Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2011 (Seite 2 von 2)

Mittelschicht?

Soeben hörte ich’s in den Nachrichten, in einem Beitrag der ARD über eine drohende Wirtschaftskrise in China: „Während eine kleine, reiche Mittelschicht sich immer mehr Luxus leisten kann, lebt der Großteil der Bevölkerung weiter in Armut.“ Hmmm … es müsste dort in China zugleich eine verdammt große Oberschicht geben, wenn eine derart mit besitzstolzen Adjektiven verzeichnete ‚Mittelschicht‘ statistisch halbwegs in der Mitte der Gesellschaft läge. So wie es der Wortsinn ja verlangt …

Die Schwäche des Befehlens

Grammatisch scheint der Imperativ der glasklare Ausdruck eines Machtverhältnisses: „Tu dies und das!“ sagt der höherrangige Kommunikationspartner, der andere sagt „Jawoll!“ und tut’s. Soweit die Theorie.

In der Realität – mal abgesehen vom Militär – drücken sich Machtstrukturen zumeist nicht im Imperativ aus, zumindest habe ich regelhaft erlebt, dass dort, wo ein Mächtiger zur Befehlsform greifen musste, seine Machtposition zugleich auch schon schwach und wackelig war. Sei’s, weil er sich noch nicht lange im Amt befand, sei’s, weil ihn die Untergebenen längst als substanzloses Windei durchschaut hatten, dem auf der dahinschmelzenden Eisscholle seiner Autorität nur die Kollerkommunikation geblieben war.

Der wahrhaft und unwidersprochen Mächtige dagegen setzt seine Pläne nur selten als Befehle um. Das hat er gar nicht nötig. Der Wunsch, die Frage oder die Bitte sind viel angemessenere grammatische Formen, dort, wo Autoritäten und Hierachien noch intakt und unhinterfragt sind: „Müller, könnten Sie nicht bitte dies oder das mal veranlassen?“ Müller hört’s und verfährt wie gewünscht, ohne dass bestehende Machtverhältnisse explizit hervorgekramt und zur Schau gestellt werden müssten. Was beiderseits die Nerven schont.

Diejenigen dienstbereiten Geister, die von Karriere und Partizipation träumen, können sogar dem Chef unausgesprochene Wünsche von den Lippen ablesen, sie antezipieren den Willen des Vorgesetzten. Der Chef residiert im Kopf des Untergebenen. Letzteres passt übrigens auch gut zu Ian Kershaws Analyse der ungenügend bürokratisierten Machtstrukturen im Dritten Reich: Massenhaft handelten die Befehlsempfänger des Führerstaats vorausschauend so, wie es der Führer vermutlich befohlen hätte. Sie wussten oft besser als der Machthaber selbst, was der Führer wünscht.

Die Befehlsform, der Imperativ, ist hingegen ein kommunikatives Lila, so etwas wie der letzte Versuch, wenn sprachlich andere Möglichkeiten der verbalen Machtausübung nicht länger gelingen.

Zappelphilipps

Eindeutig schwang in den Headline-Schmieden deutscher Leitmedien heute die Kreativität das Zepter, bis ich bei all dem Gezappel den Bedarf für Meinungsvielfalt nicht mehr sah:

„Euro-Minister lassen Griechenland zappeln.“

„Euro-Finanzminister lassen Griechenland zappeln.“

„Euro-Staaten lassen Griechen zappeln.“

„Brüssel lässt Griechen zappeln.“

„Die Finanzminister der Euro-Zone lassen Griechenland zappeln.“

Im Kern geht es doch wohl darum, dass sich hier Marionetten unverdrossen für diejenigen halten, welche noch die Fäden ziehen …

Nachtrag: Immerhin – der ‚Spiegel‘ hat etwas bemerkt, und die Dutzendware aus der Headline ins Lead gestellt …

It’s the economist, stupid!

