Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2011 (Seite 2 von 3)

Untertreibung

Bei der Einschränkung „ist in Gefahr“ handelt es sich eindeutig um einen Euphemismus, bester Frank Schirrmacher. Ich nehme an, Sie wissen das auch. Nur dürfen Sie, wohlerzogen wie Sie sind, nicht gleich mit der Machete Muttis gutes Tischtuch zerhauen: „Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist in Gefahr, sich in Sachen Staatstrojaner um Kopf und Kragen zu reden.“

Krisenwesen printgenesen

Als Scoop formuliert, könnte ich hier des Langen und Breiten ausführen, wie die Verlage durch eine fortschreitende ‚Syndication‘ und durch das renditegeile Ausdünnen von Redaktionen und Verlagskapazitäten, aber auch durch das Dienern vor Anzeigenkunden und Lobbyisten, einen ideologischen Eintopf-Journalismus zusammengerührt haben, der in der Folge wie ein Brandbeschleuniger für jene Finanzkrise wirkte, darin sie nun alle unter erheblichen Verlusten abgefackelt werden. Ob das gerecht sei? Nun – wie sollten sie es stattdessen nennen: „Das konnte von unseren Experten ja keiner ahnen?“ Das wiederum wäre – journalistisch gesehen – eine lauthals quakende Ente. Schließlich haben sie es alle geahnt: „Amerikanische Experten beleuchten die Rolle des Wirtschaftsjournalismus.“

Doppelte Maßstäbe

Manche Sätze unserer Politiker, vor allem, wenn sie zuckersüß mit moralischem Anspruch locken, klingen nur noch seltsam und ‚queer‘, wenn sie auf einen anderen Kontext treffen – zum Beispiel auf die Vorgänge im eigenen Hometurf:

‚Dämonisierung‘ muss schon sein

Nochmals Ulf Poschardt, weil der zur Zeit an publizistischem Harndrang leidet und seine am Straßenrand frisch gedüngten Bildungskräuter und -rüben dann emsig heim in die Redaktionen trägt: Auch die deutsche ‚Millionärspartei‘ (wie jeder aus Erfahrung weiß, sind hiermit eindeutig die Grünen gemeint), die wäre jetzt dabei, ihre eigene Wählerschaft höchst nachhaltig zu vergraulen. Das zumindest gibt, fern jeder Empirie, unser ideologischer Methusalem in zeterhaft gespielter Kasperle-Empörung selbst zu glauben vor: Als Teufel, als Dämonen gar würden die Reichen angemalt, obwohl selbst unser ClPoschardt der dienstbaren Meinungspresse sicherlich weiß, dass betroffene gesellschaftliche Sechssteller in der Realität doch statt der gewohnten 42 Prozent künftig nur sieben Prozent mehr abdrücken sollen, wofern sie nicht vorher schon nach Liechtenstein entfleuchten oder sich durch ihren Steuerberater arm rechnen ließen:

„Die Dämonisierung der Wohlhabenden und Fleißigen tritt in eine neue Phase. SPD und Grüne wollen sie stärker belasten.“

Jaja, all die Dämonisierungsphasen zuvor waren ja schon schlimm genug, jene Zeiten, als die Belastungen auf breiter Front sanken und die berühmte Schere sich immer weiter öffnete. Bleibt für mich die alte Frage, weshalb unsere monosynaptisch Meinungsgewissen diese ‚Fleißigen‘ immer ausgerechnet bei jenen zu orten pflegen, die den Fleiß gar nicht mehr nötig haben. Man könnte umgekehrt doch eher sagen, bei Ulf Poschardt sei jetzt die ‚Dämonisierung‘ der Grünen in eine neue Phase getreten, während er andererseits die Piraten noch gar nicht auf dem Schirm hat. Wodurch er schon fast eine antiquiert fleischhauerische Gestalt gewinnt. Dagegen sonst so rein gar nichts …

