Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2011 (Seite 2 von 2)

Der FDP ins Stammbuch

Nur im Fantasialand des Marketing und der Public Relations kann man die Richtung wechseln, ohne dabei die Richtung zu wechseln.

Schimmelgeruch

Wenn eine Ideologie auf die abschüssige Bahn geraten ist, dann beginnt die große Zeit der ‚Eigentlichen‘. Erstmals lernte ich deren typische Argumentation bei den versprengten K-Gruppen meiner Uni-Zeit kennen. Die verteidigten unverdrossen den Sozialismus, indem sie ihn als nicht von dieser Welt verklärten: Der Sozialismus resp. Kommunismus, sagten sie, hätte doch mit den Kukident-Riegen der Breschnjew und Andropow nichts zu tun, auch nichts mit einem millionenfachen Bauern-Mörder wie Mao Tse Tung, der ‚eigentliche‘ und wahre Kommunismus sei ganz etwas anderes, nämlich eine fortdauernde Utopie. Im Grunde sei seine Idee doch von jenen Figuren verraten worden, die sich in der Realität als Kommunisten bezeichnen.

Wenn sie sich ins Himmelreich oder ins Reich der Theorie verflüchtigt, fängt jede Ideologie an, in der Praxis stark nach Schimmel zu riechen. Ähnliches lässt sich heute beim Liberalismus beobachten. Der ‚eigentliche‘ Liberalismus hätte doch mit Finanzkapitalismus, mit FDP und Sozialdarwinismus gar nichts zu tun, der ‚eigentliche‘ Liberalismus sei ganz etwas anderes und auch nur im ideologischen Himmelreich zu finden – oder ersatzweise in der amerikanischen Tea Party, so missionieren uns bspw. derzeit die Ideologiewächter in Springers ‚Welt‘:

„Tatsächlich erliegt Schirrmacher einer in Deutschland relativ weit verbreiteten Fehlannahme, wonach Liberalismus und Wirtschaftsnähe das gleiche seien. Das ist aber nicht der Fall. … Echter Liberalismus muss sich ständig mit etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen, um wirklichen Wettbewerb zu ermöglichen. … Man kann die Wucht, mit der die Tea Party die politische Landschaft Amerikas umwälzte eigentlich nur verstehen, wenn man sie als Bewegung begreift, die gegen die Eliten des Landes auf der Moral des Liberalismus besteht, wonach nicht die Steuerzahler für die Fehler der Reichen geradezustehen haben.“

Tscha – eine elitäre Ideologie wird egalitär umgedeutet. Nur dass der real existierende Liberalismus sich in der Praxis so gar nicht mit ‚etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen‘ mag, wie es die Theorie dieser Himmelshausener fordert. Im Gegenteil – die Tea Party lässt sich mit Fug und Recht sogar als ‚milliardärsbetriebene Veranstaltung‘ kennzeichnen. Diese anti-etatistischen L-Grüppchen zeichnen sich heute durch die gleichen weltfernen Radikalisierungstendenzen aus, die wir einst bei den sektiererischen K-Gruppen beobachten konnten. Auch sie wollten lange nicht einsehen, dass ihre große Zeit vorüber ist. Wo Milton Friedman gründlich gescheitert ist, kommt heute eine Sarah Palin mit bunten Patchwork-Argumenten hinterhergeklappert, notdürftig in Sprache gehüllt. Man könnte auch von einem intellektuellem Zerfallszustand des Liberalismus sprechen …

Nachtrag: Hier noch ein erfahrungsgesättigter Bericht aus der Vorhölle des real existierenden Liberalallas – „Gemeinsam hatten sie alle den Wohlstand, der meist ererbt war und die damit verbundenen Privilegien, die nur allzu gerne demonstriert wurden.“

Anekdotisches

Als der Mario Sixtus am 1. September 2011 die Schwundstufe jenes heutigen Journalismus beklagte, der in Zeiten eines leistungslos geforderten Leistungsschutzrechtes zumeist „lieblos unredigierte Agenturmeldungen einfach rauspumpen“ würde, da antwortete ihm leicht pikiert Christoph Keese, seines Zeichens Chef-Ideologe des Springer-Verlages, indem er stolz auf all die unvermeidbaren ‚Edelfedern‘ wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Henryk M. Broder, Andrea Seibel oder Alan Posener verwies. Sehen Sie, Herr Keese, und genau auf diese verlegerische Verblendung, die Mittelmäßiges als Elite preist, nur weil es emsig und brav in die erwünschte ideologische Kerbe haut, auf die zielen der Mario Sixtus und viele andere mit ihrer Verfallsdiagnose ja ab …

Sprichwörtlich falsch

Je länger, je mehr gehen mir Sprichwörter und Redensarten auf den Senkel. Nicht deshalb, weil sie so ausgelatscht sind wie ein altes Paar Gummistiefel (und ähnlich duften), sondern vor allem deshalb, weil sie schlicht nicht wahr sind oder bloß höheren Blödsinn verkünden.

