Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2011 (Seite 1 von 2)

Auf der Festplatte

Beim Stöbern in den Tiefen des Computers stieß ich auf den folgenden Text, den ich vor einigen Jahren für ein Klassentreffen verfasste. An der Pestalozzischule II (kurz: ‚Pesta Zwo‘) in Bremerhaven, einem gewaltigen roten Backsteingebäude, hatte ich 1972 das Abi gebaut. Heißenbüttel oder „Sexy Küken“ hieß unser Klassenlehrer. Erstaunlich, wie locker wir damals, in dieser so genannten ‚Hippiezeit‘, mit dem schulischen Leistungsdruck umgingen – im Grunde pfiffen wir drauf. Der Endnote hat’s trotzdem nicht geschadet, mir standen 1972 noch alle Studienwege offen:

Pesta Zwo

Was für’n rotes Riesen-U!
Gleich hinterm Kreiswehrersatzamt,
sinnigerweise neben eine Klinik geklotzt:
Bildungsfläche, kahler Schulhof, in den Pausen
um die Ecke ein Garten nur für Raucher,
zu ersten Drogen lockend:
Wer wollte da nicht Raucher werden?
„Schnorretti“, „Van Andern“ … und der Blick
auf Anja Kropps früherblühte Riesendinger.

Ach ja, unsere „Mini-Mädchen“!
Gekniffen war man als Mann, als angehender,
denn da ging rein gar nichts an.
Gleichklässler waren nicht deren Klasse.
Mittags rollten Autos vor,
die Schenkelchen wippten beifahrerseits,
während ich die bücherschwere Tasche
zu Bibliothek und Bahnhof keulte
und von erwachseneren Zeiten
träumerisch hin und her pubertierte.
Wenigstens hatten wir
dank druckvoll enger Jeans
nicht das notständige Zeltproblem
des heutig hiphoppenden Jungmanns.

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Das Volk – ein Bild

Woran zeigt sich elitärer Dünkel? Vielleicht an solchen Sätzen, wo ein Schreiber alles über die ‚Unterschichten‘ zu wissen vorgibt. Faktisch aber hat er nur seine Vorurteile frisch auf Hochglanz poliert:

„Sechs Stunden Hochzeits-TV am Stück werden es am Freitag sein, die unzähligen Dokumentationen und Quasselrunden vor und nach der Hochzeit nicht mitgerechnet. Dieses Engagement ist, vorsichtig ausgedrückt, mutig. Denn das „Bild“- und „Bunte“-Prekariat, noch am ehesten empfänglich für solche Schmonzetten, weiß in der Regel kaum noch, wo auf ihrer Fernbedienung die Knöpfe fürs Erste und Zweite Deutsche Fernsehen zu finden sind.“

Mit Verlaub, bester Pöbelverächter, diese Hochzeit – die übrigens auch mir am Mors vorbeigeht – die ist doch eher das große Thema unter Zahnwaltsgattinnen, Ladeninhaberinnen und Society-Journalistinnen, die sich – „Hypa, Hypa, Hypa!“ – hier ein ‚Event‘ mit viel blauem Herzblut statt mit Tinte herbeischreiben. Denn das Interesse am Hause Windsor befällt quartalsweise nur diejenigen, die auch wie die Lemminge in den ‚Titanic‘-Film gerannt sind. Und haben Sie sich schon mal gefragt, warum diese Kate und ihr Willi heute seitenfüllend eben auch auf den Titeln aller ‚Leitmedien‘ prangen: „Countdown für das Jawort“, „Dem Jawort so nah“, „Der Prinz kütt“, „Queen schenkt Kate und William Adelstitel“ … ad infinitum.

Diese voyeuristische Leidenschaft für Brautmoden und adlige Lebensplanung existiert hingegen nicht unter Bauern, türkischen Migranten oder Ein-Euro-Jobbern. Das ‚gemeine Volk‘, zumindest hier bei uns in der Provinz, das interessiert sich derzeit eher für explodierende Spritpreise und die große Trockenheit auf allen Feldern. Weil daran schließlich ihre Existenz hängt.

