Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2011 (Seite 1 von 2)

Der Märchenton

Nein, es ist wahrlich kein Sommermärchen, was die schwarzgelbe Koalition derzeit durchleidet. Einigkeit wird zunehmend zu einem knappen Gut – und metaphorisch fallen auch mir nur noch kakelnde Hühnerhaufen statt harmoniebedachter Symphoniker ein. In der Presse klingen derzeit die Berichte aus unserem Heimatland Kakaphonien so:

Bislang hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur offiziell mitteilen lassen, dass es noch vor der Bundestagswahl 2013 Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen geben werde, allerdings noch nicht im kommenden Jahr. Schäuble machte nach tagelangem Schweigen am Wochenende dagegen deutlich, dass er trotz starker Konjunktur und steigender Steuereinnahmen kaum Spielraum für größere Entlastungen sieht.(kurzum: der eine meint dies, der andere das, jeder Vorschlag wird zu Konfetti)

Wenn aber die Koalition schon kein Sommermärchen erleben darf, dann ließe sich vielleicht stattdessen der Märchenton in die Berichterstattung einführen. Dieses Genre zeichnet sich durch seine betonte Schlichtheit in Satzbau und Wortwahl aus – vor allem aber durch konsequente ‚Entindividualisierung‘: Statt konkreter Personen trifft der Leser auf ‚personifizierte Rollen‘, statt mit ‚Angela Merkel‘ hat er es mit ‚der Kanzlerin‘ zu tun, und wenn dann doch mal ein Name auftaucht – bspw. Rumpelstilzchen, der Däumling, Kalif Storch – dann wurde der Protagonist fern vom Alltag getauft. Prompt umgibt den Text ein magischer Klang:

„Mißmutig saß die Kanzlerin im großen Saal und seufzte. Erneut hatte der Schatzmeister ihr den Tag verdorben. Zu gern wollte sie wohltätig sein, und beliebt im Volk. Dieser finstere Mann mit den zusammengekniffenen Lippen aber zeigte mit dürrem Finger immer nur mahnend auf leere Schatullen. „Die braven Leute draußen im Land haben doch genug zu essen“, greinte die Kanzlerin, „alle Räder drehen sich, die Schiffe fahren – warum nur sind meine Schatzkisten so leer?“

In diesem Moment betrat ihr Chefdiplomat Vitzliputzli den Saal. „Nicht auch das noch!“, stöhnte die Kanzlerin in sich hinein. Nach außen aber tat sie freundlich: „Was bringt ihr mir, guter Mann?“. „Die Lösung der Finanzkrise, Frau Kanzlerin“, strahlte Vitzliputzli gut gelaunt und tänzelte vor ihr auf und ab. „Wie das?“ „Alles ist im Grunde ganz einfach“, antwortete Vitzliputzli, „bei einer meiner Reisen in ferne Länder besuchte ich den großen Magier Sinn Sala’a Bin – und der enthüllte mir das Geheimnis Gold zu machen“.

„Lasst hören, guter Mann“, sagte die Kanzlerin, bei der sich nun doch Interesse regte. „Es ist ganz einfach“, erwiderte Vitzliputzli, „wir müssen nur alles Gold und Geschmeide, alles, was überhaupt noch in den Schatullen zu finden ist, mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen, schon kommt auf magische Weise das Geld vertausendfacht von den dankbaren Bürgern zurück.“ Die Kanzlerin tippte sich an die Stirn: „Wenn der Vitzliputzli doch nur einmal ernsthaft sein könnte“, dachte sie …

Ein Märchen? – Na klar, das ist ein Märchen …

Bildausfall

Was man sich – ohne loszuprusten – am Telefon so alles anhören muss:

„So etwas, Herr Jarchow, das ist das doch nur das übliche nebulöse Schwarzweißdenken von irregeleiteten Leuten, die keinen klaren Gedanken mehr fassen können.“

Eben, eben – und im Tunnel sind alle Neger grau …

Die Partizipialwurst

Manchmal lohnt es sich, den ‚Spiegel‘ zu kaufen. In dieser Woche nicht wegen der Titelgeschichte, die mehr einer bloßen Aufzählung massenhafter Fehler unserer schwarzgelben Regierung gleicht. Nichts Neues unter der Sonne. Großartig aber ist der Essai von Cordt Schnibben, der unter dem Titel „Die bürgerliche Kernschmelze“ (S. 50 ff, leider nicht online) die große Transformation des Bürgertums untersucht – und damit auch diejenige des ‚bürgerlichen Lagers‘. Schnibbens zentrale, gut belegte These: „Die Wirklichkeit [des Bürgertums] ist nicht mehr rechts„.

