Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2011 (Seite 2 von 4)

Moderne Mythen

In den Foren von ‚Spiegel‘, ‚Tagesspiegel‘, ‚Welt‘ oder ‚Tagesanzeiger‘ würden sich doch nur die minderbemittelten und bildungsfernen Kleinbürger austoben – daran glaubte auch ich lange Zeit. Seit einigen Wochen jedoch begebe ich mich des öfteren in diese Güllegruben hinab, weil mir diese These zunehmend fragwürdig erscheint, weil ich es zudem soziologisch hochinteressant finde, wer oder was sich dort artikuliert. Natürlich sind die Argumente dort krank wie immer, alle Indizien deuten aber darauf hin, dass die Kotze, die dort manchmal meterhoch durch die Gänge schwappt, keineswegs von den Mühseligen und Beladenen der Gesellschaft stammt, von den Zu-kurz-Gekommenen und notorischen Nichtwählern, sondern durchaus auch von Privilegierten, die ihre Pfründen, aus welchen obskuren Gründen auch immer, von ‚Marxisten‘, ‚Islamisten‘ und generell ‚Multikulti-Ausländerfreunden‘ bedroht wähnen. Und das, obwohl Europa nahezu flächendeckend von Rechtsregierungen und rechten Medien dominiert wird. Kurzum: Der Massenmörder von Oslo ist ihres Geistes Kind. Nehmen wir diese Beispiele aus dem zutiefst bourgeoisen und bildungsbürgerlichen Schweizer ‚Tagesanzeiger‘, einem Land, wo Blochers SVP immer neue Triumphe feiert:

„Es ist unendlich traurig, dass junge Menschen mit ihrem Leben für die verfehlte Politik der heutigen „Eliten“ in Europa bezahlen mussten. Solche Exzesse sind aber nur möglich, weil Europa seit Jahrzehnten eine Politik gegen die eigene Bevölkerung macht. Schuld sind nicht diejenigen, die das thematisieren, sondern jene, die diese falsche Politik betreiben! Mein Beileid an die Angehörigen.“

Die Grammatik sitzt, die Orthographie steht wie eine Eins, die Krokodilstränen fließen – das Dreiwetter-Taft der Ideologie zeigt sich unbeeindruckt: Der Täter hatte demnach nicht mehr selbst die Schusswaffe in die Hand, in Wahrheit wurden die Jugendlichen auf dieser Insel von einer „verfehlten Politik unserer Eliten“ hingemetzelt. Eine solche ideologische Verkehrung der Fakten vollzieht sich keineswegs auf dürrem intellektuellen Grund, zu solchen dialektischen Wendungen ist mindestens die Intelligenz eines durchschnittlichen PR-Beraters vonnöten. Mit anderen Worten: Hier spricht sich eine akademische Bildung aus.

Auch die Person des Massenmörders deutet ja nicht auf die beruhigende These eines irrlichternden Einzeltäters hin. Der Mann war hochgebildet, war Führungsfunktionär einer Rechtspartei, las Immanuel Kant und John Stuart Mill, und er war in der Lage, 1.500 Seiten eines mehr oder minder kohärenten Textes auf die Reihe zu bringen. Für mich zählt er zum Lager der (nicht mehr ganz so) ’neuen Rechten‘, die sich überall in Europa formiert, jene Fraktion, die sich in einer Welt voll Teufel wähnt und Carl Schmitt und Ernst Jünger studiert, um dann die ‚Propaganda der Tat‘ zu glorifizieren, den umfassenden Schrecken, um eine demokratisch eingelullerte Herde endlich wachzurütteln. Ein Einzeltäter war er nur in dem Sinne, wie auch die Rathenau-Mörder ‚Einzeltäter‘ waren, das Einzeltätertum, die ‚Stoßtrupp-Ideologie‘, ist in der rechten Szene Teil der Strategie (1). Wer das nicht sehen will, der glaubt wohl noch, dass auch der Nationalsozialismus eine ‚kleinbürgerliche Bewegung‘ gewesen sei, obwohl doch der ganze Personalstamm bspw. des Reichssicherheitshauptamtes, der Exekutive des Führerstaates also, aus hochgebildeten jungen Einser-Juristen bestand. Weiter im Text mit der argumentativen Schuldlastumkehr:

„Die Tat ist religiös motiviert und nicht politisch. Es passiert vermutlich genau das, was durch die islamische Einwanderung provoziert wird. Fundamentalistische Christen wehren sich gegen die Islamisierung Europas, weil die Politik versagt. Genau das, was niemand will, denn dann haben wir den nächsten Religionskrieg in Europa.“

Genau – unverhüllte Sehnsucht nach einem Religionskrieg unter klerikal Bekloppten. Und es wäre doch gelacht, wenn wir den Islamisten nicht auch hierfür die Schuld in die Schuhe schieben könnten, und sei es um drei Ecken – auffällig ist mal wieder die gestochene Diktion: Weil die Multi-Kulti-Truppen der marxistischen Volksparteien den Islamisten Tür und Tor öffnen, deswegen ist es zwar (noch) nicht zu rechtfertigen, wohl aber verständlich, wenn ein fundamentalistischer Christ sich dagegen zur Wehr setzt, indem er – Logik adé! – reihenweise Christen abmackelt. Angesichts des überdimensionalen Feindbildes, wie es von SVP, Wilders, PI und anderen tagtäglich zum Dämon aufgeblasen wird, zählen Realität und Empirie nichts mehr. So lebt bspw. der letzte europäische ‚Marxist‘ meines Wissens in Minsk und er heißt Lukaschenko.

Es ist in meinen Augen eine weiße Führungskaste, die sich durch Globalisierung, Europäisierung und Migration in ihren Privilegien bedroht sieht … ein akademisch gebildetes Bürgertum, das sich in den Foren ausspricht und seinem Popanz Zucker gibt. Es ist der radikalisierte Mittelstand, der dort randaliert.

(1) „Ein Einzeltäter betreibt quasi einen „führerlosen Widerstand“, wie es im Handbuch der international tätigen, rechtsmilitanten Gruppierung „Blood & Honour“ als Strategiepapier aufgeführt wird.“

Euphemismen schmieden

Die Verniedlichung steckt immer schon im verwendeten Vokabular. Wenn das im ‚Qualitätsjournalismus‘ passiert – umso schlimmer:

„84 Menschen starben nach Angaben der Polizei bei einer Schießerei in einem Jugendcamp.“

Soso, eine ‚Schießerei‘ wäre das also gewesen? Ist ein solcher Ausdruck nicht eher angebracht, wenn in Libyen die Regierungstruppen der Nationalen Befreiungsfront plötzlich auf Gaddafis Söldner treffen? Oder wenn am Corral 9 der Marshall und die Viehbarone die Sache mit ihren Colts austragen?

In Norwegen hingegen hat ein schwerbewaffneter Einzeltäter, der sich als Polizist getarnt hat, unbewaffnete Jugendliche um sich her versammelt, um wahllos und ohne Vorwarnung in diese dichtgedrängte Menge zu feuern. Mit dem Ziel, möglichst viele von denen ‚umzulegen‘.

Das war folglich eine eiskalte Hinrichtung, aber keine ‚Schießerei‘. Es erinnert mich eher an die Taten der Wehrmacht in der Ukraine als an eine Auseinandersetzung zwischen zwei bewaffneten Gruppen. Es wäre daher schön, wenn der ‚Spiegel‘ seine unangemessene Wortwahl korrigiert und sprachlich aus einem Henker keinen Kombattanten macht, der in eine ‚bewaffnete Auseinandersetzung‘ verwickelt gewesen sei. Wie’s besser ginge? Nun, dieser Kollege macht es euch vor:

„Kaltblütig, brutal und möglicherweise aus kruden politisch-religiösen Motiven hat der Attentäter 84 Jugendliche auf der norwegischen Insel Utøya regelrecht gejagt und hingerichtet.“

Das alles wäre doch Pillepalle, Korinthenkackerei und letztlich doch egal? Eben – den Eindruck gewinne ich bei euch Zynikern ja auch zunehmend …

