Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2012 (Seite 1 von 3)

Unser Name ist Nobody

Veronika Bellmann, Wolfgang Bosbach, Thomas Dörflinger, Herbert Frankenhauser, Alexander Funk, Peter Gauweiler, Manfred Kolbe, Paul Lehrieder, Carsten Linnemann, Thomas Silberhorn, Christian von Stetten, Stephan Stracke, Klaus-Peter Willsch (CDU/CSU), Jens Ackermann, Sylvia Canel, Frank Schäffler, Torsten Heiko Staffeldt (FDP)

Veronika, kein Lenz ist da – das merkelmeuchelnde Sammelsurium gleicht in meinen Augen einer Kompanie ohne Offiziere. Has-Beens sind es nicht gerade, einen Shall-Be sehe ich aber auch nirgends im intellektuellen Unterholz kauern. Zerbricht die Regierung an denen, sind sie die letzten, die in einer neuen Regierung zu finden sein werden … vielleicht sollten sie den Lothar Matthäus mal fragen, ob er aktuell schon etwas vorhat. Wie sagte es dieser Christian Freiherr von Stetten so schön:

„Mit seinem Einsatz für Griechenland geht Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble an die physische und psychische Belastungsgrenze, welche sich ein Mensch überhaupt zumuten kann.

Ein Schäuble „geht“? – Imagination sechs, setzen! Deutsch gesprochen ist das jedenfalls nicht. Was aber ist dies dumpf Dahingemöhrte dann, was einfach nicht zu fassen vermag, dass sich durch Wörter manchmal auch etwas vorstellen und denken lässt?

Lügen ist eine Kunst!

Nur damit sind schließlich die märchenhaften Honorare der PR-Profis zu rechtfertigen. Für mich wird aber auch der zunehmende Sagencharakter der Wulff’schen Aufklärung plausibel, wo jede Wahrscheinlichkeit mit der Länge der Geschichten immer mehr dahinzuschwinden droht:

„Wulffs Ehefrau Bettina habe die Kosten für die Urlaube 2007 und 2008 aus Geldgeschenken ihrer Mutter beglichen, nachdem Filmproduzent David Groenewold die Beträge zunächst ausgelegt haben soll. … Der Staatsanwaltschaft erscheine diese lange Aufbewahrung der Geldscheine „zumindest wirtschaftlich als unvernünftig“, da Wulffs Konten im Juli 2008 um mehr als 10 000 Euro überzogen gewesen seien.“

Tscha – das riecht nicht nur in den Nasen von Staatsanwälten komisch. Denn die Wahrheit ist immer einfach und schlicht, jeder Trottel kann sie aussprechen, alle Widersprüche lösen sich in Wohlgefallen auf. Die Lüge dagegen macht alles kompliziert – ihr Erfundenes wächst unter der formenden Hand wie ein Hefekuchen, und jeder Widerspruch klebt am Erzähler wie ein Fliegenfänger. Was wiederum den Ruhm der großen Schriftsteller begründet, die es immer mit bloßen Fiktionen statt mit Fakten zu tun haben. Wenn ihre Lüge gelingt, sprechen wir sogar von ‚höherer Wahrheit‘ …

Geschichtsblindheit

Olle Kamellen! – das ist der Tenor, der einem Menschen entgegenschlägt, der in dieser höchst modernen Zeit es wagt, geschichtliche Fakten ins Feld zu führen. Jenseits von Hitler ist für die meisten Menschen die Welt mit Brettern vernagelt. Wer von Geschichte aber nichts weiß, der sieht auch jene Möglichkeiten nicht, die uns mit ihrer Hilfe heute aus dem Sumpf führen könnten. Vieles, was auf der historischen Achse bloß ein zeitgeschichtlicher Moment ist, erscheint einem Geschichtsblinden mit Ewigkeitswerten versehen. So auch diesem Simplicius aus dem Standard-Forum das Zinsgesetz:

„Ohne Zinsen würde niemand mehr sein Geld verborgen. Wozu auch?“

Diesem modernen Hans Dampf scheint also der einzige Sinn und Zweck des Geldes auf einem immerwährenden Finanzmarkt darin zu bestehen, fortzeugend ‚mehr‘ zu werden. Genau dies war, geschichtlich gesehen, die meiste Zeit aber nicht der Fall. Religionen wie der Islam halten sogar bis heute, wenn auch nur noch formal, ein allgemeines Zinsverbot aufrecht.