Die tiefe Krise [der alten Medien] … hat dabei … gar nicht so viel mit dem Internet zu tun – der Niedergang begann viel früher. „Viele Zeitungen in den USA kränkelten schon seit den 1980er Jahren, aber schafften es immer noch, nach außen ziemlich gesund auszusehen. Sie kauften sich gegenseitig auf, die landesweiten Zeitungsketten entstanden, und vor allem die Aktienkurse stiegen und stiegen.“ Doch die Investoren hinter den Konzernen wollten ernten, „Gewinn- und Renditemaximierung war alles – und genau ab diesem Punkt ging es schief.“

Was ich immer sage – Management by Madagascar: Hole dir einen BWL’ler an Bord, und schaue dann zu, wie dein Geschäftsmodell erodiert und die Pest immer neue Decks infiziert. Die Kernaufgabe eines Mediums besteht darin, Informationen sach- und lesergerecht aufzuarbeiten und zu verbreiten, die Ökonomie gehört eher in den Maschinenraum. Wer aber meint, an diesen Basisfunktionen, also am Sachgerechten und an den Leserinteressen, ökonomistisch herumschnippeln zu müssen, der ist schlicht nur verblendet – vermutlich durch Öchsperten.

Vergleichsweise haben die Inhaber von dort unten aus dem Stockdunklen einen Bilanzexperten statt eines Navigators nach oben auf die Brücke des Schiffes gestellt, der jedoch weiterhin nur ans Kohleschippen denkt, der den ‚renditeträchtigsten Kurs‘ anhand des Treibstoffverbrauchs bestimmt, und den Dampfer mangels nautischer Erfahrung prompt auf die Klippen setzt. Mit Internet und ‚Social Media‘ aber hat das alles nur wenig zu tun, es ist eine selbstverschuldete Krise …

Traktormesse zu Plundersweilern

So war es mir immer ergangen, dass ich durch Anschaun und Betrachten der Dinge erst mühsam zu einem Begriffe gelangen musste, der mir vielleicht nicht so auffallend und fruchtbar gewesen wäre, wenn man ihn mir überliefert hätte. Wie erhebend war’s auch heute, auf einem freien Grund mit freiem Volk zu stehen, auf jener großen Wiese vor dem kleinen Städtchen Plundersweilern, wo froh gestimmte Landleute zu geselligem Handel und buntem Treiben sich an diesem Tag begrüßten.

Zu klaren Linien aufgereiht stieß ich zunächst auf ackerpflügende Demiurgen des Fortschritts, deren metallische Gliedmaßen im Lichte der steigenden Sonne in allen Farben funkelten. Namen aus vielen Ländern des Erdkreises las ich auf den Mäulern der diensteifrigen Riesen, die unermüdlich so großen Raum für Millionen schon fruchtbar schufen. Auch an diesem Ort zog ein Sumpf sich einst am Waldrand hin, wo jetzt ein großes Meer aus Ähren wogt.

Was mich betraf, so nutzte ich den glücklichen Augenblick zum Ausdruck meiner Gefühle und Grillen, die der traute Kreis dieses Landlebens heraufbeschwor. Wie glücklich ist doch die Beschränkung, in der diese Menschen leben. Viele Geschlechter reihen sie dauernd an ihres Daseins unendliche Kette, am Busen der Natur sind sie selbst ganz Natur, dem künstlichen Treiben der Städte enthoben.

Dies notiert, verschafften mir ein ähnliches wo nicht gleiches Interesse die Sitten des Landvolks. Dort buhlte ein junger Mann um eine dralle Schöne, der wohlgeformte Schriftzug „AC/DC“ auf schlichtem Arbeitshemd verriet die Zugehörigkeit zu einer noch größeren Gemeinschaft. Das Röslein des Heiden wusste der zudringlichen Griffe sich keusch und mit energischem Gesicht da noch zu wehren.

Im großen Zelt drängten reifere Männer zu den großen Fässern, denen unermüdliche Arbeit tiefe Furchen in charaktervolle Gesichter grub. Wiewohl oft schwankend, wahrten sie doch immer Anstand und Ernst. Derweil erscholl aus schwarzen, wundersamen Kästen ohne Unterlass Musik.

Wandel und Handel vollzogen sich am Rande geselligen Treibens. Hier marteten beide Seiten wortreich um den gerechten Preis. Dreimal schlug dann Hand in Hand, als ein solcher Riese, untereinander Maishäcksler benannt, einen neuen Besitzer fand. Kräftige Wachtmeister mit diensternster Miene kreisten um das geschäftige Treiben, so ungebetene Gäste schreckend.

Bei Sonnenuntergang begann der große Tanz, dessen rauschhaftes Erleben dem Erzähler ein dichter Nebelstreif verbirgt. Wohl aber weiß er, dass er des Morgens als Geweihter in Amors Tempel ruhte …

Johann Wolfgang von Goethe, Reporter

(Bild: wikimedia, CCL)

Tscha, Jan Fleischhauer!