Der Begriff ‚Wirklichkeit‘ meint dabei mehr, als nur ‚Zeitgeist‘, ‚Stimmung‘, ‚Demoskopie‘ oder ‚vorwiegende Meinung‘. Die Wirklichkeit ist immer ein gesellschaftlich herrschendes Paradigma. Sie ist jene Kategorie, nach derem Wandel alles, was nicht zur neuen Weltsicht passt, als rundweg falsch, verblichen und ‚verkehrt‘ erscheint, quer über alle Lager hinweg. Kein Satz, der sich gegen das neue Wirkliche stellt, trifft mehr den Kern. Für Altgläubige ist die Welt plötzlich wie verhext. So, wie sie einst auch den Linken erschien, als plötzlich die Neoliberalen zwanzig Jahre lang definierten, was die neue Wirklichkeit sei.

Ein solcher Paradigmenwechsel hat stilistisch Folgen, vor allem für den bisherigen Hegemon, in diesem Fall also für die Rechten. Selbst dann, wenn sie retardiert sind, wenn sie sich unentwegt gegen das neuerdings Anerkannte wenden, müssen sie wider Willen dessen veränderte Kategorien ständig in ihren Texten mit reflektieren. Prompt verknoten sich die Sätze, ihre Argumentation erscheint angestrengt, bemüht und rabulistisch, jedes Satzglied wird zwangsläufig mit erläuternden Anhängseln überfrachtet.

Grammatisch ist ein Resultat die Partizipialwurst, zu bewundern derzeit bei Ulf Poschardt, dem stellvertretenden Chefredakteur der ‚Welt am Sonntag‘, jenem Zufluchtsort, wo das gewohnte Alte seine ideologische Heimat gegen die brandende Flut noch mehr oder minder gekonnt verteidigt.

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Welches Schweinderl darf’s sein?

Verkehrsminister löst wilde Spekulationen aus“ – mit dieser Headline macht die ‚Süddeutsche‘ derzeit ihr Online-Portal auf. Vorangegangen war ein Bericht in der ‚Berliner-Frankfurter-Zeitung-Rundschau‘, wonach der Verkehrsminister Hermann gesagt haben soll, dass die Bahn den Stresstest für Stuttgart 21 „wohl irgendwie bestehen“ würde. Der Minister dementierte prompt:

Sein Sprecher sagte sueddeutsche.de, ein entsprechendes Interview der beiden Zeitungen mit dem Minister habe „nicht stattgefunden“, die zitierten Aussagen seien „nie gefallen“. Berichte über einen möglichen Ausgang des Stresstests seien momentan „reine Spekulation“.

Qualitätsjournalistisch liegt der Fall für mich jetzt so: Eine der beiden Seiten schwindelt, welche dies aber ist, das ist für jedermann derzeit noch völlig unentscheidbar; das Ergebnis des Lügendetektors bleibt abzuwarten. Korrekterweise hätte die Headline folglich lauten müssen:

„Verkehrsminister oder Medien lösen wilde Spekulationen aus.“

Von mir aus auch, weil’s stilistisch einfach besser klingt: „Spekulationen um Stresstest“. Einem Journalisten aber kommt es nur selten in den Sinn, dass der Ball auch mal im eigenen Strafraum liegen könnte. Die Folge sind dann solche Eigentore.

Authentizität trainieren?

Wer im Netz die große Suchmaschine mit den zwei Begriffen ‚Manager‘ und ‚authentisch sein‘ füttert, der stößt auf zwei Millionen Treffer. Viele Links verweisen auf Seminare, wo Führungskräfte lernen sollen, endlich wieder ‚ganz sie selbst‘ zu sein. Wie aber kann ich etwas sein, was ich erst werden soll und trainieren muss? Läuft das nicht auf Katharsis und auf die Sage vom ‚neuen Menschen‘ hinaus? Und weshalb wäre ein Chef nicht authentisch, der mit hochrotem Kopf und mit Kollerkommunikation seine Untergebenen zu mehr ‚Commitment‘ peitscht? Er ist doch schon ganz ‚authos‘, ganz er selbst.

