Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2011

Weltdeuter unter sich

Wenn’s vorn nicht stimmt und hinten nie, ist’s eine Verschwörungstheorie: Will ich mich mal wieder über den aktuellen Stand argumentationsfreien Wirrsinns informieren, begebe ich mich gern auf die Seiten von ‚Mein Parteibuch‘, wo diese intellektuell Derangierten sich in Scharen tummeln. Zumeist beginnen die Texte gleich mit einer handfesten Desinformation, die auf schnöde Fakten souverän verzichtet:

„In der Resolution 1973 hat der UN-Sicherheitsrat Libyen de facto für vogelfrei erklärt und jedes Mitgliedsland dazu aufgerufen, beliebige Angriffskriegsoperationen gegen Libyen durchzuführen.“

Soso, für ‚vogelfrei‘ hätte die UNO also Libyen erklärt – und auch jede Form von Angriffskrieg zugelassen? Dolle Sache das – wenn’s denn bloß so wäre. Dummerweise weiß auch der Verfasser selbigen Wirrsals, dass es dann doch wohl so nicht ist. Deshalb schmeißt er sein Eingangs-Statement zehn Zeilen weiter über den Haufen, um nachträglich den Eindruck von Restbeständen an Realitätskontakt zu erwecken:

„Die UN-Sicherheitsratsresolution 1973 erlaubt einerseits militärische Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten, verlangt andererseits aber auch einen sofortigen Waffenstillstand und ein Ende der Gewalt.“

Aha – das wäre ja nun halbwegs zutreffend. Aber warum stand eingangs ganz etwas anderes im Text? Weil’s schmissiger klang? Verschwörungstheoretiker müssen wohl dem kurzen Gedächtnis ihrer Leser grenzenlos vertrauen. Regelmäßig gesellen sich kurz darauf die üblichen ‚Hilfstruppen der Verblendung‘ hinzu, die für die Gehirnwäsche der Massen sorgen müssen, damit diese die ‚wahren Zusammenhänge‘ nicht erkennen können:

„Begleitet wird der von der UNO ohne Gegenstimme beschlossene Angriffskrieg der NATO gegen Libyen von einer massenmedialen Propagandawelle, die selbst die goebbelsche Propaganda vor Hitlers Polenfeldzug blass aussehen lässt.“

Ja – der Rekurs auf den Faschismus ist in den intellektuellen Hamsterrädern der Verschwörungstheoretiker stets probat, auch wenn die arabische Stimme von Al Jazeera unversehens zum ‚Völkischen Beobachter‘ mutieren muss, damit das Feindbild stimmt. Da ist natürlich der Rassismus auch nicht mehr weit – Gaddafis Truppen würden nur deshalb angegriffen, weil es arme, unterprivilegierte Schwarze sind:

„Der “Schutz der Zivilisten” durch die von UNO und NATO im Osten Libyens an die Macht gebombten “Rebellen” besteht hauptsächlich darin, Jagd auf Menschen schwarzer Hautfarbe zu machen, sie in Lager zu sperren, zu foltern und offenbar auch gleich reihenweise zu exekutieren.“

Beweise für solch steile Thesen bleiben natürlich Fehlanzeige – auch das malinesische und nigerianische Söldnertum beteiligter Ausländer wird uns dezent verschwiegen. Zuletzt tritt immer ein möglichst skurril zu wählender Kronzeuge auf – ausgerechnet Nordkorea als Hort des Wahren und Guten betritt jetzt den Ring:

„Die Demokratische Volksrepublik Korea hat völlig recht, wenn sie erklärt, dass der Angriffskrieg der USA gegen Libyen der Welt die wichtige Lektion erteilt, dass auf Sicherheitsgarantien und die UNO kein Verlass ist, und nur wirksame Abschreckungswaffen vor einem US-Überfall schützen. Es bleibt zu hoffen, dass Nordkorea so solidarisch ist, anderen noch unabhängigen Staaten dabei zu helfen, auch in den Besitz von wirksamen Abschreckungswaffen zu kommen.“

Jaja – der altböse Feind muss mal wieder an die Front, nämlich die USA, die bekanntlich diesen Krieg zunächst gar nicht führen wollten. Was aber vermutlich für ihre besonders teuflische Perfidie spricht. Die gesellschaftlichen Folgen sind allemal superlativisch, in diesem Fall „unermesslich“, zumindest für die kleine Gruppe derer, die diese Grütze fressen mögen:

„Bei denjenigen, die die zwar primitiv gemachte, aber massenhaft verbreitete Propaganda gegen Libyen durchschauen und den von der UNO genehmigten Raub des libyschen Öls mittels eines mörderischen Angriffskrieges dahinter erkennen, wächst der Hass auf die Verbrecherbande NATO, ihre Marionetten in der arabischen Liga und den UN-Kriegsverbrecherrat, der diesem Jahrhundertverbrechen ein legales Cover gegeben hat, gerade ins Unermessliche.“

Tschaja, alles Marionetten – außer Papa! Das heißt im Umkehrschluss dann wohl, dass die Mehrheit der Vernünftigen äußerst primitiv sein muss, weshalb sie so etwas Primitives nicht zu durchschauen vermögen – ganz anders, als unser allwissender Verfasser, der seinen Messianismus des Andersseins täglich mit aparten Ansichten düngt. Hier spricht sich eine revolutionäre Avantgarde aus, die auf einem blanken Nichts stolze Wolkenkuckucksheime errichtet.

Ob solche Texte nun rechts oder links sind, mag ich nicht entscheiden, Berufenere mögen sich daran versuchen. Verhaltensauffällig aber sind sie in jedem Fall. Kurzum: Verschwörungstheoretiker sind der schönste Beweis dafür, dass neben dem Kosmos auch die Dummheit der Menschen unendlich ist …

Zynismus im ZDF

Jeder technologische Fortschritt in der Geschichte der Menschheit wurde begleitet von Katastrophen. Aus allen haben die Menschen gelernt – aus dem Untergang der Titanic, aus Contergan, aus Tschernobyl. Vermeidbar waren alle Katastrophen und dennoch am Ende nützlich.“

Schon klar, Wolfgang Herles – der Contergan-Skandal war nützlich für die Pflegeheime und für die orthopädische Industrie, der Untergang der ‚Titanic‘ war nützlich für Guido Knopp, und der Fallout in Tschernobyl nützlich für die Produzenten von Jod-Tabletten. Intellektuelles Kamikaze ist noch lange keine Argumentation … wie Sie aber zum Leiter der Kulturredaktion beim ZDF werden konnten, das muss mir erst einmal jemand erklären.

GAU und GNU

Mir stieß schon immer auf, dass der ‚Größte anzunehmende Unfall‘, der GAU, nochmals hypersuperlativisch zum Super-GAU gesteigert werden kann, was wiederum die geschundene Grammatik lauthals jammern lässt. Letzteres wäre immer dann der Fall, wenn radioaktives Material aus dem Reaktorgefäß plötzlich ungeschützt unter freiem Himmel lodert, was laut Risikoanalyse gar nicht möglich schien. Wenn also schon der ‚Größte Anzunehmende Unfall‘ derjenige ist, der zuvor als technisch eben noch ‚beherrschbar‘ galt, dann schlage ich vor, für die Steigerung dieser Situation, wie sie jetzt in Japan eingetreten ist, den Ausdruck GNU zu verwenden, den ‚Größten Nichtanzunehmenden Unfall‘ …

Von Korrektoren befreit

Wo die Brennstäbe wegen Kühlwassermangel bereits freilegen, reagiert das Wasser unter Einwirkung des Elements Zirkonium zu dem Wasserstoff.“

Ich kam beim Erbsenzählen in diesem Qualitätsmedium gar nicht mehr hinterher …

Neulich an der Lottobude:

Moin, ich wollte meinen Lottoschein abgeben.“

„Sind Sie Hartz-IV-Empfänger?“

„Was soll denn die Frage? Sehe ich so aus?“

„Hartz-IV-Empfänger dürfen nicht mehr Lotto spielen. Wir müssen das kontrollieren.“

„Boah – damit vergraulen Sie ja Ihre treueste Kundschaft.“

Gesetz ist Gesetz. – Also, sind Sie nun Hartz-IV-Empfänger?“

„Sehe ich etwa so aus, als wäre ich ein spätrömisch Dekadenter, der täglich kandierte Flamingozungen frisst?“

„Nö – das nicht gerade. Eher im Gegenteil.“

„Also, dann stempeln Sie jetzt meinen Tippschein ab.“

„Okay, okay, man wird ja wohl noch mal fragen dürfen. Hier ist der Schein. Bitte sehr – und einen schönen Tag noch.“

„Ach, lecken Sie mich …“

Bürgerliche Werte?