Würde ich ständig so daneben hauen, dann dächte ich wohl über einen Wechsel des Berufes nach. Gut, aber Beratungsresistenz ist ein Phänomen, das nicht nur im Journalismus zu finden ist. In Ihrem neuesten Oeuvre geriet Ihnen jetzt die ‚German Angst‘ in die Tippfingerchen, aus EHEC, Ebola, Golfplätzen, AKWs, Rohkost und Biohöfen rühren Sie uns dort einen appetitlichen Eintopf an, der allemal denselben Blubb im Topf erzeugt: Die Bevölkerung sei doof, nur Gefühlen unterworfen, vernagelt und stocktaub, wo stattdessen glasklare Statistiken und weise Expertenworte vertrauensbildend wirken sollten. Umgekehrt wird ein Schuh daraus – nehmen wir einfach nur den Beginn Ihres Elaborats:

„Nur weil man sich vor etwas fürchtet, heißt das nicht, dass es auch besonders gefährlich wäre. Aber die kühle Risikoabwägung zählt in der Stimmungspolitik nicht – wie die Ehec-Panik zeigt. Im Gegenteil: Wer lieber Zahlen als Gefühlen vertraut, gilt heute als verantwortungslos.“

Welche Ehec-Panik in welchem einfachen Volk, möchte ich da doch fragen? Hier in meiner Umgebung traf ich nur gelassene Leute, die weiterhin ihren frischen Spargel mümmelten und ins Radieschen bissen – die allenfalls wegen der weisen Worte des Robert-Koch-Institutes zeitweilig auf Soja-Sprossen verzichteten. Die Panik dagegen fand eher in den Headlines statt, dort „wütete“ die „Seuche“, dort wurden die „Todesopfer“ der „Epidemie“ mit täglich neuen Zahlen statistisch zelebriert. Oder sehen Sie das etwa anders als die jederzeit überprüfbare Empirie?

Wenn also die ‚German Angst‘ eher ein Medienphänomen ist, geboren durch die Kreuzung von Auflage und ‚Awareness‘, schlagen Sie dann nicht eigentlich die Falschen? Zumindest würde ich darüber doch mal nachdenken, wenn das argumentative Gebäude windschief zu werden beginnt. Sie aber mischen fröhlich weiter alle Farben und Ereignisse der Welt zu einem Einheitsbrei, denn dem Blinden ist bekanntlich alles grau:

„Es ist schon vertrackt, gerade sind die Deutschen noch zu Tausenden auf die Straße gegangen, um sich und das Land vor dem Atomtod zu bewahren, und dann kommt das Verderben aus dem Frischeregal.“

Jaja – Soja, Sushi und Fukushima, alles nur eine Soße. Alles kein Grund zur Beunruhigung, würden wir nur auf die gebenedeite Statistik hören – und was sagt uns die, Ihrer Milchmädchenrechnung zufolge: „Drei tote Arbeiter in Fukushima, 35 Opfer nach dem Outbreak in der norddeutschen Tiefebene.“ Aha – Rohkost wäre also wesentlich gefährlicher als die überschätzte Radioaktivität aus drei Reaktoren, und die Leute würden besser aufhören, Müsli zu fressen, als um ein paar Quadratkilometer verstrahltes Land im fernen Japan zu barmen. Haben Sie sich eigentlich schon mal an die Stirn gefasst? Und – glüht’s schon im Denkreaktor?

Weiterlesen

Übersetzungshilfe:

Die Chancen der Milliardenforderungen gelten als nicht gänzlich aussichtslos.“

Im Klartext:

„Die Milliardenforderungen haben kaum Chancen.“

Warum machen sie’s dann? Na, wegen der Drohkulisse …

Mutanten

Die Wörter unserer Sprache sind keine Informationsbehälter, sondern immer nur Auslöser oder ‚Trigger‘, die auf vorgefertigte Konstruktionen oder ‚Sprachwelten‘ in den Köpfen anderer Leute treffen, um dort dann dies oder das zu bewirken, je nach existierender Schablone. Sehr schön lässt sich das derzeit wieder im SpOn-Forum beobachten, inzwischen ein Ort des kommunikativen Grauens, wo alle Anti-Imperialisten und Verschwörungstheoretiker dieser Republik ihre Trutzburg errichtet haben. Circa hundert Männeken tummeln sich also da.

