Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2011

Jan Fleischhauer

Der erzkonservative Spiegel-Autor Jan Fleischhauer ist bei den Brands-Tweeties bekanntlich für die große Pauke zuständig. Sein Einsatz kommt immer dann, wenn es mit großem Tamtam gilt, den gesunden Menschenverstand kräftig gegen den Strich zu bürsten. So auch in diesem Artikel, wo er dem Ex-Doktoren und Ich-Bin-So-Freiherren Karl Theodor zu Guttenberg den letzten Bärendienst erweist.

Zunächst einmal beharrt er auf der großen Verharmlosung, dass es sich nämlich in der Causa Guttenberg bloß um eine „unverzeihliche Schlamperei bei den Fußnoten“ gehandelt habe. Besonders drollig aber ist sein zentrales Argument, wonach jene empörungssüchtigen Linken völlig falsch lägen, die jetzt einen Verfall bürgerlicher Werte ausgerechnet bei einer bürgerlichen Partei wie der Union witterten – 23.000 Doktoren und Doktoranden müssen also wohl irren. Schließlich sei – tätä! tätä! – der Guttenberg ja gar kein Bürgerlicher, sondern im Gegenteil ein scharlatanesker Hallodri aus dem Adel, zu dessen Wesen das Blendertum schon immer gehört habe.

Ohne dem Adel jetzt zu nahe treten zu wollen – ein Kompliment eines Konservativen an nobilitierte Konservative ist dieser Schlenker sicherlich nicht. Ganz abgesehen davon, dass bei einer solchen kruden Klassenanalyse Fleischhauers soziologische Uhr wohl Anno 1918 zu ticken aufgehört hat, spätestens jedoch 1945. Inzwischen leben wir längst in einer ‚bürgerlichen Gesellschaft‘, auch wenn mancher noch ein ‚von‘ im Namen trägt und die grünen Blätter unter Floristinnen florieren. Hinzu kommt – dass von Merkel über Schäuble bis hin zu Seehofer – es doch durch die Bank Bürgerliche sind, die jetzt beim taumelnden Adelsspross die kommunikativen Kammerdienerdienste versehen. Was ist denn mit denen? Verraten diese ‚Bürgerlichen‘ etwa keine ‚bürgerlichen Werte‘?

Besonders lustig wird es immer dann, wenn der Eigenfleischhauer, selbst eines Doktortitels unverdächtig, sich seinen wahren Gegnern, einer imaginierten Linken, zuwendet. Deren Weltbild lutscht er sich einfach aus den Tatzen – bzw. wringt er es sich aus den eigenen biographischen Erfahrungen heraus, die faktisch dem deutschen Herbst entstammen und inzwischen längst in tiefen Winterschlaf versunken sind:

„Gerade Linke sollten Klassenunterschiede kennen, ihr ganzes Theoriegebäude beruht schließlich darauf, aber irgendwie scheint den heutigen Vertretern die Erinnerung an die Grundbegriffe des Marxismus abhanden gekommen zu sein, was nur den Schluss zulässt, dass die meisten tief und fest geschlafen haben, als die Kritik der politischen Ökonomie an der Reihe war.“

Ja, das heißt dann wohl diesen Linken den Vorwurf zu machen, dass sie nicht länger marxistisch und klassenkämpferisch sind, dass sie also gar nicht so sind, wie sie nach Ansicht des wirren Autors doch zu sein hätten – kurzum: Heute lustiges Popanzbasteln bei Familie Fleischhauer. Vielleicht kann dem guten Mann mal jemand flüstern, dass Linkssein heutzutage keineswegs mehr auf marxistischen Fundamenten ruht, sondern auf jenen schlichten drei Losungsworten der französischen Revolution – mit einem Akzent auf den letzten beiden. Was mich wiederum zu dem Schluss führt, dass der Jan Fleischhauer wohl „tief und fest geschlafen“ haben muss, seit der Marxismus samt dialektischem Materialismus zu Grabe getragen wurde. Er tollt dort wie das ewige Kleinkind in seiner bunten Lego-Welt herum, schmäht noch immer seine Eltern, und schmeißt mit Kamelle jenseits jeden Verfallsdatums …

Einfach ausflaggen!

