Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2011 (Seite 2 von 2)

Uff, Poschardt!

Dass dir der unaufhaltsame Untergang deiner Leib-und-Magen-Partei die Petersilie verhagelt, kann ich gut verstehen. Es ist sicherlich schmerzhaft, seine kleinen Lieblinge in der Rolle zu sehen, in der sich einst die verhassten 68er bewegten, Rösler & Co. müssen jetzt die Unterwanderstiefel schnüren, weil sie künftig politisch „nur noch als APO“ vorkommen werden. So weit, so verdient …

Ferner gestehe ich dir zu, dass man mit dem ideologischen Überbau des Neoliberalismus, also mit dem postmodernen Anything-Goes, lange Zeit die wildesten Behauptungen aufstellen konnte und ungeschoren davonkam. Aber sag mal selbst, glaubst du wirklich an dein Märchen vom Etatismus:

„Das Straucheln der Liberalen findet in einem politischen Klima statt, in dem die Gesellschaft nach links gerückt ist und eine liberale Partei die sozialdemokratische Gemütlichkeit im Rest des Parteienspektrums stört. Weil die Liberalen es stets ernst meinten mit ihrem Widerstand gegen einen zunehmend allmächtiger werdenden Staat und der damit einhergehenden Entmündigung der Bürger, bedrohten sie den paternalistischen Konsens.“

Jaja, diese angebliche ‚Konsenssoße‘, die durch alle Gänge schwappt – faktisch wird diese Gesellschaft nach wie vor ‚von rechts‘ regiert, und zwar in rechtem Sinne, und auch von der Resterampe deiner FDP. In meiner Gutmütigkeit nehme ich deshalb an, du bist schlicht zu intelligent, um an diesen Blödsinn deiner eigenen Thesen zu glauben. Hier hast du folglich dem Publikum deines qualitätsjournalistischen Massenblattes nur einen Popanz gebastelt, der auf Pawlow’schen Mechanismen beruht, eine Hexe für die Hexengläubigen. Gelle?

Denn in dieser Zeit, wo die Märkte die Staatschefs und Parlamente zu Paaren und nach Belieben vor sich her treiben, wo völlig unregulierte Marktbeziehungen die Welt ins Kasino und in die ökonomische Katastrophe schicken, wo das Kohlendioxid den grassierenden Zynismus der Verantwortlichen (die keine mehr sind) atmosphärisch wärmt und befeuert, während derweilen eine klitzekleine Kaste aus ‚Happy Few‘ reicher und reicher wird, während sie längst nicht mehr weiß, warum und wozu – da kommst du mit diesem schieren Schandudel von einem real existierenden Etatismus daher und phantasierst dir einen stetig ‚allmächtiger werdenden Staat‘ zusammen? Nee, nee, nee, Ulf Poschardt, ich kann nicht glauben, dass du wirklich glaubst, was du uns glauben zu machen glaubst!

Die Ahnungslosen

Zeige mir die Bilder, die du gebrauchst, und ich sehe die Welt, in der du lebst. Da wählt sich die Kommission für Jugendmedienschutz also einen neuen Vorsitzenden, Schneiders Siegfried nämlich, der jetzt als Drachentöter gegen den Medienwandel zu Felde ziehen soll:

„Kinder und Jugendliche sollen von den Chancen der neuen Medien profitieren können. Deshalb brauchen wir – allem voran für den Abenteuerspielplatz Internet – wirksame Schutzmechanismen und Regeln, an die sich Anbieter halten müssen.“

Wem es gelingt, als erste Amtshandlung einen fundamentalen Medienwandlungsprozess zu einem ‚Abenteuerspielplatz‘ umzudeklarieren, der sieht sicherlich auch an der Wall Street nur ‚die lustigen Strolche‘ am Werk.

Diesem Schneider sei Folgendes gesagt: Vor seinen toitschen „Schutzmechanismen“ wird bspw. ein Unterleibskonzern wie youporn ganz gewisslich erzittern, daraufhin demutsvoll das Kreuz der Moral küssen, und nur noch züchtig bekleidete Maiden ins Netz hinein stellen. Anders und für Schneiderlinge klartextlicher ausgedrückt: Die jugendpolitische Aufgabe besteht künftig nicht länger darin, den Kinderchen die Hände vor die Augen zu schlagen, sobald etwas Pornografisches in ihr Blickfeld kommt, sondern sie schon von Kindheit an einen rationalen Umgang mit einer virtuellen Welt gefüllt auch mit frei verfügbarer Pornografie zu lehren. Die Geschichte von den Blümchen und dem Schmetterling wird da nicht mehr genügen. Auch auf einem solchen Gebiet erzwingt ein fundamentaler Medienwandel einen Wechsel von Paradigmen. Ich weiß, ich weiß, der Herr Pfarrer dort bei Ihnen im niederbayrischen Hintergschissingen hört das nicht gern …

via: netzpolitik.org

Malte mal wieder!

