Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2011 (Seite 1 von 2)

Prämissen erfinden

Worauf vertraut der Jan Fleischhauer bloß? Darauf, dass es seine Leser auch nicht besser wissen, als er es zu wissen vorgibt? In dieser Woche widmet er sich dem Thema des überschätzten Charisma bei Angela Merkel, der es bekanntlich ein wenig an rhetorischen Gaben mangelt. Um sich zwecks ihrer Verteidigung zu folgendem, geradezu ahistorischem Statement zu versteigen:

„Leider gehen oratorische Begabung und gutes Handwerk selten Hand in Hand. Willy Brandt konnte mitreißende Ansprachen halten, wofür ihn die intellektuelle Klasse nachhaltig verehrte. Seine innenpolitische Leistung allerdings war eher dürftig, weshalb der Sozialdemokrat das Regierungshandwerk bald lieber seinem vergleichsweise kurz angebundenen, aber dafür entscheidungsfreudigen Finanzminister Helmut Schmidt überließ. Auch Kurt Georg Kiesinger, der als begabtester Redner seiner Generation galt, war ein eher unrühmliches Ende beschieden, wie man sich erinnert.“

Was für ein Bullshit! Die Sozialdemokratie hatte zu jener Zeit das Glück, gleich drei überragende Rhetoriker zu haben: einen Herbert Wehner, der aus einem Malstrom ineinanderverflochtener Nebensätze heraus seine Suada plötzlich in einer Reihe tödlicher Invektiven gipfeln ließ; einen Willi Brandt, der das Humanistische und Allgemein-Menschliche ohne Kitsch und Pathos beschwören konnte; und eben jenen Helmut Schmidt, der als „Schmidt-Schnauze“ und gefürchteter Debattenredner dank seines Sarkasmus und seiner tödlichen Ironie mit jedem beliebigen Gegner den Boden des Plenarsaals feudeln konnte. Mitnichten ist es also so, dass auf einen rhetorisch begnadeten Polit-Schwächling – wie es Willi Brandt gewesen sein soll – dann ein rednerisch eher unbegabter Pragmatiker und Polit-Profi wie Helmut Schmidt gefolgt wäre. Auch mit der Mär von der Redekunst eines Kurt-Georg Kiesinger ist es nicht weit her – das alles sind nur Fleischhauers Erzählungen, fern jeder Realität. Denn Partizipialwürstchen und substantivierte Verben kennzeichneten den Kiesinger’schen Schlafwagenstil:

„Aus den dadurch notwendig gewordenen Koalitionsverhandlungen ist die neue Regierung der Großen Koalition hervorgegangen. Die Verhandlungen der Parteien haben zu der wohl bisher gründlichsten Bestandsaufnahme der Möglichkeiten und Notwendigkeiten deutscher Politik vor einer Regierungsbildung geführt.“

Das also ist der Kiesinger’sche O-Ton. Was also bleibt uns von den Fleischhauer’schen Behauptungen der Woche? Steile Thesen ohne Fundament. Weder steht Angela Merkel rhetorisch in einer Reihe mit Helmut Schmidt, noch steht Kurt-Georg Kiesinger auf Augenhöhe mit Willi Brandt. Was Fleischhauer praktiziert, ist schlicht ein Journalismus, der sich wie sein Ahnherr ständig am eigenen Schopf aus dem selbstgequirlten Sumpf zu ziehen trachtet …

Joan Maynard

In Sachen Europa werden die Schwarzgelben aus Vernunftgründen jetzt etwas tun wollen müssen, was sie aus Ideologiegründen nie zulassen wollen dürften. Das verdutzte Publikum jedenfalls freut sich schon mal auf den Flicflac zu Euro-Bonds und politischer Union. Vermutlich wird er in jenes gewohnt merkelianisch-sibyllinische Spreizvokabular gefasst, bei dem sich politische Ratlosigkeit auf bewährte Weise hinter relativierenden Relativsätzen relativ gut aufgehoben wähnt. In der Hoffnung, dass dieses verfluchte Buffalo bald erreicht sein möge …