Ergänzende Zensur

Jakob Augstein schreibt: ‚Der Satz „Gewalt ist keine Lösung“ stand in meinem Artikel nicht drin. Den haben die Kollegen in Hamburg reingeschrieben.‘

Jaja, diese redaktionellen Ergänzungen durch den leisetreterischen Kollegen Schlaumeier mit dem breitgesessenen Beamtenmors: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, [es sei denn das berechtigte Verfolgungsinteresse des Staates gebiete einen Verstoß].“

Noch mehr gequirlter Quark

Mobilisieren können heute nur schöne Menschen.“

Tscha, und der Ulf Poschardt kriegt – vermutlich ja aus dem beschriebenen Grund – mobilisierungstechnisch so rein gar nichts mehr auf die Reihe. Aber endlich wissen wir, wie Frau Merkel dank ihrer raffinierten Klamottentechnik zur Bundeskanzlerin aufstieg. Warum die Akne auch den Guido Westerwelle floppen lässt. Wie Sarrazins Triefauge den Populus frohlocken machte. Wie ein Toupet den Volker Bouffier in Hessen zum Wählermagneten wandelt. Und wie der Urban Pirol seine Hütte voll bekommt. Während die deutschen Zausels vom ‚Schwarzen Block‘ besser erstmal für lau bei Gucci shoppen gingen …

Kurzum: Die ‚Welt‘ wird für mich immer mehr zum einzig wahren Mobilisator für schlicht gestrickte Verblödungszusammenhänge in Deutschland.

Es heißt ja auch ‚Wirtschaftsteil‘

Die Medien werden zusehends zu Wasserträgern der Unternehmen.“

Vorwärts geht’s abwärts

Auch wenn das eine oder andere gedruckte Medium gern „Fakten, Fakten, Fakten!“ propagiert, bin ich mir trotzdem sicher, dass es immer einige Fakten geben wird, die dort nicht zu finden sind. Zum Beispiel die Ergebnisse der neuesten Allensbach-Studie zum Medienwandel: Unter Akademikern, so steht es da, nutzen inzwischen schon zwei Drittel das Internet als wichtigste Nachrichtenquelle, für viele ist es längst zur einzigen Quelle geworden. In der Gesamtbevölkerung hält sich das Fernsehen noch mit Ach und Krach, während gedruckte Medien chartmäßig in den Sturzflug übergegangen sind. Insgesamt hätte sich der große Medienwandel nochmals erheblich beschleunigt. Sü – und jetzt kommst du, beste Frau Unverzichtbarer-Qualitätsjournalismus!

Publizistik aus böser Sicht

Deine ‚Journalistenhasserjournalisten‘, das sei doch eine Chimäre, diese Leute hätte es nie in ernstzunehmender Anzahl gegeben, so etwas musste ich mir nach diesem Text am Telefon anhören. Allenfalls krähe mal ein Motzblogger wie Don Alphonso in seinen Blogs gegen die pöse ‚Johurnaille‘ herum. Nach meinem eher historischen Hinweis auf Karl Kraus hieß es: „Ach, Karlchen Kraus, das war doch ein Solitär, ein absoluter Einzelfall“. Ist das so? In meinen Augen sieht die Geschichte doch etwas anders aus, nicht nur bei Karl Kraus, der den „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ beschwor, also durch die Druckerschwärze der Zeitungen.

Eigentlich ging es schon bei der Gründung des Berufsstandes los: Wer jemals H. H. Houbens Kompilationen der Spitzelberichte an Metternich las, der weiß, dass nahezu der gesamte Vormärz-Journalismus bereitwillig der Zensur des ‚Policeystaates‘ als Zulieferer diente, Selbst ein Heinrich Heine entblödete sich nicht – initiiert von James Rothschild – eine Pension des französischen Staates für PR-Dienstleistungen „ganz famillionär“ einzustreichen, auch wenn er damit nicht Preußen diente, sondern einer konstitutionellen Monarchie. Von Anfang an gab es Käuflichkeit in der Publizistik, wohin man auch blickt, vielleicht mit Ausnahme von Ludwig Börne oder Karl Gutzkow, die als geborene ‚Journalistenhasserjournalisten‘ diese biegsamen Gestalten in ihren Briefen dann gehörig glossierten.

