Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2011 (Seite 1 von 2)

Perlen des Parlando

Um in Deutschland auskömmlich seinen Lebensunterhalt als ebenso TV-kompatibler wie unvermeidlicher Öchsperte zu bestreiten, genügen ein paar Sprachperlen dieser Güteklasse, hier dargebracht vom Kapitän Ahab des Finanzgewerbes, dem Jäger des kapitalen Wals: „Das Geld wächst nicht auf Bäumen“. Ja, das hätte ich allerdings auch nicht gedacht … recht betrachtet, wächst es gar nicht.

Das Geld fällt doch bekanntlich vom Himmel (Deutsche Post 1959, amtl. Werk, gemeinfrei)

Intellektual-Muckefuck

Was waren die beherrschenden Themen der letzen Woche? Klar, Papstbesuch und Eurokrise. Prompt funzelt unserem Schreiber dann noch verblasstes Studentenwissen über Max Webers innerweltliche Askese durchs strapazierte Denkgeschwür, und dass es – oho!, aha! – dem protestantischen Finnland ja heute erheblich besser ginge als dem Bunga-Bunga-Italien des Messknaben Berlusconi – fertig ist der große Meinungsartikel für Deutschlands Leitmedium, ein echter Fleischhauer mal wieder.

Dabei erwiese sich dessen Pose als Max Weber 2.0 schon an der Stelle als lächerlich, wo er uns erklären müsste, weshalb das bajuwarische Jesuitenbabel faktisch so viel besser dasteht als der dröge Calvinistenstall zu Bremen. Ganz abgesehen davon, dass heute in den wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen der Welt gar keine bilderstürmenden Zwingli-Jünger wohnen, sondern kuhheiligende Hindus und weltweise Konfuzibussis … anders ausgedrückt: Fleischhauers Welt säuft regelmäßig ab wie ein Bügeleisen im Hafenbecken, sobald man über seine Prämissen nachzudenken beginnt. Was viele der Kommentatoren dort nachweislich nicht tun …

Dunekake

So heißt hier im norddeutschen Raum, was selbiger dort im ‚Tagesanzeiger‘ sprachlich verbrach – und das Wort verweist exakt auf das, was Sie jetzt denken. Beflügelt vom erotischen Flair halbnackig dargebotener Jungfern und anderer Misfits sah hier ein Tessiner Jungspund antike Göttinnen im Techno-Takt über Almen schreiten. Linus Schöpfer gar heißt dieser Dichter – wobei ich mir den fälligen Namenswitz verkneife und nur still auf seinen Vorgänger, den großen ‚Balduin Bählamm‘, verweise:

Die 2o-jährige Berner Handelsschülerin Alina Buchschacher ist die neue Miss Schweiz. Ihr Weg zum Titel war voller Abenteuer – eine Tragikomödie griechischen Ausmasses.

Stilistisch scheitelt er daraufhin herbeigefaselte Parallelspuren zur Antike mit der Flex des wahrhaften Worthandwerkers durch die ausgetretene Landschaft der publizistisch sonst eher gebräuchlichen Wettbewerbsmetaphorik. Ob allerdings ein schöpferisches ‚So-Quasi‘ in Zeiten der Troika und der Rettungsschirme noch als Lob in die Wertung einfließen kann, wage ich zu bezweifeln – und zwar mit Fug: „Das Tessin ist ja so quasi das Griechenland der Schweiz.“

Lustiges Headline-Klempnern

Sieg der Piraten ist in Wahrheit ein Sieg der FDP.“

Warum Ihre Miezekatze in Wahrheit ein Mäuschen ist.

Das Essen, das eher ein Trinken war.

Ihre Frau liebt Sie nicht, sie ist nur schwul.

Auch die Hölle ist ein Zeichen der himmlischen Liebe.

In Wirklichkeit ist der Fisch der Vogel des Meeres.

Islamhasser lesen den Koran nur verkehrt herum.

Das Blau des Sommerhimmels ist eigentlich ein Grün.

Wenn es Gott nicht gäbe, weshalb stünde er dann in der Bibel?

Eigentlich gewann Hitler den Zweiten Weltkrieg.

In Wahrheit bringt uns die Sprache der Wahrheit kein Stück näher.

