Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2012 (Seite 2 von 3)

Dann du sprichst so Kiezdeutsch!

Vor Gott sind alle Sprachen gleich – im Reich der Wörter gibt es keine ‚Hochsprachen‘ und ’niederen Dialekte‘, jede Sprache ist geeignet, das soziale Zusammenleben zu regeln und den Alltag zu meistern. So lautet – etwas verkürzt gesagt – die pragmatische Sicht der Sprachwissenschaft auf die linguistische Landschaft. Ein Blick, der sich doch erheblich von dem der selbsternannten ‚Sprachkritiker‘ unterscheidet.

Vor allem dort, wo ein Bastian Sick, ein Wolf Schneider oder der Verein für deutsche Sprache sich tummeln, wachsen längst die Vorurteile wie Löwenzahn am Wegesrand. Vor allem dann, wenn es sich um Soziolekte aus so genannten „Problemstadtteilen“ handeln sollte. Von „Gossensprache“ ist dann schnell die Rede, von „Kauderwelsch“, „Primitivsprache“ und „Gestammel“.

Schön ist es da, wenn statt dieser retardierten Kulturorakel die Linguistik sich an einer Analyse des Phänomens versucht. Die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese hat das getan – mit durchaus überraschendem Resultat. In Deutschland wächst ein neuer Dialekt heran, gleichwertig dem Sächsischen, Bayrischen oder Niederdeutschen. Es handele sich hierbei keineswegs um eine Flicksprache aus aller Herren Länder, es sei auch weit und breit keine Grammatik im Verstümmelungszustand zu finden, im Gegenteil sei der neue Soziolekt in mancher Hinsicht sprachlich sehr viel effizienter als das „Standarddeutsche“.

Aus einer ganzen Reihe von Wiese’schen Beispielen hier nur eins: Mit der Silbe ’so‘ habe sich ein sprachlicher ‚Marker‘ herausgebildet, der wie ein Edding auf funktional besonders bedeutsame Bestandteile eines Satzes hinweise, wie oben in der Überschrift das ’so‘ vor dem ‚Kiezdeutsch‘.

Keinesfalls dürfe man ferner Menschen, die Kiezdeutsch sprächen, als ‚defizitäre Sprecher‘ betrachten, die nur einen ‚restringierten Code‘ beherrschten. Förmlich das Gegenteil sei oftmals richtig. Umstandslos könnten die meisten Jugendlichen ins Standarddeutsche zurückschalten, wenn die Situation dies erfordere. Sie seien also – im Gegensatz zum ‚Standardgermanen‘ – zumindest schon mal zweisprachig, sollten die Eltern daheim noch ins muttersprachliche Russisch, Arabisch oder Bosnisch verfallen, oft sogar dreisprachig. Von der Sprachkompetenz her den meisten Deutschen damit weit überlegen.

Die vehemente Ablehnung des neuen Dialektes hätte daher zumeist soziale Gründe, folgert die Potsdamer Professorin: Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund aus „Problemstadtteilen“ hätten eine entwickelte Sprache des sozialen Verkehrs miteinander ausgebildet. Diesen Zwecken sei die neue Variante der deutschen Sprache perfekt angemessen. Wer auf diese neue Sprachvariante schimpfe, pflege vor allem seinen eigenen Dünkel gegenüber jenen Menschen, die sozialen Orten entstammten, wo ein anständiger ‚Standarddeutscher‘ doch gar nicht zu verkehren pflege.

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. beck’sche reihe 6034, München 2012

Miles apart

Wieder mal hat dem Malte Lehming jemand Fremdstoff in den Tee getan. Die Angela hätte – unserem wirrsten aller Kolumnisten zufolge – nämlich schon immer den Gauck gewollt. Jetzt endlich sei sie am Ziel ihrer mehr oder minder feuchten Träume angelangt:

„Oh ja, mein ist die Rache, spricht Angela Merkel. Der Schalk sitzt ihr im Nacken, und sie lacht sich ins Fäustchen.“

Klar – deshalb sah sie am Bildschirm bei der Verkündigung auch so ganz anders aus wie vom Lehming beschrieben: beide Mundwinkel auf Fünf vor halb Acht heruntergeklappt. Und deshalb, weil dieser raffinierte Plan der Uckermärkerin so langfristig angelegt war, hat unsere hochweise Frau Bundeskanzlerin zwei Jahre zuvor erst einmal mit aller Macht den Krischan Wulff gegen den Joachim Gauck durchgeboxt, um alle über ihre wahren Absichten zu täuschen. Eine echte Strategin, die weit über den Tag hinaus zu denken pflegt und sogar das Scheitern des piefigen Osnabrückers vorausgesehen hat!