Die Psychologenfraktion innerhalb der wachsenden Coaching-Szene würde jetzt argumentieren, dass ein Manager erst sein ‚wahres Ich‘ oder sein ‚besseres Selbst‘ entdecken muss – dieses verfahre dann natürlicherweise sehr viel teamorientierter, verständnisvoller und motivierender. Eine wahre Bonanza aus verschütteten Führungsqualitäten könne so mit Hilfe des bezahlten Mentors freigelegt werden, denn „zwei Seelen wohnen – ach! – in deiner Brust …

Das große Reden von der erworbenen Authentizität und Glaubwürdigkeit leidet dabei stets an immanenten Widersprüchen. Nur selten ist es selbst ‚glaubwürdig‘, vor allem dann, wenn Logik und gesunder Menschenverstand die angewandten rhetorischen Mittel näher untersuchen. Im Kern geht es zumeist darum, eine schauspielerhafte Glaubwürdigkeit und ‚Authentizität‘ als Rollenspiel so zu trainieren, dass diese angenommene Gestalt auf andere natürlich und angeboren wirkt. Es geht also um Effekte und Effektivität – aber nicht um ein neues Sein. Mit dem eigenen ‚Selbst‘ – was immer dies ist – hat die erwünschte Authentizität nichts zu tun. Der Wortsinn steht gewissermaßen Kopf.

Die Rabulistik, wie sie aus dem Zusammenspiel unternehmensinterner Rollenzwänge und dem Versprechen lukrativer Linderung durch eine boomende Coaching-Industrie entsteht, wirkt folgerichtig oft halsbrecherisch: „Authentizität zeigt sich situativ immer anders, sie ist bewusste Inszenierung statt unbewusste Natürlichkeit“, heißt es beispielsweise im Schnuppertext eines großen Management-Portals. Eine solche Argumentation grenzt an Goethes Hexeneinmaleins : „Verlier die Vier, aus Fünf und Sechs, so sagt die Hex’, mach Sieben und Acht, so ist’s vollbracht.“ Demnach käme eine ‚bewusste Inszenierung‘ – noch böser ausgedrückt: gewolltes Blendertum – der erwünschten Authentizität erst nahe. Der Seminarmarkt schreit gewissermaßen den Scharlatan oder Schauspieler als wahren und einzig authentischen Jakob aus.

Natürlich steckt hinter dem massiven Angebot an Selbstfindungs-Seminaren eine wachsende Sehnsucht, die wiederum diese Trainingscamps füllt. Das Burn-Out-Syndrom unter Managern ist schließlich kein Märchen, auch nicht das ‚Neben-sich-Stehen‘ auf allen Führungsebenen, oder das betriebswirtschaftliche Kalkül, das häufig in Widerspruch zur natürlichen Empathie unter Menschen geraten muss. Nur sollte keine Führungskraft glauben, dass sie diesen Funktionszwängen und den nachfolgenden Depressionen entkommt, indem sie sich eine schablonierte Authentizität von der Stange antrainiert. Wenn es partout nicht mehr geht, sollte der Betreffende sich selbst gegenüber schon so ‚authentisch‘ sein, das Rollenfach auch mal zu wechseln.

Vorurteil und Netzferne

Wer mit netzfernen Leuten spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Vorbehalte, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Hier eine kleine Zusammenfassung, obwohl den meisten Netzbewohnern diese Einwendungen gut bekannt sein dürften.

Typisch ist zunächst der Verweis auf die gefürchtete „Anonymität des Internets“, wovon auch die Politiker ständig barmen. Ein ziemlich heuchlerischer Aufschrei, wenn wir bedenken, dass die gleichen Personen nahezu im gleichen Atemzug dann wieder den „Verlust der Privatsphäre“ im Netz beklagen. Ja – was denn nun? Mal dies, mal das, irgendetwas geht dort wohl logisch nicht zusammen.

Hinter dieser ‚Anonymität‘ verbirgt sich vor allem die Furcht vor den „Pseudos“, vor den angenommenen Namen. Eine Furcht, die vor allem viel Ignoranz zeigt, aber wenig Fachwissen. Erstens bleibt jeder Kommentator trotz eines Pseudos seinem Klarnamen wie mit Sekundenkleber verhaftet. Über die IP-Adresse, über die er sich einloggte, weiß ich notfalls immer, wer er ist – wenn’s mich denn interessiert. Wer wiederum seine virtuelle Kometenspur zu verschleiern sucht, indem er ‚von anderswo‘ einschwebt, der gilt hingegen als ‚Troll‘ und er wird umgehend per ‚SpamKarma‘ oder durch ein anderes Tool vor die Tür gesetzt. Selbst die rechten Eiferer, die bspw. bei ‚Welt Online‘ im Forum – also dort bei den ‚Qualitätsmedien‘ in den Kloaken des Internet – unter Namen wie ‚Thilo sein Freund‘, ‚Armes Deutschland‘ oder ‚Oberschollo‘ extremistischen Müll absondern, die vergessen in ihrer Dummheit schlicht, dass sie sich zu diesem Forum über eine E-Mail-Adresse anmelden mussten, die wiederum auf staatsanwaltliches Verlangen vom Verlag ‚klargestellt‘ werden muss.

