Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2012 (Seite 2 von 4)

Die rhetorische Frage

Um ein Nachdenken über das Offensichtliche zu verhindern, ist oft die rhetorische Frage probat, so wie es hier Malte Lehming unternimmt. Allerdings ist diese Scheinfrage ein zweischneidiges Schwert – sobald ein Hörer anfängt, ernsthaft über das Gefragte nachzudenken, erreicht der gewiefte Rhetoriker oft das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte:

„Deutsche Politiker werden regelmäßig bestochen und erwidern das durch Entscheidungen zugunsten der Bestechenden: Dieses Vorurteil wird gehegt und gepflegt und dermaßen oft transportiert, dass es nicht überrascht, warum niemand mehr nach einem Grund dafür fragt. Oder nach einem Beispiel. Überlegen Sie selbst (und ganz spontan): An welchen Fall von Korruption in der deutschen Politik – sagen wir: in den vergangenen zwanzig Jahren – können Sie sich erinnern?“

Kurzum, Malte Lehming, unser Dreisterne-Meinungskoch vom ‚Tagesspiegel‘, der vertraut darauf, dass niemand nachzudenken beginnt, fordert er sein tumbes Publikum derart frageweise zum Gehirn-Jogging auf. Dabei ergibt sich von Schäubles Aktentaschen über FDP-initiierte Hotelierssteuern nebst Mövenpick-Spende bis hin zu Guttis Patchwork-Promotion, um auch mal einen Fall geistiger Korruption hier zu nennen, doch mühelos so allerlei, was uns von einer korruptiven Welle in der Politik zu sprechen berechtigte. Nicht ohne Grund sackt Deutschland jährlich auf der Korruptionskala weiter ab, so dass längst auch die konservative FAZ über die zunehmende Korruption lauthals zetert:

„Deutschland hat weiterhin ein ernsthaftes Korruptionsproblem: Im jährlich veröffentlichten Index der Organisation Transparency International rutscht die Bundesrepublik vom 14. auf den 15. Platz ab – vor allem Politiker machten es korrupten Kräften zu leicht.“

Und – nicht wahr, Herr Lehming? – zahlreiche ‚Fälle‘ und ‚Vorfälle‘ dürfte es dann ja wohl auch gegeben haben. Ihr Herr Wulff hat also eine ganz erlauchte Ahnenreihe. Das angestrengte Gesundbeten, auch mit rhetorischen Stilmitteln, zeichnet zwar neoliberal Gläubige und andere Evangelikale oftmals aus, trotzdem steht dies Verfahren in diametralem Gegensatz zum modernen Qualitätsjournalismus …

Medialer Sprachwandel

Erst sind es höchst ehrenwerte „Hedgefonds-Manager“, nach ihrer Verhaftung verwandeln sie sich in „Top-Spekulanten“. Es sind aber immer noch die gleichen Leute …

Großes Daumenkino

Den Titel des kreativen Metaphernklempners errang in dieser Woche ein Häuptling der niedersächsischen Wegschmelz-Partei, als dort im Landtag über die ‚Causa Wulff‘ debattiert wurde. Dort trug ein gewisser Christian Dürr, FDP-Fraktionschef ausweislich der Titelei bei ‚Phönix‘, in die dahinplätschernde Debatte höchst windschiefe Bildlichkeit hinein:

„Ihr moralischer Zeigefinger ist ganz großes Kino.“

Jawollja – wenn dem Zuschauer gar kein Bild mehr vor Augen tritt, weiß der am ehesten noch, was vermutlich gemeint wäre. Denn ewiglich versuchen diese oppositionellen Dreckschleudern doch nur, mit gerecktem Langfinger den argumentativen Bodensatz von ihrem trüben Lügengebräu zu schöpfen, um daraus politischen Honig zu saugen, während der doch bloß auf sie selbst zurückfällt! So ähnlich jedenfalls …

Jesuit der Woche

Angesichts der Mordserie der rechtsextremen Zwickauer Zelle hat der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl (CSU) die Bedeutung der Ausländerpolitik betont. «Eine gute und vernünftige Einwanderungspolitik muss zum Ziel haben, dass keine Kampfgruppen am rechten Rand entstehen», sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion in der Münchner Jesuiten-Hochschule. Der soziale Frieden dürfe nicht gefährdet werden, warnte Uhl. Es nütze nichts, wenn man die ganze Welt umarme, dabei aber die eigenen Bürger aus den Augen verliere.

