Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2011 (Seite 1 von 4)

Übers(ch)etzung

Nachdem ich den Artikel 1 unseres Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) einige Male durch den Wolf des Übersetzungsprogramms ‚Babelfisch‘ gedreht hatte (dt./frz./it./engl./port./frz./dt.), kam ich zu folgendem Resultat:

„Dieser Würde-sich-umwandeln-Mann ist unantastbar.“

Nur die Kopula sind dabei von mir. Um das Ergebnis fasslicher auszudrücken: „Bei uns sind Wendehälse sakrosankt„. Schon sehr realitätsnah, dies Programm!

Die Schnetzlaffs

Im Schüren der Ängste vor Killerspielen steht die ‚Welt‘ weit vorn in Deutschland: „Computerspiele – CSU warnt vor Realitätsverlust“, „Aktion gegen Killerspiele verläuft schleppend“, „Der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl brachte im „Kölner Stadt-Anzeiger“ Sperren für „Killerspiele“ ins Gespräch“, usw., usf.

Ich bin ja auch der Ansicht, dass vom Metzeln der Orkhorden am Bildschirm kein gerader Weg hin zum Abschlachten von Mitschülern an einer deutschen Oberschule führt. Zumindest wären die Plasmagewehre und High-Tech-Schnetzelwaffen, die dort am Monitor zum Einsatz kommen, in der Realität selbst auf dem Schwarzmarkt kaum zu beschaffen. Schützenvereine sind da sicherlich biederer und zugleich probater. Wenn aber eine Redaktion, die sich auf den politischen Seiten dem Kampf gegen ‚Gewaltverherrlichung‘ in den Zombie-Industries verschreibt, in ihren Spalten gleich nebenan – dort, wo nämlich die Anzeigen stehen – dann so etwas schreibt, liegt mir der Gedanke an ein ausgeprägt schizoides Denken nicht mehr fern:

„Zimperlich geht es in diesem Urlaub nicht zu: Die Möglichkeiten, untote Körper umzuarrangieren, sind üppig – und Blut kommt in diesem Spiel in fast so großer Menge vor wie Sand. Knochen lassen sich geräuschvoll brechen, Schädel vom Hals entfernen – und so manch ein Gegner verliert auch noch andere Körperteile. Und nun die schlechte Nachricht: Da wegen der Brutalität des Spiels eine Altersfreigabe von der USK nicht zu erwarten ist, veröffentlicht Koch Media „Dead Island“ in Deutschland gar nicht erst.“

Soll wohl heißen: Liebe Freunde des virtuellen Abmackelns und Niedermachens – nutzt daher die weltweiten Möglichkeiten des unzensierten Internets!

Untauglicher Versuch

Ulf Poschardt versucht, Henryk M. Broder vor jenem ideologischen Tsunami zu retten, der aus Norwegens Fjorden derzeit auf unsere Rechtspopulisten zurollt. Dem Broder sei das gegönnt. Eine „Blamage“ sei es, so Poschardt, wie mit Deutschlands wortmächtigstem Provokateur jetzt umgegangen wird. Natürlich mal wieder von den ‚Gutmenschen‘. Um einem solch argumentativen Salto Mortale einen Anschein von Restplausibilität zu verleihen, bedarf es zunächst einer krassen und fast schon karikaturhaften Verzeichnung des schrecklichen Simplifikators zum streitbaren Humanisten:

„Wer in bewusster Verkennung Broders dessen anarchischen Humor und seinen kämpferischen Humanismus in den Zusammenhang mit einem Massenmord eines wohl persönlichkeitsgestörten Attentäters bringt, sortiert die Welt allzu simpel nach Gut und Böse und errichtet einen moralischen Hochsitz, von dem aus die Debatte herrschaftlich verwaltet werden soll.“

Über den Hochsitz als Verwaltungseinrichtung mögen Berufenere nachdenken. Ansonsten ist es ein altes Lied – die publizistische Herrschaft üben mal wieder die anderen aus, so als ob nicht jahrelang und in allen erreichbaren Kolumnen Islam und Islamismus über einen Kamm geschoren worden wären. Simpel wäre demnach nicht der Broder, simpel wären vielmehr die Kritiker, vermutlich jene linke Geistesverschwörung Hirnamputierter, die in Broders monothematischer Lego-Welt immer im Zentrum des narrativen Fäkabulierens steht … keinesfalls aber unser „Tag und Nacht hämmernder Polemikroboter der deutschen Publizistik“, der allen Affen so hingebungsvoll und säckeweise den Zucker in den Mors bläst.

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Worte töten nicht?