Von Schopenhauer, Johannes Scherr und auch Theodor Fontane, der selbst in einer solchen Charaktermühle lange fronte, bei der preußischen Kreuzzeitung nämlich, sind uns ergreifende Schilderungen dessen überliefert, was dem Feld-Wald-und-Wiesen-Journalisten an devoter Gelenkigkeit zu jeder Zeit abverlangt wurde. Anderswo war es übrigens nicht anders, ziehen wir die einschlägigen Texte von Balzac oder Zola heran, oder später auch die Berichte eines Mencken, eines Hunter S. Thompson oder eines David Foster Wallace aus den USA. Selbst im Film, z. B. in Billy Wilder’s ‚Extrablatt‘, ist doch nicht der berufsflüchtige Jack Lemmon die entscheidende Figur, sondern die journalistische Entourage aus seelisch gescheiterten Dutzendschreibern, die ihn dort qualmend und saufend umgibt. Kurzum – Journalismus war nie ein schöner Beruf, der Redlichkeit oder Charakterstärke im Übermaß verlangt hätte. Eher im Gegenteil.

Ausreißer gab es allerdings auch immer – nehmen wir nur Kurt Tucholsky. Wer in der Gesamtausgabe das Register im Band XXII mit einschlägigen Begriffen befragt, der findet eine Fülle von Sottisen und Interna über das korrupte Zeitungswesen. Der Weltbühnen-Star kannte das Geschäft, von Ullstein bis zur AIZ hatte er das gesamte Terrain beackert. Auch dort, wo es besonders schmutzig wurde, nämlich in der Provinz, kannte er sich aus. Unser größter Journalist war damit zugleich der größte Journalistenhasserjournalist deutscher Zunge. In gewisser Weise lässt sich auch sagen, dass die ‚Weltbühne‘ ein Blog war, bevor es solche gab: wenig Leser, kaum Inserate, manchmal große Wirkung.

Weiterlesen

Wieder ein neues Wort gelernt

Auf diesen neuen ‚Wortschatz‘ stieß ich in den Kommentarspalten beim Richard Gutjahr. Ich habe jenen neuen Erdenbürger also nicht selbst gezeugt, aber das Wort nahm bei mir sofort den Platz eines Synonyms ein, als Platzhalter für den gemeinen ‚Blogger‘, als stellvertretende Kurzerläuterung eines fachsprachlichen Begriffs, der netzfernen Menschen immer noch eher wenig sagt. Zugleich separiert er trennscharf Leute, die bloß bloggen, von den eigentlichen Bloggern …

Der Begriff charakterisiert also treffend jene Leute, die aus guten Gründen dem unilateralen ‚Stone-Age-Journalism‘ und seinen gesellschaftsformierenden Keilschriftmethoden ein für allemal Adios gesagt haben. Es weist zugleich darauf hin, dass man nicht zugleich Old School und New School sein kann, selbst dann, wenn man als Journalist „auch schon“ manches Mal fürs Netz schreiben musste. Zugleich arbeiten diese freischwebenden Neuen ja nicht minder professionell, eher im Gegenteil, sie haben aber die Zwänge einer alten Berufswelt hinter sich gelassen, sind aber vom gleichen Stamm, Dissidenten sozusagen – ihr Zug gleicht jener sprichwörtlichen Karawane, die das empörte Bellen der Jiffels in der Ferne verklingen lässt:

„Journalistenhasserjournalist“

Disclaimer: Ich arbeite nach wie vor für beide Welten, insofern ziehe ich selbst nicht mit der Karawane mit, für solche Gewaltmärsche bin ich auch zu alt, ich stehe nur mit offenen Augen als Beobachter am Wegesrand.

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