Schwer beleidigt!

Dem Welterklärbären vom ‚Tagespiegel‘ hat’s die Petersilie verhagelt. Prompt entdeckt Malte Lehming für die Meinungsspalten der Qualitätspresse den Rant, eine doch eher piratentypische Stilform aus dem Internet:

„Das Kennzeichen dieser Wahl war die Lust an der Realitätsflucht. Was Alfred Polgar einmal das „schlichte Rülpsen des Gehirns“ genannt hat, … wird langsam zur Grundstimmung in der Stadt.“

Langsames Rülpsen allerdings wäre schon eine Kunst für sich – den virtuosen Beweis dafür tritt Malte Lehming im Folgenden an, als unfreiwilligster Humorist unter Deutschlands Kolumnisten: Statt dass diese unreifen Jünglinge, die jetzt das Berliner Parlament zu kapern wagten, sich für die übliche Agenda der Vernunft und der politischen Sachkunde einsetzen, also für Hoteliersentlastungen, Privatisierung der Lebensrisiken, Pharma-Lobbyismus oder ‚geordnete‘ Griecheninsolvenzen, da postulieren diese selbsternannten Likedeeler doch glatt „ein existenzsicherndes Grundeinkommen, ein striktes Nachtflugverbot, ein Unterrichtsfach Rauschkunde, die kostenlose Nutzung von Bus, U- und S-Bahn und ein kostenloses Freifunknetz“. Ja, so etwas haut auch einem hartgesottenen Kolumnisten glatt die Dauben vom Restverstand!

Für mein bürgerliches Näschen riecht der leicht angetrocknete Bullshit von rechts zumindest ähnlich bescheuert oder vernünftig wie der Bullshit von links, überdies hätte letzterer noch das Argument der Frische für sich. Und nur, weil in Lehmings eindeutig favorisierter 1,9-Prozent-Partei die aufs lilliputale Normalmaß geschrumpften Granden von solchen Dingen noch nie etwas gehört haben, müssen derartige Forderungen ja noch nicht falsch sein. Was bspw. den Umgang mit Drogen betrifft, befinden sich die Piraten sogar stramm auf WHO-Linie. Und immerhin, das werden sogar in der Wolle gefärbte Hayek-Jünger zugeben müssen, bringen solche Positionen doch mehr Farbe ins Geschehen als das monotone Polit-Gebrabbel von der Alternativlosigkeit geplanter Schrecken, so wie es aus den modrigen Thinktanks der Altparteien uns ohrwurmartig und bis zum Überdruss entgegenschallt.

Unser Malte aber bleibt konsequent eindimensional, fassungslos flüchtet er abschließend in das Genre der Wählerbeschimpfung – nur Trottel würden Trottel wählen (siehe zum Exempel das Beispiel der erfolgreichen FDP im Jahr 2009, wo ja auch niemand gedacht hätte, dass ein solcher Dilettantenstadl daraus resultieren könnte). Vernunft ist bekanntlich immer das, was sich der eigene Kopf zusammenfaselt – und wenn der Wähler dem Lockruf des Bewährten nicht folgt, dann schallt ihm vom Dreifuß des ‚Tagesspiegel‘ blankes Keifen entgegen:

„Der Erfolg der Piraten stellt den Berlinern ein Unreifezeugnis aus. Versetzung gefährdet. Und mindestens ebenso peinlich ist die verständnisinnige Beflissenheit, mit der der Quatsch schöngeredet wird.“

Tscha, was hieße das denn konkret, wenn die Versetzung der Berliner gefährdet wäre? Nachsitzen und nachwählen, bis das Ergebnis dem Herrn vom ‚Tagesspiegel‘ endlich genehm ist? Gelegentlich will’s mir vorkommen, als brächten unserem Malte manchmal Anwandlungen aus autoritäreren Zeiten den Hormonhaushalt durcheinander.

Nachtrag: Ähnlich logikkonträr wie der Mann vom Tagesspiegel argumentiert übrigens sein kongenialer Bruder im Geiste, der Jan Fleischhauer, der eine Partei, die gerade 4,5 % an Wählerstimmen hinzugewann, folgendermaßen betitelt: „Die Revolution frisst die Grünen.“ Ja – zu diesen Konditionen würde vermutlich jede Partei gern ein wenig weiter unten in der Fleischhauerschen Nahrungskette stehen …

Endlich!