Wissen Sie, Herr Lehming, Liebedienerei im Journalismus lässt sich weit treiben, sogar zu weit – dann nämlich, wenn Volksverdummung daraus zu werden droht. Und weshalb ausgerechnet diese leicht verdruckste Reformerin im Unions-Lager sich jetzt über den angeblich „konservativsten Präsidenten aller Zeiten“ freuen sollte, das müssen Sie uns auch noch näher erklärbären …

Ergänzung: Ach Gott, ach Gott – ich sehe gerade, dass nahezu alle neoliberal-altkonservativ oszillierenden Medien in hellem Aufruhr sind. Auch dieses Ex-Cicero-Gewächs hat den Eimer mit der Tünche aus der Garage gewuchtet und will uns die Welt neu streichen:

„Wenn bei Brüderle, Gabriel und Trittin der Testosteron-Spiegel gesunken sein wird, werden sie merken, dass Angela Merkel die einzige Siegerin des Kandidatenlaufs um das Amt des Bundespräsidenten ist.“

Tscha, bisher kenne ich nur einen Sieger – und der heißt Joachim Gauck. Warten wir doch die erste Rede des Herrn in Ruhe ab … ich bin mir sicher, sie fällt ganz anders aus, als wir alle es erwarten.

Die Kulturfernen

Fritz J. Raddatz, der große Schmerzensmann des deutschen Feuilletons, wurde ständig hypochondrisch geplagt von realer Migräne, vermuteten Magengeschwüren, geahntem Alzheimer und unbegründeten Todesängsten. Früh widmete er sich daher Nachlassfragen. Zusammen mit Günter Grass, Paul Wunderlich, Rolf Hochhuth und noch einigen anderen machte er der Stadt Hamburg im Jahr 1984 das Angebot, die Nachlässe der Zuvorgenannten unentgeltlich in eine hansestädtische Stiftung einzubringen. Was keine Petitesse war, angesichts der wertvollen Kunstsammlung, die allein ein Raddatz aufbieten würde.

Um das Projekt voranzubringen, luden sie Helga Schuchardt (SPD) in Raddatz‘ Hamburger Wohnung ein. Die war damals Kultursenatorin unter Ulrich Klose. Dort durften sich die Gäste folgenden abschlägigen Zustandsbericht über die ‚höheren Interessen‘ deutscher Politiker anhören:

„Wenn ich im Senat Ihre Namen nenne, dann – das verspreche ich Ihnen – weiß NIEMAND, wer sie sind; ausgenommen eventuell Grass – und von dem weiß man nur, daß er gegen die Pershing II ist“ (FJR: Tagebücher, 51).

Was mich zu meiner alten These bringt, dass die Kultur nirgends einsamer ist als dort, wo ständig lauthals von ‚deutscher Leitkultur‘, ‚kultureller Assimilation‘ oder ‚kulturellen Aufträgen‘ staatstragend dahergeknödelt wird. Das obige Zitat mag hier zwar auf SPD-Hanseln gemünzt sein, dass es in der CDU und anderen Parteien besser aussieht, das glaube ich deswegen bestimmt nicht. In meinen Augen ist auch ein Roland Pofalla literarisch nie über den Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch hinausgekommen – und Philipp ‚Bärchenwurst‘ Rösler dürfte allenfalls mal den ‚Medicus‘ oder ‚Die Akte‘ durchblättert haben …

Einfach mal was behaupten!

Rechtsintellektualität ist bekanntlich eine ‚contradictio in adiecto‘, ein Widerspruch in sich. Und so sehen die dazugehörigen Zentralorgane auch aus. Trotzdem versuchen manche Magazine aus Gründen publizistischer Ausgewogenheit mit noch mehr Urinbeschau und Pendelei auch ein steuerbordseitiges Publikum kontinuierlich zu bedienen. Eines dieser verlegerischen Projekte, das aus Gründen des Attention-Phishing dann gern auf Autoren aus dem Umfeld der ‚Achse des Guten‘ oder der Schweizer ‚Weltwoche‘ zurückgreift, heißt in Deutschland ‚Cicero‘.