Die personifizierte Wirrsal erklärt uns im ‚Tagesspiegel‘ die Welt. Als ‚Plat du Jour‘ empfiehlt uns der Chefkoch dort diesmal einen gut abgehangenen Lügenbaron in brauner Soße:

„Im Fall Guttenberg muss man den antifaschistischen Reflex erklären.“

Genau – ein „Hä?“ schoss mir auch zunächst durch den Kopf. Dann aber schwadroniert unser Lehming sich zunehmend frei – er fantasiert von der deutschen Sehnsucht nach dem starken Mann, die dieser Deutsche zugleich aber ewiglich bekämpfen müsse, weshalb Charismatiker – auch die Guten wie Gutti – seit Adoof dem Doofen nichts mehr werden dürften in diesem Land. Eine geradezu ‚antifaschistische Angst‘ habe das Volk vor dem fränkischen Ölprinzen, weshalb Führungspositionen für den falschen Doktor mit dem echten ‚Kairos‘ im Wortschatz zunehmend rar gesät seien, obwohl das Volk selbst ihn ja eigentlich wolle, was es aber gar nicht wisse. Oder so – oder so ähnlich. So wirr jedenfalls geht’s zumeist zu, wenn Deutschlands Chefkolumnisten zum Verkünden auf ihre Säulen krabbeln. Und Lehming ist ihr Chef, ein Meisterkraxler …

Mal im Ernst, Malte Lehming: Ich habe noch keinen getroffen, der ‚Angst‘ vor dem Großen Plagiator gehabt hätte. Die Reaktion auf seine erneuten und verfrühten Kapriolen war Kopfschütteln, Gelächter und blanker Spott. Einen Adolf II. aber hat noch niemand in dem Gucci-Männchen gesehen.

Journalisten in der Balz

Einstmals stand die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ für Qualität im Journalismus, heute muss sich der Leser zunehmend durch sinnfreie Beilagen schlagen, die anzeigenförderliche Titel tragen wie „Z – die schönen Seiten“. Anonyme Schreiber erfreuen uns dort vom Olymp des Wolkig-Flockigen herab mit Sätzen wie diesen:

„Die mythenumwobene «Crème de la Mer» sorgt für ein zartes, leuchtendes Hautbild.“

Vermutlich strahlen die Anwender prompt wie Zombies in der Neumondsnacht. Weshalb mir aber der Mythos von der ‚Creme des Meeres‘ völlig unbekannt ist, wo doch das Mythische synonym zum ‚kollektiv Unbewussten‘ zu setzen wäre, zeigt mir nur meine ignorante Devianz zum Alltagswissen. Vielleicht meint Dero beduselte Schreibseligkeit ja auch das Nordseewatt. Bevor wir noch Antwort auf solche Fragen finden, geht’s Hals über Kopf schon weiter mit einer innigen Vereinigung von Natur und Theorie:

„Wirkstoffe aus Meeresalgen vereinen sich mit Erkenntnissen aus der Wissenschaft.“

Mein Gott – das arme Kind! Überboten wird dies synästhetisch von ‚zwinkernden Düften‘ im Folgetext:

„Kokett mit einem Augenzwinkern, so sind die Damendüfte «Lola» und «Oh, Lola!» von Marc Jacobs.“

I smelled her in a club down in Old Soho … da bleibt für mich als Resumée: Die bemühte Werbesprache solch dienstfertiger Transvestitentexte im Journalismus überfordert jede Vorstellungskraft und auch meinen Drogenbestand. Überhaupt, wie muss jemand geartet sein, um Derartiges ohne Selbstekel auf den Bildschirm zu schmaddern. Um mich der Ausdrucksweise mal anzunähern: Hier kollidiert die Macht der Vernunft aufs Schönste mit mangelnden sprachlichen Mitteln, glücklicherweise in einem völlig inhaltsleeren Raum, so dass es nur zu verbalen Blechschäden kommt …

Hinweis auf das Medium via: Zorn und Zeitung

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