Endlich wieder Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens – die Kandidaten der Berliner FDP sind über ihr Abschneiden bei der Wahl grenzenlos erleichtert. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich mir vier Jahre lang auf öden Ausschuss-Sitzungen den Hintern hätte platt sitzen müssen“, frohlockt einer von ihnen, während seine strahlende Partnerin ihm die Gelfrisur verwuschelt. So kommt es, dass der Jubel und das Jauchzen auf der Wahlparty der Partei gar kein Ende nehmen wollen. „Rösler, wir danken dir!“, singt der Chor der Enthemmten noch zu später Stunde …

Die Schülerlotsen

Auf den Weg gebracht!“ – kaum eine Plattitüde duftet so streng nach Parlament und Ausschusswesen, wie diese rundgeschliffene Perle des politischen Sprachgebrauchs: „Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen auf den Weg gebracht.“

Heute ist es nicht länger Hauptaufgabe der Politik, etwas zu erreichen oder ein Projekt bis ins Ziel zu bringen. Es genügt, ihm den richtigen Weg zu weisen, dann vielleicht noch ein kleiner Schubs, und schon muss das politische Baby auf eigenen Füßen gehen. Einer weiteren Bemutterung durch die Politik bedarf es nicht:

„Gut zwei Monate sind vergangen, seitdem der Bundesrat das Gesetzespaket zur Energiewende auf den Weg gebracht hat.“

Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich regelhaft die Schwachstelle dieser Stanze, ihre immanente Fragwürdigkeit: Denn warum hören wir in der Folge so rein gar nichts mehr von dem, was von solchen ‚Entscheidern‘ einst auf den Weg gebracht wurde? Wie lang ist überhaupt dieser Weg? Ist ihn schon jemals jemand zu Ende gegangen? Und was wird am Ende vom Selbstläufer noch übrig sein?

Fragen über Fragen – die dann, diesem Sprachgebrauch zufolge, allesamt nicht mehr Aufgabe der Politik sind. Denn sobald eine Initiative ‚auf den Weg gebracht‘ wurde, endet der politische Sektor. Obwohl die Leichen derer, die von der Politik auf den Weg gebracht wurden, zu Tausenden den Straßenrand säumen …

Eins, zwei, alle!

Niemand käme wohl auf die Idee, aus Breiviks Tat abzuleiten, dass „alle Norweger islamophobe Amokläufer“ seien. Im medialen Raum fallen Verallgemeinerungen allemal leichter: Wenn ein notorischer Irrläufer für eine linke Sektiererpostille ein wildes Potpourrie zusammenschreibt, macht der Henryk M. Broder daraus prompt einen exemplarischen Fall „der deutschen Intellektuellen“. Schon stimmt das Feindbild wieder, der einzig aufrecht Denkende weit und breit fordert die verkommene Intelligentsia aus Feuilleton, Funk und Fernsehen wieder mal in die Schranken.

Wiglaf Droste, der uns diese Entengrütze anrührte, ist eigentlich vom gleichen Schlag wie der Broder – das personifizierte Dissidententum, für eine gute Metapher die eigene Schwiegermutter dolchend, allzeit nach dem Motto lebend „Viel Feind, viel Ehr“. Und zudem war es die einzig denkbare (Op-)Position im allgegenwärtigen Nine-Eleven-Gejodel des medialen Mainstreams, daran zu erinnern, dass an jenem elften September eben nicht die ganze Welt in Trauer und Entsetzen versank, sondern dass in weiten Teilen der südamerikanischen und arabischen Welt ‚Dancing in the Street‘ angesagt war. So ist es halt gewesen … selbst wenn dieses Faktum heute in einer ehemaligen FDJ-Postille steht, die in der Presselandschaft die Pole Position behauptet, was praktizierten Steinzeit-Dogmatismus betrifft.