Andererseits benutze auch ich ein Pseudo – in der ‚Sargnagelschmiede‘ nenne ich mich ‚Chat Atkins‘. Aber nicht, um „anonym“ zu bleiben, sondern aus dem einfachen Grund, damit nicht jeder Kunde beim Googeln schon gleich über den weltanschaulich-politischen Kram fällt, den der Klaus Jarchow mit seinem Hang zum Sarkasmus dort zum Besten gibt. Schaut jemand aber ins Impressum meiner ‚Schmiede‘, dann findet er dort brav alle erforderlichen Angaben, auch den Klarnamen und die Postadresse, sonst wäre ich ein allzu leichtes Opfer für jeden wildgewordenen Abmahnanwalt.

Andere wiederum basteln sich mit ihrem Pseudo eine ‚Kunstfigur‘ oder ‚Sockenpuppe‘, ein Kasperle, das einen ganz anderen Charakter besitzen könnte als der Verfasser im Alltag. Zwischen der realen Person und der virtuellen Persönlichkeit findet dann gewissermaßen eine spielerische Aufgabenverteilung statt, ein Rollenspiel.

Ernster liegt der Fall beim „Verlust der Privatsphäre“. Hier bewirkt das Internet tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Wer sich vor seiner Vergangenheit schützen will, der darf sich nicht ins Netz begeben. Niemand zwingt ihn. Punkt. Geht er aber dorthin, dann muss er wissen, dass das Netz nichts vergisst, dass auch niemals ein ‚Radiergummi‘ möglich sein wird, von dem so viele unbedarfte Politiker daher schwadronieren. Fehler lassen sich nicht mehr eliminieren, sie lassen sich nur noch integrieren. In die Biographie, in die Unternehmensgeschichte etc. Das Netz hat ein uferloses Gedächtnis. An anderer Stelle formulierte ich das Problem mal so:

„Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …“

Um auch mit dem letzten Vorurteil aufzuräumen: Das Internet ist gar kein „flüchtiges Medium“. Anders als im Falle der flüchtigen Zeitung landen Online-Texte nicht am nächsten Tag im Altpapier, sie werden auch nicht nur ein- oder zweimal gesendet, sie sind tage- und monatelang, oft ohne jede zeitliche Begrenzung abrufbar. Umso wichtiger ist eine korrekte, faire und sorgfältige Formulierung und Schreibweise. Das Internet erfordert mehr Sorgfalt bei der Arbeit als die „volatilen Altmedien“. Heute diese und morgen jene Meinung – das erlaubt das Internet also nicht so leicht …

Anreize, setzen!

Totgesagte leben länger – so geht es auch dem Behaviorismus, einer Wissenschaftsrichtung, die von der modernen Psychologie, von Situationismus und Konstruktivismus längst aufs Altenteil geschickt wurde, die aber im Marketing und in der Politik noch immer ein allgegenwärtiges Zombie-Dasein führt. Oder auch in eher esoterischen Zauberschlössern, wie z. B. beim Neurolinguistischen Programmieren, der Muckibude fürs Gehirn.

Vereinfacht gesagt, verwendeten die klassischen Behavioristen ein Reiz-Reaktions-Schema, um menschliches und tierisches Verhalten vorherzusagen und zu steuern: Sie setzten Lebewesen einem ‚Stimulus‘ aus, und beobachteten als Antwort oder ‚Response‘ dann deren Verhalten. Das aber, was dazwischen lag, das menschliche Gehirn also, das wischten sie als ‚Black Box‘ beiseite. Unser Gehirn sei ein prinzipiell unerforschliches Gebilde, was zähle, sei ein allein die Reaktion, die auf einen Reiz folge, also das beobachtbare Konsumverhalten, der politische Erfolg, der erwünschte Effekt usw.

Dann trat die „kognitive Wende“ in der Verhaltensforschung ein: Vor allem das Phänomen, das Menschen keineswegs auf jeden Reiz gleichartig reagieren, hatte den Wissenschaftlern die Augen geöffnet. Offenbar trifft jeder Reiz auf einen vorgefertigten Set von höchst individuellen Konstruktionen, Wirklichkeitsannahmen oder Metaphern, die ganz verschiedenartige Reaktionen auf ein- und denselben Reiz bewirken können. Das Gehirn, unser wirklichkeitsproduzierendes und verhaltensdeterminisierendes Organ, rückte wieder ins Zentrum des Forschungsinteresses.