Matjes-Beleidigung

An Fefes Bemerkung ist schon was Wahres dran – in vielen Altredaktionen rasseln derzeit die publizistischen Gewichte von Offshore in Richtung Online, und vermutlich rasseln auch viele darob erboste Wichte bereits mit den dritten Zähnen:

„Na mal gucken, was die FAZ zukünftig so schreibt. Ich beobachte das jedenfalls gespannt, wie das Feuilleton dort die Führung übernimmt und die vertrocknete Politik-Abteilung ähnlich deutlich hinter sich lässt, ohne dass sie es merken, wie beim ehemaligen Nachrichtenmagazin die Online-Abteilung den Printspiegel seit Jahren deutlich überholt hat, ohne dass die Printspiegel-Leute das gemerkt haben. Die halten sich immer noch für den „eigentlichen“ Spiegel. So wird das wahrscheinlich auch in der FAZ aussehen. Und hey, wieso sollte man ihnen ihre Illusionen nehmen?“

Ja, warum nur?

Satire als Ausrede

Zwar mag die Zahl der Definitionen für Satire so uferlos sein, wie die Zahl der Satiriker. Zugleich aber sollte man schon eine satirische Begabung besitzen, um sich erfolgreich auf dieses Genre hinauszureden. Dieser junge Mann fällt sicherlich nicht unter diese Kategorie. Sich hinterher den Hosenboden mit einer nachgeschobenen satirischen Absicht zu polstern, damit die verdienten Schläge weniger schmerzhaft ausfallen, ist kaum probat. Das Amt ist jedenfalls flöten – und ich frage mich, woher der Parteinachwuchs jeder Couleur immer wieder diese solitären Geistesriesen bezieht.

Kurzum: Ein Bremer (Ex-)JU-Vorsitzender hat schlicht eine ebenso strunzdumme wie missverständliche Parallele ohne Not hergestellt, indem er einen islamophoben Zossen – wiewohl in guter Absicht – solange über die Oxer und Tripel-Barren des guten Geschmacks trieb, bis er plötzlich mitten im tiefsten Braunau auf dem Marktplatz stand. Satirisch daran ist höchstens sein Fall …

Erfundene Situationen

Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:

„Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: „An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.“ In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: „Wieso die Fußgänger?“

Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: „Was redest du denn für’n Scheiß daher?“, „Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?“, „Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!“, „Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?“ – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.

Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.

Wo der Zwerghahn dreimal kräht

Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, die Lüge muss versteckt sein. Neben mir und über mir gibt es nichts. Ich komme!“ – – – Ja, und dann kommt er wieder, unser Jan Fleischhauer. Diesmal regnet er sich über jener konservativen Luschentruppe ab, die es – wie Schirrmacher, Buffett oder Moore – tatsächlich wagen, coram publico die Frage zu stellen, ob die selige Linke am Ende doch recht gehabt haben könnte. Wie Gaddafi vor Tripolis halluziniert sich Fleischhauer prompt unermessliche Erfolge seiner verbündeten Marktwirtschaftstruppen herbei: „Entsprechend groß ist das Echo auf die Selbstanklage bei allen, die schon immer der Marktwirtschaft und ihren erfolgreicheren Akteuren misstrauten.“ Mal wieder, so Fleischhauers irrer Pawlow-Tic, lauere bloß der blanke Neid auf ‚die Erfolgreicheren‘ im Hintergrund – nur wo wären denn dann bitte die Erfolge dieser Reicheren zu suchen?