Im Kielwasser des Guttenberg-Plagiats wurde auch der Verrat der Christdemokratie an ‚bürgerlichen Werten‘, an der Wissenschaft und an der ‚Bedeutung der Bildung‘ verhandelt, als ob eine solche Trias ausgerechnet in dieser bürgerlichen Doppelpartei zu finden wäre. In Wahrheit treibt jene Klientel, die diese Partei trägt und wählt – dies sei hier als Gegenthese formuliert – vor allem derart viel spießbürgerliche ‚Geschäftigkeit‘ um, dass ihr für jene unverzichtbare Muße, die Bildung und fundierte Wertereflexion nun mal erfordern, gar keine Zeit mehr bleibt. Generell sind die so genannten bürgerlichen Werte heute in keiner Partei daheim.

Betrachten wir die Literatur als jene Kulturgattung, die gesellschaftliche und bürgerliche Werte primär verhandelt, zumindest seit die Kirchen ins Transzendente abrauchten, dann gibt es eine Fülle von Belegen, dass gerade die ‚Bürgerlichen‘ mit Wertfragen und Bildungsstreben nie etwas am Hut hatten. Aus den Reihen der Christdemokraten stammt eine Fülle legendärer Zitate, die uns schlicht zeigen, dass deren repräsentative Figuren nie etwas lasen, bevor sie davon zu reden meinten – ganz ähnlich, wie es dem Baron mit seiner Dissertation erging. Da wäre zum Beispiel der CDU-Bundespräsident Karl Carstens:

„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“ (Spiegel 34, Nr. 10, 7, v. 3. März 1980)

Ach ja, falscher Name, aus der Luft gegriffenes Pseudonym – vom schlechten Deutsch bis zu den erfundenen Fakten ist an diesem Satz so ziemlich alles widerwärtig. Stark im Vergleich und schwach in den Belegen war auch der CDU-Außenminister Heinrich von Brentano:

„Sie waren der Meinung, daß Bert Brecht einer der größten Dramatiker der Gegenwart sei. … Aber ich bin wohl der Meinung, daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist.“

Meinungsfreudig, dafür aber ungebildet – so lautet auch hier der Befund. Bei seiner spätlyrischen Scheinpräzisierung dürfen wir getrost davon ausgehen, dass unser Herrenreiter weder die späte noch die frühe Lyrik jemals las.

Ich könnte jetzt fortfahren mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, der alle Schriftsteller mit „kleinen Pinschern“ verglich, „die in dümmster Weise kläffen“. Bis hin zu den „Ratten und Schmeißfliegen“ des seligen Herrn Strauß. Kurzum – Literatur, Wissenschaft, Kunst, Bildung und bürgerliche Werte waren in den bürgerlichen Parteien niemals in guten Händen.

Selbst dort, wo Geist und Konservatismus doch zeitweilig Hand in Hand zu gehen schienen, wie im Falle von Thomas Mann, da stellte sich nachträglich heraus, dass – igittigitt! – auch dieser Nobelpreisträger und Großschriftsteller peinlicherweise nur die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes gewesen war.

Kurzum: Bei denjenigen, die Bildung und bürgerliche Werte im Parteischilde führen, war die Geistferne schon immer inbegriffen. Insofern ist der Freiherr von Guttenberg auch kein Ausreißer, sondern der würdige Erbe eines fortdauernden Mentalzustands innerhalb der Union.

Kategorienfehler

Malte Lehming, der Limbo-Intelligenzler und Rechtsausleger vom ‚Tagesspiegel‘, stellt die Gutmenschen dort an seinen Instant-Fix-Pranger, weil sie damals – im Falle Bill Clintons – sich nicht ebenso empört hätten wie heute im Fall Guttenberg.