Hier der faktische Kern, um den es im Folgenden geht: Luis Moreno-Ocampo, der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag hat Muammar Al-Gaddafi „Anstiftung zu Massenvergewaltigungen“ vorgeworfen – und der ‚Spiegel‘ hat von diesem Vorwurf berichtet.

Was aber richtet eine solche Meldung jetzt im Kopf eines Menschen an, bei dem diese Fakten den üblichen ‚Da-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf-Reflex‘ des gemeinen Verschwörungs-theoretikers auslösen? Nun – er vertauscht zunächst einmal ratzfatz den Absender: „Das ist geradezu armseelig von der Nato, was da behauptet wird.“ Zappzerapp – statt des Internationalen Strafgerichtshofs hat auf einmal die NATO diesen Vorwurf erhoben. Da stimmt das Feindbild wieder, da trötet die Trompete wieder, tätätä! – kurzfristig ausgerenkte Synapsen haben die gewohnte ideologische Abwehrstellung wieder eingenommen, alles scheint nach diesem mentalen Taschenspielertrick wieder klar.

Danach wird gleich mal die Faktenbasis angezweifelt. Obwohl Strafgerichtshof wie Chefankläger wohl kaum von Massenvergewaltigungen schwätzen dürften, wenn ihnen die eigenen Aussagen gleich wieder um die Ohren gehauen würden, obwohl also wohl ein starker Anfangsverdacht besteht, wird jetzt die Glaubwürdigkeit der Quelle bezweifelt, man müsse erst einmal ‚wahre Zeugnisse‘ abwarten, die wohl am besten aus irgendeiner Anarcho-Postille stammen sollten: „Massenvernichtungswaffen“, „Massenvergewaltigungen“, „Massenpotenzmittel“, die Propaganda lässt nichts unversucht, um einen illegalen Krieg zu legitimieren. Wie wäre es mit „Gaddafi soll massenhaft kleine Kinder zum Frühstück fressen!“ Ich würde gerne mehr hören, wenn die Erkenntnisse gesichert sind.“ Bleibt die Frage, wann sie gesichert wären? Wenn auch das libysche Staatsfernsehen darüber berichtet?

Die Stärke des Vorwurfs wird daraufhin als Schwäche gedeutet: „Außer den üblichen Massenvergewaltigungen haben die Ankläger nichts publicity-trächtiges vorzuweisen? Gaddafi frißt keine kleinen Kinder zum Frühstück, frönt nicht der Sodomie und erzählt auch keine Judenwitze? Ganz schwach, dieser Chefankläger. An der Öffentlichkeitsarbeit seiner Behörde muss er noch arbeiten.“ Der unabhängige Internationale Strafgerichtshof ist als reine Propagandaschmiede ausgemalt worden, Teil einer Volksverdummungsindustrie, natürlich im Dienste von NATO und Ölinteressen …

Denn jetzt betritt das stärkste Argument aller Verschwörungstheoretiker die Bühne – das ‚Cui bono‘ oder ‚Wem nützt es‘. Libyen hat Öl, schon scheint ihnen alles klar – es sind die Ölinteressen des Westens, obwohl doch faktisch die Ölanlagen des Westens von Konzernen stammten, die auch unter Gaddafi längst überall ihre Bohrtürme in die Wüste gepflanzt hatten, Anlagen, die zudem – neben den Menschen – am meisten unter diesem Krieg leiden: „„Es geht erstens um das libysche Öl und zweitens um die Pläne Gaddafis, eine afrikanische Goldwährung einzuführen.“ Aha! Soso! Hmmhmm! Ein Masterplan des genialen Führers musste verhindert werden, da kann man doch mal sehen …!

Am Ende steht dann immer die große allgemeine Medienverschwörung, zu der dann auch der Spiegel gezählt wird, obwohl sich unsere Quartalsirren hier beim Spiegel doch lang und breit und schlapp ausmären dürfen: „„Mir schwillt schon wieder der Kamm bei einer derart unreflektierten medialen Staatsterror-Propaganda. Warum sind deutsche Medien mit einem derart arroganten Auftreten wie vor allem DER SPIEGEL nicht in der Lage, den für sich propagierten Anspruch eines ethisch wertvollen Informationsjournalismus nachzukommen?“. Aha – der deutsche Staat, der an dem Libyen-Krieg bekanntlich gar nicht teilnimmt, der macht also trotzdem Staatsterrorpropaganda für einen Libyen-Krieg, den er nicht führt? Ischa interessant, was Sie da faseln …