Widdewiddewitt – bzw. Brodern

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip ist bekanntlich die wirksamste Waffe des israelgläubigen Wrong-or-Right-my-Country-Barden Henryk M. Broder. In der ‚Achse des Guten‘ regt er sich über Stefan Hupka auf, einen Kommentator der ‚Badischen Zeitung‘, der es doch wirklich wagte, eine Parallele von Sarrazins Auftritt in Kreuzberg zu Ariel Scharons Auftritt auf dem Tempelberg zu ziehen. Was damals, im Jahr 2000, bekanntlich die zweite Intifada auslöste. Über den Sinn und Unsinn solcher Vergleiche mag man ja streiten, Broders Argumentation in diesem Fall aber krankt an galoppierender Schieläugigkeit:

„Was den Tempelberg von Kreuzberg unterscheidet; die deutsche Souveränität über Kreuzberg ist unumstritten, es sei denn, Ankara habe inzwischen diesbezüglich Ansprüche angemeldet.“

Jaja – da gibt es nämlich tatsächlich einen Unterschied. Und da der Teufel nun mal ein Logiker ist, da der Umkehrschluss bis auf weiteres die wirksamste Waffe bleibt, um bloßes Altmänner-Geblubber als solches zu entlarven, soll dies ja dann wohl insinuieren: Gerade, weil Israels Ansprüche auf den Tempelberg völkerrechtlich höchst umstritten sind, war die Provokation sehr viel korrekter, die der Scharon dort damals beging. Oder wie, oder was? Oder aber er meint, anders als Sarrazin wäre der Scharon ein Riesentrottel gewesen, was ich nun wiederum bei Broders ideologischem Stallgeruch nicht wirklich glauben mag.

Wie dem auch sei – ich möchte unseren wahnwitzelnden Herrn doch gern mal hören, wenn die Durchgeknallten aus unseren Vertriebenenverbänden jemals den germanischen Tempelberg zu Breslau heim ins Reich holen wollten. So wie einst der Scharon den seinigen …

Oldies but Goldies

Journalisten haben Lieblingsmetaphern, gern auch solche, die ihnen das Denken abnehmen. Hierzu zählt seit Methusalems Zeiten mit Sicherheit der ‚Paukenschlag‘. Wenn der Leitartikler lautstark auf das geschundene Fell haut, dann gewinnt er – glaubt jedenfalls er – für das drögeste Thema die nötige Aufmerksamkeit. Hier einige Anwendungen, frisch aus unserer inhaltsleer daherdröhnenden Medialgegenwart:

„Energiepolitischer Paukenschlag in der Region.“
[Was ist los? Nichts ist los. Hohenlohe führt eine Bürgerbeteiligung beim Entscheid über Energieprojekte ein.]

Schon in wenigen Stunden beginnt die Comic Con 2011 in San Diego mit einem Paukenschlag. Der Cast aus der Twilight-Saga “Breaking Dawn” hat sich angesagt.
[Worum geht’s? Semi-Promis besuchen nur halbwegs Interessantes.]

Der Paukenschlag von Rapinoe
[Ein haushoher Favorit schoss, wie erwartet, früh das erste Tor.]

„Paukenschlag in Vluyn: Die Feuerwehrleute wollen … mit einer Mahnwache – auf ihre Situation aufmerksam machen.
[Ein paar Männlein stehen rum – die Pauke macht dazu Bummbumm.]

„Ferienauftakt mit einem Paukenschlag: 204 Mädchen und Jungen beteiligten sich an erster Falkenseer Sommerakademie.“
[Wie die Ferienakademie mal fast ausgebucht war …]

„Paukenschlag in Murrhardt. Bürgermeister Dr. Gerhard Strobel wurde nach acht Jahren erdrutschartig abgewählt.“
[Das Duisburger Modell: Ein Bürgermeister hielt sich – den Fakten zum Trotz –  für einen Sugar-Daddy.]