Drostes Text gipfelt schlussendlich in einer höchst dämlichen Conclusio, die schon deshalb einfach nur bescheuert ist, weil solche Art von ‚Architekturkritik‘ seit Guernica und dem Hamburger Feuersturm zahllose Vorläufer hatte. Seine Sätze stimmen schlicht nicht, er wollte einen Witz machen – und er ist auf der Fresse gelandet:

„Der Einsturz zweier häßlicher und sehr verzichtbarer Türme hat nur nationalfolkloristische Bedeutung. Für mich wird der 11. September 2001 bleiben als die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik.“

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Wie man’s auch macht …

Kaum übt sich ein Politiker mal in webgemäßen Stilformen wie Rant und Pigchat, schon ist es der versammelten Gemeinde auch wieder nicht recht:

„Da platzte Edathy offenbar der Kragen und er polterte los: „Dann können Sie gerne Folgendes hinzufügen: ‚Sie können mich mal.'“ Sein Gegenüber fragte nach. „Ist das Ihr Ernst?“ Edathy legte nochmal nach: „Kreuzweise!“

Fightin‘ the Obvious

Bestreiten, was niemand je behauptete – das zählen erfolgreiche Populisten zu ihren vielversprechenderen Strategien. Den meisten Menschen ist es bspw. unmittelbar klar, dass die moralisierenden Grünen nicht zu den Egomanen, zu den Soziopathen und zu den Narzissen zu zählen sind, zu jenen also, die sich selbst gern als ‚Liberale‘ bezeichnen, weil sie sich auf ihrem Karrierepfad einen Dreck um die Gesellschaft kümmern. Alexander Grau verkündet uns das im Cicero als Sensation:

„Liberale gehen davon aus, dass der Mensch frei ist, autonom und selbstbestimmt. Er hat das Recht, sein Leben gegebenenfalls egoistisch, verantwortungslos und alles andere als nachhaltig zu führen. … Politik darf aus liberaler Sicht nicht den Versuch darstellen, einen Lebensstil durchzusetzen und sei er noch so umweltschonend, tolerant, multikulturell, kinderfreundlich und am Gemeinwohl orientiert.“

Und deswegen, weil Grüne eben nicht so lebten wie die immobilienmakelnde Kokainschwuchtel mit SUV und FDP-Bapper vor der Tür, deswegen seien – tätä! – die Grünen auch nicht ‚liberal‘. Dolle These, niemand hätte je gedacht, dass dies der Fall sein könnte. Im ‚Cicero‘ aber wird aus einer Null-News ein Zwei-Seiten-Bericht.

Faktisch war es doch seit jeher so: Die Grünen setzten die bürgerliche Elternpädagogik auf nachhaltiger Ebene fort, nur dass es nicht mehr hieß „Hast du dir die Hände gewaschen?“, „Hast du die Hausaufgaben gemacht?“, sondern „Hast du den Müll getrennt?“ und „Hast du Fair-Trade-Kaffee gekauft?“. Kurzum – jeder bürgerliche Sprössling fühlte sich schon zu meiner Sturm-und-Drang-Zeit bei den Grünen gleich wieder wie zu Hause.

Gefährlich wäre – Alexander Grau zufolge – dieser zutiefst bürgerliche Lebensstil, wie ihn die Grünen propagieren, deshalb, weil sich unter seiner Ägide die Menschen nicht länger ‚wie die Wildsau‘ verhalten dürften. Grau sieht diese Beschränkungen, die nebenbei auch ursächlich für das Strafgesetzbuch und andere Einrichtungen sind, als unzulässige Beschneidung einer grenzenlosen Freiheit durch korporative Regeln. Im Grunde – dies der Kern seiner Argumentation – will er uns den Anarchismus als Liberalismus verkaufen:

„Liberalismus wird vom grünkonservativen Mainstream so lang toleriert, wie er für Bürgerrechte kämpft, gegen Diskriminierung oder gegen den Überwachungsstaat. Schwierig wird es jedoch, wenn Liberale sich konsequenterweise auch für das individuelle Recht einsetzen, nicht nachhaltig zu sein, nicht sozial, nicht verantwortungsvoll oder auch nur nicht emanzipiert.“

Liberalismus wäre demnach das Recht jedes Einwohners, so doof, asozial und verantwortungslos zu sein, wie er will. Und mit dieser zutiefst antibürgerlichen Einstellung wundert sich Grau, dass die FDP abkackt?

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