Regelmäßig muss dort an Bord dann wohl konservativ induzierter Vernunftalarm herrschen. Denn von den üblichen Positionen bis zur Wand ganz rechts ist es nicht weit, wenn man auch sonst ein elitäres Selbstverständnis pflegt und bedient – der ganze Dampfer krängt dann unversehens weit hinüber zur Wasserlinie, was nicht nur das Flanieren, sondern auch das Ablassen der argumentativen Rettungsboote stark gefährdet. Trotzdem – gegen intellektuelle Notfallübungen der Upperclass wäre aus Gründen der allgemeinen Verkehrssicherheit gar nichts einzuwenden, sofern die dort vertretenen Ansichten rational verhandelbar wären. Was sie oft genug aber nicht sind.

So stellt in dieser Woche ein gewisser Beda M. Stadler aus dem Dunstkreis der Blocherschen Köppelschen ‚Weltwoche‘ in seinem Sandkasten die Schlachten von gestern nach, indem er sich – nachdem der Zug längst abgefahren ist – für die Atomkraft in die Bresche schlägt: „Wenn Deutschland aussteigt, sind wir alle verloren“, lautet der Titel des Elaborats, dem gleich anfangs ein gewisser Wachtturm- und Kassandraton damit kaum abzusprechen ist.

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Verkrachte Existenzen

Schon „Faserland“ hieß bei mir nur „Faselland“. In dem Buch, das den Schweizer Autor Christian Kracht über Nacht berühmt machte. erkannte sich halb Deutschland wieder, soweit es neben Börsenberichten noch Bücher las: In diesem Bussi-Bussi-Volk mit Popliteraten, in den hartherzigen Kokainnasen, die unentwegt ihren Weltschmerz betäuben mussten, spiegelten sich jene, die gern eine ‚Szene‘ sein wollten. Es war Houllebecq avant Houllebecq – der Autor Christian Kracht begründete eine Art literarischen Existenzialismus für Sadomasochisten, und das Donnergrollen, nein, der Furz eines angeblich herannahenden konservativen Revolutiönchens im Gefolge Ernst Jüngers stieg dem Leser auch dort schon unangenehm deutlich in die Nase.

Vielleicht ist es bezeichnend für die Kracht’sche Generation, dass sie dort, wo sie sich intellektuell wähnt und das Hohle einer hedonistisch gewordenen Welt zu durchschauen meint, mit Regelmäßigkeit und Konsequenz sich erst noch eine Linie zieht und dann, geistig schön schmerzbefreit, nach rechts vor die Wand rennt. Halbbetäubt winkt sie dann als Bürgerschreck-Kombo den Philistern zu, mit Hitlerpüppchen und Taliban-Zitaten, eine wörterrasselnde Muppets-Show im Quoten-Desaster, trotz der lustigen Ku-Klux-Klan-Mützchen auf der Erbse …

Immerhin ist es im Dschungel aus Vorschusslorbeeren schön, dass Georg Diez im neuen ‚Spiegel‘ (bisher nur gedruckt, S. 100 ff) den Christian Kracht endlich einmal als jenen Salon-Nazi darstellt, als der er sich immer offener gefällt. Mir gefällt aber nicht, dass Diez – bei aller überfälligen politischen Kritik – immer noch vor einer angeblichen Wortmacht dieses Schreibers wie ein Rekrut strammzustehen pflegt – old soldiers never die. Hier hat die deutsche Feuilleton-Kritik Defizite. Wer ein neues Buch mit einem Satz wie diesem eröffnet, der ist nun mal kein Wortmagier, sondern allenfalls Kunsthandwerker:

„Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.“

Das Kracht’sche Kunsthandwerk besteht z. B. in dieser Dreifachparataxe des Beginns („Unter-unter-unter-„), hier beherrscht er tatsächlich einige Ponytricks aus den Schreibwerkstätten. Die Fragwürdigkeit beginnt bei den so transportierten Inhalten – oder bei der Wortwahl. Hier trifft kaum ein Wort die Situation: Ist das Firmament neben einer offensichtlich und noch dazu unanschaulich irgendwie ‚prächtig‘ strahlenden Sonne wirklich hell? Erblicke denn nur ich den Himmel neben dem gleißenden Zentralgestirn dunkel, ja fast schwarz? Ferner – wer je das Horn eines Dampfschiffes im tiefsten Bass wüten hörte, der darf doch nicht von einem „Tuten“ reden. Ein solch dürftiges Vokabular trifft nicht das infernalische Brüllen früher Dampfschiffsirenen, das dich vom Deck über die Reling zu fegen suchte.