Resumée: Der ‚Paukenschlag‘ im Journalismus funktioniert immer noch ähnlich probat wie bei Papa Haydn und seiner Symphonie mit dem Paukenschlag: Sobald das Publikum wohlig dahinzudösen beginnt, schlägt der Mann am Ochsenfell zu. Das Publikum schreckt hoch, denkt ‚Ach so!‘ und versinkt wieder in medialen Dämmerschlaf …

Tölpel jagen

Sehr gehrter Kunde! Unsere Bank hat eine Generalьberholung, die oder rutschen Fehler unterzogen. Bitte laden Sie den Anhang und nett zu Ihren Daten und Kontoinformationen sicher zu aktualisieren. Wenn Sie unsere Leistungen gab, ignorieren Sie bitte diese Nachricht. Danke. Wir alle kennen und respektieren Sparkasse.“

Wenn’s keinen Erfolg hätte, würden sie’s ja nicht versuchen. Wenn’s Erfolg hat, frage ich mich, wie’s in gewissen Köpfen wohl aussieht. Wie dem auch sei, von praxistauglichen Übersetzungsprogrammen sind wir immer noch Lichtjahre entfernt …

Von Zeit zu Zeit

Die Zeit ist die größte Entfernung zwischen zwei Orten“, sagt Tennessee Williams. Ein wenig erinnert mich diese Aussage an Heraklits Diktum, wonach kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Kehren wir an den Ort einer Kindheitserinnerung zurück, dann ist der Ort zwar noch da, doch die Kindheit ist verschwunden. Dazwischen liegt die Zeit.

Natürlich hat Frank Schirrmacher recht, wenn er das Internet als irreversibel bezeichnet, als ein Faktum, gegen das zu kämpfen einer Don-Quichotterie gleichkäme. An der Uhr hat aber trotzdem niemand gedreht, obwohl alle retardierten und überholten Strukturen durch das Netz zunehmend größere Probleme bekommen werden. Gegen das Netz kann man sich längst nicht mehr wehren, man kann es nur mehr oder minder sinnvoll in sein Leben integrieren. Das Netz ist der Hase im Märchen, es ist immer schon da, auch auf dem Zeitstrahl kann es niemand ausbremsen oder überholen.

Die neue, netzgenerierte Zeitebene bildet folgerichtig den Kern des Schirrmacher’schen Philosophierens – es ginge doch gar nicht um Print vs. Online, auch nicht um private vs. öffentlich-rechtliche Medien, es sei die Zeit selbst, die sich verändert habe, die durch das Internet revolutioniert würde, und zwar keineswegs nur durch die immer schnelleren Quantensprünge bei der technologischen Entwicklung:

„Jeder Mensch wird künftig in seinem persönlichen Leben mindestens so viele verschiedene Zeitzonen haben, wie es sie heute auf dem Erdball gibt. Irgendwo in seinem Leben wird es sechs Stunden früher sein – nämlich dort, wo er die Facebook News der letzten Stunden liest; irgendwo sechs Stunden später, dort, wo er sich mit Googles „predictive search“ die Gegenwart berechnen lässt (wie wird das Konzert, wann muss ich losfahren, was will ich suchen?), die zum Zeitpunkt der Suche noch Zukunft ist. … Die Überforderung durch digitale Technologien ist im Wesentlichen der Konflikt zwischen verschiedenen, in Konflikt stehenden Zeitebenen.“

Da ist etwas dran – zugleich ist so auch nichts daran. Einerseits fühle ich mich – wie ich im Vorläufertext ausführte – vom Internet keineswegs überfordert, auch nicht durch den Temporärspagat, der mich an verschiedene Zeitzonen anpasst. Jeder Frankfurter Bankmanager musste dies früher auch schon tun, dann, wenn er den Kollegen in New York anrufen wollte, und zwar lange vor Beginn jeder Digitalisierung. Natürlich kann ich heute Fernsehsendungen zeitversetzt sehen, was aber dann doch eher einer ‚Entformatierung der Zeit‘ gleichkäme. Die Zeitpunkte gewünschter Information sind liquide geworden, es gibt keine Ankerpunkte im Tagesablauf mehr, so wie dies einstmals der Tagesschau-Termin um 20:15 Uhr war. Man könnte aber auch von einer Befreiung von Zeitzwängen sprechen, statt zur Alarmtrompete zu greifen.