Hast du’s denn noch immer nicht gemerkt, mien Dschang? Die ganze Debatte dreht sich diesmal nicht um ‚Neid‘, sondern darum, dass die Welt derzeitig dank ultraliberaler und marktradikaler Rezepte gewaltig in der Grütze steckt. Diese Welt ist so marktwirtschaftlich wie nie – und sie ist so am Ende wie nie. Das kann ja wohl kein Zufall sein! Dazu von dir kein Wort. Ist schon okay, Ideologen sind natürlich immer nur die anderen. Ein wenig traurig finde ich es schon, dass dem Neoliberalismus zu seiner Verteidigung so gar kein Ernstzunehmender einfällt …

Die Konservativen und Mr. Hyde

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

„Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.“

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

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Der Weg zum Alphajournalisten

Constantin Seibts großartiger Rant gegen die schwarzgelbe Hassgesellschaft hat Kreise gezogen. Bei Facebook wurde schnell die Verlinkungsgrenze erreicht und die Kommentarspalte im ‚Tagesanzeiger‘ will gar nicht mehr enden. Selten hat ein Mensch mit einem einzigen Artikel eine derartige publizistische Bugwelle ausgelöst, er schrieb offensichtlich das, was die Menschen wirklich hören wollten, er traf den Punkt. Spätestens seit dem 8. August 2011 ist er damit im erlauchten Kreise deutschsprachiger Alphajournalisten angekommen, in meinen Augen überragt er all das publizistische Pressfleisch der Matussek, Poschardt und Jörges sogar noch um einiges. Weil nur er es schaffte, zugleich einer bürgerlichen Leserschaft, einem wachsenden Netzpublikum und auch dem aufgeklärten Denken mit seinem Brandartikel „Der rechte Abschied von der Politik“ gleichzeitig zur Sprache zu verhelfen. Der Graben zwischen Netz und Presse wurde hier endlich einmal zugeschüttet.

In jener Nacht, wo Seibt diese Meinung wie im Rausch niederschrieb, hat er alle Standards bisheriger ideologischer Betrachtungsweisen verändert. Das Publikum in den Kommentarspalten ist nicht länger jenes, das in ‚Welt‘ und ‚Spiegel‘ die Kotzrinnen meterhoch mit Gülle füllt, hier artikuliert sich ein waches und aufgeklärtes Bürgertum, dem die übliche Presse schon längst kein Forum mehr bietet. Wagt sich dort doch einmal ein versprengter SVP’ler, ein neoliberaler Jubelperser oder ein anderes Plappermaul aus der Fraktion der Argumentarmen in diesen fortlaufenden Kommentar hinein, dann wird er höchst sachlich und fachlich so abgeledert, dass er das Wiederkommen vergisst. Das Publikum, das sich Constantin Seibt mit seinem Artikel erschrieben hat, ist zugleich jenes, von dem alle Verleger träumen.

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Spurensuche

Mark Duggan, ein schwarzer Familienvater und Bewohner Londons, wurde in einem silbernen Toyota-Van am Donnerstag, dem 4. August 2011 um 18:15 Uhr in der Londoner Ferry Lane, nahe der Tottenham Hale Tube Station, von Polizisten angehalten. Soweit ist hieran nichts Ungewöhnliches, schwarze Bewohner der Stadt werden ungefähr dreißigmal so häufig von der Polizei gestoppt und anschließend durchsucht wie die Weißen. Scotland Yard behauptete später, Duggan habe dann zunächst auf die Polizisten geschossen, woraufhin diese zurückgeschossen hätten. Inzwischen musste der Yard einräumen, dass Duggan keineswegs auf Polizisten geschossen hat.

Diese Tat, die für viele Bewohner einer Hinrichtung glich, stand also am Anfang der ‚Riots‘, keineswegs handelte es sich um eine ’spontanen Ausbruch‘ unkontrollierter Gang-Gewalt, sondern klarerweise um eine Folge von Polizeigewalt. Auch ist es, um gleich mit einem zweiten Mythos aufzuräumen, angesichts des Schusswaffengebrauchs wohl keineswegs so, dass Londons Polizei immerzu nur ‚bobby-mäßig‘ mit dem Schlagholz bewaffnet durch die Straßen der Hauptstadt patroulliert.