Jaja – die Jesuitenhochschule, da gehören solche Auslassungen natürlicherweise hin! Man muss die Logik dieses Uhl, aus dem sicherlich keine politische Nachtigall und kein Einstein mehr wird, nur mal anders wenden: Würden wir gar keine Ausländer und kein Asylantengesocks mehr in unsere schöne und saubere Republik hineinlassen, dann hätten wir auch kein Problem mit den metzelnden Neonazis, die bekanntlich als ‚überforderte Bürger‘ direktemang aus dieser Ausländerschwemme heraus ihre Schusswaffen zu erheben pflegen.

Wo die Frau Merkel immer wieder diese schlicht gestrickten Geistesriesen hernimmt, bleibt mir ein Rätsel … auch, wie es uns ein Uhl beispielsweise erklären wollte, dass es nachweislich immer dort die meisten Neonazis gibt, wo die Migranten am dünnsten gesät sind. Dass er also mit einer ‚Begrenzung der Ausländerzahlen‘ am effektivsten den ’sozialen Frieden‘ stört, um so besonders viele meuchelnde Neonazis zu zeugen. Was wiederum, das kann auch ein Jesuit nicht bestreiten, fundamental gegen das fünfte Gebot verstoßen würde … es sei denn, man wollte augenzwinkernd folgendermaßen argumentieren: „Wären die von den Neonazi-Terroristen ermordeten Opfer nicht nach Deutschland gekommen, wären sie heute am Leben.“ Dann wären sie nämlich selber schuld … das gliche einer erfolgreichen Schuldumkehr auf katholischem Terrain. Oder blankem Jesuitismus: „Uhl dreht die Kausalität herum und signalisiert so indirekt Verständnis für rechtsradikale Straftäter, die sich nicht anders zu helfen wissen, als Menschen, die nicht ihrem Bild vom guten Deutschen entsprechen, einfach totzuschlagen.

Anmerkung: Fefe äußert noch gewisse Zweifel an der Seriosität der Quelle, wobei mir nicht recht klar wird, ob er damit eines der genannten Blogs oder die Katholische Nachrichtenagentur meint. Bei dem Basso ostinato von Uhls kommunikativer Vorgeschichte – (u.a. „Unions-Innenexperte Hans-Peter Uhl hatte sich bis zuletzt gegen einen Bundestagsausschuss zur Aufklärung der Morde gestellt“) – bin ich jedoch geneigt, diese Zitate als ‚authentisch‘ einzuordnen, selbst dann, wenn sie natürlich ‚unmöglich‘ sind. Warten wir’s ab, der innenpolitische Sprecher einer Regierungsfraktion kommt mit so etwas nicht klammheimlich davon …

Nachtrag: Mit seinem Dementi bestätigt Dr. Uhl jetzt die gefallenen Äußerungen. Er bestreitet nur, dass man aus ihnen ein Schlimmdösbaddeltum herauslesen könne. Andererseits – das sei ihm gesagt – ist der Teufel nun mal ein Logiker, „mutwillige Fehlinterpretationen“ unterlaufen ihm nur selten. Auch das sollte er als Jesuit doch wissen …

Mien Dschang, du übersiehst was!

Natürlich hast du recht, wenn du die Journalisten durch den Kakao ziehst, die sich jetzt über die ‚Spießbürgerlichkeit‘ von Krischan Wulffs Klinkerhäuschen lustig machen:

„Das Stichwort hier ist Piefigkeit, dabei ist die soziodemografische Wahrheit, dass die überwiegende Zahl der Deutschen nicht auf naturgewachsten Altbaudielen in verkehrsberuhigter Innenstadtlage lebt, selbst wenn manche Medien in Deutschland oft so tun (und in zunehmendem Maße auch die Volksvertreter in den Parteien). Die Mehrheit wohnt wie die Wulffs, in einem Reihenhaus in Randlage, mit Buchsbaum und Begonien im Garten und einem halbhohen Zaun, der das Grundstück von Straße und Nachbarn trennt.“

Die meisten Journalisten, die jetzt über Krischan und Bettinas Liebesnest sich ’nen Ast högen und uns ihre angelesenen geschmacklichen Verdammungsurteile in die Tastatur rattern, die wohnen eben auch nicht wie der Fritz J. Raddatz in Eppendorf an der Isestraße, sondern mit etwas Glück ähnlich wie der Bundespräsident – zumeist aber mit noch weniger ‚Schick‘. Zu erklären wäre also, weshalb diese Journalisten ihren eigenen Geschmack niederknüppeln, sobald ihn ein Bundespräsident praktiziert. Ist’s ein überkompensierter Minderwertigkeitskomplex? Heimliche Sehnsucht nach einem repräsentativen Funktionärsadel – statt des allgegenwärtigen Pofallatums?

