Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2011 (Seite 2 von 2)

Unser Malte wieder!

Der Argumentenkrämer vom ‚Tagesspiegel‘ übt sich wieder in seiner Spezialdisziplin, dem Flicflac mit Bauchlandung. Natürlich ist es richtig, dass die Folterdrohung im Fall Gäfgen „zwar rechtswidrig, aber auch moralisch geboten“ gewesen sein könnte. Und natürlich wollte der ermittelnde Beamte damit auch etwas ‚Gutes‘ bewirken, sonst wäre sein Handeln ja niemals als ‚moralisch geboten‘ zu bezeichnen. Soweit die Captatio Benevolentiae …

Dass aber die einfachsten Unterschiede zwischen Moral und Gesetz manchen Leuten nicht in die Köpfe wollen, das lässt mich oft verzweifeln. Sie stellen sich auf ihren Standpunkt der Moral – und schon wähnen sie deshalb prompt das Gesetz auf ihrer Seite. Selbst wenn dieser Ermittler ‚moralisch erfolgreich‘ gedroht und das Kind gerettet worden wäre, auch dann wäre er hinterher noch immer vor Gericht gestellt worden, weil sein Handeln schlicht ‚rechtswidrig‘ war. So viel wir wissen, war das diesem Kommissar auch völlig klar. Denn das Gesetz steht immer über der Moral, sonst stünde es ja auf dem schwankenden Grund wandelbarer Moralbegriffe. Gerade deshalb sollen unsere Beamten ja auch in erster Linie gesetzestreu sein, und nicht moralisch. Das gilt eben auch für die Richter in diesem Fall. Natürlich kann ein Einzelner dann trotzdem seine individuelle Moral über das allgemeine Gesetz stellen, er muss sich dann aber auch dafür verantworten.

Selbst die Attentäter des 20. Juli, auch dann, wenn sie Hitler ‚moralisch erfolgreich‘ getötet hätten, wären wohl unter eine Mordanklage des neuen Regimes gestellt worden – um nachträglich, vermutlich auf Grund eines ‚übergesetzlichen Notstands‘ oder irgendeiner anderen juristischen Konstruktion, freigesprochen zu werden. Unter das Gesetz wären aber auch sie in jedem Fall erst einmal gefallen, dann jedenfalls, wenn ihr neuer Staat sich als ein Rechtsstaat begriffen hätte. Es ist doch nun wirklich nicht so schwer zu kapieren … weshalb aber der Malte Lehming bei diesem simplen Sachverhalt gleich den Kommunismus aus seiner Rappelkiste holen musste, das habe wiederum ich nicht kapiert.

Fleischhauers Abschied

Auf das übliche Gebrabbel des Spiegel-Rechtsaußen Jan Fleischhauer lohnt es sich kaum mehr einzugehen, er sitzt im Chor anderer quakender Frösche tief im Sumpf ewig Unverstandener, wo mangels Fell und Fluss noch nicht einmal mehr solche davonschwimmen können.

Dass er jetzt aber den „Kronjuristen des Dritten Reiches“, den ausgewiesenen Antisemiten, autoritären Staatsrechtslehrer und Antidemokraten Carl Schmitt im Hause ‚Augsteins Erben‘ zustimmend zitieren darf, das soll hier doch nicht unerwähnt bleiben.

Eigentlich war dies ja auch zu erwarten: Weil unsere NeoCons vorn nicht mehr weiter wissen, greifen sie nach hinten tief ins Braune zurück. Die meisten tun dies bisher allerdings nicht so beherzt, sondern zumeist noch mit spitzen Fingern.

Was mag dieser Kanalarbeiter des ‚Spiegel‘ uns wohl als nächstes aus seinem Kramkasten mit Schmittiana hervorwühlen? Vielleicht dies: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Tscha – das läge fast schon auf Breiviks Linie. Oder folgt am Ende die Exkulpation jeden Scheißdrecks, sofern es nur ein bürokratischer Scheißdreck ist: „Dass es die zuständige Stelle war, die eine Entscheidung fällt, macht die Entscheidung, unabhängig von der Richtigkeit ihres Inhaltes“? Jaja, war’s nur die zuständige Stelle – damit wäre natürlich auch Auschwitz zu legitimieren. Oder wird er vielleicht unseren Islamophoben Zucker geben, mit der gebotenen „Achtung jedes Volkes als einer durch Art und Ursprung, Blut und Boden bestimmten Lebenswirklichkeit“? Das wäre eine fast schon fleischhauernde Lebenswelt, in deren Lodenduft der schächtende Muselmann dann allerdings keinesfalls hineinpasst …

Sag mir, wen du wie zitierst, und ich sage dir, wer du bist.

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Alle Apokalyptiker möchten sich bitte ganz entspannt zurücklehnen, abwarten und Tee trinken, damit unsere Finanzexperten, Ökonomen und Politiker in Ruhe deren Ideen verwirklichen können.