Das Bild der britischen Polizei war zu diesem Zeitpunkt bereits erheblich angekratzt. Seit den Zeiten von ‚The Clash‘ ist es für Jugendliche aus Armenvierteln klar, wo ‚der Feind‘ zu suchen ist, eine lange Kette von Polizeiübergriffen durchzieht die britische Gesellschaft seit den 80er Jahren. Hinzu kommt die Korruption in vielen Polizeidienststellen, die im Zuge der News-of-the-World-Affäre kürzlich erst aufflog. Dass zudem die britische Polizei nicht ohne Grund ‚rassistisch‘ genannt werden darf, ist in England ein offenes Geheimnis, hierzu reicht es, die Zahl der Menschen schwarzer Hautfarbe, die im Polizeigewahrsam ‚versterben‘, mit derjenigen anderer ethnischer Gruppen zu vergleichen.

„Es ist Straßenkapitalismus – die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun“, sagt der britische Historiker Clive Bloom. Diese These ist nicht unbegründet, Menschen, vor allem ungebildete Menschen, ahmen immer das nach, was ihnen vorgelebt wird. Und wenn sich ‚die da oben‘ schamlos, unmäßig und allemal auf Kosten der Gesellschaft bereichern, warum sollte das ‚denen da unten‘ verboten sein? Kurzum – es ist ein chancenloser ‚Klassenkampf‘ um knapper werdende Ressourcen, der allerdings nicht auf klassisch marxistischen Bahnen ausgetragen wird. Die Ansichten und die ‚Weltanschauungen‘ dieser Armen sind nicht länger ‚organisiert‘ und theoretisch durch Parteiprogramme gestützt, die Zerschlagung der ‚Unions‘ macht sich hier negativ bemerkbar. Es ist eine eher diffuse Ansicht über die Gesellschaft, die sich in ‚Wir hier‘ und ‚Die da‘ gliedert. Was aber noch nicht heißt, das diese Sicht angesichts der Vermögensentwicklung falsch ist. Weiterhin spielen eine Fülle von Störfaktoren hinein, die kein klares Bild von ‚reich‘ gegen ‚arm‘ mehr erlauben: Schwarze gegen ‚Pakis‘, grenzarme Muslime, die ihr Eigentum gegen den weißen oder schwarzen ‚Scum‘ verteidigen … usw. Diese ‚Rioters‘ sind keinesfalls homogen.

So überfuhren in Birmingham zwei Jugendliche und ein Erwachsener drei muslimische Asiaten, die sich – mangels Polizeihilfe – gegen die Plünderer zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen hatten. Bis heute schweigt die Polizei beharrlich zur Herkunft der Täter. Solange dies so ist, könnte es sich ebenso gut um rechtsextremen ‚White Trash‘ gehandelt haben, der unter dem Schutz der Riots sich endlich einmal ‚ausleben‘ durfte. Kurzum – wenn es sich um organisierte ‚Gangs‘ gehandelt haben soll, wie Cameron jetzt ebenso vorschnell wie unbedacht heraustrompetet, dann sind es zumindest ganz viele Gangs, die eher Stoßtrupps gleichen, und nur wenig miteinander zu tun haben.

Ich selbst glaube auch nicht an diese Gang-These: Ich glaube eher an ein verarmtes, chancenloses Prekariat von Einzeltätern, seit Jahren durch die gleichen erbärmlichen Lebensverhältnisse geprägt, das sich im Falle eines Falles mittels neuer Medien blitzschnell zu einer ‚Cloud‘ zusammenschließen kann. Duggan’s Tod legitimierte ihr Handeln, zumindest in ihren Augen. Sie praktizierten in der Folge jenes ‚Jeder für sich und Gott gegen alle‘, das ihnen die Oberschicht seit Jahrzehnten schon vorlebt. Es handelt sich für mich um das Bild des Volksaufstands in den Zeiten des Neoliberalismus. Dass es allemal besser gewesen wäre, dieser Aufstand hätte sich im Bankenviertel oder in Londons Westend ausgetobt, ist unbestritten … so, wie er verlief, traf er die Falschen.