Etwas anderes ist sehr viel wesentlicher: Derzeit dynamisiert, multipliziert und beschleunigt sich das Informationsgeschehen ins Ungeheure, in den alten wie in den neuen Medien. Die müde Sau, die einst durchs mediale Dorf getrieben wurde, ist zu einer Schweineherde auf Speed geworden – und trotzdem (oder deshalb) geht nichts mehr wirklich voran. Paul Virilio hat einmal vom „rasenden Stillstand“ gesprochen. Die Welt gleicht einem verrückt gewordenen Flipper-Tisch: Bunte Ereignisse und Events wohin man blickt – bis uns nichts mehr wirklich wichtig ist, weil wir zu recht oder unrecht in dem unaufhörlichen Geflacker keinen Sinn mehr erblicken. Medien verschlingen unsere Zeit, sie gelten als blankes Amüsemäng, sie wirken als Mittel gegen die Langeweile, sie sind aber keine Konsensmaschinen mehr. Sie formieren uns nicht, auch tangiert uns nichts mehr – dank eines unaufhörlichen medialen Dopings, das in immer kürzeren Zeitabständen nach einem neuen Schuss verlangt – von Gott-weiß-was angetrieben.

Weiterlesen

Das große Vergessen?

Unsere Erinnerung wird doch nur von jenem Teil unaufhörlich eintreffender Daten und Ereignisse geformt, die für uns zum Erlebnis und damit ’subjektiv‘ werden konnten. Das Resultat, jedenfalls dort, wo es zu Praxis und aktivem Handeln wird, nennen wir dann gern Erfahrung oder Wissen. Es sind überaus zwiespältige Gefühle, die mich bei der Lektüre von Frank Schirrmachers neuem Artikel bewegten, womit er die Thesen seines Payback-Buches fortsetzt. Gleich anfangs schreibt er, auf einen Science-Bericht Bezug nehmend:

„Das Papier, das in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, bestätigt andere Forschungen, die belegen, dass die Menschheit damit begonnen hat, ihr Gedächtnis nach außen zu verlagern, und dafür den Preis der Vergesslichkeit zahlt.“

Gleich mit mehreren Kategorien habe ich dort logische Schwierigkeiten: Wann hätte der Mensch oder gar ‚die Menschheit‘ ihr Gedächtnis je im Inneren getragen? Spätestens seit der Aufklärung haben die Menschen ihr Gedächtnis nach außen verlagert, oder, um mit Einstein zu reden: „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.“ Die Wissensforschung, nicht erst seit Peter Burke und seiner ‚History of Knowledge‘, hat beschrieben, wie grundlegend das menschliche Gedächtnis durch die Institutionalisierung der Bibliotheken und der akademischen Forschungsstellen von der Steißpaukerei eines wortwörtlich memorierten und kanonisierten Wissens entlastet wurde.

Seit jener Zeit wissen wir alle nur noch ‚wie von ungefähr‘, und wenn wir’s mal genauer wissen wollen, schreiten wir zum Regal, um oberschlau das ungefähr Erinnerte im Wortlaut zitieren zu können, dort, wo wir uns damals den Bleistiftstrich an den Rand gemalt haben. Kaum jemand von uns könnte aus dem Stand einen luziden Vortrag über die Relativitätstheorie oder Marshall McLuhans Kommunikationstheorie halten – und bis auf weiteres glaube ich auch nicht, dass Frank Schirrmachers Artikel ohne Zuhilfenahme ‚externalisierter Information‘ verfasst worden ist.

Weiterlesen

Narben tun ja nicht weh …

Schon eher wirkt dies Gewebe wie eine schützende Hornhaut, da ist keinerlei Gefühl mehr drin: „Die Einsätze hinterließen Narben auf der Seele des professionellen Kämpfers.“ Kitsch as Kitsch can … aber wer an blutende Seelen glaubt, mag zum Taschentüchlein greifen und schluchzen.

Pyrrhus-Siege

Honorè Daumier: Don Quichotte (Public Domain)

Honoré Daumier: Don Quixote (Public Domain)

Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ – Catos Spruch von der notwendigen Zerstörung Karthagos war frührömische Staatsraison. Auch die Geschichte vom Pyrrhus gehört in jene antike Zeit. Auf süditalienischem Boden erfocht dieser Stratege solch großartige Siege, dass er aufgrund seiner Verluste prompt kapitulieren musste. Warum erzähle ich euch das?