Im Kern geht es bei dieser Parade der Blödköppe aber immer darum, dass ihre gewohnten Konstruktionen und Denkfiguren niemals aus dem Tritt geraten dürfen. Sie haben gar kein Mitleid mit dem libyschen Volk, sondern Selbstmitleid mit ihren lädierten Denkstrukturen. Und ändern können sie sich nicht. Also wird mit hanebüchenen Argumenten alles abgewehrt, was nicht zu ihrem Hirn passt, Und das ist so allerhand …

Neue Wörter für alten Quark

Was ist schon ein drohender GAU gegen die furchtbare „Verwindräderung Deutschlands“? Hinzu kommt noch die duftende ‚Güllesierung‘ intakter Kühlwasser-Biotope durch zahllose Biogasanlagen, und die landschaftswürgende ‚Hypernetzung der Heimat‘ mit strahlenden 380-kV-Leitungen. Nicht wahr, Herr Wort-Schmid …?

Lies sell!

Wer bei der Vergabe von Journalistenpreisen nicht an das blanke Wirken des Zufalls glaubt, dem geben die Preisträger jedesmal wertvolle Hinweise darauf, wohin die publizistische Reise gehen soll. Denn es ist ja nicht so, dass Journalisten wie Roland Tichy (Wirtschaftswoche), Helmut Reitze (HR) oder Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel) auf beiden Augen blind wären, vielmehr gaben sie mit der Vergabe des Johanna-Quandt-Medienpreises an zwei Bild-Zeitungs-‚Journalisten‘ einer ganzen Branche Fingerzeige, welche Form des Journalismus bei Verlegern und Chefredakteuren in Zukunft als Schreibhaltung erwünscht ist. Plakativ ausgedrückt: Das ‚Fleischhauern‘ soll jetzt ‚der Standard‘ werden …

Popanzbasteln, einseitiges Schuldverteilen und der Verzicht auf jede journalistische Differenzierung – das ist es, was die preisgekrönten Texte von Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer in meinen Augen vor allem auszeichnet. Die Headlines schon machen deutlich, dass der Journalist sich nicht länger in der Aufklärerrolle gefällt, er soll zum gewieften Demagogen werden, der dem großen Affen Zucker gibt: „Wie Athen sich den Euro erschwindelte“; „So frisierten die Griechen ihre Bilanzen“; „So winkte die EU den Euro für die Griechen durch.“ Die Heilige Trias des Volkszorns – EU, Linke und Ausländer – findet sich hier einträchtig versammelt, nicht nur in den genannten Überschriften, sondern als durchgängiger Tenor in allen diesen ‚Texten‘. Und wer die Griechen würgt, der hat eben keine Hand mehr für unsere Banken frei …

Für mich, der ich nicht völlige Verblendung bei den Juroren voraussetzen mag, lässt diese Preisvergabe nur einen Schluss zu: Ein neuer Barrabas-Journalismus soll an die Stelle alter journalistischer Ideale treten. Man gibt zukünftig dem Pöbel, was er verlangt. Diese journalistische Duldungsstarre lässt sich noch nicht einmal als ‚Meinungsmache‘ bezeichnen, es ist der dienstbereite Koitus mit einer aufgeguselten, je nach Ereignis wechselnden Stimmungslage, wie sie bspw. ein paar verschwörungstheoretisch infizierte Trolle kontinuierlich in den Foren bei ‚Welt Online‘ oder ‚SpOn‘ in eine höchst defizitäre Schriftform pressen. Diese wird jetzt von einem Profi ’salonfähig‘ aufgeputzt, der dann als Leitwolf mit den Wölfen heulen darf.

Der neue „Rudeljournalismus“ (Kurt Imhof), eine Schwundstufe der Publizistik, wurde hier nicht nur prämiert, sondern als neues Ideal allen Volontären vor Augen gestellt. Vermutlich nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen, also der Auflage wegen. „Lies sell“ … schon klar, Halbwahrheiten sind sogar noch wirksamer. Vor allem aber lässt sich mit Hilfe des Nach-dem-Munde-Schreibens ein betrogenes Heer aus gleichgestimmten Landsknechten für ganz andere Zwecke rekrutieren.

Neuere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