Nehmen wir nur die europäische Feudalzeit, wo aller Besitz von Gott und damit ‚des Kaisers‘ war: Dessen ‚Kapital‘ hatte damals den Sinn, Loyalitäten zu stiften, von Verzinsung aber war keine Rede. Im Lehenswesen ‚verlieh‘ der Kaiser an die Treuesten der Treuen ganze Provinzen, und er erhielt dafür keinen festen Zinssatz, sondern ein symbolisches Surplus – dass nämlich die so Ausgezeichneten im Konfliktfall ihm treu zur Seite stehen würden.

Auch die Kirche erhielt von ihren Lehen und Pfründen formal einen ‚Zehnten‘, also einen scheinbar durchaus üppigen Zinssatz. Bedenken wir jedoch, dass die vorreformatorische Kirche dafür nahezu die gesamten Sozialaufgaben schulterte, von der Armenfütterung über die Waisenhäuser und die psychologische Beratung bis hin zum Gesundheitswesen und der Altenpflege, dann wird uns schnell klar, dass ein Josef Ackermann für eine solch mickrige ‚Verzinsung‘ heute noch nicht einmal den kleinen Finger krümmen würde.

Kurzum: Ein kurzer Blick in die Geschichte lehrt uns schnell, dass die Verzinsung von Kapitalien keineswegs eine historische Konstante von Ewigkeitswert ist, sondern ein verhältnismäßig junges Verhaltensmuster, das zuvor stigmatisiert und allgemein als ‚Wucher‘ verpönt war. Ohne Geschichtskenntnis trägt jeder nur eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten am Arm – und er sieht vermutlich Credit Default Swaps als Teil einer immerwährenden göttlichen Gesetzgebung an …

CDU-Positionen:

Es gibt Geld wie Dreck, es gibt Geld wie Heu, es ist bloß in den Händen der falschen Leute!“

Ach so: Unter Merkel derzeit nicht mehrheitsfähig …

Analog vs. Digital

Kaufe ich mir ein gedrucktes Buch, dann darf ich es einem Freund selbstverständlich ausleihen. Ich darf es nach der Lektüre aber auch verschenken oder weiterverkaufen.

Kaufe ich mir ein E-Book, dann darf ich es erstens nicht verleihen. Ich darf es nach der Lektüre aber auch nicht einfach verschenken oder weiterverkaufen. Allenfalls dürfte ich gnädigerweise die Datei des E-Books löschen.

So also stärkt das Netz einseitig die Rechte der Konsumenten …

Noch so’n Fall!

Weil der Leser sich prompt fragt, wieso Verbrecher und Milliardenabzocker überhaupt noch ‚tief fallen‘ können. Der sanfte journalistische Druck auf die Krokodilstränendrüse macht diesen ‚Fall‘ jedenfalls nicht eingängiger:

„Einst war er ein erfolgreicher Unternehmer, vielleicht sogar der erfolgreichste. Jetzt droht Lavrentis Lavrentiadis ein tiefer Fall. Die griechische Regierung nimmt reiche Schuldner ins Visier.“

Tscha – so’n netter Mann und Millionenverschieber! Was erlauben sich Regierung …?

Gar nicht zu vergleichen!

