Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2011 (Seite 2 von 2)

Fisting im Alltag

Das Wort ist nie der Sache gleich: Das gilt selbst für ein ‚Buh-Wort‘ wie Fisten, das brave Bürger eher der Welt der Darkrooms und Domina-Studios zurechnen. Denn bei näherer Überlegung habe auch ich einen anderen Menschen schon ‚gefistet‘ – und ich bin auch schon ‚gefistet worden‘. Und das, obwohl ich meine Methodik der Triebabfuhr eher der biederen Welt des heterosexuellen Gänseblümchen-Sex zurechnen würde. Hier der Beweis …

Lang, lang ist’s her – da gab es unter jungen, gebildeten Menschen eine wahre Blütezeit beim ‚ökologischen Lebensstil‘. Aufgeklärte Frauen nahmen keine Pille mehr, auch das Kondom mitsamt seiner Chemie war verhasst, folglich kam nur ein Diaphragma in Frage. Denn der Trieb, der blieb. Meine Freundin seinerzeit und ich kauften uns ein solches Ding und übten die „partnerorientierte Anwendung“, so wie die Gebrauchsanleitung dies befahl. Schließlich konnte das wabblige Gummi-UFO nur unter akrobatischen Verrenkungen von der Frau selbst implementiert werden. Auf diese Weise lernte ich die Besonderheiten der weiblichen Anatomie näher kennen, während ich ‚tongue in cheek‘ versuchte, dort in den Tiefen mit einer eingecremten Schale aus Naturkautschuk den Muttermund zu angeln. Der Effekt war geradezu anti-erotisch: Oft tranken wir, weil das flutschige Ding unter großem Hallo wieder quer durchs Zimmer gesegelt war, zunächst einen Tee, um die verflogene Stimmung wiederaufzubauen.

Mit 40 Jahren ging ich dann zum Urologen, zur ersten Routine-Untersuchung meiner Prostata, weil mir der Hausarzt dies mit eindringlichen Worten empfohlen hatte. Der folgende ‚Eingriff‘ lief exakt so ab, wie ihn Witz und Zote zeichnen: Ich beugte mich auf einem eisig kalten Blechtisch vor und der Handschuh des Herrn Dottore verschwand in meinen Kaldaunen, um dort die intimste Stelle des Mannes ausgiebig zu knuffen und zu knautschen. Drei Tage lief ich wie John Wayne herum.

Nicht der Vorgang ist es also, der das Wort ‚Fisten‘ zum No-Go in guter Gesellschaft macht. Es sind die Konnotationen, die jedes Wort unweigerlich mit sich schleift, wie das Schiff sein Kielwasser. Der Vorgang selbst aber ist zumindest der Hälfte aller Männer in den besten Jahren wohlbekannt. Sie nennen es nur nicht ‚Fisten‘, weil dies ihr sexuelles Selbstbild doch arg lädieren würde. Sie nennen es wahlweise ‚Vorsorgeuntersuchung‘ oder ‚partnerorientierte Anwendung‘ – womit sie gewissermaßen eine PR-Technik aus dem Euphemismus-Genre anwenden. Was an dem Vorgang allerdings angenehm oder gar erotisch sein soll, das muss mir erst einmal jemand erklären.

Sprache bildet … nur was?

Brettert der bildenthobene Sprachgebrauch weiterhin so ungehemmt durch jeden Kommunikationskanal, eröffne ich hier demnächst einen lukrativen Schrotthandel für metaphorische Totalschäden:

„[Die Grünen] schwimmen auf einem Wählerreflex, der aus purer Frustration über die bestehenden Verhältnisse sich in einem politischen Wolkenkuckucksheim einigelt.“

Zum Mainstream zählt mein bildbemühter Kopf wohl nicht – schon 462 Leser (Stand 14:25 Uhr) haben das reflexive Unglück dort oben anderen ‚empfohlen‘ …

Studiert Ökonomie!