Nun, die vereinigte Verlegerschaft von Entenhausen hat in Belgien jüngst einen solch großartigen Sieg gegen den gefährlichen Drachen Google erfochten, gegen jenen Netzwurm, der zum Frühstück bekanntlich gleich drei Geschäftsmodelle zu fressen pflegt. Unweit von Waterloo sprachen diese belgischen Richter ihr verlagsfrommes Urteil: Wie erwünscht, darf Google keine Links auf die kostbaren und unverzichtbaren Artikel Holzstettens mehr setzen, das altbewährte dunnemalige Monopol wurde wunschgemäß wieder hergestellt.

Google handelte prompt – was blieb ihnen übrig? – und ganz dem Urteil entsprechend: Es tilgte alle Spuren ins Reich der belgischen Zellulose. Prompt beschweren sich jetzt die gleichen Verleger über einen „Boykott“ durch dieses böse Google, weil sie plötzlich ihre auflageförderlichen Klicks vermissen. Um einen Disco-Hit pyrrhusgemäß zu paraphrasieren: The Winner takes it knocked out …

„The newspapers filed a lawsuit against Google in 2006 claiming the web giant had no right to post links to their articles on Google News without payment or permission. They won, and a Belgian appeals court upheld their victory in May. …

The paper La Capitale said on its web site Friday that Google had begun „boycotting“ it. Google searches late Friday showed that the websites of the newspapers who sued Google, who were members of an organization called Copiepresse — a Belgian, French-language newspaper copyright management company — did not appear in search results, as they have in the past. … Google spokesman William Echikson said the court decision applied to web search as well as Google News and the company faced fines of 25,000 euros ($35,359 per infringement if it allowed the newspapers‘ websites to keep appearing.“

Kurzum: Recht zu bekommen, ist unseren Don Quichottes gar nicht recht …

via: Fefe

Auf diesen Felsen sollst du bauen!

Im ‚Don Giovanni‘ ist der steinerne Gast ein eiskalter Hund; eine lebende Statue, die den notgeilen Ölprinzen und aufstrebenden Bizzinissman mir nichts dir nichts in die Hölle stürzt, nur weil dieser sich im Wettbewerb unorthodoxer Methoden bediente. Wer möchte da schon aus Stein sein?

In der Wunderwelt des Journalismus aber ist der steinerne zum ständigen Gast geworden: Lebende Petrefakte stampfen in Scharen durch die Rabatten unserer Zeitungslandschaft. Ein weibliches „Urgestein des Hochschulsports“ nimmt – wohl bekomm’s! – sogar Kickboxen ‚auf ihre Kappe‘, das „Partei-Urgestein Erwin Teufel liest der CDU die Leviten“, wobei ich aus schierem Schandudel glaube, das Schreiber selbigens nicht weiß, was ‚Leviten‘ überhaupt sind, und sogar dem ‚Best-Ager‘ Thomas Schaaf rollen die frechen Pressbengels schon felsige Grüße auf den Lebensweg: „Bremer Urgestein wird 50“. Wir lernen daraus: Mit 50 fängt die Steinzeit an …

Dies „Urgestein“ zählt zu den journalistischen Dauerlutschern, es gilt selbst als „Urgestein“ schnellfertiger Textgestaltung, auf freier Wildbahn entfleucht es nur den ratternden Rotationsmaschinen. 3,2 Mio. Google-Treffer säumen inzwischen die Schneise fortschreitenden Sprachruins, alle Kasimire baggern an ihrem Blaumilchkanal. Wo immer ein Journalist nicht „seniler Alter“, „Tattergreis“, „Jubilar“, „Kukidenker“, „Veteran“ oder „Mümmelmann“ schreiben mag, da kramt er sich sein „Urgestein“ aus dem verbalen Instant-Marschgepäck. Das ist für ihn bequem, auch der Leser muss sich nichts dabei denken, und ein hohes Alter erscheint hier mal nicht mal als Vorwurf – denn Opas Starrsinn wird zur granitenen Unbeugsamkeit verklärt.

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