Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2011

Der Wert des Schreibens

Sehr geehrter Herr Jarchow,

wir sind ein Onlinemarktplatz für die Vermittlung keywordoptimierter Texte und auf der Suche nach stilsicheren Textern und Autoren. Unsere Kunden kommen aus unterschiedlichen Branchen und erwarten von uns auftragsbezogene Texte zu vielfältigen Themen.

Der Preis pro Wort liegt zwischen 0,8 – 4,0 Cent, je nach Qualitätseinstufung des Autors in Verbindung mit den qualitativen Anforderungen des Kunden. Besuchen Sie uns doch einfach auf: XXX oder kontaktieren Sie mich per Mail.

Mit freundlichen Grüßen

Senior Online-Marketing Manager

Jaja, diese ‚Brangschen‘ mit ihren ‚vielfältigen‘ Themen. Warum schreibt er nicht einfach: Wir suchen hochqualifizierte Ein-Euro-Jobber, die sich nicht ständig vertippen? Hier hat er ein Wort, dass ihm für die 0,8 Cent einen echten Gegenwert bietet:
Keywordoptimierungsleselustbeschränkungsausbeuterdummbaddel.

Oha, Henryk Broder!

Sie können ja durchaus die diskutierenswerte These vertreten, dass eigentlich die Normalen die Irren seien, was uns nur wegen deren Majorität in schwatzgelben Regierungen, ‚Tagesthemen‘ oder auch Kirchen nicht so leicht auffällt. Und Sie dürfen gern auch als notorischer Beweis-Führer und als blakendes Irrlicht des Common Sense in folgendem Satz gipfeln:

„Wenn Sie sich davon überzeugen wollen, dass wir tatsächlich die Falschen behandeln und die Normalen unser Problem sind, dann müssen Sie nur einmal die Leserforen der großen Zeitungen besuchen.“

Aber sollten Sie solch bedenkenswerten Stoff dann ausgerechnet für die ‚Welt‘ schreiben, in deren Leserforen sich bekanntlich das ganze Jahr Karneval und verkehrte Welt psychotisch-halluzinierend austoben? Tscha, mitgefangen – mitgehangen! oder: Nach seinem Besuch im Schweinestall duftet auch der Inspektor von der Hygienekommission entsprechend. Das gilt natürlich dann auch für Sie, unseren Oskar Panizza der Jetztzeit … schauen Sie sich in den Fußnoten zu Ihrem Artikel doch bloß mal um: Alle quieken dort weiter fröhlich herum, und kein Borstenvieh fühlt sich getroffen.

Schiet op Distichon!

Unser Nachbar hatte offensichtlich Probleme mit seiner ungebärdigen Färse – und wusch! war sie ihm mitsamt Kälberstrick in die Bottnik davongetrabt. Er fluchte prompt wie ein Rohrspatz: „Is dat entfamtige Beest mi hüt all to’n tweeten Moal utneiht! Töw, krieg ick di wedder to faat, geew ick di een!„. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob Hinnerk wirklich die antike Verslehre beherrscht, aber solch ein Hexameter mit nachfolgendem Pentameter kommt einem Distichon schon sehr nahe. Goethe ist eben überall …

Naturkunde à la Guttenberg

Der aufklärungsbegierigen Menschheit verkündet unser allwissender Studienrat jetzt vom Katheder herab: „Taliban machen keinen Winterschlaf.“. Mal abgesehen von dem kranken Verb ‚machen‘ – Pinguine, Manager, CSU-Mitglieder, Roma oder Fernsehmoderatoren versinken zum Beispiel auch nie in Winterschlaf … nur werden solche blanken Selbstverständlichkeiten nicht auch noch gedruckt und so zur ‚Politikerweisheit‘ aufgeblasen. Da kaufe ich mir doch lieber ’ne richtige Sülzwurst …

Vom Täter zum Opfer

Es war zu erwarten, dass Sarah Palin sich schon bald als Opfer der Bluttat von Tucson stilisieren würde, trotz ihres jahrelangen Gebrauchs militanten Vokabulars und all der Fadenkreuze, mit denen sie ihre Gegner überzog. Wie sie es aber tut, das ist schon eine Anmerkung wert:

“Acts of monstrous criminality stand on their own. … “Especially within hours of a tragedy unfolding, journalists and pundits should not manufacture a blood libel that serves only to incite the very hatred and violence that they purport to condemn. That is reprehensible.”