Wer also die ‚Grünen Blätter‘ liest, der muss sich diese Zeitvergeudung auch leisten können. Nebenbei bemerkt, sieht man die meisten Bild-Zeitungsleser, auf einem Haufen versammelt, noch immer im deutschen Bundestag. Das sieht im Grunde auch jeder Dösbaddel ein, nur eben kein Feld-, Wald- und Wiesen-Journalist, der sich notorisch ein Publikum imaginiert, das so nur in seinem ebenso elitärem wie unfundiertem Wolkenkuckucksheim existiert. Dass der übliche Seitenhieb auf die Öffentlich-Rechtlichen dabei nicht fehlen darf – nun ja, das gehört wohl zum Genre. Ein versteckter Geschäftssinn äußert sich hierin, nach dem Motto: Diese Hochzeit ist zwar kompletter Tinnef, aber wir hätten sie trotzdem gern ganz privat, weil nur wir den ‚Qualitätsjournalismus‘ so weitherzig interpretieren können …

Langsam geht’s voran

Auch, wenn viele von einem ‚Wegwerfmedium‘ faseln, das Internet ist ein überaus zähes Medium, gerade deshalb, weil in diesem Dschungel keine Hinweisschilder den Weg bahnen zum ‚Gasthof des raschen Erfolgs‘. Das Internet ist eine Welt ganz ohne ‚Leitmedien‘, daher braucht es vor allem Geduld und Ausdauer – es ist das Gegenteil eines Marketing-Instruments für flotte, börsenfixierte Jungs mit Gelfrisuren, unter denen doch nur fette Quartalszahlen noch Platz nehmen mögen. Hier zum Exempel die langsam aber sicher ansteigende Rezeption meiner Sargnagelschmiede, dargestellt über den Verlauf von einigen Jahren:

Statistik Sargnagelschmiede

Wort und Tat

Meine eigentlichen Vorbilder sind eher die guten Rhetoriker. Ehrlich, häufig wird schlechtes Deutsch verwendet. Auch wenn ich manchmal vielleicht etwas flapsig herüberkomme, das alles passiert idealerweise in hundertprozent korrektem Deutsch.“

Dieser Wahn aber ist noch nicht alles – schon folgt die erneute Probe aufs Exempel:

„Du bist als Kommentator bewaffnet bis über beide Backen. Häufig wirst du nur fünf Prozent los. … Ich merke bei Reaktionen im Stadion oder auch auf der Straße, dass meine Art beim Zuschauer wohl irgendwie ankommt. Ernst Huberty hat mal gesagt, wenn du 50 Prozent bei dir hast, dann ist es schon außergewöhnlich.“

‚Irgendwie‘ passt das für mich auch ‚idealerweise‘ nicht zusammen. Vermutlich liegt’s daran, dass ich mir ‚bis über beide Backen‘ allenfalls die Hose ziehe – und wenn ich sie dann herunterlasse, muss alles raus, nicht ’nur fünf Prozent‘ …

Hach, unsere Posh!

Das Spice Girl des deutschen Feuilletons, geboren in temporeicheren und unbedenklicheren Tagen, verwirrt mit seinen verbalen Reizen meine Vorstellungskraft wieder und wieder:

„Die ersehnte Verlangsamung einer sowieso veränderungsresistenten Gesellschaft wird die Sklerose seiner Einzelteile verschärfen.“

Bruchstücke wilder Metaphern aus aller Herren Bilderwelten feiern fröhlich Kollision, die besitzanzeigenden Pronomina flattern beziehungslos im Wind, während der eh schon eingetretene Stillstand einer ‚veränderungsresistenten Gesellschaft‘ unaufhörlich noch weiter ‚verlangsamt‘ wird, vor allem aber ’sowieso‘, eine wuchernde Sklerose aus geriatrischen Gichtknoten wirkt im Volk sowohl ‚ersehnt‘ wie ‚verschärfend‘, dank der unaufhörlichen Einreibungen mit Löwensenf, Föjetong und Cayenne-Pfeffer, kurzum – Poschardts mentaler Lego-Kasten liegt mal wieder, pardautz!, ausgekippt in ‚Einzelteilen‘ vor unseren erstaunten Augen. Und wir dürfen probieren, ob sich aus diesen Scherben wider Erwarten nicht doch etwas Schönes und Einsichtiges basteln ließe.