Mal angenommen, jene Sirene wäre realiter ertönt – und nicht nur in der stumpfen Phantasie des Verfassers. Warum muss der Boy danach noch ’sanftfüßig‘ übers Deck huschen, weshalb muss er ‚behutsam‘ die Schultern drücken, wo doch alles nach einem solchen Weckruf schon senkrecht neben dem Deckstuhl stünde? Und warum muss ein malaiischer Malaie unbedingt „malaysisch“ sein? Und, und, und … immer ‚eindringlicher‘ bimmeln bei mir alle Glocken.

Fragwürdigste Fragen stehen nach der Lektüre solcher Textpassagen also Schlange. Schon ‚Faselland‘ flog damals nach zwanzig Seiten in die Ecke, drei Tage später ganz aus meiner Bibliothek. Man muss nicht jede Scharteke neben die guten Autoren stellen – da kracht’s nur nächstens im Regal! Fazit: Christian Kracht ist ein zunehmend rechter Ideologe mit einem schlechten Stil. So viel Kritik muss sein …

Disclaimer: Ich will mir nichts nachsagen lassen, weswegen ich hiermit nachdrücklichst bestreite, dass ich von dem Buch „Imperium“ jemals mehr gelesen habe als die genannte Spiegel-Kritik und den dort abgedruckten ersten Satz …

Nachtrag: Schaut man sich die Reaktionen des deutschen Feuilletons an, dann stehen sie alle wie ein Mann, um den Spiegel-Mann lauthals zu verbellen und den gebräunten kleinen Schnuckiputz nach Kräften zu verteidigen.

Textaufgabe:

Nehmen wir einfach mal an, wegen der drohenden Strafbewehrung durch Acta würden sich zusätzliche dreißig Leser einen Artikel kaufen (nebst einem Kilo Altpapier), also jene dicke Zeitung in gedruckter Form, die täglich in einer Auflage von 120.000 Exemplaren zum Preis von 1,60 Euro deutschlandweit erscheint. Diese dreißig Leser würden also nicht länger in verbrecherischer Weise einen Artikel aus dem Internet auf ihren Bildschirm kopieren. Wie viele Euro hätte der Verfasser (als Urheber des Artikels) dann mehr auf seinem Konto?

Rants mit höchstem Segen

Die Meinungsfreiheit reicht in diesem Bereich … so weit, dass die katholische Kirche als “Kinderficker-Sekte” bezeichnet werden darf.“

Papst zu sein, das brachte auch schon mal mehr Spaß …

Der Kindermord zu Freising

Oft war ‚Aberglaube‘ bloß ‚Anderglaube‘. Die Beschreibung des Teufels durch die Delinquenten gleicht dann oft dem Bild der ‚High Society‘, in der Neuzeit also dem von Priestern und Bischöfen, von adligen und patrizischen Würdenträgern. Das war Anfang des 18. Jahrhunderts auch in der Fürstbischofsstadt Freising vor den Toren Münchens der Fall, einer Stadt, die solchen Opfern des örtlichen Honoratiorentums als eine ‚verkehrte Welt‘ erschien: „Ein Herr im schwarzen Habit mit großem Hut, der in einer unverständlichen Sprache gesprochen habe“ sei der ‚Deifl’ dort gewesen. Er trat also ganz so auf, wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel.

Jene Verbrechen, die in dieser Gegend nicht ‚weisen Frauen‘, sondern kleinen Jungen und Heranwachsenden zur Last gelegt wurden, die bestanden in ‚Verhohnepiepelungen‘ einer offiziellen Liturgie, wie beispielsweise im benachbarten Erding, wo fünf Buben zwischen zehn und vierzehn Jahren pubertäre ‚Gossenpoesie’ von sich gaben, wie sie zu unserer Zeit auch der frühe Peter Rühmkorf sammelte: „Vater unser, der Du bist, die Mutter lieget auf dem Tisch, der Vater lieget oben drauf, macht der Mutter einen großen Bauch“. Zotige Albernheiten, welche den zuständigen Bannrichter Johann Georg Golling nicht daran hinderten, diese Kinder vom Scharfrichter erbarmungslos foltern, köpfen und verbrennen zu lassen.