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Nachtrag: Immer wieder erstaunlich ist die Schizoidität der ‚Welt‘, wo neben dem ausgemachtesten Poschardt’schen Blödsinn dann wiederum solche Texte zu finden sind: „Wie soll man von einem Ministerpräsidenten denken, der weiß, dass die Familien dieser Kinder seit drei Generationen arbeitslos sind, und sich doch darüber wundert, dass sich in seinem Land Gewalt Bahn bricht …?“

Textqualität im Netz

Wolf Schneider plus SEO – das ist grob gesagt die Formel, die uns Claus Hesseling auf seinem Blog ‚Onlinejournalismus‘ für das bessere Schreiben im Netz anpreist. Da es sich um einen ‚Spickzettel‘ im pdf-Format handelt, kann ich hier nur auf diese Fundstelle verlinken, nicht auf die einzelnen Zitate. Im Kern handelt es sich um die Transformation journalistisch ‚bewährter Methoden‘ ins Netz hinein. Selbst wenn jetzt alle Netz-Eleven diesen Zettel hinter den Monitor klemmen würden, folgen daraus – wie ich fürchte – keine besseren Texte.

Zunächst einmal ist Hesselings ABC-Schule in sich wiedersprüchlich. So fordert Hesseling gleich anfangs, die „wichtigsten Informationen am Anfang des Textes“ und vor allem gleich am „Anfang jeden Absatzes“ zu bringen. Um wenig später dann den beliebten „Cliffhanger“ zu fordern, damit aber auch eine ‚Verrätselung‘ des Textes und einen ‚Informationsstau‘, um Neugier und Lust aufs Weiterlesen zu erzeugen. Beides geht nicht zusammen: Entweder volle Aufklärung gleich im ersten Satz – oder aber die Verschiebung der Lösung tiefer in den Text hinein, so wie bei einem guten Kriminalroman. Der Leser steht ratlos davor – das ‚Navi‘ sagt ihm: Fahren sie rechts und links …

Zweitens preist uns der Verfasser eine ‚Focussierung‘ der Texte an, so wie in Markworts Faktenschleuder, ein Magazin, das bekanntlich dem Erfolg derzeit eher hinterherstratzt. Durch Infokästen und Tabellen sollen lange Texte nach dem „Sushi-Prinzip“ aufgebrochen werden, es entstehen jene bunten ‚journalistischen Schlachteplatten‘, die angeblich beiden, dem eiligen wie dem genauen Leser, gleichermaßen etwas zu bieten haben – das Resultat ist eine infolegende Narrationssau.

Die Abkehr vom Feuilleton empfiehlt uns Hesseling dann beim ‚Headlining‘: „Sinnvolle statt witzige oder feuilletonistische Überschriften„, natürlich vollgepackt mit googlefreundlichen ‚Keywords‘. Mal abgesehen von dem ewigen Missverständnis des Unterhaltsamen – dass also eine Headline, die ‚witzig‘ ist, dies nur sein kann, wenn sie auf Sinn verzichtet – davon abgesehen, wird ein solch strohtrockenes Verfahren den Leser nur gähnen machen. Er denkt, er habe aus der Headline schon alles erfahren und düst weiter zur nächsten Station im Netz.