Es bedeutet nicht, dass die rechten Politiker und Publizisten, von denen viele Bestandteile des wirren Machwerks stammen, eine Mitschuld an den Verbrechen haben. Worte töten nicht, und Schuld trifft darum nur den Täter.“

Vermutlich handelt es sich hier um eine journalistische Schutzbehauptung von Ewigkeitswert. Die Welt ist doch voll mit Beispielen, wo Worte faktisch getötet haben. Wie ist es denn mit dem Feldwebel der Wehrmacht, der vor dem ausgehobenen Massengrab „Feuer!“ auf zitternde Judenleiber befahl? Hat der nicht getötet, nur weil es letztlich der Gefreite Arsch war, der den Finger am Abzug krümmte? Was ist mit Urteilen, die den Vollzug der Todesstrafe fordern? Was ist mit dem Vollzugsbeamten, der befiehlt, dass jetzt das Gift in die Adern des Delinquenten fließen soll? Wie steht es um die Hetzartikel im ‚Stürmer‘, hätten die wirklich mit Auschwitz so rein gar nichts zu tun? Und warum beginnt ein Krieg mit einer „Kriegserklärung“?

Spätestens seit der Sprechakttheorie wissen wir, dass unsere Kommunikation auch die Tat bewirkt. Wer spricht, handelt – das gilt eben auch für die Giddels aus den Foren der Islamophoben-Front, das sind in meinen Augen zumindest Schreibtischtäter. Auch ein Journalist sollte sich dieser Verantwortung für die Wahl seiner Worte immer bewusst sein, statt in exkulpatorischer Absicht uns alten Käse aufs Papier zu schmieren …

Messfehler beim Blabla?

Kann dieses Ergebnis wirklich den derzeitigen Zustand des bundesdeutschen Qualitätsjournalismus beschreiben? Ich hatte doch nur probehalber einen beliebigen Text von Jan Fleischhauer ins Blablameter einfließen lassen – und dann stand ich vor diesem Instant-Zeugnis:

„Bullshit-Index: 0.36. Ihr Text zeigt erste Anzeichen heißer Luft. Für Werbe- oder PR-Sprache ist das noch ein guter Wert, bei höheren Ansprüchen sollten Sie vielleicht noch ein wenig daran feilen.“

Nein, nein, nein – auch ein unqualifizierter Programmentwickler darf meine Ikone nicht so durch den Dreck ziehen! Diese Krittler sollten ihr Blablameter dringend überarbeiten, bis es auch die Ansprüche eines gediegenen neokonservativen Sprachgebrauchs ’spiegeln‘ kann. Eine wild herausgegriffene FDP-Preesseerklärung bot meinen erstaunten Augen übrigens das folgende Bild:

„Bullshit-Index: 0.44. Ihr Text riecht deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken.“

Was soll denn das nun wieder? Die FDP hat doch gar nichts mehr zu verkaufen!

Tea-Partituren

Wer den Staat auszutrocknen trachtet, wer ihn zum großen Dämon aufbläst, dem alles Übel dieser Welt zuzuschreiben ist, so wie dies die Knallkapitalisten von der amerikanischen Tea Party tun, der ist – logisch und sprachlich gesehen – dann auch nichts anderes als ein Staatsfeind. Aus lauter Patriotismus wollen sie ihr Patrimonium abschaffen. Wie doof das ist? Naja, das ist exakt so klug wie es die Anhänger dieses geistfernen Afterglaubens sind …

McLuhan rotiert

Früh am Morgen wurden meine müden Augen schon folgendermaßen in welterläuternder Absicht traktiert:

„Die Art des Mediums bestimmt die Art der Botschaft, diese These hat der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan schon 1967 aufgestellt – das gilt auch für den Terrorismus im Internetzeitalter.“

Schön wär’s, wenn’s so wär, dann stimmten sogar die Folgerungen, die man zieht. Marshall McLuhan hat aber nun mal gesagt: „Das Medium ist die Botschaft„, was schon einen gewissen Unterschied macht. Denn wäre das ‚Medium Internet‘ irgendwie für die Breivik-Taten verantwortlich zu machen, dann wäre das ‚Medium Buchdruck‘ dank Luthers Hasstraktaten auch für die Bauernmetzeleien in der Reformationszeit verantwortlich zu machen, oder im Falle eines Bernard von Clairvaux das ‚Medium Volkspredigt‘ für die Judenschlächtereien im Vorfeld der Kreuzzüge.

Kurzum: Das Medium ist ein Medium ist ein Medium, es vermittelt immer nur irgendwas. Letzteres ist zunehmend egal. Dass damit die Botschaft entwertet wird, dass das Blinkyblinky wichtiger wird, als das Winkewinke weiser Hinweise unserer Mandarine – das hat McLuhan im Kern gesagt. Fasslicher ausgedrückt: Das ‚Medium iPad‘ ist deshalb cool, weil es ein iPad ist. Die Botschaften, die sich coole Besitzer darauf ‚messagen‘, die sind in der Regel doch nur alter Käse, der neuerdings besonders weithin duftet. So gesehen, bleiben dann auch Leute wie Herre, Fjordman, Wilders & Co. als geistige Miturheber ‚mitverantwortlich‘ für die Taten dort in Norwegen. Schuld ist eben nicht ‚das Internet‘. Ebenso wie auch Luther – und nicht der Buchdruck – für die Grausamkeit der Bauernkriege seinen Teil Verantwortung trägt …

