Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2011 (Seite 2 von 2)

Eine ADHS-Moritat:

Ob der Guido heute still
Wohl bei Tische sitzen will?“
Also sprach in ernstem Ton
die Regierung streng zu ihrem Sohn,
Und die Merkel blickte stumm
Auf dem ganzen Tisch herum.
Doch der Guido hörte nicht,
Was zu ihm die Staatskunst spricht.
Er gaukelt
Und schaukelt,
Er trappelt
Und zappelt
Auf dem Stuhle hin und her.
„Guido, das mißfällt uns sehr!“

Seht, ihr lieben Kinder, seht,
Wie’s dem Guido weiter geht!
Oben steht es auf dem Bild.
Seht! Er schaukelt gar zu wild,
Bis der Stuhl nach hinten fällt;
Da ist nichts mehr, was ihn hält;
Nach dem Tischtuch greift er, schreit.
Doch was hilft’s? Zu gleicher Zeit
Fallen Teller, Flasch’ und Brot,
die Staatskunst ist in großer Not,
Und die Merkel blicket stumm
Auf dem ganzen Tisch herum.

Nun ist Guido ganz versteckt,
Und der Tisch ist abgedeckt.
Was ein Staatsmann essen wollt’,
Unten auf der Erde rollt;
Suppe, Brot und alle Bissen,
Alles ist herabgerissen;
Suppenschüssel ist entzwei,
Und die Lobby steht dabei.
Alle sind gar zornig sehr,
Haben nichts zu essen mehr.“

Der FDP ins Stammbuch:

Die Sozialdemokratie ist, politisch angesehen, der Liberalismus der Masse. … Der bürgerliche Liberalismus ist die Mittel- und Oberschicht der neuen Linken. … Und das Problem der Zukunft heißt: Ablösung der Zentrumsherrschaft durch eine neue deutsche Linke.“
(Friedrich Naumann: Werke (ed. Th. Schieder, IV, S. 18 ff)

Der Eiertanz

In meiner Sturm-und-Drang-Zeit war die ‚Frankfurter Rundschau‘ die Stimme der Bedächtigen im linksliberalen Lager. Gegen Brokdorf zu demonstrieren, das sei im Prinzip schon in Ordnung, aber müssten einige Hitzköpfe sich immer gleich verweigern, wenn die Polizei befiehlt, die Versammlung termingemäß aufzulösen? So etwas würfe doch ein schädliches Licht auf die Anliegen der Bewegung. Besser wäre es allemal, in einen ‚Diskurs‘ einzutreten, außerdem sei Tränengas nicht gut für die Augen. Die ‚Frankfurter Rundschau‘ sah sich als Stimme der allgemeinen Vernunft, die allemal diejenige der Sozialdemokratie war, sie steckte morgens im Briefkasten jedes besseren Lehrerhaushaltes, und predigte unentwegt vom weichen Wasser, das den härtesten Stein zu schleifen vermöge. Wir anderen dagegen lasen Graswurzelmedien aus der Anti-AKW-Bewegung, schrieben für die taz, die damals gerade entstand, und gaben jedem Widerstand gegen die Atomlobby in Politik und Wirtschaft solange keine Chance, wie der den Gegner nichts kostete.

Heute ist die ‚Frankfurter Rundschau‘ – und damit auch der unverbindlich-linksliberale Kukident-Kritizismus – wirtschaftlich schwer derangiert, ein Prozess, der sich quälend über Jahre hinzog. Es ist nicht nur der Verlust von Stellenanzeigen, von Wohnungs- und Gebrauchtwagenmarkt, auch ideologisch dupliziert sich gewissermaßen das Elend der allgemeinen sozialdemokratischen Desorientierung hier auf publizistischem Gebiet.

Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenden sich die Herausgeber in einem großen Artikel an das werte Publikum. Stilistisch lässt sich hieran das Dilemma der ‚Frankfurter Rundschau‘ festmachen. Wieder wird in bester linksliberaler Manier besänftigt, beschönigt und gerade gestrickt, bis von einem Scheitern nichts mehr zu lesen ist. Selbstkritik sieht anders aus. Ich versuche deshalb, das große Eiapopeia durch eine Binnenkommentierung dieses Textes deutlich zu machen:

Drastische Verluste des Verlags der Frankfurter Rundschau bei Anzeigengeschäft und Erlösen im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise [ah, ja, der beliebte Popanz der Finanzkrise – ist’s nicht vielmehr eine Medienkrise?] zwingen Gesellschafter, Verlagsgeschäftsführung und Chefredaktion zu Veränderungen in der Produktion der Zeitung. Unser oberstes Ziel [es gibt also noch weitere] ist es, die Rundschau als wichtige publizistische Stimme zu erhalten und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, trotz wirtschaftlicher Zwänge auch weiterhin [wenn ich „trotz“ in Verbindung mit „auch weiterhin“ höre, schließe ich messerscharf auf ein waschechtes Paradox] täglich ein hochwertiges redaktionelles Angebot machen zu können. Dazu haben wir intensiv [Synonym für ‚vergeblich‘] nach Wegen gesucht und glauben [wissen es aber nicht], dass wir die Frankfurter Rundschau im Verbund mit den anderen Zeitungstiteln der Mediengruppe M. DuMont Schauberg in eine Zukunft [‚Zukunft‘ kommt immer gut] führen können, die neben dem hohen publizistischen Anspruch auch wirtschaftliche Stabilität garantiert [eine eierlegende Wollmilchsau zeugt]. … Der Anspruch wird sein, aus einer gemeinsamen Redaktion zwei Zeitungen mit je eigener Gestalt zu produzieren: die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung [nur wo BZ draufsteht ist auch FR drin!]. Es geht um größtmögliche [faktisch geringe] Eigenständigkeit der Titel bei gleichzeitiger Bündelung der Kräfte [publizistischer Volkssturm]. … Korrespondenten der Ressorts Wirtschaft, Sport und Feuilleton werden weiterhin in Frankfurt arbeiten [jene Ressorts also, für die ‚Regionalität‘ eher verzichtbar ist]. Überdies werden ausgewiesene Autoren [also Journalisten in Altersteilzeit], die für thematische Schwerpunkte der Frankfurter Rundschau stehen [wer steht, bewegt sich nicht] und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser [liebe Gemeinde!], vertraut sind, an die Zeitung gebunden und für Sie tätig bleiben. Die Bereiche Digital sowie die Berichterstattung aus der Stadt Frankfurt und der Region sind entscheidend für die Zukunft der Zeitung. Das iPad-Angebot mit der App der Frankfurter Rundschau ist ein voller Erfolg [nanu?]. Der Markt dafür steckt aber in den Kinderschuhen [ach so!], so dass sich hier derzeit noch nicht [‚hier derzeit noch nicht‘, Prinzip Hoffnung in Füllwortgestalt – frei nach Ernst Bloch] die Erlöse erzielen lassen, die der Verlag auf den klassischen Printmärkten eingebüßt hat. … Wir sind aber auch zu der schmerzlichen Erkenntnis [aua!] gelangt, dass die Zukunft der Frankfurter Rundschau nicht ohne den Verlust von Arbeitsplätzen zu sichern ist. In der alten Struktur müssen 88 Arbeitsplätze abgebaut werden. Da mit der Umstrukturierung des Druck- und Verlagshauses aber auch neue Arbeitsplätze entstehen, müssen wir von einem bereinigten Verlust [eine saubere Lösung also] von etwa 44 Stellen ausgehen. Wir wissen um die Härten für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Wir werden alles daransetzen, diese Härten zu mildern und sozial abzufedern [‚wissen um‘, ‚alles daransetzen‘ – konkrete, geldwerte Zusagen klingen irgendwie anders]. … Die Entscheidung für diesen Weg, so unumgänglich er ist, ist uns sehr schwergefallen [ein wenig tun wir uns dabei auch selber leid]. Gerade weil wir erleben, mit welchem Einsatz, welcher Professionalität und Leidenschaft [besser: Leidensbereitschaft] die Redaktion für Sie [und nur für Sie!] jeden Tag eine profilierte und vielfältige Zeitung erstellt. An diesem Anspruch halten wir gemeinsam mit der Redaktion fest [auch wenn die Fakten dem zu widersprechen scheinen]. Joachim Frank und Rouven Schellenberger, Chefredakteure, Karlheinz Kroke, Geschäftsführer

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