Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2011 (Seite 1 von 2)

Quietschende Halsgelenke?

Ich kenne Sascha Lobo nicht persönlich, weiß nicht, ob er wirkliche wichtige Gedanken geschrieben oder gesagt hat. … Musste ihm aber schon mehr als einmal laut nickend recht geben.“

Da steigt mir doch der duftende Klang kunterbunter Beweglichkeit in die lauschende Nase …

Da hat es ‚Pop!‘ gemacht!

Wer Henryk Broders ‚Achse des Guten‘ im Streit verlässt, muss noch kein schlechter Mensch sein. Alan Posener, der Ex-Kommentarchef der ‚Welt‘, scheint die schweren Jungs von der Islamophobie-Front aber wohl der Linksabweichung zu verdächtigen. Dies könnte ein unbedarfter Leser jedenfalls glauben, wenn er sieht, wie ein wahrer Liberalinskij in seinem eigenen Blog, den ‚Starken Meinungen‘, im Kampf für den allzeit guten Kapitalismus und gegen den blutrünstigen Islam vom Leder zu ziehen vermag.

Doch um diesen Streit unter Nachbarn geht es hier nur am Rande. Jemand, der – wie Posener – Diskussionen um Wörter sowieso für Mumpitz hält, kann vermutlich auch nur Mumpitz produzieren, wenn er sich mit solchem Mumpitz wie Wörtern beschäftigt. Dieser Beweis ist hier zu führen.

So schrieb Posener jüngst einen Artikel für ‚Welt Online‘, wo er dem Bob Dylan – und posthum auch dem Jimi Hendrix – die mittelalterliche Ideologie der Taliban ins poetologische Sturmgepäck zu zaubern trachtete. Eine solche Menge Bullshit habe ich noch selten auf einem Haufen gesehen.

Dylan und Hendrix singen den Taliban aus der Seele, so macht der Pop-Literat seinem Herzen schon gleich in der Headline Luft. Eine Headline, die ungefähr so sinnvoll ist, wie „Plato ebnete dem Stalinismus den Weg„. Aha, denkt der darob erstaunte Leser: Dolle These! Weiterlesend erfährt er, dass dieser Jimi ja in seinem ‚Hey, Joe‘ immerhin eine Frau erschieße – und da könne man doch mal sehen!

Schaut man sich den Text – der übrigens gar nicht aus Hendrix‘ Feder stammt – dann genauer an, treffen wir im Song gleich auf zwei Personen, auf den Mörder und auf den Erzähler, der diesem gehörnten Liebhaber begegnet („Hey, Joe, I heard you shot your woman down …„). Hendrix‘ Position ist also gar nicht eindeutig bestimmt. Mal ganz abgesehen davon, dass solche Themen überdies in einer langen düsteren Folk-Tradition stehen, in derjenigen von Pete Seeger und Woody Guthrie. Wollte man also jedes Eifersuchtsdrama dieser Welt gleich als Ausbruch des inneren Talibans interpretieren … aber lassen wir das.

Schließlich beherrschten die amerikanischen Frauen das Killen untreuer Gespielen mindestens genauso gut wie die talibanösen Machos: „I wandered home / ‚tween twelve and one / I cried, „My God, what have I done?“ / I’ve killed the only man I love / He would not take me for his bride“ (‚Banks of the Ohio‘). Poseners geistige Taliban ließen sich folglich ebenso gut als radikale Feministinnen inszenieren, wenn’s denn irgendwo ein Blättchen gäbe, das solchen Murks druckte.

Unser Pop-Ikone halluziniert sich immer tiefer in sein Thema hinein. Wie einst der Mozart muss sich auch Bob Dylan anhören, dass sein ‚Like a Rolling Stone‘ „zu viele Akkorde“ hätte – fünf sind’s, um genau zu sein – und dass der Text sowieso zu lang sei. Jeder Musikhistoriker könnte ihm nun sagen, dass die Bedeutung dieses Songs gerade darin lag, dass er mit dem Drei-Minuten-Format des damaligen Hit-Radios radikal brach – das aber spielt für Posener alles keine Rolle, denn vor allem, sagt dieser Rabulist, sei es „ein misogynes Hasslied.“ Was für mich nur zwei Möglichkeiten offen lässt: Entweder hat der Kerl das Lied nie gelesen, oder aber er kann nicht lesen.