Das Studium der Ökonomie bietet jungen, aufstrebenden Menschen eindeutige Vorteile, nicht nur materieller Natur. Hier die zehn wichtigsten Gründe:

1. Kein vernünftiger Mensch wird einen Astrologen wegen seiner Horoskope verklagen. Also wird dich für deine Prognosen auch niemand zur Rechenschaft ziehen.

2. Verglichen mit dir können die Navy Seals einpacken: Die Hand, die deine Waffen führt, bleibt immer unsichtbar.

3. Du musst auch nicht erwachsen werden: Ein Leben lang darfst du mit dem Besitz anderer Leute spielen.

4. Die Tugend trage ihren Lohn in sich, sagt der Pöbel. Für Auserwählte wie dich gilt: Der Lohn trägt seine Tugend in sich.
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Übersetzungshilfen

Wieder mal einige Trouvaillen aus der wunderbaren Facebook-Gruppe ‚Beratersprech‘, die stets gut gefüllt ist mit dem allerneuesten Gelfrisur-Pidgin:

„Daher müssen wir ASAP die Awareness auf unsere USPs raisen, damit wir keine Heavydrops in unseren KPIs haben.“

Übersetzt ins Normaldeutsche heißt das:

„Auf den leckeren Köder unserer angeblichen Alleinstellungsmerkmale beißt noch immer kein Kunde an. Deshalb müssen wir noch dreister herumhupen, sonst knüpft uns die Insolvenz mit ihren knochigen Fingern endgültig den Henkersknoten. Also zackzack!“

Gut auch das:

„Herr Schmidt ist der Single Point of Contact in Sinne unserer One Face to the Customer Philosophie.“

Was sagt uns das? Kurz gefasst, etwa Folgendes:

„Mit diesem schwierigen Kunden kommt nur unser Schmittie klar.“

Wie verwegen klingt das denn:

„Das Thema Budget ist das ‚Non-Issue of the Year‘.“

Will sagen:

„Scheiß aufs Geld!“

Auch die simpelsten Weisheiten lassen sich immer noch ein wenig pompöser ausdrücken:

„Unsere Offerings müssen die Needs der Kunden matchen!“

Damit’s auch der Klippschüler versteht:

„Ein Angebot, das keiner haben will, können wir gleich in die Tonne treten.“

Und so weiter, und so fort – klipperdiklapp, papperlapapp …

Islamophilie

Die belfernden Schreiberlinge von der ‚Achse des Guten‘, die diese täglich mit Ressentiments, Vorurteilen und Islamophobie zentimeterdick einschmieren, die möchten doch jetzt mal auf die Reaktionen schauen, die ein arabisches und damit muslimisches Medium wie ‚Al Jazeera‘ in den Kommentaren zur Ermordung Ossama Bin Ladens zu bieten hat – und dann umgehend Buße tun! Hier nur ein Beispiel – „bury him facing away from Mecca“ – aus hunderten Kommentaren mit ‚islamischen‘ Namen:

„He brought bad names for Islam throughout the world by giving misinterpretation of Koran. Now is the time to wash the dirt off the holy book. Insha Allah!“

(Disclaimer: Nein, die Achse des Guten wird hier aus Prinzip nicht verlinkt, für einen solchen Rumpelkarren gibt’s von mir keine ‚Awareness‘ …)

Zurückgezogen?

Saif al-Gaddafi „lebte zurückgezogen“, schreiben der ‚Spiegel‘ und andere Medien. Ich frage mich, welches Leben wohl erst Leute führen, die sich nicht wie eine Muschel in ihre Schale ‚zurückgezogen‘ haben, um die Kontemplation zu pflegen:

„In München waren zwischen November 2006 und Juli 2010 zehn Verfahren und ein Vorermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft gegen den Diktatorensohn anhängig … So wurden [ihm] Bedrohungen, Fahren ohne Führerschein, Alkoholfahrten, Waffenschmuggel, Anstiftung zum Mord und Körperverletzung vorgeworfen. Anfang des Jahres war Saif al-Arab al-Gaddafi in Deutschland zur unerwünschten Person erklärt worden.“

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