Warum das alles? Offensichtlich, weil der Herr seine ästhetische Allergie gegen Solarmodule endlich mal energisch outen musste; vielleicht, weil er auch mal wieder in die Zeitung wollte; vor allem aber, weil ihm die dämonischen Grünen den Spaß an der PS-starken Yuppie-Schaukel versalzen möchten. Ach ja – diese selige ‚Vanity Fair‘ oder der große ‚Jahrmarkt der Eitelkeiten‘, der doch längst seine Siebensachen auf Zirkuswagen gepackt hat, um weiterzuziehen. „Forever young!“ ist auch ein Glaube, Krähenfüße bilden den Gegenbeweis …

Anmerkung: Ein Ironiker muss wohl der Grafiker bei ‚Welt Online‘ sein, der die ‚erschröckliche Ästhetik‘ solcher Solarmodule direkt neben die klaren Linien traditioneller Netzarchitektur stellte.

Neulich im Meeting

Theobald Donnerschlag (Chief Executive Officer): Hallo, Teamster! Das To Do heute lautet, die Tasks durchzupriorisieren und auf den Time Course zu schicken. Die Deadline naht. Irgendwelche Statements?

Hilde Huschke (Client Service Managerin): Wichtig ist, dass unser Projekt auch Learnings generiert, vor allem der Service ist ein absolutes Retention Tool, wobei wir natürlich die Clients carefully spoonfeeden müssen, um sie nicht zu overwhelmen.

Kevin Kowalski (Chief Marketing Officer): Das ist doch Bullshit … dieser brachiale Brand-New-Sound ist doch die Key Note für unsere Market Penetration, ein absolutes Must.

Hilde Huschke (guckt beleidigt)

Willi Wuttke (Facility Manager): Wird noch Kaffee benötigt?

Dettmar Dünkel (Key Account Manager): Out, demons out! … Prioritär sollten wir doch erst einmal den Need generieren …

Sebastian Hochheimer (Art Director), unterbricht: … deshalb sollten wir auch die Slides für die Solutionssets gleich mal auf die neuen Templates layouten.

Theobald Donnerschlag: Ach was, solche Peanuts sollten wir nicht allzu sehr ventilieren. Take a look ahead! Wir sollten sehen, wie wir den Set vor dem Rollout noch kräftig aufbeefen können. Da haben wir doch seit drei Tagen diesen Praktikanten … wie heißt er noch? Der soll helfen, die Kollegen chargeable zu halten, bevor wir ein Problem mit dem Business Development Spend mitigieren. Wie wäre es mit einem Re-Shaping der Staffing-Pyramide, um kein Client Controlable Income Problem zu bekommen?

Dieter Nöling (Human Ressources Manager): Eins ist klar, wenn das hier nicht gleich eine Full-Take-Off-Sache wird, können wir sowieso Pink Enveloppes verschicken. Wir müssen dem Kunden unser Re-Engineering als Win-Win-Issue verkaufen und den First Draft Level high halten, bis wir endgültig das Go erhalten.

Theobald Donnerschlag: Okay, wir machen dann also erst einmal einen ersten Try. Im zweiten Cycle bauen wir dann die Fully-Fledged-Solution. Die Top Down Communication soll die Workforce mal kräftigst committen, nix mehr Disco und lenghty weekends. Die Art Factory soll derweil schon mal die Needs createn, um den Case dann asapst finishen zu können, wenn das Update kommt. Notfalls geht’s auch off the record.

Kevin Kowalsky: Noch ein kleines Maybe – könnten wir die Slides vom Look and Feel her noch improven, beim Content bringt das Sales Kit dann die Message schon rüber. Dann noch einen Cold Run und ab in den Beauty Contest.

Theobald Donnerschlag: Alright, let’s go!

Willi Wuttke: Noch Getränke?

Alle: Raus!

(dieser Text dankt den Anregungen der wunderbaren Facebook-Gruppe ‚Beratersprech‘)

Mein Gaga der Woche

Für jeden hirnverstiegenen Mist gibt’s einen, der’s in Tinte pisst. Neu ist es nur, dass diese Ejakulation sich in der ‚Zeit‘ ereignet, also bei unserer selbsternannten Sachwalterin für Rationalität und bürgerliche Aufklärung, und dass dazu noch dieser – ähem! – ‚Text‘ in jener meinungsförderlichen Anonymität erscheint, die Qualitätsjournalisten doch sonst nur in den Kloaken des Internet zu verorten pflegen. Für mich klingt’s wie ein zynischer kleiner Pennäler, der auf der Schultoilette zu notgeilen Phantasien heimlich onaniert:

„Das Reden über die Atomkraft ist unverkennbar eines über die männliche Sexualität. Man wartete, als die Katastrophe in Fukushima sich abzeichnete, mit Bangen auf die Explosion wie auf eine orgasmische Entladung. Glühende Brennstäbe ragten aus dem Wasser, es galt, sie rasch abzukühlen. In den sogenannten Abklingbecken durften wiederum alte Brennstäbe sich nicht erneut erhitzen. Man sah Feuerwehrmänner mit schweren Schläuchen die Reaktoren abspritzen. Nun wird unablässig gekühlt und bewässert, wie um ein nur schwer zu bändigendes Begehren in den Griff zu kriegen. … Es mag ein Zeichen alternder Gesellschaften sein, dass sie jedem Anflug des kraftstrotzend Männlichen mit größter Aversion begegnen. … Man setzt in der neuen grünen Bundesrepublik eben auf Sonne, Wind, Weiblichkeit und hohes Alter. Renate Künast, jugendliche 55, kandidiert in Berlin für das Bürgermeisteramt und plädierte sogleich für die Einführung von Tempo 30 in der Hauptstadt, damit man gefahrlos auch mit Hüftschaden jede Straße passieren kann.“

Jawollja – lieber Hüftschaden als Gehirnschaden! Um mal in dieser schwülen Metaphorik zu bleiben: Wenn Feuerwehrmänner mit ihren spritzenden Schläuchen erigierte, glühende Brennstäbe kühlen, dann klingt’s für mich doch eher nach Darkroom als nach Feminismus. Und all diese kraftstrotzenden Feuerwehrleute werden durch das hier spermatisch verzeichnete Handeln schon bald darauf mit lebenslanger Impotenz gestraft sein. Auch müffelt eine Technik aus den Zeiten von Hans Dominik und Marinetti längst nach Moder – und gerade, weil sie Anno Methusalem mal als Futurismus figurierte, ist sie heute eben nicht mehr ‚modern‘, sondern mit dicker Patina behaftet. Sei’s drum! Wie sagte es Karl Kraus: Die Psychoanalyse ist jene Krankheit, für deren Therapie sie sich hält …

Nachtrag: Mir erging’s zunächst wie vielen der Kommentatoren dort in der ‚Zeit‘ – rechts oben in der Ecke findet sich der dezente Hinweis, dass der Träger des Axel-Springer-Journalistenpreises, Adam Soboczynski, selbiges erbrach …

„Nicht geliefert“

Die Jungunternehmerin sitzt dort in jener Talkrunde, wo es um den Niedergang der Liberalen geht, und sagt, die FDP habe nach der Wahl „nicht geliefert“. Auch die Fraktionschefin sieht das übrigens ähnlich: „Nach der Bundestagswahl habe die FDP bei Themen, die uns wichtig waren, nicht geliefert.“ Selbst die Wirtschaftsmedien haben die neue Wortperle längst für die eigene Analyse entdeckt: „Das Problem sei daher eher, dass die FDP nicht geliefert habe“, sagt Gabor Steingart, der Handelsblatt-Chef.

Dieser Neologismus, der bisher eher der Beschwerdestelle von Versandunternehmen vorbehalten schien, grassiert derzeit nicht ohne Grund in einem FDP-affinen Umfeld. Weil er dem instrumentellen Politikverständnis jener Menschen das passende Wort verleiht: Ihrer Sichtweise zufolge habe der Wähler mit der Währung seiner Stimme im voraus für eine Leistung bezahlt, die er dann aber auch stante pede zugestellt bekommen möchte. Sollte dieser, sein imaginierter Vertrag nicht erfüllt werden, dann sucht er sich eben einen anderen Lieferanten.

Politik erhält damit einen Warencharakter, die Zeit der ‚Milieu-Parteien‘ und festen Wählerbindung ist in der Upper Class vorbei, zwischen Wählern und Gewählten herrscht jetzt ein reines Geschäftsverhältnis. Da fehlt eigentlich nur noch der Gang vors Gericht, sofern nicht prompt ‚geliefert‘ wird … die Demokratie wird als ein System von Austauschbeziehungen verstanden. Obwohl kein Mensch jemals zuvor Wahlprogramme für realisierbare Utopien und Textsorten hielt. Faktisch fallen diese doch eher in das Genre der Science Fiction, wobei das Wörtchen ’science‘ hierbei höchst fragwürdig bleibt.