Im Kern, wenn man den Dylan’schen Halbschatten des Mehrdeutigen mal beiseite lässt, geht es in etwa um ein Mädchen aus gutem Hause, die ‚in her prime‘ das Leben in vollen Zügen genoss, und die nun einsam und verloren plötzlich vor dem Nichts steht und in eine ’neue Klasse‘ eintauchen muss, diejenige der Bums und Hobos, deren Leben sich auf der Straße abspielt. Da hätte sie jetzt zu lernen, wie das Leben wirklich ist: „When you got nothing, you got nothing to lose / You’re invisible now, you got no secrets to conceal. / How does it feel / How does it feel / To be on your own / With no direction home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?„. In dem ganzen Lied kommt buchstäblich nicht eine Zeile vor, die irgendeine sexuelle Konnotation oder Machismo besitzt. Alan Posener muss schon kräftigst an den Tatzen lutschen, um seine These halbwegs blank zu polieren: Bob Dylan wolle sie höchstselbst „wie ein kleines Mädchen brechen„, behauptet unser Schlawiner. Im Original lautet die Zeile hingegen: „… but you break just like a little girl …“. Und zwischen einem ‚am Leben zerbrechen‘ und einem ‚von einem Mann gebrochen werden‘ bestehen für mich bis auf weiteres gewisse Unterschiede.

Es geht weiter – John Lennon hätte in ‚Norwegian Wood‘ einem Mädchen nach einem One-Night-Stand die Bude angezündet, in Wahrheit wird – ausweichlich des Liedtextes – eine ganze Nacht „until two“ nur gequatscht und der notgeile Jüngling darf auch nicht bei ihr, sondern nur in der Badewanne schlafen. Als er morgens allein aufwacht – „this bird had flown“ -, zündet er sich ein Kaminfeuer an und genießt den Tag. Nix ist’s mit One-Night-Stand und brennendem Haus …

So stolpert der Text seiner unhaltbaren These geschäftig und absolut ohne Sinn und Verstand weiter hinterher. Man fragt sich, was Posener solcher ‚Taliban-Lyrik‘ als Ideal entgegenzusetzen hätte. Nun, er verrät es uns: ‚Louie Louie‘ von den Kingsmen sei sein All-Time-Hit, vermutlich wegen dieses aussagekräftigen und absolut frauenfreundlichen Kurztextes: „Louie Louie na na na na na said we gotta go said Louie Louie oh baby said we gotta go„. Ein Text dieser Prägnanz kommt vermutlich dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen deutschen Pop-Literaten schon eher entgegen …

Hirnschmelze?

Corium – wie schön, mal wieder ein neues Wort für meine Sammlung! Es klingt nach fachlicher Kompetenz und weißen Laborkitteln, ähnlich wie Aluminium, Deuterium oder Helium. Leider suggeriert es diese klinisch-aseptischen Eigenschaften nur: Corium ist schlicht ein Kunstwort, das – abrakadabra! – aus dem ‚Core‘ für den Reaktorkern und einer latinisierenden Endung hervorzaubert wurde, um wissenschaftliche Beherrschbarkeit vorzugaukeln. Jenes Corium, das es jetzt am Reaktorboden zu kühlen gilt, ist nachwievor nichts anderes als eine wilde Mischung aus radioaktiven Isotopen, die sich wie glühende Lava durch die Druckbehälter von Fukushima nagen. Dem gemeinen Volk ist dieses Corium übrigens längst als „Kernschmelze“ bekannt … was zugegebenermaßen nicht ganz so nett klingt.

