ich kenne. Und erkennen lässt sich ihr Wesen stets daran, dass ihnen jede Metapher auf dem langen Weg vom Hirn auf den Monitor zu entgleisen pflegt, denn die Sprache ist eine strenge Richterin: „Jenseits ideologischer Flügelkämpfe entfernt das Buch alle Tarnkappen.“ Ich würde sogar sagen, durch das bloße Studium der Bibel gelangt es über das eitle Wissen weit hinaus …

Was der Steven Milverton über Kurt J. Heinz, den Herausgeber, und generell über derartige bibelgestützte Hass-Schleudern schreibt, trifft eigentlich exakt den Punkt, auch wenn er natürlich den Kampf sittlich empörter Kleinbürger gegen die ‚Verschwulung der Welt‘ ins Zentrum seiner Analysen stellt. Gender Mainstreaming, Abtreibung, wilde Ehen und andere Themen lassen diese putzigen Wesen aber gleichermaßen infarktgefährdet von „S-kandaalen“ jappsen:

„Kurt J. Heinz, jener evangelikale Zahnstocher im Kampf gegen die Verschwulung der Welt, scheint mit seinem Portal Medrum einen Punktsieg im Wettrennen mit den fundamental-katholischen Hassseiten kreuz.net und kath.net errungen zu haben.“

Das jedenfalls erscheint mir das zielgruppenorientierte Resultat von Jan Fleischhauers wöchentlichen Weltbeschreibungen: Hier, warm gebettet in christliche Tugenden, sucht und findet er rezeptionsgeschichtlich eine wahrhaft ungebrochene Zustimmung bei den Treuesten seiner Treuen. Diese gute Gesellschaft bei Brüdern und Schwestern im Geiste sei ihm gegönnt …

Alles klar, Jan Fleischhauer!

Joachim Gauck sei also ein knallharter „Neoliberaler“, der jetzt wohl ganz im Sinne der Chicago Boys seine Reden schreiben wird. Und all die blöden Linken seien auf diesen raffiniert getarnten Hayek-Verehrer im Herz-Jesu-Pelz reingefallen. Das verkünden Sie uns – cum grano salis – mit der Süffisanz des geborenen Rechtsauslegers: „„Was das linke Lager heute als Sieg feiert, wird dort morgen schon als gewaltiger Irrtum gelten.“ Da bleibt der Vernunft nur ein Trost: Mit Ihren rasanten Prophezeiungen liegen Sie nach der ersten Kurve zumeist schon im Straßengraben.

Denn sagen Sie mal – dies nur eine Möglichkeit zur schlichten Widerlegung Ihrer These – finden Sie nicht auch, dass die Personalauswahl des neuen Präsidenten einem bekennenden Konservativen wie Ihnen Anlass zur Sorge geben sollte? Derselbe Herr Gauck, Ihre angebliche Rechts-von-mir-ist-nur-die-Wand-Figur nämlich, die hat sich mit David Gill, Andreas Schulze und Johannes Sturm als kongeniale Redenschreiber, Ideengeber und persönliche Vertraute gar keine Margaret-Thatcher-Apostel ausgesucht, wie sie Deutschland jetzt brauchen würde, damit ein Ruck durch die morschen Knochen fährt. Nein, Joachim Gauck hat sich vielmehr zwei SPD’ler und einen Grünen zu sich ins Präsidialamt geholt. Sogar welche mit Parteibüchern! Und eben nicht neoliberale Jahrhundertgenies wie den Hans-Olaf Henkel oder bspw. auch einen Philipp Mißfelder! Ich muss schon sagen, konservativer und neoliberaler geht’s doch eigentlich kaum … und Ihre These beging soeben Selbstmord.

So vernunftverloren plätschert Ihr Text unter Missachtung jeder Logik auch weiterhin durch die Zeilen: „Mit Gauck zieht der erste Neoliberale ins Schloss Bellevue ein.“ Soso, der „erste“ also? Nur eine kurze Gegenfrage – was wäre denn dann der Christian Wulff gewesen? Vielleicht ein Trotzkist oder gar ein böser Sozialdemokrat? Und hat sich der Herr Gauck nicht selbst mehrfach öffentlich als „LINKER und liberaler Konservativer“ bezeichnet? Wobei wir uns natürlich fragen dürfen, ob bei solchen Kreuzungen aus Feuer und Wasser nicht wieder ein Patchwork-Wesen wie der „rechte Sozialdemokrat“ herauskommen könnte. Sei’s drum …

Wissen Sie, Herr Fleischhauer, angesichts Ihres unaufhörlichen Gewurkels neben jeder Spur von Sinn und Verstand überkommt mich der blanke Neid: Sie dürfen Ihre verdrehten Instinkte frei ausleben, ohne sich von Recherche, Fakten, Argumenten oder Sachkenntnis bremsen zu lassen. Sie dürfen ungestraft der Sprache Gewalt durch mangelnde Sprachgewalt antun. Und wöchentlich liefern Sie, der Sie sich vermutlich als überlegener ‚Leistungsträger‘ fühlen, der Redaktion einen länglichen Riemen ab, wie ich ihn innerhalb einer halben Stunde zusammenlöten würde. Anschließend streichen Sie ungestört noch viel Schotter ein. Das alles hat in meinen Augen etwas von ‚Dolce far niente‘.

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