Vielleicht gäbe es die Möglichkeit, Doktortitel und ähnliche Aufbauhilfen des Sozialprestiges einfach für lau im Ausland zu erwerben. Statt teurer Accessoires wie ziselierter Wasserpfeifen oder schwerer Bildbände bekäme ein Staatsgast dann eben auf Büttenpapier den ersehnten Doktortitel eines mittelamerikanischen oder zentralasiatischen Landes, komplett mit vorgefertigter Dissertation. Thema vielleicht: „Wunsch und Notwendigkeit: Die familiendiktatorische Staatsverfassung Usbekistans im Lichte deutscher Exportinteressen“ …

Hmmm?

Ob dieser unterragende Mann, der an der Seite seiner Carla immer in die Hochhackigen schlüpfen muss, auch weiß, was er da tut?

„Sarkozy legt die Latte hoch.“

Aber gut, vielleicht denkt er ja eher an einen Limbo-Tanz

Völlig richtig, Sascha Lobo!

Diese wildwüchsig herumpöbelnden Journalisten sollten sich endlich an den gesitteten Umgangsformen im Netz ein Beispiel nehmen und ein wenig mehr Contenance einüben. Mit deiner Forderung nach einer „vernünftigen Beleidigungskultur“ statt des unvernünftigen Zeterns der Pressevertreter gehe ich völlig d’accord:

„In der digitalen Öffentlichkeit muss eine vernünftige Beleidigungskultur entwickelt werden. … Dabei geht es nicht um die vollständige Abschaffung des Straftatbestandes der Beleidigung, sondern um eine fortschrittsbedingte Anpassung.“

Der Ton der Alphajournalisten aus den Holzmedien schlug längst über alle Stränge, die ganze Meute war außer Rand und Band geraten. Hier nur das jüngste Beispiel:

Broder: „Ja, Sie sind ein ungemäßigtes Arschloch!“
Student: „Sie bezeichnen mich also als Arschloch?“
Broder: „Ja, Du bist ein ungebildetes Riesenarschloch!!!“ – Unruhe im Publikum –
Broder: „Du mit deinen Positionen bist ein blöder Lümmel (Pause), du bist ein linker Penner!“ – Unruhe –
Student: „Würden Sie mir nochmal ins Gesicht sagen, dass ich ein Arschloch bin?“
Broder (wiederholt vier bis fünf mal): „Du bist ein ungemäßigtes doppeltes Riesenarschloch.“
Dann habe Broder den Studenten noch als Mitglied der Waffen SS und der Stasi bezeichnet.

So, wie bei den Journalisten auf dem Podium sollte es unter kultivierten Menschen wirklich nicht zugehen. Die würden uns mit ihrem Gepöbel am Ende noch das ganze Netz versauen …

Wo lebt der denn?

Angesichts der Dreistigkeit, mit der manche Schreiber realitätsferne Thesen unwidersprochen in die Welt setzen dürfen, fasse ich mir manchmal nur noch an den Kopf. Da faselt eine gewisser Malte Lehming im ‚Tagesspiegel‘ von einer linken Mehrheit in Deutschlands Medien, so als würde unsere Medienlandschaft nicht längst von den Schirrmachern, Matusseks, Poschardts, Diekmanns, Hehnes, Köppels und Broders, zusammen mit einer unüberschaubaren Heerschar dienstwilliger Sterne zweiter Größe, gnadenlos dominiert und täglich randvoll zugetextet:

„Sie wissen, dass es eine stabile gesellschaftliche und parlamentarische Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt, die sich in den meisten Medienhäusern niederschlägt.“

Ja, wo das denn bitte? Vom ‚Spiegel‘ über die ‚Süddeutsche‘ bis hin zum ‚Stern‘ ist die Publizistik in Deutschland seit den 90er Jahren stramm nach rechts gerückt, tief in die denkbefreite neoliberale Zone hinein, man könnte fast sagen, dass die Krise der Altmedien geradezu aus diesem Richtungswechsel resultiert, weil sich die werte Leserschaft in der Welt, die ihnen dort emsig vorkonstruiert wird, immer weniger wiedererkennt. Unsere ebenso dienstfertigen wie jungforschen Mainstreamler aber schmaddern unbewiesenes Zeugs und altrechte Verschwörungstheorien daher, als lebten wir noch zu Zeiten von Noelle-Neumanns ‚Schweigespirale‘. Tröstlich immerhin, dass dieser Malte Lehming auch so aussieht, wie er schreibt, man ist als Leser dann optisch gleich gewarnt, wenn er als verschwörungstheoretisch-publizistisches Schmierfett für die ‚Achse des Guten‘ dient oder mal wieder zu Opas verbeulter Alarmismus-Trompete greift. Aus den Tiefen der Blogwelt heraus erhält der Malte Lehming übrigens schon seit längerem das verdiente ‚Kontra‘, während innerhalb der etablierten Medien eher das Sprichwort vom Sozialverhalten der Krähen gilt:

„Fürwahr, Lehming ist nicht der schlaueste Kopf unter dieser Sonne. Doch wenn man seine Artikel als tägliches Humorfutter begreift, kann man herzhaft über Lehming lachen. Ernstzunehmen ist dieser wortschatzreduzierte Meinungsclown jedenfalls nicht.“

Und da ich mich nun einmal auf die Spuren dieses seltsamen Heiligen und Redaktionsleiters kapriziert hatte, fiel mir auch noch das folgende Fundstück vor die Tippfinger:

„Beruhigend aber ist, wie wenig spektakuläre Informationen das [wikileaks-]Material enthält. Keine Verschwörung wurde aufgedeckt, kein Umsturzplan enthüllt. … Im Wesentlichen funktioniert die amerikanische Außenpolitik offenbar genau so, wie die Medien sie darstellen und Lieschen Müller es vermutet.“

Ach so, Lieschen Müller hätte also schon immer geahnt, dass die amerikanische Außenpolitik u. a. darin bestünde, wehrlose Zivilisten vom sicheren Hubschrauber herab abzuknallen? Und da wundern Sie sich anderswo gleich wieder über einen wachsenden Antiamerikanismus? Gut, dass Sie uns über die Ansichten im Volk derart zutreffend aufklären, Herr Lehming. Darin besteht bekanntlich die Kunst dieses ‚objektiven Qualitätsjournalismus‘, den uns alle Verleger so trefflich zu rühmen wissen … zum Beispiel dann, wenn unser Malte Schmähling den Stuttgart-21-Gegnern den Göring und den Rosenberg ans Bein zu tüddeln versucht:

„Für den Reichsjägermeister und Reichsnaturschutz-beauftragten Hermann Göring bedeutete Waldvernichtung Volksvernichtung. Denn „wenn wir durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude“.

Jaja – und ich esse gerne gut, und das tat der Göring bekanntlich ja auch.

Der feuchte Finger

Gerade in Zeiten des Medienwandels hat der Beruf der Kassandra Konjunktur. Hier warnt uns der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Lesen vor den verderblichen Folgen dieses absolut sozialschädlichen Zwischennetzes, das doch bekanntlich nur legasthenische ‚Lese-Zapper‘ produziere:

„Die regelmäßig von der Stiftung Lesen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellten Studien zum Leseverhalten in Deutschland belegen, wie sehr „Lese-Zapping“ zunimmt. Texte werden nicht als Ganzes rezipiert, oft wird eine Passage übersprungen – oder die Lektüre abgebrochen.“

Da ich nun altersbedingt jene ‚guten alten Zeiten‘ kenne, wo noch kein Bildschirm die Schreibtische zierte, kann ich mir einen Vergleich zwischen Einst und Jetzt nicht verkneifen. Auch in jener grauen Vorzeit habe ich manche Bücher nur mit dem feuchten Finger gelesen, dabei nicht nur einige Absätze überflogen, sondern ganze Kapitel überschlagen, ja so manches Buch habe ich nach zehn oder zwanzig Seiten entnervt in die Ecke gefeuert. Kurzum – das ‚Lese-Zapping‘ ist so alt wie die Lektüre: Unsere kulturbarmenden Weltuntergangspropheten beschwören ständig einen Mythos von einem besseren Gestern, dessen Faktenferne jede empirische Untersuchung ratzfatz zu Konfetti schreddern würde. Ganz abgesehen davon, dass die Stiftung Lesen ihrem Namen zum Trotz völlig unfähig scheint, selbst etwas Lesenswertes zu produzieren:

„Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten: So lautet das Hauptmotiv ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in dem sie tätig sind. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung ist daher auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas zunehmend in den Blick kommt.“