Nachtrag zum Text (wegen einer Mail, die mich erreichte): Es ist Quatsch, zu glauben, die FDP wäre heute erfolgreicher, wenn sie ‚geliefert‘ hätte, wenn also das Land heute unter Kopfpauschalen, unnötigen Steuergeschenken und weiterer Deregulierung noch stärker ächzen würde. Die FDP wäre wohl in diesem Falle auch dort angelangt, wo sie heute steht. Denn sie wurde ja nicht wegen ihres Programms gewählt – das zu verhindern, traute man der Merkel schon zu – die FDP wurde 2009 allein aus strategischen Gründen gewählt, um nämlich einer erneuten großen Koalition zu entgehen, die viele bürgerliche Menschen, auch unter dem Eindruck des großen medialen Trommelfeuers damals, als ‚Lähmung‘ des Landes betrachteten. Was faktisch nicht der Fall war. Deshalb, um ein erneutes schwarzrot zu verhindern, machten sie diesmal ihr Kreuz bei der FDP statt bei der CDU. Die Umsetzung des FDP-Programms aber haben – außer ein paar Zahnwälten – nur ganz wenige gewünscht. Die Bedingung des FDP-Erfolgs also war gerade, dass sie ’nicht liefern‘ würde. Und ihr Abstieg erfolgte, als sie unbeirrt und lautstark unbedingt liefern wollte, und als die Menschen erkannten, dass dies am Ende furchtbarerweise der Fall sein könnte: „Alle Forderungen des FDP-Wahlprogramms wurden in der Koalitionsvereinbarung umgesetzt – versprochen, gehalten!“ (Westerwelle). Da begann der absehbare Abstieg – die Schreckensmänner der neoliberalen Revolution entpuppten sich in der Folge dann als windbeutelige Verbal-Pinocchios, was ihnen auch nicht mehr auf die Beine half …

Vom Kabarett zum Konservativen

Der „Gutmensch“ hat begriffsgeschichtlich einen weiten Weg zurückgelegt. Heute ist es eine rechte Kampfvokabel, mit deren Hilfe mentalversargte Hardliner alles zu verteufeln trachten, was ihrer reaganomisch gedachten Restdemokratie im Wege steht. Anfänglich aber war dieses Wort ein Instrument linker Selbstkritik, das vor allem in Satire und Kabarett jene weltfremde Fraktion christlich und humanistisch angehauchter ‚lila Latzhosen‘ glossierte, die im Zuge des Widerstands gegen eine dräuende ‚Nachrüstung‘ durch amerikanische Mittelstreckenraketen umstandslos die Bergpredigt als politisches Programm umsetzen wollten. Eckhard Henscheid von der ‚Neuen Frankfurter Schule‘ nannte damals Uta Ranke-Heinemann, die lauthälsigste jener Figuren, lästerlich eine „Antikriegsheulboje der Nation“.

Das „Wörterbuch des Gutmenschen“ führte erstmals diesen Begriff im Titel. Es erschien 1994 bei Tiamat – also in Maximaldistanz zum Springer- oder Siedler-Verlag. Der Rechtsabweichung unverdächtige Menschen wie Wiglaf Droste, Ulrich Holbein, Eckhard Henscheid, Joseph von Westfalen oder Gerhard Henschel nahmen hier den ‚Gesinnungskitsch‘ und die Wortperlen des ‚Gutmenschentums‘ auseinander, weil sie dessen tintenwolkiger Quallsprache den Verlust an kultureller Hegemonie in der beginnenden Kohl-Ära anlasteten. Das Wort ‚Gutmensch‘ setzte sich also im Zuge linker Selbstkritik und Selbstaufklärung durch, es richtete sich gegen das „SPD-Deutsch“ und gegen die Trottel des eigenen Lagers: „Irgendwas schwafelt bresthaft durch den Kopf – und schon steht’s grell auf dem Papier“ (Henscheid). Die Stoßrichtung zielte vor allem auf das Appeasement der Sozialdemokratie, die es sich der Opferrolle und in der Weltsicht des Gegners kuschelig einzurichten begann:

„Die SPD wird wieder frech und unverschämt. Überall kommen diese politisch-schleimigen Opferdarsteller aus der Schmollecke gekrochen, um sich erneut in die Rolle des staatsmännischen Tätertypus und dann dennoch Versagers einzugewöhnen. Mit dem Hausmacherstolz einer 120jährigen Geschichte greifen sie mit korrupten Fingern all die Themen der sozialen Bewegungen auf und schlürfen sie in ihren stinkenden Tanker – kurz, der SPD gehört schon jetzt prophylaktisch mal wieder eins über die rosa Birne, damit sie sich nicht an den Grünen verschluckt“ (Matthias Beltz, 1985).