Die Religion, so wie sie die katholische Kirche damals verstand, war wahrlich keine Angelegenheit des Landvolkes. Sie war zwischen Hopfen und Malz überhaupt noch nicht fest verankert. Zwischen Stadt und Land gab es einen tiefen kulturellen Graben. „Ich glaube“, das lässt Ulrich Bräker, der schreibende Schweizer Zeitgenosse dieser Inquisitoren, einen seiner archetypischen Bauern lästern, „daß mich die Erde hervorgebracht hat wie ein andere Thier und daß ich wieder in ihrem Schooß vermodere wie eben dieselben“. Religion war primär eine städtisch-akademische Veranstaltung, dazu in lateinischer Sprache gehalten, selbst die Dorfkirche war bloß der einsame Vorposten der Aufklärung auf dem Land.

Von den vielen Hexerei-Fällen jener Zeit ist der Freisinger Hexenprozess (1715 – 1723) besonders gut dokumentiert. Im Hauptstaatsarchiv München hat der umfangreiche Aktenbestand die Wirren der Zeiten überdauert. Der Konstanzer Historiker Rainer Beck hat den Fall neu aufgerollt – der uns in der Folge nicht durch seine mittelalterliche Exotik, sondern durch seine ungeahnte Modernität in den Bann zieht: Zu sehr erinnern die Verhörmethoden der Inquisitoren an diejenigen heutiger Sachverständiger und Gutachter, die ja auch auf der ständigen Jagd nach Widersprüchen und Inkonsistenzen in der Argumentation sind, die als ‚Profiler‘ der abartigen Geistesverfassung ihrer Täter nachsteigen müssen. Wie sehr glauben denn sie an das, was sie für ‚widernatürlich‘ halten? Jeder Hexenjäger muss zumindest die Existenz von Teufeln und Hexen für möglich halten, und sei es als ‚Konstrukt‘.

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Ist das etwa ‚lebendiges Deutsch‘?

Mein Grad von Erfahrung in lebendigem Deutsch ist vermutlich höher als bei irgendeinem anderen Menschen in Deutschland, meine Kritiker vermutlich eingeschlossen.“

Mit Verlaub, aber mich erinnert’s nun mal eher an präpositionalen Flitzkack als an überlebensfähiges Deutsch …

Im Griff der Würgebengel

An die unwiderstehliche Wirkung der Personificatio glauben unsere Journalisten so fest wie die Kinder an den Weihnachtsmann. Aus dem derzeitigen Isobarengeschehen sibirischen Ursprungs haben sie sich ein Monster geknetet, das ganze Länder wochenlang zu würgen vermag: „Horror-Kälte hat Deutschland weiter im Griff“.

Diese Headline aber ist journalistisch gesehen noch schwach, dem eisigen Griff fehlt das unvermeidliche Adjektiv ‚fest‘, das den Leser erst wahrhaft nach Luft schnappen lässt: „Dauerfrost soll Deutschland weiter fest im Griff behalten.“

Selbst das ist zu überbieten – zu einem Vokabular geradezu Godzilla’schen Ausmaßes greift unsere Bild-Zeitung, denn nur die Überbietung rettet den Ruf: „Kälte-Kralle hat uns fest im Griff“. Da wird uns das eisige Monster aus den Tiefen der Tundra leibhaftig vor Augen gestellt, mindestens so wie schrecklich wie Kunos ‚Killerkralle‘ in ‚Neues aus Büttenwarder‘.

Dieses unaufhörliche Gedüdel und Genöle hat derzeit alle Medien ‚fest im Griff‘, obwohl das verehrte Publikum es schon längst nicht mehr hören mag: „Kälte hat Europa weiter fest im Griff“, „Klirrende Kälte hat Schleswig-Holstein im Griff“, „Mallorca im Griff der Kälte“; „Kälte hält Europa im Griff“

Der Leser wundert sich bloß, dass dieser Kaltfront bei ihrem würgerischen Tun nicht die Finger abfrieren, oder ersatzweise gern auch die ‚Krallen‘.

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