Jedenfalls – von den mageren Löhnen in Deutschlands Elite-Redaktionen bringt’s kaum jemand zu einer Altbauetage auf dem Prenzlauer Berg. Und die wenigen, die soweit kommen, sind ganz und gar kein Maßstab, allenfalls wirken sie als Fata Morgana für Volontäre. Kurzum, Jan Fleischhauer, deine mediale Geldelite aus toscana-verwöhnten Linksintellektuellen, die dir wieder mal wieder durchs Kleinhirn spukt und deine Restvernunft verwirrt, die ist auch nur so’n reihenhäuslerisches Vorurteil ohne jedes Echtholz-Parkett …

Die FDP fremdelt

Wenn das so weitergeht, dann kann das … den Sieg bei der Landtagswahl kosten … Egal wo wir mit den Bürgern diskutieren – es geht um Sitte, Anstand und Moral“, sagte Kubicki.

Wir schließen daraus messerscharf: Der organisierte Liberalismus kennt semantische Wiesen und Felder, wo ihm das Gras einfach nicht schmecken will. Und kaum denken einige an „Ethik“, sind wieder tausend liberale Wählerstimmen futsch …

Mit Anstand und Würde?

Der Bundestagspräsident wäre gut beraten, mit Anstand und Würde den Hut zu nehmen und das Schloss Bellevue zu verlassen“, sagte [der Bundestagsabgeordnete] Wellmann [CDU].“ Mal abgesehen davon, dass der ‚Bundestagspräsident‘ nicht in diesem Schloss residiert – unser naseweiser Antizipator sollte von Menschen, die schon gebeutelt genug sind, keine Dinge verlangen, die faktisch seit Tagen nicht mehr möglich sind: Der Mann wird das Schloss Bellevue mit einem lebenslangen Ehrensold verlassen, aber unter keinen denkbaren Umständen mit Anstand und Würde. Hüte trägt er auch nicht …

Alles nur relativ!

Klar – entschuldigen lässt sich sprachlich vieles, auch gewaltsam, wie hier durch Thomas Fricke von der FTD. Wie’s dann rüberkommt, ob skurril oder staatsmännisch, das wiederum ist eine andere Frage:

„Um eins vorwegzunehmen: Dieser Bundespräsident ist eine ziemliche Null. Was er gemacht hat, ist blöd. Klar, auch die Salamitaktik. Und viel Schlaues hat er auch nicht gesagt, erst recht nicht zur Krise. Ein Ausfall. Trotzdem …“

Dieses „trotzdem“, das wie eine Narrenschelle am Text baumelt, hat einfach Klasse. Was mache das schon, wenn unser Staatsoberhaupt eine blöde Null und ein Totalausfall sei, argumentiert hier unser Krawallrelativierer. Der Schreiber macht zunächst dem desolaten öffentlichen Bild von Krischan, dem Leitwulff, Konzessionen bis zur Unterkante Oberlippe, um mittenmang plötzlich mit Blaulicht und quietschenden Reifen eine argumentative Schleuderkehre zu vollführen – nach diesem Muster:

„Nero war ein Sadist und Quartalsirrer – klar! Er massakrierte seine Familie, schrieb schlechte Gedichte, verachtete die Menschen und fackelte im Wahn die ganze Stadt Rom ab. Trotzdem …“

Wer will, darf das Muster gern mal mit Dieter Bohlen, Jossip Stalin, Dschingis Khan, Lothar Matthäus oder Hans-Olaf Henkel erproben …

Köppels kleine Welt

Der Kampfjournalismus der «Weltwoche» schafft dabei eine radikale Reduktion von Komplexität, indem konsequent personalisierte Feinde als charakterlich defizitäre Verschwörer, Versager oder Gauner beschrieben werden. Positive Resonanz erhalten nur diejenigen, die die Welt ebenso strikt aufteilen, negative Resonanz all jene, die dies nicht tun. Diese Aufteilung basiert auf einem einfachen Spannungskreuz: unten (das Volk) versus oben (die Elite, die «classe politique») sowie zugehörig versus fremd. Wie die Fremden gehören auch die Eliten nicht zum Volk, das per se das Gute verkörpert.“

Kurzum – eine Ideologie so schlicht wie ein Schweizerkreuz …

Vergleichsweise

Wer an deregulierte Märkte glaubt, der glaubt auch daran, dass der Straßenverkehr ohne Verkehrszeichen besser funktionieren würde.

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