Dieser Themen- und Wortklau ist auch heute noch brandaktuell. Denn die Konservativen, seit jeher völlig unfähig, selbst einen gesellschaftlich durchsetzungsfähigen Neologismus zu prägen, haben nicht nur den Begriff des „Gutmenschen“ ohne Copyright-Hinweis expropriiert – von der „Nachhaltigkeit“ über die „regenerativen Energien“ bis hin zum „qualitativen Wachstum“ kommt kein anständiger konservativer Wahlkämpfer heutzutage ohne den genuinen Wortschatz des politischen Gegners aus. Das, was die Hardliner eine ‚Sozialdemokratisierung der Union‘ nennen, ist faktisch nur ein geistiger Ladendiebstahl …

Wenn, wenn, wenn …

Konditionalsätze scheitern zumeist nicht erst an einer unzulässigen Schlussfolgerung, sondern oft schon an der Prämisse, die sie eingangs setzen. Trotzdem wirken sie im Politbetrieb deshalb überzeugend, weil sie aus einer blindlings erhaschten Voraussetzung folgerichtige Schlüsse zu ziehen scheinen. „Wenn im Himmel Jahrmarkt wäre …“ so pflegt der Volksmund diese Form der angewandten PR-Sprache zu glossieren. Hier ein besonders inhaltsleeres Beispiel – mit nachfolgender Dekonstruktion:

„Wenn sich die Union dazu durchringen könnte, mehr partizipative Elemente in ihre parteiinterne Willensbildung aufzunehmen, wenn sie im Gegensatz zu Hamburg oder Baden-Württemberg wahltaugliche Kandidaten aufstellen würde und wenn sie Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus zu verbinden vermochte – könnte sie wirkungsvoll ihre Zukunftskompetenz nachweisen.“

1. „Mehr partizipative Elemente in der parteiinternen Willensbildung“: Abgesehen mal von dem Floskelcharakter dieser rundgelutschten Sprache, Mitgliederbefragungen führen die Parteien jeder Couleur schon seit den 80er Jahren durch. Was hat es genutzt? Die Beschlusslagen werden zumeist von den ‚Realpolitikern‘ unter Verweis auf ‚Sachzwänge‘ rasch wieder kassiert. Solange derartige Befragungen nicht verbindlich sind, sondern nur – wie hier – als „Spurenelemente“ und Parteivolksberuhigungsmaßnahmen eingeführt werden sollen, ist eine solche Forderung schlichtes Faselblasülz. Außerdem ist die werte Wählerschaft nicht umstandslos mit der Mitgliedschaft einer Partei gleichzusetzen …

2. „Wahltaugliche Kandidaten“: An wen mag er bloß gedacht haben? Gottschalk? Justin Bieber? Hinter dieser Vorstellung steckt eine geradezu pop-musikalische Auffassung von der Politik: Ein Star, und schon drängen die Fans massenweise ins Parteikonzert. Der Gegenbeweis ist denkbar einfach: Die Grünen gewinnen derzeit, obwohl bei ihnen weit und breit kein Publikumsmagnet in Sicht ist. Anders ausgedrückt: Glaubwürdigkeit ist inhaltlich und eben nicht personell zu verorten …

3. „Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus verbinden“: Das ist nun eine blanke Sprechblase, dazu noch eine Paradoxie – der Mann musste hierzu nur Feuer mit Wasser verbinden, um jede Menge heißen Dampf zu erzeugen …

Kurzum – der Beweis, dass die Wahlniederlagen vom 27. März geradezu die Voraussetzung für den Triumph von Schwarzgelb im Jahr 2013 seien, der ist unter diesen ‚Konditionen‘ nicht zu haben. Von einem renommierten Markt- und Sozialforscher hätte ich doch ein wenig mehr erwartet, als uns das ‚Prinzip Hoffnung‘ auf eschatologischer Ebene zu verkünden: „Liebe Gemeinde der vereinigten Wirtschafts- und Atomfreunde, die wir uns hier um diesen Artikel versammelt haben – immer wenn ihr denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“ Ein Lichtlein – aber keine Leuchte …

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