Beckmessern wir mal ein wenig an der ‚Stiftung Lesen‘ herum: „Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten [falscher Infinitiv]: [hier besser Gedankenstrich statt Doppelpunkt] So lautet das Hauptmotiv [nebenbei, was wären denn ‚Nebenmotive‘?] ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in [‚auf‘ wäre hier die korrekte Präposition!] dem sie tätig sind [‚tätig sein‘ ist bekanntlich eines der denkbar schwächsten Verben, ein Allwetterjäger für notorisch Spracharme]. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung [eine solche attributive Maulsperre tötet jede Lesbarkeit] ist daher [woher noch bitte?] auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas [typische Politikerstanze, klingt zwar bedeutend, besagt aber nichts] zunehmend [abnehmend?] in den Blick kommt [jaja, ich sehe es vor mir, wie der Blick des Lesers ‚zunehmend kommt‘ und ganz schnell wieder flieht].“

Bester Rolf Pitsch, hat nicht der heutige Leser jedes Recht, angesichts dieses Wortmülls, den Sie ausgerechnet in Ihrer so grottenfalsch benannten ‚Stiftung Lesen‘ dem Publikum unverdrossen in die Tröge kippen, hat dieser Leser da nicht das Recht, ausgiebig ‚Lese-Zapping‘ zu betreiben, um nicht durch Ihre Stanzen ganz und gar verdorben zu werden? Ist es nicht verständlich, wenn er sich stattdessen ganz schnell etwas Gehaltvollerem zuwendet? Was in den Weiten des Netzes ja auch nicht schwer zu finden ist …

Sarah Palin redet

Und zwar exakt so, wie ihre Anhängerschaft denkt – im schönsten Krausimausi-Stil:

„Und keiner hat bisher, keiner hat dem amerikanischen Volk bisher erklärt, was sie wissen, und sie wissen sicher mehr, als der Rest von uns weiß, wer es sein wird, der die Stelle von Mubarak einnehmen wird, und nein, nicht, nicht wirklich begeistert darüber, was es ist, das auf der nationalen Ebene und aus Washington getan wird, um die ganze Situation da in Ägypten zu verstehen.“

Wow, diese Pointen, diese treffsicheren Bonmots, diese Zitierfähigkeit all ihrer Aussagen! Kurzum: Alle Brabbels verehren die Brabbels wegen deren Gebrabbels als ihresgleichen …

Beliebigkeit

Parteiprogramme sind bekanntlich eine Wundertüte. Die einzelnen Punkte in ihm sollen niemanden unnötig vergraulen und es möglichst allen recht machen. Die Folge: Beliebigkeit, Rumsülzen und Nouvelle Vague aller Orten. Den Vogel schießt mit ihrem wohlig Rundgelutschten aber derzeit die Hamburger FDP ab. Deren Euphemismus-Strategen produzierten sprachlich erstmals ein Wahlprogramm ohne alle Ecken und Kanten:

JA zu Kindern und Familien für Hamburg
JA zu verlässlicher Bildungspolitik
JA zu Arbeitsplätzen in Hamburg
JA zu Wissenschaft und Forschung
JA zur Verkehrspolitik mit Augenmaß
JA zu Freiheit und Sicherheit
JA zur Kulturpolitik
JA zum Sparen durch weniger Bürokratie
JA zur Umwelthauptstadt 2011
JA zur Vielfalt in unserer Metropole

Ja, ja, ja! Ich weiß auch nicht, warum mich dies kapitale JA so sehr an das IA des Esels erinnert. Hinter jeden Punkt ließe sich die rhetorische Frage stellen: „Ja, wer denn nicht?“. Nix mehr findet sich dort von „Mehr Netto vom Brutto“ oder „Leistung muss sich wieder lohnen“, den üblichen liberalen Wunderelixiren, an denen die Welt doch immerdar genesen soll. Buchstäblich alle Aussagen könnte auch jede andere Partei unterschreiben, ja, selbst noch der Autonome aus dem Schanzenviertel. Dieses Programm gleicht einem Miststreuer, mit dem der Bauer über den Acker fährt, um unterschiedslos alles zu düngen, das Unkraut wie den Weizen. Mit einem „JA“ als einziger Sachaussage jedenfalls wird das nichts. Denn Beliebigkeit ist nur ein anderes Wort für den Verzicht auf jedes Profil. Die Hamburger FDP möchte auf den Filzpantoffeln eines bloßen JA an die Macht …

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