So sagte mein Nachbar, ein Bauunternehmer, er müsse jetzt weiter: „Zeit ist Geld!“. Denke ich nur kurz über diese Plattitüde nach, dann folgt das „Häh?“ dieser Wortperle unmittelbar auf dem Fuß: ‚Zeit ist Geld‘ ist schlicht sinnloses Gebrabbel, ebensogut könnte ich formulieren: Sprache ist Moral, Müll ist Medizin, Frauen sind Frohsinn, Wodka ist Weisheit usw. Wäre nämlich Zeit Geld, dann müsste derjenige, der über viel Zeit verfügt wie bspw. ein Langzeitarbeitsloser, stets besonders viel Bares auf dem Konto haben. Während der Manager mit dem überbordenden Terminkalender am Hungertuch nagt. So aber hat Gott die Welt bekanntlich nicht geschaffen …

„Der Klügere gibt nach“, sagte ein sanftmütig gestimmter Freund von mir gern. Er hasste Konflikte, ließ Unfähigere um des lieben Friedens willen passieren und gab seiner Frau immer recht, nur um seine Ruhe zu haben. Heute ist er geschieden, seine Ex lässt sich längst von einem ‚richtigen Kerl‘ durch den Haushalt und die Betten scheuchen, auch aus seiner Firma flog mein Freund als erster raus, der Rest des Intrigantenstadls folgte erst ein Jahr später, und wenn einst Gevatter Tod an seinem Bett steht und sagt ‚Komm!‘, dann gibt er als Klügerer vermutlich wieder nach. Lebensuntauglichkeit putzt sich hier als sprichwörtliche Klugheit auf …

„Der Glaube kann Berge versetzen“ sagte eine Sozialpädagogin aus meiner Bekanntschaft gern. Rings um sie her starben ihre Freunde und Bekannten wie die Fliegen, sie aber klammerte sich an ihr Placebo-Sprüchlein wie einst die Zeugen Jehovas auf unserem Dorf, die auch alle Jahre wieder aus ihrem Himmelreichssaal auf irgendeinen Hügel zogen, um als wahrhaft Gebenedeite den Weltuntergang zu erwarten. Am nächsten Tag kehrten sie regelmäßig bedröppelt zurück. Kurzum – in der Realität versetzt selbst der Glaube nichts.

Sprichwörter sind in der Regel also nicht wahr – auch den Satz, dass Hunde, die bellen, nicht beißen, könnte ich am Beispiel des Köters zwei Höfe weiter problemlos falsifizieren. Sprichwörter, diese Sinngebungen des Sinnlosen, wirken zumeist deshalb überzeugend, weil sie in rhythmisch gebundener Form uns Trost in jeder Lebenslage zu spenden vermögen, und zwar in maximaler Distanz zum Intellekt und zur Alltagserfahrung. Es handelt sich um Restbestände magischen Denkens …

Wenn die Ideologie verrutscht …

In Zeiten des Paradigmenwechsels wirken die Ansichten der vergangenen Saison zunehmend komisch oder verquer, das führte ich vor einigen Tagen hier bereits aus. Im Falle von Andrea Seibel, der wahrhaft welt-bewegenden taz-Renegattin (schreibt man das so?), hat Michalis Pantelouris mir die Arbeit der Dekonstruktion ihres Untauglichen dankenswerterweise abgenommen, so dass ich hier nur noch auf diesen Text des Hamburger Journalisten verweisen muss. Kurzum: Alles, was 2001 noch nach Harvard und der Weisheit letztem Schluss geklungen hätte, klingt heute nach höherem Wirrsinn von Altliberalen mit Laberzwang, wo selbst die hartgesottensten Psychiater über kurz oder lang hilfesuchend mit den Augen rollen …

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