Anders denken

Heute möchte ich einfach mal auf diesen großartigen Artikel von Constantin Seibt hinweisen, der ja keinesfalls ein ‚Linker‘ ist, sondern schlicht nur ein großartiger Journalist, wie ich sie mir häufiger auf freier Wildbahn wünschen würde. Sein Artikel liegt übrigens ganz auf der Linie von Cordt Schnibben, der ebenfalls konstatierte, dass das Bürgertum nicht länger konservativ denkt und empfindet, sondern verrostete Überzeugungen auf breiter Front revidiert:

Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat».

Auch alte Gewissheiten altern …

Friedrich holpert durchs Internet

Die Ahnungslosigkeit unserer Politiker ist oft erschreckend, wenn das Reizwort ‚Internet‘ fällt, geraten sie außer Rand und Band. Jetzt fordert unser oberster Sheriff, die erschröckliche ‚Annonümmidät‘ im Internet zu beenden, denn sie – und nicht das gesprochene Wort – sei der Quell alles Bösen:

„Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce“, sagte Friedrich dem SPIEGEL. „Warum müssen ,Fjordman‘ und andere anonyme Blogger ihre wahre Identität nicht offenbaren?“

An dieser Einlassung ist so ziemlich alles falsch. Zunächst einmal war dieser Breivik so ziemlich das Gegenteil eines Anonymen Ideologikers. Er führte einen Klarnamen, und war vom ‚Willen zum Ruhm‘ geradezu berauscht, er wollte sich also keinesfalls hinter einem Pseudonym verstecken. Bis in absehbare Ewigkeit bleibt hier das Lätzchen eines Klarnamens mit dem Blut vieler eher anonymer Opfer bekleckert.

Auch die Garde der Islamophoben aus der zweiten Reihe, ein Herre, ein Wilders, ein Broder, auch ein Sarrazin – die zeichnen sich doch nicht durch ihren Hang zur Anonymität aus. Eher im Gegenteil … flackert irgendwo ein Rotlicht auf, droht ein Talkshow-Stuhl unbesetzt zu bleiben, ist die Bühne für verquere Ansichten frei, dann trabt auch schon die rechte Rampensau ins Scheinwerferlicht.

Ganz abgesehen davon, dass ich in jeder besseren Provinzzeitung auf Artikel stoßen kann, die ebenfalls von anonymen Autoren verfasst wurden: ‚dpa‘, ‚eb‘ usw. steht dann als Verfasserangabe unter dem Text. Und wer nur die ‚Welt‘ oder die ‚Junge Freiheit‘ abonniert hat, der bewegt sich eben auch ewig in der gleichen „geistigen Sauce“. Wem’s vor intellektuellen Freiräumen schaudert, der kauft nur den ‚Gefängnisboten‘. Den Anschein einer übersichtlichen heilen Welt bietet nur der kleine Maßstab.

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Leben in Absurdistan

Nahezu alle Zeitungen machten gestern mit dieser oder einer ähnlichen Schlagzeile auf: „Börsenpanik vernichtet 2,5 Billionen Dollar.“ – Nanu? Was war los?

Da gibt es also zahlreiche Unternehmen, die sich Stück für Stück und in ganz vielen Teilen (‚Aktien‘) selbst an Spekulanten verhökert haben, weil die wiederum auf Dividende scharf waren. Diesen Unternehmenspapierchen (Sachwert etwa 2,5 US-Cent) wird auf Grund von Marktstellung, Patenten usw. ein gewisser zusätzlicher Wert zugeschrieben, der dann darüber entscheidet, wie reich der werte Anleger sich fühlt. So weit, so gut, so verständlich.

Nirgends aber sind plötzlich Billionen von Dollar geschreddert worden: Die Unternehmen produzieren heute weiterhin ihre Maschinchen, die Patente lagern gut verschlossen in den Tresoren, kein Fabrikgebäude ist abgebrannt, dem werten Anleger gehören noch immer unverändert die gleichen Bruchteile dieses Unternehmens. Das Einzige, was sich verändert hat, sind überkandidelte Ansichten von notorischen Zockern darüber, wie viel das wohl wert sein möge, was dort auf den Unternehmensgrundstücken herumsteht. Eine Blase aus illusionären Annahmen ist geplatzt, die heiße Luft ist raus, der Sachwert ist geblieben. Wir dürfen deshalb nicht annehmen, das in diesen ‚Bubbles‘ jemals etwas ‚existiert‘ hat, was jetzt ‚vernichtet‘ worden sei. Einigen Zockern ist schlicht ihr Stapel aus Jetons geschrumpft. Letztlich war das alles doch nur Spielgeld … um mich für Journalisten verständlich auszudrücken: frei flottierendes Finanzkapital, ohne jeden produktiven Nutzen.

Gerade sehe ich, dass der Herr Lübberding das ähnlich sieht.