Kapitalismus auf Hausmacherart

Bei manchen Leuten kann ich gegen den Bullshit gar nicht so schnell anschreiben, wie der denen aus den Tippfingerchen rinnt. Zu jenen inkontinenten Figuren zählt eindeutig auch Jan Fleischhauer. Siegesgewiss wirft er uns heute eine frischgebackene Do-it-yourself-These in den Fressnapf, wonach ‚der Kapitalismus‘ das Internet erfunden habe, weshalb – „Stillgestanden!“ – auch alle Versuche zur endgültigen Kapitalisierung des Netzes widerstandslos hinzunehmen seien:

„Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung – und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht und wieder vernichtet.“

Rechercheenthoben behauptet unser Kanalarbeiter etwas, das allen Fakten ins Gesicht schlägt: Das ‚Internet‘ war eine Entwicklung staatlicher Stellen, es entstand als ARPANET in der Advanced Research Project Agency des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Gleich anfangs war das Netz also kein Produkt der Privatwirtschaft, es entstand in einer staatlich organisierten Forschungseinrichtung, ausschließlich vom Steuerzahler finanziert. Als World Wide Web wiederum wurde das Netz im CERN von Tim Berners-Lee weiterentwickelt. Auch dies Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire ist eine transnationale staatliche Forschungsorganisation, die zur Zeit 20 europäische Staaten komplett durchfinanzieren.

Mit einem Wort – mich hat das alles nur zehn Mausklicks gekostet, um mein ABC-Wissen sicherheitshalber nochmals zu überprüfen. Aber unser Jan Fleischhauer, nehme ich mal an, der wollte sich seine schöne Klippschulthese nicht selbst kaputtrecherchieren, also hat er uns einfach mal was auf den Bildschirm gebrabbelt, nach dem Motto: „Merkt ja keiner!“

Korrekt hingegen, wenn auch etwas polemisch, wäre doch einzig und allein diese Gegenthese: Faktisch scheint nur eine staatliche Wirtschaft und Forschung in der Lage gewesen zu sein, das revolutionäre Internet zu schaffen. Der ganze Kapitalismus hingegen hat seit 30 Jahren nichts vergleichbar Weltbewegendes auf die Reihe bekommen.

Fern sei es einem Jan Fleischhauer, sich zu fragen, woran das wohl liegen möge. Sonst könnte er ja nicht länger vom Sprungbrett unhaltbarer Behauptungen aus direktemang bei Forderungen wie App-Gebühren oder Pay-per-View landen. Bei der Kapitalisierung einer Technik also, die zwar gar nicht auf dem Mist des Kapitalismus und der Privatwirtschaft gewachsen ist, die diese aber gern zum Ausschlachten übereignet bekommen möchten:

„Jeder Versuch, der bürgerlichen Eigentumsordnung auch im Internet Gültigkeit zu verschaffen, wird von den Netzenthusiasten als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte verstanden. … Das Internet mag alles Mögliche revolutioniert haben, aber die Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion, wo jeder Leistung eine Entlohnung gegenübersteht, hat das Netz nicht geändert.

Tscha, und diese Leistung hat nun mal der Steuerzahler bezahlt, zum Lohn hat er heute ein Internet. Diesen Lohn anderer Leute wiederum, der ‚eigentümlicherweise‘ gar nicht auf einer kapitalistischen Privatleistung beruht, auf freiem Unternehmertum und der gesunden Konkurrenz der Märkte, den möchten die Vereinigten Aktionäre jetzt lieber in ihre Scheuern fahren. Herr, wirf endlich Hirn vom Himmel! Und gib den Kolumnisten gleich Nachschlag!

Headline-Klempner unter sich

Norwegen versinkt in haltloser Trauer“

„Die Tränen trocknen nicht“

„Ein Land weint“

„So bewegt von der Tragödie“

„Ein verwundetes Land“

Usw., usf. Mit einem Wort: mediales Sprachversagen auf Grüne-Blätter-Niveau … Kitsch as Kitsch can.

Nix kapiert?

Aber wenn [der Kommentar] nur im Netz stand – na ja. So ist es halt, das Netz – schnell verflogen wie der Wind, manchmal zumindest, und auch manipulierbar, wie an diesem Fall bewiesen. Stünde der Kommentar schwarz auf weiß im guten alten Holzmedium, wär’s der Super-Gau.“

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur die Zeitung von gestern ist immer ratzfatz vergessen, allenfalls gammelt sie irgendwelchen Pressearchiven weitgehend unbeachtet vor sich hin. Weil dieser dummdreiste Kommentar aber im Netz stand, hängt er jetzt dank der Querverlinkung diesem unsäglichen Manfred Schermer sein Leben lang an – übrigens völlig zu recht. Das Netz hat das lange Gedächtnis, nur in Holzhausen konnten die Schreiber in bewährter Weise auf das Vergessen vertrauen.

Nachtrag: Zu einer Art Entschuldigung gezwungen haben die ‚Fuldaer Zeitung‘ jetzt einzig und allein die Netzreaktionen …

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