Die anderen, also die TV-Experten (‚pundits‘), die Journalisten und Kommentatoren, die sie jetzt als geistige Mutter des Todesschützen und als gesellschaftliche Brandstifterin zeichneten, seien also mit jenen Gewalthetzern und antisemitischen Mythenschmieden vergleichbar, die behaupteten, dass Juden kleine Christenjungen schlachteten, um mit deren Blut ihre Matzekuchen zum Passahfest zu backen. Das nämlich ist der semantische Kern des Begriffs „blood libel“, der „Blutlüge“. Und diejenigen, die sie jetzt als zündelnde Biederfrau angriffen, hätten im Grunde doch jene Tat ausgelöst, die dummerweise nur dieser Kritik – jedenfalls nach Auskunft der Polizei – zeitlich vorangegangen ist. Das wiederum ist der typische chronologische Hütchenspielertrick, den alle verrannten Fanatiker so gern verwenden – sie vertauschen ratzfatz Ursache und Wirkung. Und eine solche „monströse Tat“ hat natürlich auch nie Vorbilder oder Ursachen, sie steht wie ein Monolith „für sich allein“.

Dass aber die schärfste Gegnerin eines ausgerechnet jüdischen Polit-Opfers sich nun selbst zur verfolgten Judengestalt stilisiert, das ist für mich nur schwer mit anderen Worten als mit Perfidie zu bezeichnen. Zumindest bleibt die Hoffnung, dass die vielschüssige Verbalgöttin der vernunftfernen Tea-Party-Bewegung sich damit als künftige Präsidentschaftskandidatin endgültig selbst in den Orkus gesabbelt hat:

„The president’s words were an important contrast to the ugliness that continues to swirl in some parts of the country. The accusation by Sarah Palin that “journalists and pundits” had committed a “blood libel” when they raised questions about overheated rhetoric was especially disturbing, given the grave meaning of that phrase in the history of the Jewish people.

Erinnerung

Als ich noch jung und naiv war, da glaubte ich, zum Schriftsteller tauge jeder, nur nicht ich. Derart lückenhaft war meine Erinnerung, dass sie dem großen Nachthimmel glich mit seinen spärlichen Sternen und der vielen Dunkelheit dazwischen: Hier ein halbwegs klares Bild, das wabernd aus den Synapsen aufstieg, oft noch an ein Trauma gekoppelt, dort ein heimatlicher Geruch, der unscharf Vergangenes beschwor. Dazwischen war nichts als Leere, die ich mir mit Selbsterfundenem erst zu einer halbwegs folgerichtigen Geschichte ausmalen musste. Und die vergangenen Gespräche! Jeder Wortlaut war dahin, höchstens hier mal eine Redewendung oder dort ein verblühter Witz. Mein Freund Uwe sagte alle Naslang „Alter Schwede!“ … jaja. Dabei diskutierten wir damals nächtelang über Gott und die Weiber. Geblieben war aber nur ein Klangkörper aus Dialogfetzen, so wie einst der Plünnenstapel beim Lumpen-Hugo. Mit einem Wort: Biographie ist zu 99 Prozent Phantasie.

Als ich älter wurde, ging mir auf, dass es allen anderen genauso geht. Buchstäblich alles ist erstunken und erlogen, oder mehr oder minder gekonnt zusammengereimt – die ellenlangen Dialoge in den ‚Buddenbrooks‘, die vergangene Welt der jüdischen Bourgeoisie beim Marcel Proust, die Frontabenteuer des Ernst Jünger – ja, sogar diese überaus realistischen Disco-Erlebnisse des Frollein Hegemann … Seither führe ich Tagebuch, damit zumindest der Erinnerung ein wenig mehr fester Boden verbleibt.

Scharlatan

Diejenigen Kriminellen, die giftige Industriefette als Tiernahrung deklarierten, heißen jetzt in nahezu allen Qualitätsmedien und wortschablonistisch bloß noch „Scharlatane“. Womit sie zu den Nachfahren des fahrenden Volks der Gaukler und Bärenführer aus dem italienischen Städtchen Cerretano gehören. Gewissermaßen wären sie damit dem Mittelalter entwachsene Pilotenspieler, PR-Agenten, Börsenexperten oder Staubsaugervertreter der Jetztzeit. Das Wort ‚Scharlatan‘ enthält also bereits eine umfassende Exkulpation, nach dem Motto: „So ist die Wirtschaft nun einmal“. Mir erscheinen Wörter wie „Wirtschaftsverbrecher“ oder „Giftmischer“ sehr viel präziser und angebrachter. Justiziabel wäre das Gemeinte noch dazu, ‚Scharlatanerie‘ hingegen ist kein Straftatbestand …

Grabrede auf die Demokratie

Mit Jesuitismus kennt er sich ja aus – Rainer Hank, der Wirtschafts-Guru der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘ (FAS). Schließlich lehrte er fünf Jahre beim ‚Cusanuswerk‘, der Elitenschmiede des Vatikan in Deutschland. Weshalb er sich aber ins Gebiet der politischen Theorien verstieg, bleibt sein Geheimnis: Si tacuisses …

Interessant aber ist dieser Text, der jetzt im Führungsorgan der deutschen Großbourgeoisie erschien, um einmal zu verfolgen, wie sehr sich solche Großmeister des Elitarismus inzwischen von demokratischen Positionen verabschiedet haben. Rainer Hank hält dort eine „Grabrede auf den Liberalismus“, aber nicht um in das allgemeine Westerwelle-Bashing einzufallen, sondern um uns zu zeigen, wie sehr doch der Liberalismus seine antidemokratischen Wurzeln verraten habe, zu denen es dann wohl zurückzukehren gelte.