Die Logik der Experten

Wenn die Lage nicht so ernst wäre, böten die argumentativen Springprozessionen unserer hochweisen Öchspertenzunft viel Stoff für Realsatire. Dieser hier beginnt mit dem üblichen ‚Nix-Genaues-Weiß-man-nicht‘ – auf allen Märkten seien die Katzen schließlich grau, niemand wisse, an welchem Baum sie ihr Beinchen heben werden, und außerdem sei es ja dunkel:

„Die nächste Finanzblase platzt bestimmt, damit müssen wir zu leben lernen. Wie und wo, weiss aber keiner. Das ist ein immanentes Problem bei Finanzblasen. Sie entstehen im Verborgenen und platzen überraschend.“

Und während der Leser noch mit ihm durch den schaurigen Nebel wandert, türmt er unversehens aus dieser Captatio Nichtswissiensis heraus ins ungemein Präzise, ich vermute mal, aus baissialem Interesse:

„Mit Sicherheit aber wird die nächste Blase im Derivativmarkt platzen.“

Wenn das Grundgesetz nervt

Maßstäbe dringend gesucht – ehrliche Finder möchten sich in Deutschlands Redaktionen melden: Vor allem das Grundgesetz scheint bei vielen schon ins Altpapier gewandert zu sein.

So sprach jüngst ein Richter dem Kindsmörder Gäfgen 3.000 Euro Schmerzensgeld zu, weil dessen Menschenwürde durch die Folterdrohung eines ermittelnden Polizeibeamten verletzt worden sei – gemäß Artikel 1, wonach die Würde jedes Menschen als „unantastbar“ gilt. So unbegreiflich dies vielen auch erscheinen mag, so sehr es unserem moralischen Empfinden gegen den Strich geht, der Artikel 1 GG gilt für alle Menschen, eben auch für die ‚Unmenschen‘. Nebenbei bemerkt, bekommt der Verurteilte dieses Geld jetzt noch nicht einmal, es wandert auf direktem Weg in die Staatskasse und auch die Kosten des Verfahrens muss er tragen (Nachtrag: s. Korrektur in den Kommentaren).

Die Erika Steinbach (CDU) – jaja, die mit der Kriegsschuldumkehr – diese Frau entblödet sich trotzdem nicht zu verkünden: „Der Richterspruch erschüttere das Vertrauen in die Demokratie.“ Aha, wenn die Spielregeln der Demokratie gegen öffentliche Widerstände und populistische Bild-Zeitungs-Attitüden richterlich greifen, dann wäre also die Demokratie prompt in Gefahr? Ein Salto Mortale ist nichts gegen diese verfassungsferne Harakiri-Argumentation einer vorgeblichen ‚Menschenrechtsbeauftragten‘.

Anderer Platz, gleicher Beritt. In der Kommentarspalte der FAZ geht es heute leicht sommerlöchrig um die Homo-Ehe. Die Vorstellung, dass zwei Männer unter einer Bettdecke schlafen, ist in der Wolle gefärbten Konservativen bekanntlich so eklig und suspekt, dass sogar einen Verfassungsrichter aus den Reihen der CSU der Blattschuss trifft, wenn er einem dieser Sittenapostel vors Visier gerät:

„Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Papier, ein Mitglied der CSU, erinnerte daran, dass das Grundgesetz verlange, wesentlich Gleiches auch gleich zu behandeln. Das klingt fast schon wie die Linkspartei.“

Mit Verlaub, bester Reinhard Müller, wäre es tatsächlich so, dass das Grundgesetz die Positionen der Linkspartei vertritt, dürften wir diese Partei mit dem Segen der FAZ dann neuerdings problemlos wählen? Oder was wollten Sie uns sagen? Vor allem, was würde der Verfassungsschutz dazu sagen, wenn Sie ihm derart die Aufträge verhageln?

Mal ganz abgesehen davon, dass der Gleichheitssatz nicht nur im Artikel 3 des Grundgesetzes steht, sondern generell das Fundament aller demokratischen Rechtsprechung ist. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet sich der Satz übrigens auch. Mit links oder rechts aber hat das alles nichts zu tun, nur mit Ihrem höchst individuellen sittlichen Empfinden, dem die Gleichbehandlung von ‚Doggy Style‘ und ‚Missionarsstellung‘ widerstrebt. Sagen Sie in Zukunft doch einfach ‚Äh, bäh!‘, aber versteigen Sie sich nicht im Grundgesetz …

Aua!

FAZ Sähen

Sähmann, deine Heimat ist die Sä-äh ...

Ja – warum nur in Nigeria? Und was macht der Trittin da mit dem Knie, bester Franz? Manche Tippfehler stehen in einem solch verräterischen Umfeld, dass sie uns schon wieder völlig natürlich erscheinen.

Mein Freund, der Täter

Gestern hat ein guter Freund von mir seine Frau getötet. Genauere Informationen zum Tathergang gibt es von der Polizei bisher nicht. Seit einigen Monaten litt er unter einer tiefen Depression und wurde deshalb bei einem teilstationären Aufenthalt mit hohen Dosen Antidepressiva behandelt. Mit Substanzen also, die nicht nur hier für Gewaltausbrüche zunehmend verantwortlich gemacht werden. Ich selbst stehe unter Schock, fühle mich innerlich leer und muss die Tat erst einmal verarbeiten. In diesem Blog wird es daher in den nächsten Tagen etwas stiller werden.

Wer Links zu soliden und kritischen Antidepressiva-Studien kennt, möge sie bitte hier posten. Danke.

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