Abschweifendes

Von ganzem Herzen liebe ich die großen Digressionisten der Weltliteratur. Laurence Sterne ist einer von ihnen, Jean Paul, David Foster Wallace, auch der Heimito von Doderer, oder fast vergessene Größen wie Theodor Gottlieb von Hippel oder Albert Paris Gütersloh. Auf fortschreitende Handlung gepolte Kritiker zetern dann über den ‚barocken Stil‘ oder die ‚überbordende Phantasie‘ des Verfassers. Sollen sie weiter Stieg Larsson lesen, aber bspw. nie zu einem Karl Immermann greifen, der eines seiner Bücher gleich mal mit dem elften Kapitel beginnen lässt und dann auch noch dem armen Buchbinder die Schuld dafür zuschreibt …

In der Literatur kommt es für mich eher darauf an, was einer im Kopf hat, ob ich mich durch die Lektüre bereichert fühle oder nicht. Es geht mir nicht darum, möglichst stringent und geradlinig von A nach B geführt zu werden. Wenn ein Dutzendschreiber eine dunkle Gasse beschreibt, wie sie in Spanien den Weg zwischen zwei Hauptstraßen abkürzt, dann klänge das in etwa so: „Wir passierten eine dunkle Stiege, wo hoch oben die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster ausgeblichene Unterwäsche zur Schau stellten, um dann erleichtert wieder ins grelle Mittagslicht der Ramblas zu treten„. So etwas ist eben literarische Dutzendware …

Ganz anders verfährt einer der größten Digressionisten, der je einem Kuhdorf am Rhein entsprang: Albert Vigoleis Thelen. Seine ‚Insel des zweiten Gesichts‘ lässt sich noch nicht einmal einem Genre zuordnen: Sind diese 1.000 Seiten nun eine Autobiographie, ein pikaresker Roman, erotische Literatur, ein Reisebericht oder ein weltphilosophisches Lehrbuch? Niemand weiß es – am wenigsten wusste es wohl der Verfasser. Klar ist nur, dass er mit seiner Geliebten in den frühen 30er Jahren nach Mallorca reiste – und dass ein großes Buch das Ergebnis dieses bildgewaltigen ‚Hippie-Trips‘ avant la lettre war.

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Verschiedene Zitierweisen?

Mit dem kreativen Argument, dass es „verschiedene Zitierweisen“ gebe, versucht der FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis jetzt Kopf und Promotion zu retten. Ihm sei gesagt, dass es im wissenschaftlichen Bereich exakt zwei Formen des Zitats gibt, das ‚direkte‘ und das ’sinngemäße‘:

„Ein großer Teil der Doktorarbeit von Jorgo Chatzimarkakis (FDP) steht unter Plagiatsverdacht. Der Parteifreund Silvana Koch-Mehrins verweist auf verschiedene Zitierweisen. … Bisher hätten sich auf fast 22 Prozent der Seiten Plagiate gefunden.“

Ein direktes Zitat wäre bspw. eine solche Konstruktion: „‚Warte nur balde ruhest du auch‘ – mit diesen Worten weist uns Goethes Wanderer in seinem ‚Nachtlied‘ auf die Unausweichlichkeit des Todes und auf die Kürze des menschlichen Lebens hin.“ Genau an dieser Stelle würde, abgedrängt in eine Fußnote, dann der exakte Quellennachweis folgen, zudem wäre dieser der anerkannten Weimarer Ausgabe entnommen.

Das sinngemäße Zitat darf zwar die Umgangssprachlichkeit eines Ausspruchs ‚aus dem Kopf heraus‘ nutzen, ohne eine Namensnennung geht es aber auch hier nicht ab: „Wie Max Weber schon sagte, ist Politik ein schwerblütiges Geschäft, das vor allem im ‚mühsamen Bohren dicker Bretter‘ besteht.“ Das Zitat ist hier ’nur so ungefähr‘ und nicht im Wortlaut ausgewiesen, die geistige Quelle wird dennoch klar benannt.

Weitere ‚verschiedene Zitierweisen‘, die es einem Schreiber erlauben würden, ganz ohne Quellenangabe zu arbeiten, die gibt es nun mal nicht. Es sei denn, eine Ente wolle als Pfau zum Karneval gehen, dann käme während der tollen Tage vielleicht auch mal das ‚Zitat à la Chatzimarkakis‘ zum Einsatz. Wenn dann alles über ihre aufgedonnerte „spätrömische Dekadenz“ (Westerwelle) lacht, darf sie sich nicht wundern, wenn sie Federn lassen muss – und ‚Promotion‘ sollte sie ihre Maskerade auch nicht nennen …

In bester Absicht

Wiewohl ich mit der Sicht der Dinge sympathisiere, kann ich eine schräge Metaphorik schon aus Gründen stilistischer Hygiene nicht unregistriert passieren lassen:

Noch viel schlimmer ist aber, dass wir selbst denjenigen, die wirklich um ihr Leben fürchten müssen, nicht helfen und sie stattdessen in überfüllten Booten ins offene Messer segeln lassen.