In die gleiche Kategorie gehört auch der Ratschlag, die Sätze „short & simple“ zu halten, weil „niemand sich beschweren wird, wenn etwas zu einfach zu verstehen ist„. Tscha – warum lesen Erwachsene eigentlich keine Kinderbücher? Wir stoßen hier auf die ewige Unterschätzung des Lesers, die es jedem eher Schreibunbegabten erlaubt, seine Defizite auf den Rezipienten zu übertragen, nach dem Motto: „Der Leser will es doch so“ (war das nicht ein schöner langer Satz?). Wahr ist förmlich das Gegenteil: Mit dem Hundetrab kurzer Sätze unterfordern wir den Leser und kegeln ihn aus dem Text. Die Regel lautet: Jeder Satz sei so lang wie der Gedanke, den er formuliert. Wirkt der Satz unverständlich, dann arbeite an deinem Stil. Unbequem? Klar ist das unbequem – für den Schreiber nämlich!

Auch der Hinweis, auf Adjektive und Adverbien zu verzichten, ist in dieser Absolutheit Blödsinn. Die dritthäufigste Wortklasse der deutschen Sprache dient dazu, emotionale und sinnliche Qualitäten zu benennen. Wer auf sie verzichtet, amputiert die Realität und seine Möglichkeiten. Das Problem sind ja nicht die Adjektive, sondern die ‚rundgelutschten Adjektive‘: der ‚erfolgreiche‘ Geschäftsmann, die ‚eingetretene‘ Entwicklung, die ‚blutige‘ Schlacht usw. Gleichen sie ausgetretenen Stanzenpantoffeln, zeigen uns Adjektive nur, dass hier ein Schreiber zu faul war, selbst etwas zu erleben. Zum Thema habe ich anderswo schon etwas geschrieben. Selbst der Verzicht auf Relativsätze ist nur demjenigen zu empfehlen, der den Umgang mit ihnen nicht beherrscht. Die weite Welt der Texte bevölkern berühmte Relativsatzvirtuosen en masse – man muss es aber können.

Vieles von dem, was Hesseling schreibt, ist wiederum völlig richtig. Der Gebrauch von Zwischenüberschriften kann sinnvoll sein, das Setzen von Hyperlinks ist ein Muss, via Kommentarspalte einen Dialog mit dem Leser zu führen ebenfalls. Publikumsfreundlich ist auch das Schreiben im Aktiv, ohne Fremdwörter und Politiker-Worthülsen.

Wesentliche Dinge fehlen mir wiederum – zum Beispiel der Hinweis auf rhetorische Stilfiguren, die einem Text erst jene Würze geben, die den Leser an unser Buffet lockt. Auch ein Satz zur Rhythmik von Texten hätte dem ‚Spickzettel‘ gut getan. Wenn ich oben schrieb „so wie in Markworts Faktenschleuder„, dann doch nicht deshalb, weil ich hier ‚witzig‘ sein wollte, sondern vor allem deshalb, weil so auf einen daktylischen Auftakt drei Trochäen folgen. Rhythmischer Wechsel bringt Bewegung in den Text, so erzeugen wir den Eindruck einer Straffheit, die den Leser bindet, hier fängt die Kunst dann an – weil sich der Leser in der Dynamik unseres Textes wiegen darf. Der Rhythmus kann sogar Unsinn plausibel machen – weitgehend sinnfreie Sprichwörter wie „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ oder „Das Leben ist kein Ponyhof“ gelten doch nur deshalb als ‚wahr‘, weil sie rhythmisch gebunden sind.

Eins ist jedenfalls klar: Gerade weil die Konkurrenz der Schreibenden im Netz so unüberschaubar geworden ist, führt nur noch Kunst zum Erfolg, dahergeklappertes Handwerk allein genügt nicht mehr. Und ‚Journalismus plus SEO‘ ist auch kein Königsweg. Selbst ohne die große ‚Google-Optimierung‘, wie sie SEO-Experten empfehlen, habe ich die Homepages von Kunden mit ihren ‚Kernbegriffen‘ schon auf die Titelseiten von Google geführt. SEO wird ‚gehypt‘ und überschätzt, der Zügel ist nicht das Pferd …

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