Die gleichen Leute, die es noch völlig korrekt fanden, dass eine langjährige Hilfskraft wegen einer mitgenommenen Maultasche auf der Stelle aus dem Unternehmen fliegt, die empören sich heute darüber, dass manche Leute einem Christian Wulff seinen ach so mickrigen Ehrensold nicht mehr gönnen mögen. Wie zum Exempel der Handelsblatt-Chef im heutigen Newsletter …

Zahlendreher

Die Blödverkaufe bei der ‚Welt‘ nimmt oft schon groteske Züge an. So liest der geneigte Interessent in dichter Folge dort derzeit folgendes:

„Im neuen Wahltrend legen Union, Grüne und Piraten zu. … Die FDP verharrt dagegen im Umfragetief. Die Union setzt nach einer Forsa-Umfrage ihren Höhenflug in der Wählergunst fort. Im neuen Stern-RTL-„Wahltrend“ kommen CDU und CSU zum dritten Mal in Folge auf 38 Prozent … „

Ich resümiere: Die Union ‚legt‘ also deshalb ‚zu‘, weil sie schon zum dritten Mal in Folge sich nicht weiter verbessern kann. Und das Ganze wäre dann prompt als ein veritabler ‚Höhenflug‘ zu betrachten. Manches möchte ich einfach nicht schreiben müssen … aber formulieren wir’s, um der armen Fakten willen, mal halbwegs sachkonform:

„Den größten Sprung in der Wählergunst machten, folgen wir dem neuen Forsa-Wahltrend, die Bundesgrünen mit plus zwei Prozent. Mit einem Prozent Zuwachs zählten auch die Piraten zu den Gewinnern der Woche. Die FDP verharrt dagegen am Rande der politischen Nachweisgrenze, auch die Union kann sich nicht weiter verbessern. Die Linke verliert einen Prozentpunkt, ebenso wie die SPD.“

Süsswoll – und schon wird allmählich ein Schuh daraus …

Murks gebiert Murks

Ob man nun ‚danebenliegen‘ schreibt oder ‚fleischhauern‘, es ist faktisch zum Synonym geworden. Auch in seinem neuesten Besinnungsaufsatz erfreut der Kanalarbeiter mit dem Kindheitstrauma uns gleich anfangs mit einer völlig realitätsenthobenen Prämisse:

„Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck.“

Tscha, da weiß der Herr Spiegel-Kolumnist doch mal wieder mehr als alle Beteiligten. Dem allgemeinen On-Dit zufolge standen dort nämlich am Schluss diese zwei Figuren zur Wahl: 1. Klaus Töpfer als Favorit der Union und 2. Joachim Gauck als jener Strohhalm, an den die FDP sich bis zum letzten zu klammern beschloss.

Da aber gleich eingangs an Fleischhauers These nichts stimmt, ist der Rest des Artikels über die angebliche Vormacht des Protestantischen in Deutschland dann eben auch nur Murks. Denn der Töpfer ist nun mal katholisch – und gewiss kein Kirchenmann …

Kategorienfehler

Wenn der Joachim Gauck dem Thilo Sarrazin „Mut“ bescheinigt, dann verwechselt er auflagenfixierte Rampensau-Allüren und skandalgeiles Dieter-Bohlen-Gehabe mit lutherischer Überzeugungstreue und mit dem Willen zur Wahrhaftigkeit um jeden Preis. Mit dem gleichen Recht ließe sich einer Lady Gaga oder einem Marilyn Manson dann „Mut“ bescheinigen. Auf falschen Prämissen wiederum lässt sich kein solides Gedankengebäude errichten.

Disclaimer: Trotzdem halte ich weiterhin Joachim Gauck, verglichen mit dem niedersächsischen Langweiler und Zustandsverwalter, für den besseren Präsidenten. Als unangenehmer Solitär wird der neue Mann die Republik jetzt ‚rocken‘, wenn auch wohl mit ganz anderen Melodien, als in seligem Schlummer viele noch meinen. Für die dahindämmernde Diskussion – ob so, oder so – ist Joachim Gauck sicherlich eine Art Fünftonfanfare …

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