Bester Herr Lehming, wenn der Guttenberg, ob nun mit oder ohne Zigarre, an einer Praktikantin rumgemacht hätte, würde sich auch hierzulande kaum noch jemand aufregen – außer der Stephanie vielleicht. Er hat aber nun mal keiner Praktikantin die mehr oder mindere Unschuld geraubt, sondern schlicht anderen Leuten ihr Eigentum. Merke: Nur Gleiches ist auch gleich. Hoam’s mi?

Da nicht sein kann …

Irritierend ist oft das vorschnell Hingehuschte im deutschen Feuilleton. Wie dieses Beispiel aus dem ‚Neuen Deutschland‘ zeigt. Dankenswerterweise weist der Rezensent, Klaus Bellin, auf eine endlich unredigierte Ausgabe von Hans Falladas letztem großen Roman hin – auf ‚Jeder stirbt für sich allein‘. Ein Zeitroman, der wie kein anderer das Schicksal kleiner Leute im nationalsozialistischen Deutschland nachvollziehbar macht, und zwar eben nicht nur dasjenige des Ehepaars Quangel, sondern auch dasjenige all der Mitläufer, Dulder, Lavierer und Sadisten drumherum. Hier duftet es nicht exilantisch-feuchtwangerisch nach Bildungsbürgertum und Havannas, sondern auf jeder einzelnen Seite nach Kohlsuppe, Bügelwäsche, Bohnerwachs und verstockter Renitenz.

Himmelschreiend falsch aber sind Passagen wie die folgende, die vielleicht ideologischen Erwartungen auf der linken Seite entsprechen, aber nun mal nicht den Fakten:

„Es war sein bestes Buch seit langem. Das wusste auch Fallada, der sich, schwach, labil und ausgebrannt, mit harmloser, lauer Unterhaltungsliteratur über die Nazizeit gerettet hatte.“

Das ist Bullshit. Natürlich hat Fallada, ständig bedroht durch Schreib- und Publikationsverbote, in dieser Zeit viel Unterhaltungsware geschrieben, von ‚Damals bei uns zu Haus‘ bis hin zu ‚Fridolin der freche Dachs‘. Seinen größten Roman, ‚Wolf unter Wölfen‘, den aber schrieb er eben auch in jener Nazi-Zeit. Das dicke zweibändige Opus konnte unter der Ägide von Goebbels‘ Propagandaministerium unter großem Getöse erscheinen, nämlich im Jahr 1937. Überspitzt lässt sich sogar sagen, dass ‚Wolf unter Wölfen‘ das einzig bedeutende Literaturwerk ist, das in Deutschland unter der Nazidiktatur überhaupt publiziert wurde. Und inhaltlich-ideologisch blieb es zugleich derart unverdächtig, dass es sowohl in der DDR wie in der Bundesrepublik gleich nach dem Krieg zahlreiche neue Auflagen erlebte. Es ist also nichts mit einem Fallada, der unter den Nazis nur noch ’seichte Unterhaltungsware‘ geschrieben haben soll, selbst der ‚Eiserne Gustav‘, ein Buch, das Fallada mit einer Paraderolle dem Emil Jannings auf den Leib schrieb, ist trotz eines zeitweilig angeflanschten „SA-Schlusses“ kein literarisch unverächtliches Werk.

Im Grunde weiß dies der Rezensent im ‚Neuen Deutschland‘ selbst. Denn nahezu im gleichen Atemzug widerspricht er sich, wenn er uns das neue Buch als das stärkste seit ‚Wolf unter Wölfen‘ vorstellt:

„Das umfangreiche Gestapo-Material dokumentierte das Schicksal eines alten Berliner Ehepaars, das sich mit Flugblättern gegen Hitlers Krieg gewehrt hatte und hingerichtet worden war. Der Stoff lag ihm fern, aber schließlich fing er doch Feuer und schrieb, wie er fand, »einen wirklich großen Roman«, seinen stärksten nach »Wolf unter Wölfen«.

Erläuterungsbedürftig wäre es also, wie es diesem schwerst drogenabhängigen Hans Fallada gelang, mitten in der braunen Diktatur intellektuell satisfaktionsfähige Literatur zu schreiben und zu veröffentlichen. Dass Fallada von Goebbels hochverehrt wurde, und damit eine gewisse Narrenfreiheit unter den Rassisten genoss, wäre vielleicht ein erster Ansatz zur Erklärung …

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