Wie üblich im konservativen Diskurs umgibt er sich zu diesem Zweck mit einer Reihe ‚historischer Kronzeugen‘, auf die er sich als zitateliefernde Autoritäten stützt. An erster Stelle natürlich Friedrich Naumann, nach dem die Restliberalen noch heute ihre Stiftung benennen. Wobei Hank aber ganz vergisst, dass Naumann nicht nur ein Annexionist und Defaitist war, sondern innen- und sozialpolitisch den Ausbau des Sozialstaates forderte, und für jenes Bündnis aus Arbeiterbewegung und demokratischem Bürgertum stand, das heute bei der FDP so ganz in Vergessenheit geraten zu sein scheint – trotz Lindners „mitfühlendem Liberalismus“, der aber bisher eher eine Papierformel bleibt, die keinerlei Taten zeugt.

Der ‚Schrumpfzustand‘, konstatiert Hank, sei für den Liberalismus eher ein Normalzustand, weil der wahre Liberalismus doch antidemokratisch sei und auf eine Herrschaft weniger Besitzender hinauslaufe. Seine ganze Moral bestünde deshalb in der Ablehnung allen Zwangs beim Wirtschaften, euphemistisch und aus Wählbarkeitsgründen auch ‚Freiheit‘ genannt. Offene Worte!

Mit einem solch negativen Freiheitsbegriff könne aber die blöde Menge, diese ’swinish multitude‘, nun mal nichts anfangen, deshalb wende sie immer eine mächtige und destruktive Waffe gegen dieses höchst vernünftige Prinzip – die verderbliche Moral:

„Der Antiliberalismus und Antikapitalismus der Mehrheit stört sich nicht nur an der Glanzlosigkeit der negativen Freiheitsidee, er bestreitet ihr auch die moralische Existenzberechtigung. Moral ist überhaupt die stärkste – sollte man sagen: brutalste oder vulgärste – Waffe der Gegner des Liberalismus. Denn Moral bietet kübelweise positiven Inhalt. Und das kommt immer gut an, besser jedenfalls als die negative Freiheitsidee.“

‚Kübelweise‘, ‚brutalst‘, ‚vulgär‘ – es ist nicht schwer zu erraten, was unser Muster-Katholik von einer moralischen Beschränkung wirtschaftlich handelnder Subjekte hält. Folgerichtig kommt er auch zu einem politischen Schluss, der faktisch auf den Umsturz der Demokratie hinausliefe – eine qualifizierte Minderheit müsse wieder über die Mehrheit herrschen, auf Grund eines durch Alter und Gewohnheit legitimierten Rechtes, das allemal höher zu setzen sei als eine skandalöse neue Rechtsetzung durch eine unqualifizierte Mehrheit:

„Dafür aber ist der Liberalismus smart, elitär, nie ohne eine Prise Arroganz und zuweilen sogar versetzt mit einem Schuss Demokratieverachtung, jedenfalls dann, wenn Demokratie nichts als die Tyrannei der Mehrheit meint. Schlimm sei es, von einer Minderheit unterdrückt zu werden, wusste der britische Liberale Lord Acton, ein Katholik, schlimmer noch sei es, von der Mehrheit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Rechtsstaatlichkeit ist in der Hierarchie der Werte des Liberalismus der Demokratie vorgeordnet.“

Erst fällt also irgendwie und irgendwo ein ewiges Recht vom Himmel, an dessen unwandelbaren Säulen dann keine Mehrheit mehr deuteln dürfe. Und daraus würde dann – ausgerechnet bei einer eingeborenen Zahnwalts- und Klientel-Partei wie der FDP – wie von selbst schon eine Abkehr vom Klientelismus folgen, den doch immer nur die anderen betrieben.

Was Rainer Hank der FDP in seinem Text empfiehlt, ist also nicht mehr und nicht weniger als der Abschied von der Demokratie, die in seiner Theorie doch nur dubiose Mehrheitsentscheidungen produziere. Und dies zugunsten eines Staates ewiger Rechte der Ohnehin-schon-Privilegierten. Kurzum – Stuttgart 21 und die ‚Wutbürger‘ tragen längst auch bei unseren Eliten Früchtchen. Und jawollja – ich freue mich schon auf die ersten der neuen FDP-Plakate mit dem eingängigen Slogan: „Freiheit statt Moral!“ …

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