Wer ist’s, der dort blank zieht? Der Mackie Messer oder der Poseidon? Wie schnell ist überhaupt ein Schiff, das dampft und segelt? Reicht das zum Massen-Harakiri im dichtgedrängten Flüchtlingspulk? Und teilen die sich dann alle ein einziges Messer? Fragen sind das … sie meint vermutlich so etwas: Der europäische Großbauer darf diese Flüchtlinge nicht einfach wie die Kätzchen im Sack ersäufen.

Realitätsenthoben

Im schönsten Rosamunde-Stil pilchern sich unsere Society-Journalisten zunächst etwas unausgegoren Schmalzgebackenes aus ihrem allzeit stets tiefbewegtem Hormonhaushalt: „Arnold Schwarzenegger und Maria Shriver: Trennung im Abendrot.“ Und dann folgt für die wohlig angespitzte Zahnwaltsgattin auf einen solchen Tränendrüsen-Titel im folgenden Text nicht der kleinste Abglanz des versprochenen deppensymbolischen Sonnenuntergangs … Tatzenlutschen nennt sich so etwas wohl. Oder Publikumsvertreibung.

Wenn zwei dasselbe tun …

Der Henri-Nannen-Preis hieß früher mal Egon-Erwin-Kisch-Preis. Und jetzt wird der René Pfister als Kisch-Preisträger wegen eben des Verfahrens angegriffen, das der Egon Erwin Kisch in seinen Reportagen gern und oft praktizierte. Schon seltsam …

Langeweile garantiert!

Und ebenso natürlich geht er nicht schnurstracks, sondern kreuz und quer, durch den Wald (oder doch eher Park?) und durch Siedlungen, er überquert die Autobahn, durchquert das Niemandsland dazwischen und erreicht die Innenstadt. Die „Zeitnot“, die ihn plötzlich befällt, hindert ihn nicht, sich „lange, lange“ in einer luxuriösen Bedürfnisanstalt aufzuhalten.

Soso, ein Zickzackkurs wäre also ’natürlich‘? Und ob Park oder Wald – wenn’s der Autor schon nicht weiß, erfährt’s der Leser auch nie. Konkret scheint mir bloß die Bedürfnisanstalt. Es gilt: Machen Sie Schauplatz, hier gibt es nichts zu sehen! Ohne Anschauung aber helfen auch keine Mordphantasien dem fehlenden Plot auf die Beine. Wie man von solch bleiwüstendürren Voraussetzungen auf die saftigen Wiesen einer jubilierenden Conclusio gelangt, das bleibt mir unerfindlich:

„In all ihrer Weltwut und Zärtlichkeit ist die Erzählung ebenso gegenwärtig wie märchenhaft surreal, eine apokalyptische Zauberposse mit selbstironischer und satirischer Spitze …“.

Jaja, nimm von jedem Genre etwas – und dreh‘ es durch den Mixer. Ich jedenfalls lese den großen Langweiler weiterhin nicht …

Grand Prix Bricolage

Das klingt zwar gut – es stimmt bloß nicht: ‚Sprachkritiker Wolf Schneider gewann den Henri-Nannen-Preis 2011 für sein Lebenswerk – Sein Arbeitsmotto: „Qualität kommt von Qual“.‘ Schön wär’s, wenn’s so wär‘, denn dann wär’s so, wie’s wär‘. Nichtsdestotrotz – das Wort ‚Qualität‘ leitet sich nun mal von ‚qualis‘, von ‚Beschaffenheit‘, ab. Verführt vom gleichen Anlaut könnte ich mit gleichem Recht behaupten, dass sich der ‚Fortschritt‘ vom ‚Fortissimo‘ im Medienstadl ableite.

Ach so: ‚Bricolage‘ heißt in etwa ‚Heimwerkelei‘, ‚Kunsthandwerk‘ oder ‚Bastelstunde‘.

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