Unter Ökonomen und Politikern hat sich das bis heute nicht so recht herumgesprochen: Taucht irgendwo ein beliebiges strukturelles Problem auf, dann tönt uns in tausend Varianten die vorgebliche Lösung entgegen: Man müsse „einen Anreiz schaffen“ oder „mehr Anreize setzen“ – ob es die fehlende Landarztversorgung ist oder die fehlende Arbeitsmotivation von Hartz-IV-Empfängern. Dem Schlittenhund müsse man nur die passende Wurst vor die Nase hängen, schon wird er in die erwünschte Richtung laufen. Nehmen wir diesen Sprachgebrauch ernst, dann sind die letzten Mohikaner des Behaviorismus folglich auf der ökonomischen und politischen Ebene zu suchen. In Marketing und Werbung hat diese überlebte Wissenschaft sogar heute noch eine ihrer Trutzburgen, mag der Wind der Wissenschaft doch wehen, wie er will.

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Wo Blicke schaufeln

Mit Gründerszenes neuem Top-Level-Führungskräfte-Seminar “Vision vs. Daily-Business” wird ein tiefschürfender Einblick in die Komplexität eines jeden Führungskräfte-Alltags gebracht.“

Ah, ja – ein ‚Einblick‘ wird also ‚gebracht‘, vermutlich schon auf der Bahre, aber unverdrossen die Schaufel in der Hand, damit der Patient nach der versprochenen Visions-Bonanza ‚tief schürfen‘ kann. Und keine dieser ‚Top-Level-Führungskräfte‘ merkt, welch sprachlich-metaphorisches Placebo ihnen hier aufgetischt wird. Vermutlich sind sie schon völlig abgestumpft, angesichts der ‚Komplexität ihres Führungskräfte-Alltags‘, wo – klipperdiklapp! – nahezu stündlich solche Unanschauerlichkeiten einzutreffen pflegen …

Die große Missachtung

Über Fernsehausstrahlungen zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom reinen journalistischen Handwerkszeug absieht.

Na, wenn das der Niggemeier hört! Da häkeln wir uns doch gleich einmal ein paar Merksätze ähnlichen Kalibers:

Romane zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein imaginativen Handwerkszeug absieht.

Patienten zu operieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein chirurgischen Handwerkszeug absieht.

Gottes Wort zu verbreiten, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein theologischen Handwerkszeug absieht.

Ein Volk zu regieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein politischen Handwerkszeug absieht.

Ein Hochhaus zu bauen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein architektonischen Handwerkszeug absieht.

Ein Bild zu malen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein künstlerischen Handwerkszeug absieht.

Und wie Dieter Petereit daher zu logikolieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man mal von einer intellektuellen Basisausstattung absieht. Per Exklusion (‚wenn man mal *vom Entscheidenden* absieht‚) beseitige ich zappzerapp das einzig valide Argument, indem ich es satzlogisch entwerte und randständig mache – und darf dann ungeprügelt die wildesten Sachen behaupten … zum Beispiel so etwas: „Smashing Apps hat 50 Photoshop-Webdesigns samt detaillierter Anleitungen aufgestöbert. Inspiration und Know-How-Gewinn sind garantiert.“ Klar, solche garantierten Wortschätze rieseln natürlich nicht jedermann aus der löchrigen Content-Tasche, wie einst dem Missionar die billigen Perlen am Negerstrand. Und der Schreiberling in der Texterhölle dort bei AOL, der hat doch selbst schuld, wenn ihm so etwas Gediegenes nicht gelingt. Mich jedenfalls döcht bis auf weiteres, Marketing und Public Relations seien ein höchst infantiles Tick-Trick-und-Track-Spiel – mit einem hohen zynischen Anteil.

Wutimann viel böse:

Der Bürgerkrieg wurd edoch vom Westen angeshcoben und finanziert. so naiv sind heute die leser nicht mehr dass sie nicht wissen was gespielt wird. Trotz der verammeklten Pauke der gleichgeshcalteten presse, die alles versuchen zu übertönen.“

Klar ist, so wirst auch du niemanden übertönen, trotz deiner autonomen Schreibweise. Es ist nun mal so: Mit einer nicht gleichgeschalteten Orthographie versucht niemand erst, dich ernst zu nehmen …

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